LOGINDer Mai kam mit dem besonderen Optimismus eines Berliner Frühlings, der beschlossen hat, großzügig zu sein.
Die Stadt tat, was sie im Mai tat: öffnete ihre Türen, füllte ihre Außentische, überflutete ihre Parks mit Menschen, die den Winter mit der geduldigen Wut derer ausgeharrt hatten, die wissen, dass er enden wird, aber keine Vereinbarung darüber haben, wann. Die Kastanien entlang der Kastanienallee standen in voller Blüte, extravagant und kurz auf die Weise der Dinge, dieDie Reise nach Bogota fand im Mai des dreizehnten Jahres statt, und es war Claras erste Reise nach Sudamerika, was bedeutete, dass alles, was sie sehen wurde, das erste Mal war, das erste Mal-Sehen, das alle Sinne offnete und das Vorurteil loeste, das Vorwissen, das man uber einen Ort hatte, bevor man dort war. Clara hatte uber Bogota gelesen, seit dem Gesprach mit Andres, und das Gelesene hatte Bilder erzeugt, die in dem Moment, in dem das Flugzeug landete und die Stadt von oben sichtbar wurde, als das, was sie war, real und gross und anders als alle Bilder, aufgebrochen waren, weil die Wirklichkeit immer die Bilder aufbrach, die man von ihr hatte, weil die Wirklichkeit grosser war und dichter und nicht so ordentlich wie die Bilder. Andres empfing Clara am Flughafen und fuhr mit ihr in das Zentrum, durch die Strassen, die Clara nicht kannte und die sie sofort zu kennen begann, auf die Art, wie Strassen bekannt wurden, die man nicht kannte: durch das Sehen, das erste Sehen, das in d
Das vierte Dokument von Olivia Bennett war im April des dreizehnten Jahres neunundneunzig Seiten lang und hatte einen Titel bekommen, den Olivia in einem Telefongesprach mit Clara erwaehnte, beilaaufig, wie Olivia wichtige Dinge manchmal beilaufig erwaehnte, als ware das Wichtige so selbstverstandlich, dass es keinen besonderen Ton verdiente: Das vierte Dokument heisst Briefe, die ich nicht schicke. Briefe, die ich nicht schicke. Clara wiederholte den Titel, weil das Wiederholen ihr half, das Geharte aufzunehmen. Ja, sagte Olivia. Das vierte Dokument ist die Sammlung der Antworten, die ich auf die Briefe geschrieben habe, die mir die Leserinnen nach der Trilogie geschrieben haben. Ich habe diese Antworten nicht geschickt, weil die Antworten nicht an die Leserinnen gerichtet sind, auch wenn ich sie in der Form des Briefes schreibe. Sie sind an mich gerichtet. Es sind die Briefe, in denen ich mir selbst schreibe, was die Briefe der anderen in mir ausgelost haben. Das ist das Schreibe
Im Marz des dreizehnten Jahres gab Isabella Haynes den ersten Lehrauftrag ihrer Karriere an, einen Lehrauftrag an der Freien Universitat Berlin, im Fachbereich Rechtswissenschaft, in einer Lehrveranstaltung mit dem Titel Entstehung eines Rechtsfeldes: Das Recht auf Zuschreibung intellektueller Arbeit. Das war kein regularer Lehrauftrag, keine Professur, kein fester Vertrag, sondern ein Gastlehrauftrag fur ein Semester, der genau das war, was Isabella in dem Interview beschrieben hatte: der Moment, in dem die Praxis in die Ausbildung einging, der Moment, in dem das, was in den Gerichtssalen gelernt worden war, den Menschen weitergegeben wurde, die die nachste Generation der Anwaltinnen und Anwalte waren. Isabella hatte den Lehrauftrag angenommen, weil sie ihn richtig fand, und sie hatte ihn richtig gefunden, weil das Lehren fur sie das Weitergeben war, das Weitergeben dessen, was sie in funfzehn Jahren aufgebaut hatte, das Weitergeben nicht als Abschied, sondern als Erweiterung: das
Andres Morales flog im Februar des dreizehnten Jahres nach Berlin, fur eine Woche, und er flog nicht wegen einer Konferenz oder eines Vortrags, sondern wegen des Gesprachss mit Clara, das sie im Dezember begonnen hatten, das Gesprach uber das siebte Buch und die Frage, wer Zugang zu den Werkzeugen hatte. Er kam mit einem kleinen Koffer und einem schweren Notizbuch, das er seit Jahren fuhrte, dem Notizbuch seiner Feldarbeit in den Gemeinschaften von Bogota, das voller handgeschriebener Notizen war und Fotos und Zeichnungen und Karten und Notizen, und das er Clara als Erstes zeigte, als sie sich in dem Kreuzberger Buro setzten, das Buro, das Emma, Felix und Marcus hielt und das in Claras Abwesenheit ruhiger geworden war, aber nicht leiser, weil die Arbeit, die dort passierte, dieselbe war. Andres offnete das Notizbuch auf einer Seite in der Mitte, einer Seite, die mehrere Zeichnungen enthielt, Karten von einem Viertel in Bogota, mit handgeschriebenen Anmerkungen in Spanisch, und er l
Das Favoriten-Projekt hatte im dritten Monat eine Wende genommen, die Alexander nicht vorhergesehen hatte und die er Clara in einem langen Telefonanruf beschrieb, an einem Januarabend des dreizehnten Jahres, dem Jahr, das nach dem zwolften Jahr kam und das mit dem Gewicht aller Vorjahre begann, weil die Vorjahre das Fundament gelegt hatten und das dreizehnte Jahr das Fundament spurte, als das, was trug. Die Wende betraf das Erinnerungsarchiv, das Alexander und sein Team seit der Gedachtnisbegehung im Juni aufgebaut hatten, das Archiv, in dem die Geschichten und die Erinnerungen der vierundzwanzig Teilnehmenden und der weiteren Menschen, die sich in den Monaten dazu gemeldet hatten, gesammelt worden waren, jetzt insgesamt achtzehnundsechzig Menschen, mehr als doppelt so viele wie bei der ersten Begehung, weil sich das Gesprach in dem Bezirk verbreitet hatte, wie sich Gesprache verbreiteten, wenn sie das Richtige sagten: durch das Weitersagen. Das Erinnerungsarchiv hatte in den siebe
Das siebte Notizbuch war ein anderes Notizbuch als die sechs, die ihm vorangegangen waren, nicht weil Clara ein anderes Notizbuch gekauft hatte, sie kaufte immer dieselbe Art, dasselbe Format, dasselbe Gewicht des Papiers, das sie in der Schreibwarenhandlung am Kurfurstendamm kannte, die immer noch existierte und die immer noch denselben Geruch nach Papier und Holz hatte, der fur Clara der Geruch der Anfange war. Das siebte Notizbuch war ein anderes, weil Clara anders war, als sie es offnete, und weil das Notizbuch immer das Bild der Person enthielt, die es offnete, das Bild nicht als sichtbares Zeichen, sondern als das, was die Schrift trug, die Energie des Denkens, die sich in die Seiten einschrieb. Clara offnete das siebte Notizbuch im Dezember des zwolften Jahres, an einem Morgen, der so kalt war, wie Dezembermorgen in Munchen kalt sein konnten, der trockene, klare Winterkalte, die die Gedanken scharfer machte, weil der Korper wacher war, wenn er frror, und weil das Wachsein des
Der Oktober brachte den Herbst früh nach Berlin, das gab es manche Jahre, mit dieser besonderen Qualität, der Herbstluft, mit ihrem Dunst am Horizont und der Art, wie das Licht der Stadt älter wirkte, weniger sicher an seinen Kanten. Clara hatte dieses Wetter immer gemocht. Es fühlte sich an wie ei
Der erste Klient kam durch unerwartete Kanäle.Clara hatte noch nicht offiziell gestartet. Clara Consulting existierte als eingetragene Einheit mit einer sauberen Website, die Isabellas Neffe, ein Webentwickler, in drei Tagen aus einem Briefing gebaut hatte, das sie in einer Sitzung geschrieben hat
Das Foto kam an einem Montag um elf Uhr zweiundvierzig.Clara saß an ihrem Küchentisch mit einer Teetasse, die sie noch nicht gekostet hatte, und einem Notizblock, der mit Notizen bedeckt war, die ihre Hand gemacht hatte ohne volle Kooperation ihres Geistes. Sie hatte die letzten zwei Tage in einem
Die Stadt wusste es noch nicht. Das war das Seltsame, an das sich Clara danach erinnern würde: die Unschuld von allem um sie herum an jenem Morgen, die Art, wie Berlin mit seinem besonderen Lärm und seiner Energie weitermachte, vollkommen unwissend, dass irgendwo in einer gepflegten Küche in Charlo







