INICIAR SESIÓNDie Stille nach der Vorstellung der Königin dehnte sich so lange aus, dass Mila ihren Herzschlag zweimal zählen konnte.
Rhaevan ergriff als Erster das Wort. Seine Stimme war leise, beherrscht, ein Tonfall, der Gehorsam forderte, ohne sich zu erheben. „Ihr werdet in eure Gemächer im königlichen Flügel geführt. Der Verwalter wird euch eure Pflichten erklären. Ihr seid weder Gast noch Diener. Ihr befindet euch im Zwischenraum. Verwechselt die beiden nicht.“
Rhaelors Mundwinkel zuckten. „Mein Bruder meint, ihr seid an uns gebunden, bis die Göttin entscheidet, wer von uns euch behalten darf. Reizend, nicht wahr?“
Mila erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. „Mir wurde gesagt, ich sei eure beider Betreuerin. Das klingt nicht nach Bewahrung.“
Rhaelors Augen leuchteten vor Interesse. Rhaevans Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, doch etwas dahinter verhärtete sich. Die Königin beobachtete den Wortwechsel mit der bedächtigen Ruhe einer Person, die jahrelang zwei Stürme unter einem Dach gemanagt hatte. „Zeigen Sie ihr den Ostkorridor“, sagte sie zum Verwalter. „Die für sie vorbereiteten Gemächer liegen neben den Gemächern der Prinzen. Sie tritt ihren Dienst im Morgengrauen an.“
Der Verwalter neigte den Kopf und bedeutete Mila, ihm zu folgen. Sie schritt an den Zwillingen vorbei. Die Luft zwischen ihnen war zum Greifen nah, als ob der Raum selbst von zwei widerstreitenden Willen eingenommen wäre. Ihr Wolf drückte sich erneut gegen ihre Rippen – wachsam, unruhig, hin- und hergerissen. Sie bewahrte einen sorgsam neutralen Gesichtsausdruck.
Die Korridore des königlichen Flügels waren ruhiger als die äußeren Hallen. Dicke Teppiche dämpften die Schritte. Hohe Fenster boten den Blick über das Übungsgelände und die dunkle Linie des Verbotenen Waldes jenseits der Palastmauern. Die Diener bewegten sich in geübter Stille, die Blicke gesenkt, wenn die Prinzen vorbeigingen.
Rhaevan ging ein wenig voraus, seine Haltung makellos, jede Bewegung sparsam. Rhaelor schloss zu Mila auf, so nah, dass der Ärmel seines Mantels ihren Arm streifte.
„Du bist ruhiger, als ich erwartet habe“, sagte er.
„Ich bin erst vor einer Stunde angekommen.“
„Die meisten, die im Palast ankommen, reden zu viel. Nervosität. Ehrgeiz. Angst.“ Er warf ihr einen Seitenblick zu. „Du siehst eher so aus, als würdest du uns katalogisieren.“
„Das tue ich auch.“
Er lachte leise. „Ehrlichkeit. Eine gefährliche Eigenschaft an einem Ort wie diesem.“ Rhaevan blieb vor einer Doppeltür mit zwei Wölfen stehen. Er öffnete sie, ohne die Wölfe anzusehen. „Das sind eure Gemächer. Die Tür nebenan führt ins gemeinsame Arbeitszimmer. Dort meldet ihr euch jeden Morgen. Die Mahlzeiten werden mit der Familie eingenommen, sofern nichts anderes angeordnet ist. Ihr dürft den königlichen Flügel nicht ohne Begleitung verlassen, bis die Königin es euch erlaubt.“
Mila trat ein. Die Suite war größer als das Häuschen, das sie zurückgelassen hatte. Ein Wohnzimmer mit hellen Möbeln, dahinter ein Schlafzimmer, ein kleiner Balkon mit Blick auf die inneren Gärten. Alles roch nach Zeder und frischer Wäsche. Auf dem niedrigen Tisch lag ein einzelner gefalteter Zettel mit dem Siegel der Königin.
Sie hatte die Tür noch nicht geöffnet.
Rhaelor lehnte mit verschränkten Armen im Türrahmen. „Wir sehen uns zum Verwechseln ähnlich. Die Leute starren einen meistens länger an.“
„Ich habe schon öfter identische Gesichter gesehen“, sagte Mila. „Der Unterschied liegt in eurer Haltung.“
Rhaevans Blick wurde schärfer. „Erklär mir das.“
„Du beherrschst den Raum, als gehöre er dir schon. Er hingegen, als wolle er ihn jemand anderem abnehmen.“
Rhaelors Lächeln wurde breiter. „Sie ist aufmerksam. Ich mag sie jetzt schon.“
„Dir gefällt der Gedanke an Konkurrenz“, erwiderte Rhaevan. „Das ist etwas ganz anderes.“
Die Luft zwischen den Brüdern war angespannt. Mila spürte es wie einen heraufziehenden Sturm – Druck hinter den Augen, ein leises Pochen im Blut. Ihr Wolf wand sich, beunruhigt von der Anziehungskraft der beiden.
Der Verwalter räusperte sich. „Wenn die Prinzen es erlauben, werde ich Lady Milas Terminkalender prüfen.“
Rhaevan nickte einmal. Rhaelor blieb stehen und beobachtete sie, als hätte das Gespräch gerade erst begonnen.
Der Verwalter sprach mit leiser, sachlicher Stimme. Morgendliche Inspektion des Privatflügels der Prinzen. Teilnahme am Morgenrat, wenn erforderlich. Überwachung der persönlichen Korrespondenz und der Trainingspläne. Abendliche Anwesenheit im Familiensaal, sofern nicht abberufen. Sie sollte neutral bleiben. Sie sollte keinen der Prinzen bevorzugen. Sie sollte die Verlobung nicht außerhalb des engsten Familienkreises besprechen.
Als er geendet hatte, entließ Rhaevan ihn mit einem Blick. Die Tür schloss sich. Die drei blieben zurück.
Mila stellte ihre kleine Tasche auf den Tisch. „Ihr kennt die Bedingungen doch schon. Warum seid ihr noch hier?“
Rhaevan antwortete als Erster. „Weil die Königin eine unbekannte Variable in unseren Haushalt gebracht hat. Ich ziehe es vor, Variablen schnell zu verstehen.“
Rhaelor stieß sich vom Türrahmen ab und ging weiter in den Raum. „Weil ich neugierig bin, wie lange es dauern wird, bis du einen von uns anders betrachtest als den anderen.“
„Mir wurde gesagt, ich solle mich nicht entscheiden.“
„Die Göttin hat noch nicht gesprochen“, sagte Rhaelor. „Bis dahin ist die Wahl das einzig Interessante.“
Rhaevans Stimme durchdrang den Raum. „Genug. Sie ist drei Tage lang gereist. Lasst sie sich ausruhen.“
Rhaelor hob beide Hände in scheinbarer Kapitulation, doch seine Augen wichen nicht von Mila. „Ruhe gut, Hüterin. Morgen beginnen wir.“ Er ging als Erster. Die Tür schloss sich leise hinter ihm.
Rhaevan blieb noch einen Moment. Sein Blick schweifte durch den Raum, über ihre gepackte Tasche, über den ungeöffneten Zettel auf dem Tisch. Als er wieder sprach, war seine kalte Stimme ein wenig milder geworden.
„Mein Bruder wird dich auf die Probe stellen. Das tut er immer. Lass ihn nicht die Spielregeln bestimmen.“
„Und du?“, fragte Mila.
„Ich spiele keine Spielchen.“ Er wandte sich der Tür zu. „Sei bereit bei Tagesanbruch.“
Nach seinem Weggang wirkte die Suite größer und ruhiger, als sie eigentlich sein sollte. Mila ging auf den Balkon und öffnete die Türen. Die kühle Abendluft trug den Duft von Regen und fernen Kiefern. Unten beleuchteten Fackeln den Trainingsplatz. Irgendwo hinter den Mauern heulte ein Wolf, einsam und schrill.
Sie ging zurück hinein und brach das Siegel der Königin auf dem Brief.
Die Gemächer stehen dir für die Dauer der Vereinbarung zur Verfügung. Suche nicht in den Archiven nach Antworten. Glaube keinen Gerüchten. Die Mondgöttin wird sprechen, wenn sie bereit ist. Bis dahin: Überlebe die Rivalität. Sie ist älter und gefährlicher, als du ahnst.
Mila faltete das Papier langsam zusammen. Überlebe die Rivalität. Die Worte brannten sich wie ein zweiter Pulsschlag unter ihre Haut.
Im Schein einer einzelnen Lampe packte sie aus. Der silberne Anhänger, den ihre Mutter ihr hinterlassen hatte, fing die Flamme auf und warf einen schmalen Lichtkegel an die Wand. Sie berührte die schwache Narbe an ihrem Handgelenk. Sie brannte nicht mehr, aber sie fühlte sich wach an – spürte die beiden Paar Schritte, die gerade ihre Gemächer verlassen hatten, spürte die Anziehungskraft, die in dem Moment eingesetzt hatte, als die Prinzen das Sonnenhaus betreten hatten.
Der Schlaf kam spät und unruhig. In der Dunkelheit träumte sie wieder von dem silbernen Wolf, nur dass diesmal zwei Schatten zu beiden Seiten von ihm standen, identisch in ihrer Gestalt, aber entgegengesetzt in ihrer Neigung zu ihr. Als sie vor Tagesanbruch erwachte, hörte sie als Erstes das Klirren der Übungsklingen auf dem Trainingsplatz unten.
Zwei Stimmen. Zwei Rhythmen. Schon im Wettstreit.
Mila erhob sich, in das schlichteste der bereitgestellten Kleider gehüllt, und trat in den Korridor, der ihre Gemächer mit ihren verband. Die Tür zum gemeinsamen Arbeitszimmer stand offen. Licht ergoss sich über den Boden. Drinnen waren beide Prinzen bereits anwesend – Rhaevan an der langen Tafel mit einem Stapel Berichte, Rhaelor mit einem halb aufgegessenen Apfel am Fenster, sein Blick verriet, dass er auf sie gewartet hatte.
Sie drehten sich im selben Moment um.
Identische Gesichter. Gegensätzliche Absichten.
Und irgendwo tief im Palast, weit unterhalb des königlichen Flügels, regte sich etwas Uraltes und Geduldiges b
eim Klang ihrer Schritte, als hätte es auf die Ankunft der Wächterin gewartet.
Die Vorladung erreichte sie, noch bevor sie die Galerie verlassen konnte.Ein Diener fand sie noch immer vor dem unvollendeten Gemälde stehend vor. Das Bild der beiden Prinzen und der unbekannten Frau hatte sich ihr tief ins Gedächtnis eingebrannt. Er verbeugte sich, sein Gesichtsausdruck blieb bewusst ausdruckslos.„Lady Mila. Die Königin wünscht Eure Anwesenheit im östlichen Solarraum. Sofort.“Milas Magen verkrampfte sich. Das Mal an ihrem Handgelenk pulsierte einmal scharf. Sie folgte dem Diener durch die stillen Korridore, jeder Schritt schwer von der Erinnerung an das Gesehene und an das, was noch immer zwischen ihren Laken lauerte.Der östliche Solarraum war heller, als sie ihn in Erinnerung hatte. Morgenlicht strömte durch die hohen Fenster. Die Königin stand mit gefalteten Händen nahe am Glas. Rhaevan stand zu ihrer Rechten, Haltung perfekt, sein Gesichtsausdruck undurchschaubar. Rhaelor lehnte mit verschränkten Armen an der gegenüberliegenden Wand, seine rastlose Energie kau
Das Gemälde hing hinter einem halb zugezogenen Vorhang in einer Seitengalerie, die Mila nie betreten durfte.Sie hatte den schmalen Raum nur betreten, weil der Hauptgang von Dienern versperrt war, die ein schweres Sideboard bewegten. Die Galerie war still und mit älteren Porträts geschmückt, die der Palast nicht mehr in den öffentlichen Sälen ausstellte. Staubkörner schwebten im schwachen Licht eines einzigen hohen Fensters. Die meisten Gesichter gehörten strengen Königen und Königinnen, die sie nicht kannte. Ein Gemälde, größer als die anderen und etwas abseits stehend, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich.Zwei junge Männer standen nebeneinander.Sie glichen einander – gleiches dunkles Haar, gleiche sturmgraue Augen, gleiche markante Kinnlinie. Der Maler hatte den Unterschied in ihrer Haltung eingefangen, den Mila inzwischen auswendig kannte: Der eine stand vollkommen still, der andere mit einer unruhigen Gewichtsverlagerung, als ob er sich jederzeit bewegen wollte. Zwischen ihnen, etwa
Der enge Korridor war nie für ihre Füße gedacht gewesen.Mila hatte lediglich nach einem ruhigeren Weg zurück zum königlichen Flügel gesucht, nachdem sie einen versiegelten Bericht im Büro des Verwalters abgegeben hatte. Die Haupthallen waren nachmittags voller Menschen – Diener, niedere Adlige, das ständige leise Summen des Palastlebens. Ein schmaler Seitengang hatte leer und nützlich gewirkt. Ohne nachzudenken, nahm sie ihn.Die Atmosphäre veränderte sich fast augenblicklich.Die Wände hier waren älter, der Stein dunkler, die Wandleuchten weniger. Keine Wandteppiche lockerten den Raum auf. Keine Diener eilten mit gesenkten Blicken vorbei. Die Stille war erdrückend, jene Art von Stille, die Orte aufwies, die die Familie lieber für sich behielt. Auf halbem Weg durch den Korridor erkannte sie ihren Irrtum. Eine schwere Eichentür am anderen Ende trug das königliche Wappen und eine kleine Eisenplakette, die sie aus dieser Entfernung nicht lesen konnte. Die Bodenplatten waren von Generati
Die Warnung kam von einem ganz gewöhnlichen Ort.Mila befand sich im Wäschegang hinter dem königlichen Flügel und brachte einen Stapel frisch gebügelter Laken zurück, die ihr der Verwalter aufgetragen hatte. Der Duft von Seife und warmer Baumwolle lag in der Luft. Ein junges Dienstmädchen – Lina, kaum älter als Mila selbst – ging neben ihr her, die Arme voller gefalteter Handtücher. Sie hatten sich nur über Termine und das Wetter unterhalten, bis das Mädchen plötzlich stehen blieb.„Meine Dame“, sagte Lina leise und blickte abwechselnd in beide Richtungen den leeren Gang entlang. „Darf ich etwas sagen, ohne Sie zu beleidigen?“ Mila rückte die Laken in ihren Armen zurecht. „Selbstverständlich.“Die Stimme des Mädchens wurde noch leiser. „Seid vorsichtig mit den Prinzen. Wirklich vorsichtig. Sie haben nie etwas geteilt. Nicht einen Lehrer, als sie Jungen waren. Nicht ein Jagdrevier. Nicht eine einzige Vorliebe, die zählte. Der ganze Palast weiß es. Was immer einer beansprucht, versucht
Die Fragen vom Vortag hafteten Mila noch immer wie eine zweite Haut an.Was fühlst du, wenn ich in deiner Nähe bin?Sie hatte beiden dieselbe sorgfältige Antwort gegeben, und beide hatten sie akzeptiert – vorerst. Doch die Worte hatten sich tiefer in sie eingegraben, als ihr lieb war. Jedes Mal, wenn Rhaevans beherrschter Blick sie durch den Raum hindurch traf, erwachte dieses Gefühl. Jedes Mal, wenn Rhaelors unruhige Energie sie auf einem Korridor streifte, erwachte dieses Gefühl auf dieselbe Weise. Ihr Wolf machte keinen Unterschied mehr. Er erhob sich nur noch, hungrig und entschlossen, für jedes Gesicht.Als die zweite Glocke läutete, war sie erschöpft von der Anstrengung, neutral zu wirken. Sie entließ den letzten Diener, schloss die Haustür ab und stand lange Zeit mit verschränkten Armen in der Mitte ihrer Suite. Das Mal an ihrem Handgelenk pulsierte langsam und eindringlich. Ihr Körper trug noch immer den tiefen Schmerz der vergangenen Nacht – beider Nächte – in sich, und die L
Die Fragen begannen am nächsten Morgen, und sie kamen einzeln, wie alles zwischen den Zwillingen immer.Rhaevan fand sie vor dem ersten Klingeln im gemeinsamen Arbeitszimmer. Der Raum roch noch leicht nach Tinte und dem Bienenwachs, mit dem die Diener im Morgengrauen polierten. Mila sortierte gerade die Korrespondenz der Nacht, als sein Schatten über den Tisch fiel. Sie blickte auf, und der vertraute, gefühlvolle Tonfall antwortete sofort – scharf, unüberhörbar.Lautlos schloss er die Tür hinter sich.„Setz dich“, sagte er.Sie blieb stehen. „Ich habe zu tun.“„Das kann warten.“ Seine Stimme hatte denselben kontrollierten Tonfall wie auf dem Übungshof, der Gehorsam forderte. „Ich brauche eine Antwort.“ Mila legte den Brief beiseite. Ihr Körper trug noch immer den tiefen, süßen Schmerz der vergangenen Nacht – beider Nächte. Sie behielt einen sorgsam neutralen Gesichtsausdruck.„Welche Frage?“ Rhaevan trat näher. Der Abstand zwischen ihnen verringerte sich, bis sie seine Wärme in der Lu







