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Kapitel 2– Adriana

Autor: Déesse
last update Data de publicação: 2026-07-23 06:02:37

— Irina.

Ich drücke auf die Gegensprechanlage, ohne den Blick von der Akte zu heben, die ich lese. Ein Finanzbericht, schon wieder einer, immer einer. Die Zahlen tanzen vor meinen Augen, vertraut, beruhigend. Zahlen lügen nicht. Zahlen gehorchen.

— Frau Volkov?

— Die Kandidatin für die Assistentinnenstelle. Wie sieht es aus?

Irina kommt herein, ohne anzuklopfen. Sie weiß, dass sie das darf. Seit zwanzig Jahren arbeitet sie für meine Familie, seit zwanzig Jahren kennt sie meine Gewohnheiten, meine Stimmungen, mein Schweigen. Sie ist die Einzige, der ich diese Vertrautheit erlaube.

— Ich habe Élena Dubois für heute Nachmittag einbestellt. 14:30 Uhr.

— Dubois. Französin?

— Ja. Juristische Assistentin, achtundzwanzig Jahre alt, seit sechs Monaten arbeitslos. In einer Beziehung mit einem gewissen Thomas Morel, Vertriebsmitarbeiter in einem Startup. Keine Kinder. Keine Schulden. Keine problematische Vergangenheit.

Ich nicke. Irina hat bereits die ganze Arbeit erledigt, wie immer. Sie reicht mir ein Foto. Eine brünette Frau mit hellen Augen, die schüchtern vor einem Denkmal lächelt, das ich nicht erkenne. Sanfte, fast zerbrechliche Züge. Nichts Außergewöhnliches.

Doch ich betrachte das Foto länger als nötig.

— Warum sie?

Irina zuckt mit den Schultern.

— Ihr Profil ist gut. Sie braucht diesen Job, also wird sie motiviert sein. Sie hat keine Kinder, also ist sie flexibel. Sie hat keine übertriebenen Ambitionen, also ist sie loyal.

— Ehrgeizige sind leichter zu manipulieren.

— Verzweifelte auch. Aber sie sind weniger berechenbar.

Ich lege das Foto weg. Élena Dubois' Augen starren mich weiterhin vom Papier aus an. Warum kann ich den Blick nicht abwenden?

— Lassen Sie sie kommen. Ich werde sehen.

Irina geht. Ich bleibe allein in meinem Büro, vor der Panoramafensterfront mit Blick auf Paris. Die Stadt liegt mir zu Füßen, winzig, fügsam. Ich kontrolliere Tausende von Leben, ohne sie überhaupt zu kennen. Angestellte, Kunden, Konkurrenten. Spielfiguren auf einem Schachbrett.

Warum denke ich immer noch an diese Frau auf dem Foto?

Ich schüttle den Kopf und wende mich wieder meinen Zahlen zu. Zahlen stellen keine Fragen. Zahlen sehen mich nicht mit allzu hellen Augen an. Zahlen sind sicher.

– Élena

Das Gebäude aus Glas und Stahl erhebt sich vor mir wie eine Festung.

Ich schaue nach oben und sehe die Spitze nicht. Sie verliert sich im grauen Himmel von Paris, saugt das Licht auf, reflektiert es in blendenden Blitzen. Ich fühle mich winzig, unbedeutend, erdrückt von dieser Masse, die mir sagen zu wollen scheint: Du hast hier keinen Platz.

Ich schiebe die Glastür auf, und die Empfangshalle raubt mir den Atem.

Weißer Marmor überall, auf dem Boden, an den Wänden, an den gewaltigen Säulen, die die schwindelerregend hohe Decke stützen. Überall Kunstwerke, moderne Skulpturen aus poliertem Metall, abstrakte Gemälde in grellen Farben, Lichtinstallationen, die langsam ihre Farbtöne wechseln. Alles muss ein Vermögen kosten. Alles schreit nach Geld, Macht, Ausschluss.

Die Menschen gehen schnell. Sie sind alle mit einer Eleganz gekleidet, die natürlich wirkt, als wären sie im Anzug geboren. Sie sprechen laut am Telefon, in mehreren Sprachen, tauschen Akten aus, lächeln Fremden zu. Sie wirken, als wären sie hier zu Hause. Ich bin eine Eindringling.

Ich betrachte meine abgetragenen Pumps auf dem makellosen Marmor und schäme mich.

— Élena Dubois?

Eine Frau um die fünfzig kommt auf mich zu. Brünett, streng, gekleidet in ein perlgraues Kostüm, das drei Monate meiner Miete kosten dürfte. Ihr Gesicht ist glatt, ausdruckslos, aber ihre Augen ... ihre Augen mustern mich, bewerten mich, beurteilen mich in einem Bruchteil einer Sekunde.

— Irina Petrova. Folgen Sie mir.

Ihr Händedruck ist fest, schnell, professionell. Sie hat sich bereits umgedreht, und ich muss fast laufen, um ihr zu folgen.

Wir durchqueren die Halle, passieren Sicherheitsschleusen, ohne auch nur langsamer zu werden – ein Wachmann in schwarzem Anzug nickt uns zu – und betreten einen privaten Aufzug mit Glaswänden, der auf das riesige Atrium hinausgeht.

Der Aufzug fährt nach oben. Langsam, majestätisch. Paris entfernt sich unter uns, die Gebäude werden zu Spielzeugen, die Straßen zu Linien, die Menschen zu Ameisen. Ich lege eine Hand an die Glasscheibe, um mich zu stabilisieren, und sehe, wie meine Hand leicht zittert.

— Haben Sie die Stellenbeschreibung gelesen?

Irinas Stimme lässt mich zusammenzucken. Sie sieht mich ohne Lächeln an, ohne Wärme, aber auch ohne Feindseligkeit. Einfach... neutral. Professionell.

— Ja, natürlich. Persönliche Assistentin von Frau Volkov. Terminplanung, Reiseorganisation, Korrespondenz, vertrauliche Akten, Vorbereitung von Besprechungen, Telefonfilterung ...

— Das ist kein Job wie jeder andere.

Sie dreht sich zu mir um, und diesmal ist ihr Blick anders. Ernsthafter. Gewichtiger. Als wolle sie mir etwas mitteilen, ohne es auszusprechen.

— Frau Volkov ist nicht wie andere Chefs. Sie verlangt absolute Loyalität. Absolute Diskretion. Absolute Verfügbarkeit.

— Ich verstehe.

— Nein.

Sie schüttelt langsam den Kopf.

— Sie verstehen noch nicht. Noch nicht. Aber Sie werden es sehen.

Der Aufzug hält an. Die Türen öffnen sich zu einem stillen Flur, mit hellgrauem Teppichboden, beleuchtet von dezenten Spots. Kein Geräusch, keine sichtbare Tür außer der am Ende. Eine massive Tür, aus dunklem Holz, ohne jede Aufschrift.

— Warten Sie hier. Ich werde sie von Ihrer Ankunft unterrichten.

Irina verschwindet hinter der Tür. Ich bleibe allein in dieser gedämpften Stille, mit feuchten Händen und einem viel zu laut klopfenden Herzen. Warum bin ich so nervös? Es ist nur ein Vorstellungsgespräch. Nur ein Job.

Nur Adriana Volkov.

Ich höre Stimmen hinter der Tür, gedämpft. Ich kann die Töne unterscheiden, aber nicht die Worte. Dann nichts mehr. Stille.

Die Tür öffnet sich.

— Treten Sie ein.

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