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Kapitel 5

Author: Eternity
Vor Weihnachten versammelten sich die Geschäftskreise der Morettis und DeLucas zu ihrem jährlichen Dinner im Aurelia, Moms Flaggschiffhotel.

Unter der Kristallkuppel saßen Hafendirektoren, Hotelinvestoren und Anwälte, die seit Jahrzehnten mit beiden Familien zusammenarbeiteten. Jeder wusste, dass Victor Moretti und Celeste DeLuca seit zehn Jahren geschieden waren und noch immer jeden Raum in ein Schlachtfeld verwandeln konnten, wenn es um ihre jüngere Tochter ging.

An jenem Abend stritten sie darüber, ob Sofia den Sommer in einem Kunstprogramm in London verbringen oder ein Praktikum in Dads Logistikunternehmen absolvieren sollte.

»Sie liebt Kunst. Du kannst sie nicht in irgendein Hafenbüro abschieben«, sagte Mom.

Dad schnaubte. »Sechs Wochen lang Blumen für Galas auszuwählen ist kein Plus im Lebenslauf. Sie braucht echte Berufserfahrung.«

»Soll sie von deinen Leuten lernen, wie man Auftragnehmer bedroht?«

»Immer noch besser, als Kunden anzulächeln, während man heimlich plant, ihre Hotels zu schlucken.«

An den umliegenden Tischen wurde es still. Mom stellte ihr Champagnerglas so hart ab, dass es hüpfte. Einer von Dads Leibwächtern trat vor, und der Hotelmanager eilte herbei. Statt sich an die beiden zu wenden, drehte er sich zu mir um, wie es alle immer taten.

»Miss Moretti, vielleicht könnten Sie ...«

»Das kann ich nicht«, sagte ich ruhig.

Er blinzelte.

Seit der Zeit vor der Scheidung hatten die Menschen mich zwischen meine Eltern gestellt. Ich war vernünftig. Ich wusste genau, wann ich meine Stimme senken musste. Selbst wenn sie ihre Wut gegen mich richteten, verschlimmerte ich die Szene nie.

Zwei Jahre zuvor hatte ich beim jährlichen Übergabedinner versucht, Mom zu beruhigen. »Du stehst auf der Seite deines Vaters«, warf sie mir vor. Als ich meinen Kurs änderte, um sie zu besänftigen, sagte Dad: »Wenn du deine Mutter so sehr liebst, kann sie dich nächstes Jahr auch behalten. Ich will nur Sofia.«

Während des Streits stieß Dad eine Tischlampe aus Metall zu Boden. Der zerbrochene Schirm schnitt mir in den Unterarm, und Blut rann über mein Handgelenk.

Sie hielten nicht einmal eine Sekunde lang inne.

Dann kam Sofia von der Toilette zurück und wurde beim Anblick des Blutes blass. Dads Wut verflog. Mom stellte ihr Glas ab. Einer versperrte Sofia die Sicht, während die andere einen Arm um sie legte.

Niemand fragte, ob ich Hilfe brauchte.

Ein Kellner brachte mich in die Küche und verschloss die Wunde mit Wundnahtstreifen.

Ich hatte mich immer wieder zwischen meine Eltern gestellt, weil ich sie liebte. Ein hartnäckiger Teil von mir glaubte, die Familie würde irgendwann auch für mich Platz schaffen, wenn ich sie nur lange genug zusammenhielt.

Jetzt wusste ich es besser.

»Bitte holen Sie Sofia«, sagte ich zu dem Manager. »Nur sie kann die beiden aufhalten.«

Ein paar Minuten später kam sie in einem silbernen Kleid aus der Lounge. »Warum streitet ihr schon wieder wegen mir?«

Dads Schultern entspannten sich sofort. Mom nahm Sofias Hand, und alle Schärfe wich aus ihrem Gesicht.

»Es ist nichts, Liebling. Wir wollen beide nur das Beste für dich.«

»Reg dich nicht auf«, fügte Dad hinzu. »Du kannst sowohl nach London gehen als auch das Praktikum machen. Falls sich die Termine überschneiden, finde ich eine Lösung.«

Sofia hatte nicht einmal geweint. Sie musste den Raum nur betreten, um das zu erreichen, woran ich zehn Jahre lang gescheitert war.

Nachdem Mom sich gesetzt hatte, sah sie mich endlich an. »Warum bist du nicht dazwischengegangen? Alle haben zugesehen. Bedeutet dir der Ruf dieser Familie überhaupt nichts?«

Ich hob meinen kalten Tee an. »Das ist euer Ruf. Nicht meiner.«

Einen Moment lang musterte sie mich, als hätte sie eine Fremde am Tisch entdeckt. Dann rief Sofia sie herbei, um ihr Fotos aus London zu zeigen, und der Moment verstrich.

Im Januar absolvierte ich das Bewerbungsgespräch für das Westbridge-Stipendium allein.

Als das Gremium fragte, wer meine Arbeit gefördert hatte, nannte ich Ms. Harper und den Naturwissenschaftslehrer, der mir nach dem Unterricht die Laborschlüssel überlassen hatte. Ich erwähnte Maya, die bei jeder Probepräsentation dabei gewesen war. Ich erfand keine unterstützenden Eltern, um meine Bewerbung schöner klingen zu lassen. Zum ersten Mal schämte ich mich nicht dafür, die Wahrheit zu sagen.

Im März traf der Zulassungsbescheid in der Beratungsstelle ein. Westbridge nahm mich als eine der ersten Atlas-Forschungsstipendiaten auf. Das Stipendium deckte vier Jahre lang Studiengebühren, Unterkunft, Verpflegung, Krankenversicherung und zusätzlich ein Forschungsbudget ab.

Ms. Harper weinte heftiger als ich, als sie mich umarmte.

Trotzdem schickte ich meinen Eltern die Nachricht. Ich brauchte ihr Lob nicht. Aber ich wollte nicht mein ganzes Leben lang überlegen müssen, ob ich ihnen die Gelegenheit genommen hatte, für mich da zu sein.

Dad antwortete nicht.

Zwei Tage später schrieb Mom mir etwas völlig anderes.

[Im September ziehst du zu deinem Vater. Sortiere deine Sachen frühzeitig aus und müll meinen Abstellraum nicht voll.]

Damit verschwand mein letzter Zweifel.

Im Mai schloss ich als Jahrgangsbeste ab. Ms. Harper und Mayas Familie jubelten laut genug für eine ganze Sitzreihe. Die beiden Plätze meiner Eltern blieben leer.

Ende August packte ich zwei Koffer und eine Laptoptasche. Als Mom den halb leeren Schrank sah, nahm sie an, ich hätte alles für den Umzug zu Dad vorbereitet.

»Komm morgen nicht zu spät. Das Übergabemittagessen ist wie immer um zwölf, am selben Ort.«

»In Ordnung.«

Am nächsten Morgen ging ich nicht ins La Serata.

Maya fuhr mich zum Flughafen Newark. Nachdem ich mein Gepäck aufgegeben hatte, umarmte sie mich so fest, dass ich kaum atmen konnte.

»Willst du wirklich abreisen, ohne es ihnen zu sagen?«

»Ich habe ihnen den Zulassungsbescheid geschickt. Ich habe ihnen Einladungen zur Abschlussfeier geschickt.«

»Was, wenn sie zurückkommen, sobald du erfolgreich bist?«

Ich blickte zu den Fenstern, hinter denen die Morgendämmerung langsam die Landebahn erhellte. »Dann werde ich mich darum kümmern, wenn es so weit ist.«

Das Boarding für den Flug nach San Francisco begann.

Zum ersten Mal stand ich nicht still, während jemand entschied, ob er mich nehmen musste.

Diesmal brachte ich mich selbst fort.

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