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Kapitel 3

Author: Eternity
Im Oktober veranstaltete St. Gabriel den Familien-Ehrenabend.

Schüler, die die höchsten Auszeichnungen des Jahres erhielten, sollten gemeinsam mit ihren Familien durch den Saal gehen, bevor sie auf der Bühne das Schulwappen und die Ehrenschärpe entgegennahmen.

Vor der Zeremonie quoll das Foyer vor Eltern über. Ein Vater hatte den ersten Flug aus Chicago genommen. Eine Mutter kam nach Schichtende noch in Krankenhauskleidung. Schüler, deren Eltern im Ausland arbeiteten, erschienen mit Großeltern und älteren Geschwistern.

Der Platz neben mir blieb leer.

Meine Eltern waren auf dem Campus. Sie saßen mit Sofia und ihrer privaten Studienberaterin in einem anderen Gebäude und besprachen Sommerprogramme. Mom hatte den PR-Leiter der Hotelgruppe mitgebracht. Dad hatte eine Besprechung im Hafen verschoben.

Sie waren keine tausend Fuß entfernt.

Kurz bevor ich an der Reihe war, führte ein Elternteil, der die Morettis kannte, sie eilig in den Saal. »Emilia wartet schon auf Sie. Zum Glück haben Sie es noch geschafft.«

Erleichtert sahen sie nicht aus. Eher wie zwei Menschen, die man öffentlich ertappt hatte.

Mom senkte die Stimme. »Wie lange dauert das? Sofias Beraterin hat uns nur eine Stunde eingeräumt.«

Dad musterte den mit Teppich ausgelegten Gang. »Geh du mit ihr. Dieses Jahr ist sie bei dir.«

»Nicht, wenn alle uns anstarren. Das ist reine Selbstdarstellung.«

»Und du erwartest, dass ich es tue? Der halbe Hafenausschuss sitzt hier.«

»Sie ist deine Tochter.«

»Dieses Jahr ist sie deine.«

Sie sprachen immer schneller, ohne lauter zu werden, fest entschlossen, ihre Hässlichkeit vor den anderen zu verbergen.

Der Moderator rief meinen Namen auf.

»Emilia Moretti, Trägerin der höchsten akademischen Auszeichnung dieses Jahres.«

Applaus erfüllte den Saal. Meine Eltern diskutierten noch immer darüber, wer sich neben mich stellen sollte.

Ich vermittelte nicht. Ich gab ihnen keine weitere Gelegenheit, sich für mich zu entscheiden.

Ich trat zwischen ihnen hindurch und ging allein den Gang hinunter.

Der Scheinwerfer erfasste mich, und der Moderator geriet ins Stocken. Alle anderen Schüler waren mit einem oder zwei Angehörigen nach vorn gegangen. Ich legte den ganzen Weg allein zurück.

Der Fotograf senkte für einen Augenblick die Kamera, unsicher, ob noch jemand aufholen sollte. Niemand tat es. Hinter mir blieben meine Eltern genau dort stehen, wo sie waren. Beide waren zu stur, auch nur einen Schritt zu tun, der als größere Leistung des einen gegenüber dem anderen hätte gelten können.

Ich hielt den Kopf hoch, nahm das Wappen entgegen, lächelte in die Kamera und ging auf die andere Seite des Saals.

Dort wartete meine beste Freundin Maya auf mich. Sie schloss mich in die Arme und funkelte dann mit Tränen in den Augen meine Eltern an.

»Sie sind doch gekommen. Warum sind sie nicht mit dir gegangen?«

»Weil derjenige, der mit mir geht, eine zusätzliche Verantwortung übernimmt.«

Sie öffnete den Mund, doch es gab nichts zu sagen.

Ich sah zu, wie eine andere Schülerin in den Armen beider Eltern verschwand. Seltsamerweise tat es weniger weh, als ich erwartet hatte.

Als Kind hatte ich geglaubt, nicht liebenswert genug zu sein. Ich machte nie Ärger, gab kaum Geld aus, merkte mir die Vorlieben aller und fand stets die fairsten Worte, wenn meine Eltern stritten. Ich sammelte erste Plätze, als könnte nur noch einer fehlen, damit sie endlich stolz auf mich wären.

Sofia musste sich nie verdienen, was ich trotz aller Mühe nicht gewinnen konnte.

Es lag weder daran, dass sie besser war, noch daran, dass ich versagt hatte. Liebe war kein Preis, den man für eine makellose Leistung erhielt.

Sie hatten einfach keine für mich übriggelassen.

In dieser Nacht zog ich die Einladung zu meinem Bewerbungsgespräch für das Westbridge-Stipendium zurück.

Ich versuchte nicht länger, sie zu ändern. Einen Platz in der ersten Reihe meiner Zukunft brauchten sie nicht mehr.

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