LOGINDer dichte Staub der zerbrochenen Säulen schwebte wie grauer Schnee durch die stille Krypta. Die bedrückende Kälte war verschwunden und hatte dem feuchten Geruch frischer Erde Platz gemacht, der durch Risse in der hohen Steindecke drang.Elias hielt Zara fest an seiner Brust, seine starken Arme stützten sie, bis ihre zitternden Beine wieder genug Kraft hatten. Die körperliche Erschöpfung, die dadurch entstanden war, dass sie so viel geistige Energie freigesetzt hatte, hatte ihre Haut blass werden lassen. Doch der sanfte Rhythmus seines Herzschlags, den sie durch ihre Blutbindung spürte, brachte langsam wieder Farbe in ihre Wangen.„Ich kann laufen“, flüsterte Zara und lächelte schwach, während sie zu ihm aufsah.„Stütz dich trotzdem auf mich“, murmelte Elias. Er legte einen Arm sicher um ihre Taille, während sie sich gemeinsam zu den vier Jugendlichen umdrehten.Die Kinder saßen inzwischen aufrecht da und rieben sich die Augen, während der Nebel des dunklen Schlafes vollständig aus ih
Die runde Krypta roch nach verbranntem Salbei, trockener Erde und abgestandenem Wasser. Das grüne Fackellicht flackerte an den feuchten Kalksteinwänden und warf lange, schwankende Schatten an die Decke. In der Mitte der Kammer lagen die vier Jugendlichen eng aneinandergekauert in einem dicken Ring aus hellgrauer Asche. Ihre Augen waren halb geöffnet und von einem trüben Schleier bedeckt, während dünne Fäden ihrer Lebenskraft wie schwacher Rauch aus ihren Körpern aufstiegen und in Richtung der abgesenkten Grube im Steinboden gezogen wurden.Zwischen den vier großen, mit Runen bedeckten Steinen hob der Älteste sein gebogenes Ritualmesser. Sein zerfetztes Zeremoniengewand war am Saum mit trockenem Schlamm bedeckt, eine Erinnerung an die Jahrzehnte, die er in der Dunkelheit unter dem Tal verbracht hatte. Seine Haut spannte sich eng über seinen Schädel, und seine roten Augen glänzten mit einem hungrigen, unnatürlichen Feuer.„Du hast eine sterbliche Frau in dieses Heiligtum gebracht, Elias
Die schweren Eingangstüren aus Eichenholz hingen schief in ihren rostigen Angeln. Im Inneren öffnete sich die große Eingangshalle zu einer weiten Rotunde, die von tiefen Schatten verschluckt wurde. Verfaulte Dielen knarrten unter ihren Schritten, während dicke Schichten grauen Staubs die zerbrochenen Möbel entlang der Wände bedeckten. Die Luft war eisig und schmeckte nach feuchtem Kalkstein und altem Kupfer.Zara hielt Elias' Hand fest umklammert. Jeder Schritt, den sie über die Schwelle machten, ließ ein leises, tiefes Summen durch die Sohlen ihrer Stiefel vibrieren. Es war keine Maschine. Es war ein rhythmischer Puls tief im Fundament, wie ein langsamer Herzschlag, der unter dem Felsgestein gefangen war.„Das Haus atmet“, flüsterte Zara. Ihr Atem bildete blasse Wolken in der beißenden Kälte.Elias antwortete nicht sofort. Seine dunklen Augen wanderten über die gewölbten Decken, an denen schwarzes Moos in komplizierten, kreisförmigen Mustern wuchs.„Nicht das Haus“, sagte er schließl
Die asphaltierte Straße endete schon vor mehreren Meilen. Der nicht gekennzeichnete weiße Van kroch einen kurvenreichen Feldweg entlang, während sich hohe, abgestorbene Eichen über ihnen wölbten. Ihre kahlen Äste waren wie verdrehte Finger ineinander verschlungen und zeichneten sich gegen den dämmrigen Himmel ab.Julian tippte auf den Bildschirm seines Tablets. Seine Stirn war vor tiefer Frustration gerunzelt. Die GPS-Karte auf der Konsole drehte sich ständig im Kreis.„Die Navigation ist komplett ausgefallen“, sagte Julian und ließ seine Finger über die Tastatur fliegen. „Das Satellitensignal ist verschwunden, sobald wir die Flussbrücke überquert haben. Laut diesem Bildschirm stehen wir mitten in einem leeren Sumpfgebiet, aber die Straße führt eindeutig weiter.“Auf dem Beifahrersitz presste Zara ihre Hand gegen die Fensterscheibe. Die Luft draußen wirkte dick und grau, wie ein schwerer Vorhang aus unbeweglichem Nebel, der über der feuchten Erde hing. Kein Wind regte sich. Keine Gril
Die Dämmerung war inzwischen einer klaren, sternenklaren Nacht gewichen, als der weiße Van langsam in die ruhige Stadt rollte, in der sich das zweite Versteck befand.Laut Doctor Thornes entschlüsseltem Manifest war die Einrichtung als alte Privatklinik getarnt und nahe einem friedlichen Bach im Tal errichtet worden. Anders als die Timber-Lodge von Oak Creek, die nur als vorübergehender Aufenthaltsort gedient hatte, wurde diese Anlage als medizinisches Zwischenlager genutzt. Dort wurden vier Jugendliche festgehalten, die für einen Transport über eine weite Strecke vorbereitet wurden. Drei bewaffnete Sicherheitsleute bewachten das Gebäude.Julian lenkte den Van in eine schattige Lichtung hinter einer Reihe hoher Birken, ungefähr zwei Straßenblocks vom umzäunten Gelände der Klinik entfernt. Er schaltete die Scheinwerfer aus. Das leise Summen der Armaturen und Monitore tauchte sein Gesicht in ein schwaches blaues Licht.„Ich habe den Sicherheitsplan“, flüsterte Julian und drehte seinen L
Die sechs Jugendlichen im Keller starrten Zara völlig fassungslos an. Wochenlang hatten sie unter der ständigen Bedrohung durch kaltherzige Wachen, unangekündigte medizinische Untersuchungen und der quälenden Ungewissheit über ihre Zukunft gelebt. Eine freundliche Frau mit einem warmen Lächeln in der Tür stehen zu sehen, ohne bewaffnete Männer hinter ihr, fühlte sich beinahe wie ein Traum an.Ein junges Mädchen mit dunklem Haar und einem abgetragenen Pullover erhob sich als Erste von ihrem Bett. Zögernd machte sie einen Schritt nach vorn. Ihr Blick wanderte zu Elias, der groß und ruhig in der Tür stand. Seine breite Gestalt wirkte entspannt und einladend.„Ist es ... wirklich vorbei?“, fragte das Mädchen mit leicht zitternder Stimme. „Gehen wir nach Hause?“„Es ist vorbei“, versicherte Zara ihr. Sie trat in den Raum und öffnete ihre Hände, um zu zeigen, dass sie keine Waffen trug. Die sanfte Wärme ihrer Blutverbindung breitete sich durch die kalte Kellerluft aus und beruhigte ihre ang






