Share

Kapitel 2

Author: Eternity
Beim Dessert kreisten meine Eltern längst wieder um Sofia.

Mom wollte eine bessere private Studienberaterin für sie engagieren. Dad beharrte darauf, dass sein Berater die besseren Beziehungen hatte. Sie stritten darüber, wer bezahlen sollte, als würde der Verlierer eine Gelegenheit verpassen, seine Liebe zu beweisen.

Keiner fragte, welche Universität ich in meine Bewerbung eingetragen hatte.

Dieses Schauspiel beobachtete ich seit zehn Jahren.

Sie kannten den Namen von Sofias Beraterin, die Bewerbungsfristen ihrer Sommerprogramme und sogar den Zulassungsbeauftragten, dem ihre Reitvideos gefallen hatten. Erwähnte sie einen Campus auch nur einmal, lagen am nächsten Morgen Broschüren auf den Schreibtischen beider Eltern. Ich hatte den ganzen Herbst mit Ms. Harper meine Bewerbungsliste zusammengestellt, weil weder Mom noch Dad sich merken konnte, ob ich Ingenieurwissenschaften oder Literatur studieren wollte.

Früher war Sofia wie ich eine Moretti gewesen. Während der Scheidung verlangte Mom, dass sie eine DeLuca wurde. Dad widersprach: »Kein Kind von mir wird den Namen Moretti aufgeben.« Ihre Anwälte stritten einen ganzen Nachmittag, während sogar die Personenschützer vor dem Konferenzraum blieben.

Mit acht Jahren öffnete ich die Tür einen Spalt. »Mom, ich könnte deinen Namen annehmen.«

Ich glaubte, ich würde helfen.

Sie sah mich eher gereizt als wütend an. »Du musst mir nichts beweisen.«

Am Ende bekam Sofia beide Namen: Sofia Moretti-DeLuca.

Dieser Name prangte auf Plaketten des Reitvereins, Platzkarten bei Galas und Koffern mit Monogramm. Zwei mächtige Familien drückten ihr damit ihren Besitzstempel auf.

Ich blieb einfach Emilia Moretti.

Nach dem Essen legte Mom Sofia persönlich den Mantel um die Schultern. »Sehen wir uns dein neues Zimmer an. Dein Vater hat Vorhänge ausgesucht, die für ein Mädchen viel zu kühl wirken.«

An der Tür hielt ich sie auf. »Meine Abschlussgebühr, die Gebühren für die AP-Prüfungen und mein Bewerbungskonto sind noch nicht bezahlt.«

Sie ging einfach weiter. »Ich habe alle Schulkosten für Sofia übernommen. Frag deinen Vater wegen deiner.«

Dad verzog das Gesicht. »Sie ist dieses Jahr bei dir. Warum landet jede Rechnung bei mir?«

»Weil du ihr Vater bist.«

»Nur wenn sie Geld braucht?«

Schon holten sie zum nächsten Streit aus. Ich stand mit der Zahlungsaufforderung der Schule in der Lobby, während draußen zwei Autos und vier Leibwächter warteten. Der Geschäftsführer persönlich öffnete Mom die Wagentür.

Die Namen Moretti und DeLuca konnten überall in Belleview Harbor Türen öffnen. Nur die grundlegenden Schulgebühren ihrer Tochter konnten sie anscheinend nicht bezahlen.

Schließlich überwies Dad das Geld auf mein Schülerkonto. »Warum zahlst du so viele Bewerbungsgebühren? Mit Büchern gut und mit Menschen schlecht zu sein bringt dich im wirklichen Leben nicht weit.«

Dann fügte er hinzu: »Sind deine Noten überhaupt gut genug für die Universität? Verschwende mein Geld nicht für Hochschulen, die dich ohnehin nicht nehmen.«

Ich sah die Zahlungsbestätigung auf dem Display erscheinen und antwortete nicht.

In der Woche zuvor hatte St. Gabriel die Rangliste der Abschlussklasse veröffentlicht. Ich stand auf Platz eins, hatte in jedem Fach die besten Noten und bei sechs AP-Prüfungen Höchstpunktzahlen erreicht. Der Schulleiter hatte mir Westbridges Stipendienunterlagen persönlich überreicht.

Nichts davon hatte ich verheimlicht. Als die Rangliste erschien, hatte ich beiden Eltern geschrieben und die Einladung zur Preisverleihung sowohl an ihre privaten Adressen als auch an ihre Assistenten geschickt.

Mom antwortete: [Schick das deinem Vater. Schulangelegenheiten sind dieses Jahr nicht meine Aufgabe.]

Dad reagierte überhaupt nicht.

Bis jetzt hatten sie sich bewusst dagegen entschieden, mich kennenzulernen.

Von nun an würde ich sie nicht mehr brauchen.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Dreitausend Meilen entfernt   Kapitel 10

    Drei Jahre nachdem die Pflegevereinbarung in Kraft getreten war, kam Dad mit einer Lungenembolie auf die Intensivstation.Die Pflegekoordinatorin rief zuerst Sofia an. Sie ging nicht ans Telefon. Als zweite Notfallkontaktperson erhielt ich um zwei Uhr morgens den Anruf des Arztes.Ich genehmigte die erforderlichen Untersuchungen, beschaffte Dads Medikamentenliste und kontaktierte Mom sowie den Familienanwalt. Als sein Zustand stabil war, nahm ich den frühesten Flug nach New Jersey.Als Dad aufwachte, stand ich vor seinem Zimmer und prüfte den Rehabilitationsplan.Er beobachtete mich lange. Seine ersten Worte waren keine Beschwerde darüber, dass ich zu spät gekommen war.»Sofia ist nicht ans Telefon gegangen, oder?«»Die Pflegekoordinatorin wird es weiter versuchen.«Er schloss die Augen und schien in diesem Moment um Jahre zu altern. »Lass es.«Sofia erschien schließlich am Tag seiner Entlassung. Mit einer dunklen Sonnenbrille blieb sie zwanzig Minuten. Dann sagte sie: »Mein Geld ist k

  • Dreitausend Meilen entfernt   Kapitel 9

    In dem Jahr, in dem ich meine Promotion abschloss, wurde Dad an der Rotatorenmanschette operiert.Der Eingriff war Routine, doch zwei Wochen lang konnte er weder Auto fahren noch allein duschen oder den rechten Arm heben. Sofia hatte versprochen: »Ich bleibe bei dir.« Am Tag vor der Operation flog sie nach Ibiza, weil sich ihre Villa am Meer nicht stornieren ließ.Über Maya ließ Mom mir ausrichten: »Komm nach New Jersey zurück.«Ich flog nicht hin.Stattdessen kontaktierte ich die Entlassungskoordination des Krankenhauses und organisierte eine zugelassene häusliche Pflegekraft sowie einen medizinischen Fahrdienst für die Nachsorgetermine. Seine Versicherung und sein Privatkonto deckten die Kosten, während sein Arzt den Zeitplan direkt erhielt.Er erholte sich ohne Komplikationen.Dad schrieb: [Danke.]Ich nutzte die Gelegenheit nicht, um eine Entschuldigung zu verlangen.[Wenn sich die Wunde heiß anfühlt, ruf die Pflegekraft an. Warte nicht.]Monate später erlitt Mom auf einer Geschäft

  • Dreitausend Meilen entfernt   Kapitel 8

    Fünf Jahre nachdem ich Belleview Harbor verlassen hatte, begann ich am Westbridge Institute zu promovieren — im Bereich medizinische Robotik.Meine Tage bestanden aus Experimenten, Fachartikeln und Prototypen, die häufiger scheiterten als funktionierten. Die Arbeitszeiten waren mörderisch, doch es war meine Arbeit.Riley wurde zu meiner Familie. Maya blieb an der Ostküste und schickte mir hin und wieder Neuigkeiten von zu Hause, überbrachte aber nie Nachrichten mit der Aufforderung zurückzukehren.In Westbridge fiel es den Menschen auf, wenn ich das Abendessen verpasste, weil ein Test länger dauerte. Riley stellte mir Essen vor das Labor und beschwerte sich, mein Roboter bekäme mehr Zeit von mir als sie. Mein Doktorvater erinnerte sich an meinen Geburtstag, ohne dass ein Assistent ihn darauf hinweisen musste. Nichts davon war eine große Geste — und genau deshalb bedeutete es so viel.Anfangs riefen meine Eltern ständig an und schickten teure Geschenke. Jeden Luxusartikel, der eine Ents

  • Dreitausend Meilen entfernt   Kapitel 7

    An meinem ersten Tag in Westbridge brauchte ich zwei Stunden, um den Schreibtisch in meinem Zimmer aufzubauen.Als ich die letzte Schraube festzog, steckte meine Mitbewohnerin Riley den Kopf durch die Tür. »Wir gehen zum Abendessen. Wenn du nicht fertig bist, lass es liegen. Komm mit.«Ich starrte sie an. »Ihr wartet auf mich?«»Natürlich. Die eigene Mitbewohnerin am ersten Tag zurückzulassen wäre ziemlich mies.«Unsere beiden anderen Mitbewohnerinnen standen im Flur. Eine hielt vier Essenskarten in der Hand. Es fehlte keine.Einen Moment lang brachte ich kein Wort heraus. Menschen, denen man wichtig war, brauchten keine Erinnerung und rechneten nicht aus, wer gerade an der Reihe war.Wir hatten kaum die Lobby erreicht, als die Studierendenverwaltung anrief. Angehörige hatten sich wegen einer dringenden Angelegenheit an die Universität gewandt.Ich fragte, ob jemand im Krankenhaus lag oder verletzt war.Nein.Meine Eltern hatten lediglich beschlossen, dass sie mit mir sprechen wollten.

  • Dreitausend Meilen entfernt   Kapitel 6

    Am letzten Sonntag im August reservierte das La Serata seinen innersten Speisesaal für die Morettis.Zehn Jahre lang war ich immer zuerst angekommen. Ich achtete darauf, dass Moms Mineralwasser Zimmertemperatur hatte, erinnerte die Küche daran, bei Dads Essen mit Salz zu sparen, und ließ jede Sauce mit Milchprodukten von Sofias Mahlzeit streichen. Ich wechselte das Thema, bevor die Streitereien meiner Eltern Feuer fingen, und verzögerte den ersten Gang, wenn Sofia sich verspätete.Niemand hatte mich je darum gebeten.Sie betrachteten meine Fürsorge einfach als Teil des Restaurantservices.Als Mom eintrat und ungeöffnete Speisekarten sowie unberührte Gedecke vorfand, blieb sie abrupt stehen.Dad und Sofia kamen durch die gegenüberliegende Tür herein.»Wo ist Emilia?«, fragte Dad. »Warum hat sie noch nicht bestellt?«Mom stellte ihre Handtasche ab. »Ihre Koffer waren heute Morgen weg. Ich dachte, sie hätte sie zu dir schicken lassen.«»Ich habe sie nicht gesehen.«Sofia sah auf die Uhr u

  • Dreitausend Meilen entfernt   Kapitel 5

    Vor Weihnachten versammelten sich die Geschäftskreise der Morettis und DeLucas zu ihrem jährlichen Dinner im Aurelia, Moms Flaggschiffhotel.Unter der Kristallkuppel saßen Hafendirektoren, Hotelinvestoren und Anwälte, die seit Jahrzehnten mit beiden Familien zusammenarbeiteten. Jeder wusste, dass Victor Moretti und Celeste DeLuca seit zehn Jahren geschieden waren und noch immer jeden Raum in ein Schlachtfeld verwandeln konnten, wenn es um ihre jüngere Tochter ging.An jenem Abend stritten sie darüber, ob Sofia den Sommer in einem Kunstprogramm in London verbringen oder ein Praktikum in Dads Logistikunternehmen absolvieren sollte.»Sie liebt Kunst. Du kannst sie nicht in irgendein Hafenbüro abschieben«, sagte Mom.Dad schnaubte. »Sechs Wochen lang Blumen für Galas auszuwählen ist kein Plus im Lebenslauf. Sie braucht echte Berufserfahrung.«»Soll sie von deinen Leuten lernen, wie man Auftragnehmer bedroht?«»Immer noch besser, als Kunden anzulächeln, während man heimlich plant, ihre Hote

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status