Se connecterÉlenaAm nächsten Tag überrascht mich Thomas.Es ist Samstagmorgen. Die Sonne scheint durch die Fenster, wärmt die Wohnung. Thomas hat wie so oft das Frühstück vorbereitet. Aber heute stehen Blumen auf dem Tisch. Ein Strauß roter Rosen, wunderschön.— Was feiern wir?— Nichts. Ich wollte dir nur eine Freude machen.Er setzt sich mir gegenüber. Nimmt meine Hand in seine. Seine Augen sind ernst, besorgt.— Élena ... ich mache mir Sorgen um dich.— Sorgen? Warum?— Du bist im Moment gestresst. Müde. Du schläfst nicht gut. Du bist woanders, selbst wenn du da bist. Ich rede mit dir, du antwortest, aber ich habe das Gefühl, dass du nicht wirklich bei mir bist.— Es ist die Arbeit. Meine Chefin ist sehr anspruchsvoll.— Ich weiß. Aber ich dachte mir ... vielleicht könnten wir wegfahren?— Wegfahren?— Ja. Urlaub. Wir zwei. Eine Woche, zwei Wochen. Weg von Paris, weg von der
ÉlenaAm nächsten Tag treffe ich eine Entscheidung.Eine Entscheidung der Vernunft, des Überlebens, der Klarsicht. Ich kann so nicht weitermachen. Diese Obsession, diese Schuld, dieses Doppelleben – es zerstört mich. Jeden Tag versinke ich ein Stück tiefer. Jeder Kuss von ihr, jeder Blick, jedes Wort – bringt mich näher an den Abgrund.Ich muss Abstand gewinnen.Es ist hart. Es ist schmerzhaft. Es ist notwendig.Ich komme um 7:15 Uhr im Büro an. Früh genug, um den Kaffee und die Akten abzustellen, ohne sie wirklich zu sehen, ohne ihrem Blick standhalten zu müssen. Ich klopfe an, trete schnell ein, stelle alles auf ihren Schreibtisch.— Ihr Kaffee, Madame Volkov. Ihre Akten. Ihr Terminplan liegt obenauf.— Danke, Élena.— Gern geschehen.Ich sehe sie nicht an. Ich drehe mich um. Ich gehe hinaus.In meinem Büro setze ich mich. Ich verschnaufe. Geschafft. Ich habe es geschafft.
ÉlenaAm nächsten Tag gehe ich todunglücklich ins Büro. Die schlaflose Nacht, die Tränen, die Schuld – alles lastet auf meinen Schultern wie ein Mantel aus Blei. Ich habe Augenringe, einen fahlen Teint, ein zerschlagenes Gesicht.Aber sobald ich das Gebäude betrete, sobald ich in den Aufzug steige, spüre ich diese vertraute Aufregung. Diese Wärme, die aufsteigt, dieses Herzrasen. Das, sie nah zu wissen. Das, sie bald zu sehen.7:28 Uhr. Ich klopfe an ihre Tür. Drei leichte Schläge.— Herein.Ihre Stimme. Nur ihre Stimme, und mein Körper reagiert.Sie ist da. Perfekt. Ein nachtblaues Kostüm heute, das ihre grauen Augen betont. Ihr Haar fällt offen auf ihre Schultern. Sie lächelt mich an, dieses diskrete Lächeln, das sie nur für mich hat.— Guten Morgen, Élena.— Guten Morgen, Madame Volkov. Ihr Kaffee.Ich stelle die Tasse auf ihren Schreibtisch. Ich sollte gehen. Ich bleibe.— Noch et
Élena Ich komme nach Hause. Die Wohnung ist hell, warm. Thomas hat Musik aufgelegt, den Tisch gedeckt, Kerzen angezündet. — Endlich! Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Er küsst mich. Seine Lippen sind weich, vertraut. Ich erwidere den Kuss mechanisch. — Alles gut? War die Besprechung erfolgreich? — Ja, ja. Tut mir leid, ich hätte dich früher informieren sollen. — Macht nichts. Komm essen, die Nudeln sind fertig. Ich setze mich. Ich esse. Ich beantworte seine Fragen. Ich tue so. Aber ich bin woanders. Ich bin in dieser Wohnung im 8. Arrondissement, in diesem Bett, bei ihr. Ich spüre noch ihre Lippen auf meinen, ihre Hände auf meiner Haut, ihre Worte in meinem Kopf. — Du bist müde, sagt Thomas. Sollen wir früh ins Bett? — Ja, gute Idee. Im Schlafzimmer zieht er mich zu sich. Seine Hand gleitet über meinen B
ÉlenaSie küsst mich.Ihre Lippen sind weich, warm, eindringlich. Nicht wie die anderen Male. Tiefer, länger, ... besitzergreifender. Ihre Hand legt sich auf meinen Nacken, zieht mich zu sich. Ich spüre ihre Finger in meinen Haaren, ihre Wärme an mir.Ich erwidere den Kuss. Ich kann nicht anders. Es ist stärker als ich, stärker als alles. Es ist, als ob mein Körper nur darauf gewartet hätte, als ob mein ganzes Sein von Anfang an zu ihr hingezogen worden wäre.Der Kuss dauert. Eine Minute. Zwei. Ich weiß es nicht mehr. Die Zeit existiert nicht mehr. Es gibt nur noch sie, ihre Lippen, ihre Hände, ihr Duft, ihre Gegenwart.Dann zieht sie sich zurück. Gerade genug, um mich anzusehen, um Atem zu schöpfen.— Kommen Sie.Sie steht auf. Reicht mir die Hand. Ich nehme sie ohne zu zögern.Sie führt mich ins Schlafzimmer. Mein Herz rast. Jetzt? Hier? Nach all den Wochen des Wartens, der Spannung, des Verlangens?Aber sie bleibt vor dem Nachttisch stehen. Sie nimmt das Buch, das ich mir vorhin an
AdrianaIch trete lautlos ein.Das ist ein Talent, das ich als Kind entwickelt habe – um meine Mutter zu überraschen, meinem Vater zu entkommen, mich bei Bedarf in den Wänden aufzulösen. Heute dient mir dieses Talent dazu, sie zu sehen, bevor sie mich sieht.Sie ist da. Artig auf dem weißen Sofa sitzend, die Hände auf den Knien gefaltet, aufrecht wie ein »i«. Sie sieht aus wie ein Kind, das etwas angestellt hat und auf seine Strafe wartet, die Wangen rosig, die Lippen halb geöffnet, die Augen auf einen unsichtbaren Punkt gerichtet.Sie ist schön. Unglaublich schön in diesem sanften Licht des späten Nachmittags. Ihr Haar fällt auf ihre Schultern, weich, glänzend. Ihr Rock ist leicht über ihre Oberschenkel gerutscht. Ihre Finger sind verschränkt, verknotet, nervös.Sie hat mich nicht hereinkommen hören.Ich nähere mich lautlos. Ich betrachte sie. Ich nehme jedes Detail in mich auf. Die Art, wie sich ihre Brust bei ihrem schnellen Atem hebt. Die kleine Ader, die an ihrer Schläfe pulsiert







