MasukMiriam Sicht
„Sir“, rief der Fahrer meinem Vater leise, aber eindringlich zu, gerade als ich kurz davor war, meiner Wut freien Lauf zu lassen: „Der Wagen ist jetzt bereit.“
Ich musste meine wütenden Worte unterdrücken. Ich biss mir so heftig auf die Lippen, dass ich einen stechenden Schmerz verspürte, als würde ich mich verletzen.
„Alles klar, Liebes, wir sehen uns später“, sagte mein Vater sanft und küsste meine Mutter auf die Stirn. Ich sah zu, wie meine Mutter in seiner Umarmung dahinschmolz; ihre Augen schlossen sich kurz, als suchte sie Trost. Dieser Moment traf mich… Ich war kurz davor, meinen Vater zu entlarven, und damit hätte ich auch das Herz meiner Mutter gebrochen.
Heute war mein erster Arbeitstag, und ich konnte es mir nicht leisten, ihn zu ruinieren oder dem Absender jener böswilligen Nachricht recht zu geben, indem ich früh gefeuert wurde, dachte ich.
Ich wusste, dass ich meine Karten klug ausspielen musste, um die Wahrheit hinter diesen Nachrichten aufzudecken, sagte ich mir.
Ich schluckte schwer und beruhigte meine Nerven. Ich blickte auf die verstörenden Nachrichten auf meinem Handy… wahrscheinlich von einem unehelichen Kind, das mit meinem Vater in Verbindung stand… während siedende Wut unter meiner Haut brodelte. Vielleicht nicht heute, aber ich schwor mir, denjenigen zu finden, der dahintersteckte, und meiner Mutter zu zeigen, dass mein Vater ein berüchtigter Betrüger war.
„Miriam“, unterbrach die Stimme meiner Mutter die wachsende Spannung und Wut in mir. „Geht es dir gut? Du siehst blass aus“, fragte sie mit deutlicher Sorge in ihrem Tonfall, während sie meinen aufgelösten Zustand wahrnahm.
Ich atmete ein paar Mal tief durch und erzwang ein steifes, unbeholfenes Lächeln, um meinen inneren Aufruhr zu verbergen.
„Mir geht es gut“, antwortete ich kalt und sammelte mich. Ich ging direkt auf das Auto zu und ignorierte die kalte, distanzierte Haltung meines Vaters.
„Sei nicht so streng mit ihr, Morgan“, hörte ich meine Mutter flüstern, als ich die Autotür hinter mir zuschlug. „Sie braucht Zeit.“
„Ich habe keine Zeit; sie muss sich zusammenreißen“, erwiderte mein Vater kühl, bevor er in den Wagen stieg, und wir fuhren in feierlichem Schweigen zum Büro.
Nach einer einstündigen Fahrt kamen wir bei der Firma meines Vaters an. Das Gebäude, das ich von vor vier Jahren in Erinnerung hatte, wirkte nun polierter: frischerer Anstrich, eine größere Struktur und ein Interieur, das Luxus schrie – mit glänzenden Glasböden und modernem, minimalistischem Dekor. Es war offensichtlich, dass mein Vater keine Kosten scheute, um seine Geschäftspartner zu beeindrucken. Ich war nicht überrascht, aber ehrlich beeindruckt.
„Ich würde es begrüßen, wenn du mich respektierst und diesem Unternehmen gegenüber aufgeschlossen bist“, deutete mein Vater an, als er sich in seinem weitläufigen, schicken Büro niederließ, das einfach, aber befehlend eingerichtet war – passend für einen Chef.
„Wo ist mein Büro?“, fragte ich und ignorierte seinen autoritären Ton. Ich wollte unbedingt einen ruhigen Ort finden… irgendwo, um seinem Blick zu entkommen. Ich brauchte Platz und Distanz.
„Miriam, ich bin dein Vater“, sagte er scharf. „Du wirst mich respektieren, wenn ich spreche.“
Ein bitteres Lachen wäre mir fast entglitten.
„So wie du deine Frau respektiert hast?“, schoss ich zurück und verlor dabei meine übliche Zurückhaltung, während ich einen unerwarteten Schub an Selbstbewusstsein spürte.
„Was meinst du damit?“, fragte mein Vater verwirrt, während er versuchte, meine Worte zu verarbeiten.
KLOPF!
Das Geräusch durchschnitt die Spannung wie eine Klinge.
Eine Frau trat ein; groß, gefasst, Mitte dreißig, aber ihr Zögern verriet sie. Sie hatte etwas gehört.
„Sir“, sagte sie höflich, „Ihre Gäste sind angekommen und warten auf Sie.“
„Danke, Mary“, antwortete mein Vater und war sofort wieder gefasst. „Bitte führen Sie sie in den Sitzungssaal. Ich komme gleich dazu.“
Sie nickte und ging. Stille breitete sich zwischen uns aus.
„Dieser Klient wird dein erster Test sein“, sagte mein Vater und brach das Schweigen. „Am Ende werde ich wissen, ob ich deine Einstellung tolerieren kann.“
Er deutete zur Tür und signalisierte mir, ihm zu folgen. Widerwillig ging ich mit ihm hinaus, um die Klienten zu treffen. Mein Magen flatterte vor Nervosität.
Der Weg zum Sitzungssaal fühlte sich länger an, als er sein sollte.
Jeder Schritt hallte zu laut auf den polierten Böden wider; meine Absätze klickten in scharfen, gemessenen Rhythmen, die den Sturm, der in mir braute, keineswegs beruhigten.
Mein Vater ging voran, wie immer gefasst und unantastbar.
Wir hielten vor den Flügeltüren an.
Er sah mich nicht an.
„Beherrsche dich“, sagte er trocken.
Dann stieß er die Türen auf.
Der Raum verstummte in dem Moment, als wir eintraten.
Ein langer, polierter Tisch erstreckte sich in der Mitte, umgeben von Männern in teuren Anzügen, die die stille Arroganz der Macht ausstrahlten. Vom Boden bis zur Decke reichende Fenster tauchten den Raum in kaltes Tageslicht und spiegelten Reichtum, Einfluss und Kontrolle wider.
Und am Kopfende des Tisches—
Stand er.
„Gary! Mein alter Freund“, rief mein Vater mit ausgebreiteten Armen und ging auf den ältesten, attraktivsten Mann zu, den ich je gesehen hatte, mit seinem ordentlich gewellten grauen Haar.
„So schön, dich wiederzusehen, mein Junge“, rief Gary meinem Vater scherzhaft zu, während sie sich umarmten und über die Art lachten, wie sie einander vorgestellt hatten.
Selbst ohne Vorstellung dominierte seine Präsenz den Raum. Seine Augen waren auf meinen Vater gerichtet, undurchschaubar, kalkulierend, wie ein Mann, der bereits zehn Schritte voraus war.
Das war er also.
Der Mann, den meine Mutter fürchtete.
Irgendetwas an ihm verunsicherte mich sofort. Aber bevor ich es verarbeiten konnte—
Meine Augen schweiften umher, und die Welt kippte.
Ich sah ihn!
Den Fremden.
Nein.
Nein, nein, nein.
Mein Herz hämmerte heftig gegen meine Rippen, während mein Verstand versuchte, das Gesehene zu begreifen, und kläglich daran scheiterte.
Er saß da, als würde er hierhergehören… dunkler Anzug, knackig weißes Hemd, Selbstbewusstsein wie eine zweite Haut. Nicht der Mann aus dem Club. Nicht der Fremde aus dem Bett.
Diese Version von ihm war schlimmer.
Unsere Blicke trafen sich, und der Raum verschwand.
Etwas Undurchschaubares flackerte über sein Gesicht – keine Überraschung, keine Zufriedenheit. Wiedererkennen. Und etwas Dunkleres. Dann krümmte sich sein Mund… nicht zu einem Lächeln, sondern zu etwas Gefährlichem.
Der Raum verschwamm an den Rändern.
Die letzte Nacht prasselte auf mich ein… Seine Stimme. Seine Berührung. Seine Lippen. Die Art, wie er mich ansah, war, als wäre ich etwas, das man konsumieren wollte.
Und jetzt saß er hier. Ruhig und gefasst. Als wäre nichts passiert.
„Miriam“, unterbrach die Stimme meines Vaters und lenkte die Aufmerksamkeit des Raumes auf mich. „Das ist Herr Gary Scott…“
Aber ich hörte nicht mehr zu.
Doch mein Vater fuhr fort—
„…und sein Sohn. David Scott.“
Die Worte trafen mich wie ein Schuss. SEIN SOHN!
Ich hatte mit dem Geschäftspartner meines Vaters geschlafen. Deshalb fühlte sich alles so falsch an. Ich versuchte noch, den Schock zu verarbeiten, als mein Vater die nächste Bombe platzen ließ.
„Miriam ist meine Tochter; sie kam vor ein paar Tagen vom College zurück und hat sich entschieden, mit ihrem alten Herrn zu arbeiten“, eine Lüge, die mit täuschendem Lächeln leicht über die Lippen meines Vaters kam, als hätte ich nie eine eigene Stimme gehabt.
„Miriam wird die Kampagne von unserer Seite aus beaufsichtigen“, sagte mein Vater. „Sie wird während dieser Partnerschaft als Ihre Kampagnenmanagerin tätig sein.“
Kampagnenmanagerin!
Mein Magen rutschte mir in die Tiefe. Ich unterdrückte den Drang, meine Bedenken zu äußern und die Anordnung meines Vaters infrage zu stellen, aber ich erinnerte mich an seine früheren Worte, mich zu beherrschen. Ich biss mir auf die Lippen und zwang mich, gefasst zu bleiben.
Der Fremde – nein – Davids Blick glitt langsam und bedächtig zu mir zurück, bevor er wieder in den Raum kehrte, als wäre nichts geschehen.
Aber seine Stimme wurde tiefer… gerade genug.
„Sieht so aus, als hätten wir uns bereits kennengelernt.“
Mein Herz hämmerte wild.
MIRIAMS SICHTIch konnte nicht anders, als mich noch fester in seine Umarmung zu drücken, obwohl es mich praktisch erstickte. Gott, ich hatte ihn so sehr vermisst. Ich wusste, dass ich nicht so leicht wieder in dieses Sicherheitsnetz zurückfallen sollte, aber mein Körper hatte andere Pläne.Als David klar wurde, wie fest er mich hielt, erstarrte er plötzlich und zog sich mit einer schüchternen Röte im Nacken zurück.Er räusperte sich, um die unangenehme Luft zu klären.„Entschuldige bitte“, stammelte er und fuhr sich nervös mit einer Hand durchs Haar. „Ich konnte … ich konnte einfach nicht anders. Ich bin einfach so verdammt froh, dass es dir vollkommen gut geht.“Seine Ehrlichkeit ließ die scharfen Kanten meiner Sorge schmelzen. Ich schenkte ihm ein sanftes, beruhigendes Lächeln. „Du musst dich nicht erklären.“Er stieß einen zittrigen Atemzug aus, und ein kurzes Lächeln umspielte seine Lippen.„Ich bin einfach nur froh, dass dieser ganze Albtraum hinter uns liegt. Morgen kannst du i
DAVIDS SICHTMiriam hatte vorhin eine Nachricht geschickt, dass sie im Büro vorbeikommen würde.Ich will nicht lügen – der Gedanke jagte eine Welle purer Erleichterung durch mich durch. Es lagen Wochen voller Krankenhäuser, stiller Wohnungszimmer und gestohlener Momente hinter uns.Doch diese Erleichterung hatte einen scharfen Beigeschmack, besonders nach dem Wissen, dass sie den Nachmittag mit Oliver verbracht hatte.Mein Verstand hatte die letzten zwei Stunden damit verbracht, sich mit den schlimmsten Szenarien selbst zu zerfleischen. Was, wenn sie diese Grenze überschritten hatten? Ich wusste, dass ich Miriam nicht richtig behandelt hatte, und Oliver hatte jeden einzelnen Fehler, den ich gemacht hatte, als Waffe genutzt.Was, wenn heute der Tag war, an dem er endlich seinen Zug machte und Miriam klar wurde, dass sie komplett über mich hinweg war?Die Ungewissheit war erstickend. Ich konnte mich weder auf Tabellen noch auf die Wahlkampf-Logistik konzentrieren. Der Gedanke, sie zu ve
MIRIAMS SICHT„Das schmeckt wirklich richtig gut“, sagte ich zu Oliver, während wir die gepflasterten Wege des Parks entlangschlenderten. Er hatte schließlich zugestimmt, mit mir hierherzukommen, obwohl es komplett gegen seine bessere Einsicht sprach.Für einen Mann wie Oliver war ein öffentlicher Park kein angemessenes Date für zwei erwachsene Menschen – es war eine chaotische Kindertagesstätte für Kinder und Jugendliche.Ganz wie es seine Art war, murmelte er ununterbrochen vor sich hin und zog über jedes kleine Detail her, das er sah.„Na ja, nicht das Beste, was ich je hatte, aber ich gebe zu, es ist essbar“, erwiderte er, während sein Gesicht absolute Langeweile ausstrahlte. Ich konnte mir das Lachen einfach nicht verkneifen.Nachdem ich die Untersuchungshaftanstalt früher am Tag verlassen hatte, hatte ich ihn angerufen, weil ich dringend einen Tapetenwechsel brauchte. Außerdem hatte ich David eine kurze Nachricht geschickt, dass ich später am Abend nach meinem Treffen mit Oliver
MIRIAMS SICHTIch wusste, dass ich die kluge, saubere Entscheidung hätte treffen sollen, aber mein Körper hatte andere Pläne.Gegen jeden Instinkt, der mich anschrie, auf der Stelle umzudrehen, hatten meine Beine mich direkt zurück zur Untersuchungshaftanstalt getragen, in der Henry festgehalten wurde.Nach Julianas Überfall bei mir zu Hause musste ich ihn mit eigenen Augen sehen. Ich musste die Wahrheit aus erster Hand hören, bevor ich entschied, ob die Barmherzigkeit, um die sie flehte, den bitteren Nachgeschmack wert war, den sie in meiner Brust hinterlassen würde.Ich stand vor der schweren Eiseltür des Besucherraums; das Metall fühlte sich kalt unter meinen Fingern an. Als der Summer durch den Flur schrillte, klickte die Tür auf, und ich hatte keine Wahl mehr. Ich musste ihm entgentreten.Der Raum war trostlos, aber Henry sah noch schlimmer aus. Wenn er vor seiner morgigen Gerichtsverhandlung schon so ausgehöhlt und gebrochen aussah, mochte ich mir gar nicht ausmalen, wie er auss
Sarah Sicht„Dein Sohn will mich nicht wiedersehen.“Ich murmelte die Worte, während ich mein Hemd zuknöpfte und zusammengesunken auf dem Rand von Garys zerwühltem Bett saß. Meine Haare waren ein wirres Chaos, und meine zerrissene Hose lag zerknüllt auf dem Parkettboden. Er war gerade wie ein Güterzug durch mich hindurchgefahren und hatte mich mit einer Ausdauer genommen, die seinen Alter spottete.Aber ich war völlig, bis in die Knochen erschöpft. Ich hatte es satt, seine sadistischen kleinen Spiele mitzuspielen, nur um seine Laken warmzuhalten. Der große Plan funktionierte nicht einmal; David ließ Miriam nicht fallen, was bedeutete, dass meine Anwesenheit hier völlig sinnlos war.„Ich denke, wir sollten das nicht mehr fortsetzen“, sagte ich mit flacher Stimme.Gary antwortete nicht sofort. Er ging zu seinem teuren Getränkeschrank, schenkte sich einen großzügigen Finger Tequila ein und drehte sich schließlich um.Er trug ein Lächeln, aber es war weder warm noch menschlich – es war de
MIRIAMS SICHTIch war wütend und kochte vor Zorn, aber gleichzeitig kam es für mich nicht in Frage, einfach dazustehen und mitanzusehen, wie eine ältere Frau vor mir kniete. Ich musste das Gift schlucken, das in meiner Kehle aufstieg, nur um wieder die Kontrolle über den Raum zu erlangen.„Bitte stehen Sie auf, ma'am“, sagte ich mit angespannter Stimme und trat vor, um sie auf die Beine zu ziehen. Sie zögerte, zitterte und kämpfte gegen Tränen an, bevor sie mir schließlich erlaubte, ihr hochzuhelfen.Ich musste dieses Gespräch sofort beenden, bevor ich die Beherrschung verlor oder – noch schlimmer – bevor meine Mutter hereinkam. Wenn Mom erwischte, wie eine Fremde mich anflehte, den Mann zu verschonen, der versucht hatte, mich umzubringen, würde sie nicht einmal einen Bruchteil der Beherrschung zeigen, die ich gerade aufzubringen versuchte.„Bei allem Respekt, ma'am“, sagte ich und wählte meine Worte wie zerbrochenes Glas. „Das ist absolut unangemessen. Ich möchte dieses Gespräch nich







