LOGINOdessa Ravencourt hat vier Jahre in Duskmere damit verbracht, sich klein zu machen – die Letzte einer Blutlinie, für die das Vale ihre Eltern hingerichtet hat. Dann entfacht ein Grenzangriff den alten Krieg erneut, und der Coven übergibt sie als diessemestrige Vertragshostage direkt ins Ironhollow-Gebiet. Direkt in Ronan Kades Haus. Er hasst alles, was sie ist. Sie hasst, dass sie ihn nicht zurückhasst. Als der Waffenstillstand bröckelt und jemand mit echter Macht gegen sie beide vorgeht, beginnt Odessa die Wahrheit über den „Verrat“ ihrer Eltern aufzudecken – und was sie ist, könnte das Einzige sein, das stark genug ist, den Vertrag und alle darin dem Erdboden gleichzumachen.
View MoreOdessas PerspektiveNiemand hatte geschlafen, und als ich endlich aufgab, an die Decke zu starren, und noch vor Sonnenaufgang nach draußen trat, war schon die Hälfte des Rudels wach und bewegte sich auf das Trainingsfeld zu, als hätten sie eine Nachricht bekommen, die ich nie erhalten hatte.Die Luft roch immer noch nach Blut – oder vielleicht arbeitete meine Einbildung nur überstunden.Ich folgte auf Abstand, hielt mich am Rand der Menge, so wie ich es seit meiner Ankunft gelernt hatte, aber an diesem Morgen gab es nirgendwo, wo man sich verstecken konnte. Das ganze Rudel drängte sich auf dem Feld, Schulter an Schulter, und Garrick Kade stand vorn, als wäre er aus demselben Stein gehauen wie der Berg hinter ihm.„Drei Verwundete“, sagte er, ohne Begrüßung. Seine Stimme trug, ohne dass er sie anheben musste. „Einer kritisch. Und jede Markierung an jedem sagt dasselbe: Das war kein Rogue.“Ein Raunen ging durch die Menge, tief und hässlich
Odessas SichtÄste peitschten an meinem Gesicht vorbei, schneller, als ich sie verfolgen konnte, und ich hatte Ronan immer noch nicht eingeholt, als wir den Waldrand erreichten.Er bewegte sich, als wären die Bäume gar nicht da, vier Pfoten rissen in langen Sätzen den Boden auf, und ich stolperte zweimal, nur um seine graue Gestalt im Blick zu behalten. Meine Lungen brannten. Meine Schuhe rutschten auf nassen Wurzeln, die ich in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Nichts davon war halb so wichtig wie der Laut, der mir noch in den Ohren klang – dieses lange, gebrochene Heulen – und die Art, wie jedes Gesicht um mich herum bleich geworden war, in dem Moment, als sie es hörten.*Jemand ist nicht zurückgekommen.*Ich verstand erst, was das wirklich bedeutete, als ich es selbst sah.Die Lichtung öffnete sich vor mir, Fackeln brannten bereits, die Hälfte des Rudels stand in einem engen Kreis um etwas auf dem Boden. Ich schob mich durch die Körper, bevor mich jemand aufhalten konnte, und dann
Odessa-PerspektiveGlas regnete auf den Tisch herab, und jemand schrie, und es dauerte eine volle Sekunde, bis mir klar wurde, dass der Schrei teilweise von mir kam.Briar … Ich kannte ihren Namen noch nicht. Ich sollte ihn erst später erfahren, aber ich benutze ihn jetzt, weil es einfacher ist. Sie zerrte mich so hart am Arm zur Seite, dass es in meiner Schulter knackte, und wir landeten gemeinsam auf dem Boden, als ein zweites Fenster auf der anderen Seite des Saals nach innen explodierte.„Bleib unten!“, schrie sie, und ich musste mir das nicht zweimal sagen lassen.Chaos explodierte um uns herum. Stühle schabten, jemand warf einen ganzen Tisch um als Deckung, und darunter lag ein Geräusch, das ich mehr spürte als hörte – ein tiefes, rollendes Knurren, Dutzende davon, aus jeder Richtung gleichzeitig.„Was passiert?“, schrie ich über den Lärm. „Wer ist da draußen?“„Weiß ich noch nicht.“ Briars Augen waren auf das zerbrochene Fenster gerichtet, scharf und ruhig trotz des Chaos. „Abe
Odessa-PerspektiveDer Speisesaal roch nach Holzrauch und gebratenem Fleisch und nach etwas darunter, das ich immer noch nicht zu benennen wusste. Warm, wild, der Geruch von zu vielen Körpern, die heißer liefen als meiner, zusammengepfercht in einem Raum.Ich stand genau so lange im Türrahmen, bis jedes einzelne Gespräch darin erstarb.Großartig. Perfekt. Genau der Auftritt, den ich mir erhofft hatte.Lange Tische zogen sich die Länge des Raumes hin, Schulter an Schulter voller Leute, die alle eines gemeinsam hatten: Keiner von ihnen wollte mich hier. Ich spürte es in dem Moment, als ich eintrat – diese besondere Art von Stille, die eigentlich gar keine Stille ist, sondern nur alle gleichzeitig beschließen, nicht zu reden, während sie starren.„Am Ende ist noch ein Platz“, murmelte jemand, ohne sich überhaupt die Mühe zu machen, mich dabei anzusehen.Natürlich. Der weiteste vom Feuer, der nächste an der Tür – genau dort, wo man jemanden hinsetzt, den man loswerden will, sobald das Ess