LOGINLyra
Das Viertel stinkt nach Resignation.
Die Wände sind von Schimmel überzogen, leprakrank, vom Zahn der Zeit geschwärzt. Die Fenster, mit Brettern oder Plastikplanen verbarricadiert, zittern im Wind. Bei jedem Schritt sinken meine Absätze in einen rissigen Asphalt, der mit schmutzigem Wasser vollgesogen ist. Aufgerissene Müllsäcke liegen vor den Treppenhäusern, und eine hungrige Katze schlüpft mir mit einem Miauen zwischen die Beine.
Ich gehe weiter, den Blick gesenkt, die Gliedmaßen noch taub von jener Nacht, in der ich alles gegeben, alles verloren, alles zurückgewonnen habe.
Ich steige die Treppen hinauf. Der Geruch von ranzigem Frittieröl, feuchter Wäsche und schlecht verdautem Zorn umhüllt mich sofort. Bei uns atmet nichts. Nichts leuchtet. Nicht einmal die Liebe.
Ich öffne die Tür. Sie quietscht wie immer.
Cassandre ist da. Sie sitzt auf dem alten braunen Sofa mit den zerrissenen Armlehnen, eine Tasse Kaffee in der Hand. Die Haare zerzaust. Wie eine Königin in einem verrotteten Königreich.
Sie wirft mir einen wütenden Blick zu, die Brauen zusammengezogen:
— Wo warst du gestern? Du bist nicht nach Hause gekommen! Du musst mit diesem wilden Typen geendet sein!
Ihre Stimme durchbohrt mein Trommelfell. Früher hätte ich geschwiegen. Früher hätte ich mich entschuldigt.
Aber nicht mehr.
Ich trete vor. Und ohne Vorwarnung, ohne ein Wort, ohrfeige ich sie.
Der Klang schlägt in den Raum. Trocken. Brutal.
Cassandre taumelt. Ihre Augen weiten sich. Sie fällt, stürzt auf den Boden mit einem erstickten Stöhnen.
Sie hat nicht einmal Zeit zu reagieren. Mein Zorn, lange zurückgehalten, bricht endlich aus. Ich schlage sie erneut. Sie schreit, schützt ihr Gesicht, krabbelt auf allen Vieren bis zur Anrichte zurück.
— Du verrückte Zicke! schreit sie. Du wirst mir den Kiefer brechen!
— Ich hätte dich schon gebrochen, wenn ich wie du wäre, spucke ich aus. Aber ich schlage für die Wahrheit. Nicht um herabzusetzen.
Unsere Eltern stürzen ins Wohnzimmer. Meine Mutter im Bademantel, das Gesicht zerknittert vom Schlaf. Mein Vater, wütend, die Fäuste geballt.
— Lyra! brüllt er. Bist du verrückt oder was? Wie kannst du so brutal sein?
Ich starre ihn an. Er hat mich nie wie seine Tochter angesehen. Nur wie eine weitere Last.
Cassandre richtet sich weinend auf, die Wange rot, die Lippen zitternd:
— Dreckige Undankbare! Bastard! Wir haben dich adoptiert und so dankst du uns? Du solltest dankbar sein, an unserem Tisch zu essen!
Das Wort lässt mich erstarren.
Adoptiert.
Alles in mir friert ein. Als würde sich der Raum zusammenziehen. Als hätten sich all der Lärm, all das Hässliche, all die Erinnerungen an dieses Haus aufgereiht, um diesem Wort Bedeutung zu geben.
Adoptiert.
Ich weiche einen Schritt zurück, das Herz plötzlich leer.
— Das ist also der Grund… flüstere ich. Kein Wunder, dass ihr mich immer wie eine Dienerin behandelt habt.
Ich sehe in ihre Gesichter. Ich erkenne die Panik in ihren Augen. Das, was sie tief begraben hatten, ist gerade an die Oberfläche gekommen.
— Ihr habt mich mit Groll großgezogen, setze ich mit zitternder Stimme fort. Nicht mit Liebe. Und wisst ihr was? Ich werde euch alles zurückzahlen. Jeden Cent. Jede Mahlzeit. Jedes Kleidungsstück. Ihr schuldet mir nichts mehr. Denn ab heute… gehöre ich nicht mehr zu dieser verdammten Familie.
Die Türklingel läutet.
Alle erstarren.
Ich drehe mich um, noch atemlos. Ich öffne.
Auf der Türschwelle steht eine elegante Frau, die Haare zu einem perfekten Dutt hochgesteckt, die Augen voller Tränen. Ein Mann, aufrecht wie ein Schwert, an ihrer Seite. Zwei Bodyguards in dunklen Anzügen flankieren die Szene. Ein Luxusauto glänzt weiter unten, vor den Müllcontainern geparkt.
Die Frau sieht mich an, als hätte sie den Atem zurückgewonnen, der ihr geraubt wurde.
Dann, ohne zu zögern, zieht sie mich in ihre Arme und bricht in Tränen aus.
— Mein Schatz… du hast so viel gelitten…
Ich stehe wie versteinert. Ihre Arme sind warm. Fremd. Aufrichtig.
Cassandre taucht hinter mir auf, perplex:
— Sie verwechseln die Person!
Die Frau tritt einen Schritt zurück, sieht mir in die Augen.
— Nein, murmelt sie. Wir suchen unsere Tochter seit Jahren…
Mein Mund öffnet sich, aber kein Wort kommt heraus.
Sie wendet sich dem Mann zu. Er nickt langsam, das Gesicht erschüttert.
— Du hast Liora geheißen, sagt er. Du warst drei Jahre alt, als… als wir dich verloren haben.
Er zieht ein Foto heraus. Ein lächelndes kleines Mädchen, braune Locken, weißes Kleid. Und dort, auf ihrem Arm, ein Muttermal.
Die Frau ergreift meine Hand, krempelt meinen Ärmel hoch.
Das Gleiche. Genau das Gleiche.
Meine Mutter: diese Unbekannte weint noch mehr.
— Du hast dich im Park verlaufen, an einem Sonntagnachmittag. Und… und als wir zurückkamen, warst du nicht mehr da. Wir glauben, dass deine Nanny… sie… sie hat dich mitgenommen. Niemand hat sie je wieder gesehen. Und du… wir haben überall nach dir gesucht. Du warst zu klein, um deinen Namen zu sagen. Du hattest es vergessen…
Meine Kehle schnürt sich zu. Mein Blick schwankt.
Ich drehe mich um.
Ich sehe Cassandre, bleich. Meine Adoptiveltern, schweigend.
Ich habe nichts mehr, was ich ihnen sagen kann.
Ich mache einen Schritt auf die Frau zu. Zu der, die mich gesucht hat, die auf mich gehofft hat. Zu dieser Wahrheit, von der ich nie zu träumen gewagt hätte.
Sie öffnet mir die Arme.
— Du bist mein Kind.
Ich falle gegen sie.
Zum ersten Mal seit Jahren weine ich. Wirklich. Keine Wut. Keine Scham. Keine Einsamkeit.
Nur… eine Traurigkeit, die zu alt, zu schwer ist, um endlich fließen zu dürfen.
Sie wiegt mich, als wäre ich immer noch dieses verlorene Kind.
Und in ihren Armen fühle ich endlich ein Wort, das ich nie gekannt habe:
Zuhause.
LyraIch habe noch nie ein so großes Haus gesehen.Ich stehe wie versteinert am Eingang, der Mund leicht geöffnet, unfähig, einen Schritt weiter zu machen. Mein Blick haftet an der Decke, dem Boden, den Wänden, als suchte ich nach einem Riss, einem Hinweis, dass das alles nur ein Bühnenbild ist. Aber nein. Alles ist real.Der Boden glänzt unter meinen Füßen. Aus weißem Marmor, durchzogen von goldenen Adern. So rein, so perfekt, dass ich Angst habe, ihn mit meinen abgetragenen Schuhen zu beschmutzen. Die Wände erheben sich hoch, in einem cremefarbenen Weiß, gesäumt von fein geschnitzten Holzverkleidungen. Und die Lüster… Herrlich. Kristallvorhänge, die das Licht einfangen und es in tausend Sterne um mich herum zerstreuen.Ich wage es nicht, zu berühren. Ich wage es nicht, zu stark zu atmen. Ich habe das Gefühl, dass alles zusammenbrechen wird, wenn ich mich plötzlich bewege. Und dass ich dort landen werde, wo ich gestern noch war: in dieser grauen Gasse, dieser dreckigen Küche, diesem
KassandraIch habe nicht geschlafen.Ich bin da gelegen, auf dem Boden, mit brennenden Wangen und geballten Fäusten. Die Szene läuft in meinem Kopf in einer Schleife: Lyra, diese Undankbare, dieser Schatten, von dem ich immer dachte, ich könnte ihn kontrollieren, schlägt mir vor meinen Eltern ins Gesicht. Und jetzt… eine Frau in Perlen und hohen Schuhen, Bodyguards, ein Luxuxauto. Und Lyra, in seinen Armen.So kann es nicht enden. Nicht so.Also hebe ich den Kopf und schaue den Mann an, der in meinem miesen Wohnzimmer steht. Er hat diesen Blick, den Menschen haben, die kein „Nein“ tolerieren. Ich erkenne solche Männer. Sie besitzen alles. Und wollen alles.Aber ich kann auch spielen. Ich habe es immer gewusst.— Wenn Sie Lyra zurückbekommen wollen, flüstere ich mit der größten Ruhe, die ich vortäuschen kann, müssen Sie uns das Geld zurückzahlen. Zehnmal so viel, wie wir für sie ausgegeben haben. Nein, hundertmal.Meine Eltern zucken zusammen. Meine Mutter wirft mir einen schockierten
LyraDas Viertel stinkt nach Resignation.Die Wände sind von Schimmel überzogen, leprakrank, vom Zahn der Zeit geschwärzt. Die Fenster, mit Brettern oder Plastikplanen verbarricadiert, zittern im Wind. Bei jedem Schritt sinken meine Absätze in einen rissigen Asphalt, der mit schmutzigem Wasser vollgesogen ist. Aufgerissene Müllsäcke liegen vor den Treppenhäusern, und eine hungrige Katze schlüpft mir mit einem Miauen zwischen die Beine.Ich gehe weiter, den Blick gesenkt, die Gliedmaßen noch taub von jener Nacht, in der ich alles gegeben, alles verloren, alles zurückgewonnen habe.Ich steige die Treppen hinauf. Der Geruch von ranzigem Frittieröl, feuchter Wäsche und schlecht verdautem Zorn umhüllt mich sofort. Bei uns atmet nichts. Nichts leuchtet. Nicht einmal die Liebe.Ich öffne die Tür. Sie quietscht wie immer.Cassandre ist da. Sie sitzt auf dem alten braunen Sofa mit den zerrissenen Armlehnen, eine Tasse Kaffee in der Hand. Die Haare zerzaust. Wie eine Königin in einem verrottete
LyraIch weiß nicht, wann ich die Grenze überschritten habe. Ich weiß nicht, ob ich sie überschritten habe… oder ob er sie zu mir gezogen hat.Ich erinnere mich an seine präzisen, frechen, geduldigen Hände.An seine tiefe, bissige Stimme, die meinen Nacken wie eine Warnung streifte.An diesen Blick, der in meinen verankert war, der mir sowohl Verlust als auch Licht versprach.Die erste Berührung war sanft, fast respektvoll.Ein Finger, der der Linie meines Kiefers folgte, eine Handfläche, die auf meinen Rippen lag, als wollte sie mir die Knochen, die Risse zählen. Er hatte es nicht eilig. Er beobachtete mich. Kostete mich aus. Als wollte er meine Sprache lernen, die ich nie laut ausspreche.Dann kam er näher. Näher. So nah, dass sein Atem meinen eigenen zum Erröten brachte.Er sagte:— Du kannst immer noch gehen.Doch seine Hand hielt bereits meine fest.Und alles kippte.Er war nicht brutal.Aber er war auch nicht sanft.Er war alles, was ich befürchtet hatte: ganz, ganz bis zur Unsi
AlexandreSie fällt ohne Vorwarnung in meine Arme, wie ein Gewicht aus Seide, durchnässt von Fieber. Mein erster Reflex ist, sie wegzustoßen. Sie riecht nach Alkohol, Chaos, Dringlichkeit. Und doch bleibe ich hier. Ihr zerbrechlicher Körper schmiegt sich mit einer erschreckenden Vertrautheit an meinen. Ich sollte angewidert sein. Das bin ich. Aber nicht auf die gewohnte Weise. Nicht von der kalten Abscheu, die mir Frauen einflößen, die sich dem ersten reichen Mann wie Hündinnen in der Hitze an den Hals werfen. Sie ist etwas anderes. Ich sehe sie zum ersten Mal wirklich. Und ich bleibe stehen. Dieses zu brave Kleid für diese Bar. Dieses ungeschickte Make-up. Dieses zerzauste, fast kindliche Haar. Und dieser Blick… Mein Gott. Dieser Blick. Verschwommen vom Alkohol, aber nicht leer. Ein Blick, der fleht, der einen Anker sucht. Eine letzte Chance, etwas zu fühlen. Anders gesehen zu werden. — Du bist wirklich schön, murmelt sie, während sie meinen Kragen packt, mit einer matschigen Stimme.
LyraAlles hatte vor ein paar Stunden begonnen. Ich war hastig aus Rafael's Wohnung gerannt, meine Schuhe in der Hand, das Herz durcheinander, die Augen geschwollen vor Wut. Mein Telefon vibrierte immer noch, aber ich konnte seine Nachrichten nicht mehr lesen. Es gab nichts mehr zu retten. Weder uns noch diese Lüge, die er Liebe nannte. Ich hatte lange, ziellos im Kälte umhergeirrt, bis Cassandre mich anrief. Als wüsste sie es. Als würde sie auf mich warten. — Ich bin in der Stadt, hatte sie gesagt. Komm. Ich lade dich auf einen Drink ein. Du musst deine Gedanken ändern, kleine Schwester. Kleine Schwester. Das hatte sie nie gesagt. Dieses Wort hatte in der Luft geknallt wie eine Falle. Ich hätte misstrauisch sein sollen. Aber ich war zu zerbrochen. Zu allein. Also sagte ich ja. Die Bar wirkte unwirklich, wie eine zu grelle Filmszene. Cassandre empfing mich mit einer schnellen, fast aufrichtigen Umarmung. Sie trug ein schwarzes Satin-Kleid, schlicht aber provokant, und Ohrringe,







