LOGINIch habe in dieser Nacht nicht geschlafen.
Ich lag im Bett und starrte auf den Wasserfleck an der Decke, während das Abendessen in meinem Kopf auf Dauerschleife lief. Gregs graue Augen. Das tiefe Grollen seiner Stimme. Die Art, wie sein Daumen einen langsamen, bewussten Kreis auf meinem Handrücken gezogen hatte. Ich konnte das Echo seiner Berührung noch spüren, warm und elektrisch, wie ein Brandzeichen auf meiner Haut.
Ich hasste es. Ich hasste, dass ich nicht aufhören konnte, daran zu denken.
Aber irgendwo hinten in meinem Kopf flüsterte eine andere Stimme. Sie war weicher, wärmer, komplett anders als die kalte Autorität in Gregs Ton.
„Hey. Bin ich. Aus der Bar.“
Matt.
Um drei Uhr morgens nahm ich mein Handy, das blaue Licht erhellte mein müdes Gesicht. Ich hatte eine Antwort fünfmal getippt und wieder gelöscht. Mein Daumen schwebte über der Tastatur, der Cursor blinkte mich spöttisch an.
Ich wusste nicht, was ich sagen wollte. Ich wusste nicht, was ich sagen konnte. _Ich bin schwanger von dir? Ich stecke in einer arrangierten Ehe mit einem Milliardär? Ich bin ein Wrack und weiß nicht, wie ich das reparieren soll?_
Ich tippte einfach: „Ich erinnere mich an dich.“
Ich drückte auf Senden, bevor ich es mir anders überlegen konnte.
Die Antwort kam fast sofort. „Ich dachte schon, du ghostest mich.“
Ich lächelte. Klein, müde, aber es war das erste echte Lächeln seit Wochen.
„Ich ghoste nicht. Es ist nur kompliziert.“
„Kompliziert ist meine Lieblingssorte. Wollen wir uns treffen? Ich will dich sehen.“
Ich zögerte. Mir wurde flau im Magen, aber nicht vor Übelkeit dieses Mal. Es waren die Nerven. Wenn ich ihn traf, würde ich ihm in die Augen sehen müssen und entscheiden, ob ich ihm die Wahrheit sage. Aber der Gedanke an sein warmes Lachen, sein zerzaustes blondes Haar, die Art, wie er mich in dieser dunklen Bar angesehen hatte, als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt – das war wie ein Rettungsanker mitten in einem dunklen Ozean.
„Wo?“, tippte ich.
„Es gibt ein kleines Diner an der 5th und Maple. Es ist ruhig. Ich bin um 9 Uhr da. Wenn du kommst, kommst du. Wenn nicht, verstehe ich es.“
Ich starrte auf die Nachricht. Er ließ mir einen Ausweg. Er kannte meinen Namen nicht. Er kannte meine Geschichte nicht. Er war nur ein Fremder, mit dem ich eine Nacht geteilt hatte, und trotzdem bot er mir einen sicheren Platz an.
Ich tippte zurück: „Ich bin da.“
Um halb fünf schlief ich ein, das Handy an die Brust gedrückt.
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Der Morgen kam viel zu schnell.
Ich wachte gerädert auf, die Augen schwer und der Kopf dröhnend. Ich zwang mich aus dem Bett, nahm eine kalte Dusche um wach zu werden und zog die besten Klamotten an, die ich hatte – eine schlichte weiße Bluse und dunkle Jeans. Auf Make-up hatte ich keine Lust. Ich hatte keine Energie.
Das Diner an der 5th und Maple war genau so, wie er es beschrieben hatte.
Es lag eingeklemmt zwischen einem Waschsalon und einem Pfandhaus, mit einem ausgeblichenen Neonschild, das im grauen Morgenlicht flackerte. Die Fenster waren vom Dampf drinnen beschlagen, der Geruch von abgestandenem Kaffee und bratendem Speck zog auf den Gehweg.
Ich drückte die Tür auf. Die Glocke darüber klingelte.
Und ich sah ihn.
Er saß in einer Nische am Fenster, mit dem Rücken zur Tür. Er trug einen einfachen grauen Hoodie, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgeschoben, sodass die schlanken, gebräunten Linien seiner Unterarme zu sehen waren. Sein blondes Haar war leicht zerzaust, als wäre er gerade erst aufgestanden, und vor ihm stand ein halb aufgegessener Teller Pancakes.
Er drehte sich um, als er die Glocke hörte.
Seine blauen Augen trafen meine, und ein langsames, warmes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Dasselbe Lächeln wie in jener Nacht – unkompliziert, leicht, völlig entwaffnend.
„Hey“, sagte er. „Du bist gekommen.“
Mir wurde der Hals eng. Ich spürte, wie mir die Nerven in die Brust schossen, aber sie waren anders als die Nerven bei Greg. Gregs Anwesenheit war erdrückend. Matts Anwesenheit war wie ein warmer Raum an einem kalten Tag.
Ich ging rüber und setzte mich ihm gegenüber in die Nische. „Ich hab gesagt, dass ich komme.“
„Die meisten sagen, dass sie kommen“, erwiderte er und schob seinen Teller beiseite. „Sie meinen es nur selten ernst.“
„Ich bin nicht die meisten.“
Er neigte den Kopf und musterte mein Gesicht. Sein Blick war nicht scharf wie der von Greg. Er war weich, neugierig, voller stiller Zuneigung. „Du siehst müde aus, weißt du?“
Ich lachte trocken. „Ich schlafe seit Ewigkeiten schlecht.“
„Ich auch.“ Er lehnte sich zurück, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. „Ich hab an dich gedacht. Viel. Ich weiß, das klingt verrückt. Eine Nacht in einer Bar, oder? Aber ich weiß nicht. Irgendetwas an dir ist mir hängen geblieben.“
Es zog in meiner Brust. Ich wollte ihm alles erzählen. Ich wollte sagen: _Ich bin schwanger, und das Baby ist von dir, und ich stecke in einem Albtraum fest._ Aber die Worte blieben mir wie ein Stein im Hals stecken.
„Du kennst nicht mal meinen Namen“, sagte ich leise.
„Dann sag ihn mir.“
„Emma.“
Er wiederholte ihn leise, probierte den Klang aus. „Emma. Das ist ein schöner Name.“
„Und du?“
„Matt.“ Er grinste. „Einfach Matt. Kein fancy Nachname. Keine versteckte Agenda. Nur ein Typ, der Pancakes liebt und seltsam schöne Frauen, die vor etwas weglaufen.“
Ich lachte. Ein echtes Lachen, das mich überraschte. „Du lässt mich klingen wie eine Geheimagentin.“
„Vielleicht bist du ja eine“, sagte er und beugte sich vor. Seine blauen Augen funkelten. „Aber ich bin ein ziemlich guter Ermittler. Ich würde dich irgendwann finden.“
Die Worte trafen mich wie ein Schlag. „Ich weiß nicht, ob das gut ist.“
Sein Lächeln wurde etwas blasser. Er merkte die Veränderung in meinem Ton, das Gewicht in meiner Stimme. „Hey“, sagte er leise. „Geht es dir gut? Wirklich?“
Ich sah auf den Tisch. Das Holz war zerkratzt und abgewetzt, überzogen mit den Spuren von tausend Gesprächen. Ich wollte ihm die Wahrheit sagen. Ich wollte weinen, mich über den Tisch lehnen und mich von ihm halten lassen.
Aber ich konnte nicht. Die Worte waren zu schwer.
„Ich stecke in einer blöden Situation“, gab ich zu. „Ich hab im Moment niemanden. Und ich versuche rauszufinden, wie ich da rauskomme.“
Er bohrte nicht nach. Er nickte nur, sein Gesichtsausdruck weich und verständnisvoll. „Nun“, sagte er, „ich hab ein Auto, einen anständigen Job und zwei Ohren, die richtig gut zuhören können. Wenn du mal einen Freund brauchst, ich bin da.“
„Du kennst mich kaum.“
„Ich weiß, dass du Whiskey wegschluckst wie ein Profi. Ich weiß, dass du ein schönes Lachen hast. Und ich weiß, dass du Angst vor irgendwas hast.“ Er zuckte mit den Schultern. „Das reicht mir, um anzufangen.“
Meine Brust tat weh. Er war so warm. So anders. Ein kompletter Fremder, und trotzdem bot er mir mehr Freundlichkeit als mein eigener Vater mir je gezeigt hatte.
Ich öffnete den Mund. Die Wahrheit lag mir auf der Zunge. „Matt, ich muss dir was sagen—“
Mein Handy vibrierte heftig auf dem Tisch.
Ich sah runter. Das Display leuchtete mit einem Namen auf, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Greg.
Die Nachricht war kurz, kalt und vernichtend: „Ich weiß, dass du nicht zu Hause bist. Wo bist du?“
Mein Herz setzte aus.
Ich sah zu Matt hoch, der mich mit neugierigem, besorgtem Blick ansah. „Alles okay?“, fragte er.
Ich schnappte mir mein Handy, die Hände zitterten. Ich konnte spüren, wie die Wände sich um mich schlossen. Greg hatte überall Augen. Er hatte gesagt, er würde es wissen, wenn ich weglaufe. Und jetzt, obwohl ich nicht weggelaufen war, verfolgte er mich.
„Ich muss los“, sagte ich, kaum mehr als ein Flüstern.
„Was? Emma, wir haben doch gerade—“
„Es tut mir leid.“
Ich rutschte aus der Nische, schnappte mir meine Tasche und rannte praktisch zur Tür. Die Glocke klingelte über mir, als ich hinaus in die kalte Morgenluft stürzte.
Ich sah nicht zurück. Ich konnte nicht.
Ich stand auf dem Gehweg, die Arme um mich geschlungen, und starrte auf das Handy in meiner zitternden Hand.
Gregs Nachricht wartete auf mich.
Sofort kam noch eine. „Bring mich nicht dazu, dich zu suchen, Emma. Ich hab’s dir gesagt. Ich mag keine Variablen.“
Ich stopfte mein Handy in die Tasche, holte zitternd Luft und fing an zu gehen.
Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte.
Ich wusste nur, dass Greg zusah. Und Matt saß immer noch in diesem Diner und hatte keine Ahnung, dass die Frau, die er gerade getroffen hatte, sein Kind trug und vor einem Monster weglief.
Ich starrte auf die Nachricht.„Ich hab gehört, deine Mutter sagt aus. Das ist ein Fehler. Ruf mich an, bevor du etwas tust, das du bereust. – G“Greg.Das Handy war kalt in meiner Hand, und mein Daumen schwebte über dem Display, während ich meinen Puls im Hals spüren konnte. Das Baby war jetzt still, ruhig, als würde es ebenfalls den Atem anhalten.Ruf ihn nicht an. Gib ihm das nicht.Ich sperrte das Handy und schob es in meine Tasche, dann ging ich aus dem Arbeitszimmer. Der Flur war leer. Die Anwälte waren nach Hause, das Personal hatte sich zurückgezogen, und das Haus war still – diese Art von Stille, die auf die Ohren drückt und dich Dinge hören lässt, die nicht da sind. Das Ticken einer Uhr. Das Knarren alten Holzes. Das leise Brummen der Heizung im Keller.Ich stieg langsam die Treppe hinauf. Mein Rücken schmerzte wieder, also blieb ich oben stehen, lehnte mich ans Geländer und atmete, bis der Schmerz zu etwas Erträglichem abflachte.Matts Tür war geschlossen.Ich stand lange da
Das Handy fühlte sich schwer in meiner Hand an.Ich hatte zehn Minuten im Garten gestanden und auf den Namen meiner Mutter auf dem Display gestarrt. Die Kälte war durch meinen Pullover gekrochen. Mein unterer Rücken schmerzte – ein dumpfes, ständiges Pochen, das heute Morgen begonnen hatte und nicht mehr aufhörte. Das Baby drückte nach unten, schwer und tief, und alle paar Minuten stieß ein Fuß oder eine Faust gegen meine Rippen.Ich konnte es nicht länger aufschieben.Ich drückte auf Anrufen.Sie ging beim zweiten Klingeln ran. „Emma?“„Mom.“ Ich schluckte. „Ich muss dich etwas fragen. Und es ist nicht fair. Und es tut mir leid.“Am anderen Ende war eine Pause. Ich hörte, wie sie sich bewegte – ein knarrender Stuhl, das leise Rascheln von Stoff. „Sag es mir.“„Die Verhandlung. Gregs Sorgerechtsklage. Die Anwälte brauchen eine Zeugin. Jemand, der dabei war, als der Vertrag unterzeichnet wurde. Jemand, der beweisen kann, dass mein Vater genötigt wurde.“Stille.„Du willst, dass ich auss
Das Bett war leer, als ich aufwachte.Matts Seite war noch gemacht. Das Kissen glatt. Er hatte nicht hier geschlafen. Wahrscheinlich hatte er wieder im Gästezimmer geschlafen – in dem gleichen Zimmer, in dem er schlief, seit der Nacht, in der er mir gesagt hatte, dass er mich loslässt. Ich wusste nicht, wie viele Nächte es schon waren. Ich hatte aufgehört zu zählen.Ich lag auf dem Rücken und starrte an die Decke. Mein Bauch wölbte sich über mir wie ein kleiner Hügel. Sechs Monate. Das Baby war jetzt sechs Monate alt. Ich konnte jede Bewegung spüren. Jeden Tritt. Jedes Drehen. Es war unmöglich, es zu ignorieren. Unmöglich, so zu tun, als würde es nicht passieren.Sie lebt. Sie lebt wirklich.Der Gedanke kam aus dem Nichts. Er kam jeden Morgen, seit ich aus Cedar Hollow zurück war. Ich hatte drei Tage bei meiner Mutter verbracht. Drei Tage voller Tränen und Briefe und Geschichten über die verlorenen Jahre. Ich hatte ihr versprochen, dass ich zurückkomme. Ich hatte ihr versprochen, sie i
Die Fahrt dauerte länger als drei Stunden.Ich hielt zweimal an. Einmal zum Tanken. Einmal, weil ich die Straße nicht mehr sehen konnte. Ich fuhr rechts ran, stellte den Motor ab und saß im Dunkeln da, die Hände am Lenkrad verkrampft, der Atem kurz und flach. Die Tränen kamen wieder. Ich versuchte nicht, sie aufzuhalten. Ich ließ sie einfach fallen. Als sie vorbei waren, wischte ich mir mit dem Handrücken übers Gesicht, startete den Wagen und fuhr weiter.Die Autobahn wurde zu einer zweispurigen Straße. Die zweispurige Straße wurde zu einer kurvigen Landstraße. Die Landstraße wurde zu einer schmalen Straße, gesäumt von alten Eichen, deren kahlen Äste sich wie skelettierte Finger ausstreckten.Cedar Hollow tauchte aus dem Nichts auf.Es war genau so, wie Nicole es beschrieben hatte. Eine Kleinstadt. Eintausend Einwohner. Eine einzige Hauptstraße mit einem Diner, einer Tankstelle, einer Post und einer Bibliothek. Die Bibliothek stand am Ende der Straße – ein kleiner Backsteinbau mit eine
Die Worte hingen in der Luft.„Sie lebt. Und ich weiß, wo sie ist.“Ich starrte Nicole an. Mein Mund stand offen. Mein Hals war zugeschnürt. Ich konnte keine Worte bilden. Keine Gedanken. Ich konnte nur dasitzen, wie erstarrt, während das Café um mich herum summte, als hätte sich nichts verändert.Die Barista rief eine weitere Bestellung aus. Die Espressomaschine zischte. Der alte Mann in der Ecke blätterte um. Das junge Paar am Fenster lachte über etwas. Die Welt drehte sich weiter. Aber ich steckte fest. Fest in diesem Moment. Fest in diesen Worten.„Sie lebt.“„Nein.“ Das Wort kam raus, bevor ich es stoppen konnte. Leise. Hohl. „Nein, das ist sie nicht. Sie ist gestorben. Mein Vater hat es mir gesagt. Arthur hat es mir gesagt. Sie ist gestorben, als ich sieben war.“Nicole schüttelte den Kopf. Sie hielt noch immer den Manila-Umschlag. Ihre Finger umklammerten ihn so fest, dass das Papier sich bog. „Das haben sie dir erzählt. Das wollten sie, dass du glaubst.“Ich sah auf den Umschla
Das Café in der 5th war klein und ruhig.Es lag eingeklemmt zwischen einer Buchhandlung und einem Nagelstudio, die Fenster beschlagen von der Wärme drinnen. Das Schild über der Tür war verblasst – abblätternde goldene Farbe auf dunklem Holz, die Buchstaben kaum noch lesbar. Es sah aus wie einer dieser Orte, die es seit Jahrzehnten gab und die es noch Jahrzehnte geben würde, unberührt vom Trubel der Stadt um sie herum.Ich schob die Tür auf. Ein Glöckchen klingelte über meinem Kopf.Die Luft drinnen traf mich wie eine Wand. Warm. Dick. Schwer vom Geruch nach gerösteten Bohnen und Zimt und etwas Süßem, das hinten gebacken wurde. Sie legte sich um mein kaltes Gesicht und ließ meine Wangen noch mehr brennen. Ich blinzelte und ließ meine Augen sich anpassen. Das Licht drinnen war weich – gelbe Glühbirnen hingen von der Decke, ein einziges Fenster vorne ließ das graue Nachmittagslicht herein.Ein paar Tische waren besetzt. Ein alter Mann in der Ecke, las Zeitung, sein Kaffee unberührt. Ein j







