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KAPITEL 16 Wachstumssaison

Author: Zayden Noir
last update publish date: 2026-06-21 20:00:27

Der Mai kam mit dem besonderen Optimismus eines Berliner Frühlings, der beschlossen hat, großzügig zu sein.

Die Stadt tat, was sie im Mai tat: öffnete ihre Türen, füllte ihre Außentische, überflutete ihre Parks mit Menschen, die den Winter mit der geduldigen Wut derer ausgeharrt hatten, die wissen, dass er enden wird, aber keine Vereinbarung darüber haben, wann. Die Kastanien entlang der Kastanienallee standen in voller Blüte, extravagant und kurz auf die Weise der Dinge, die
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    Am Ende des ersten Halbjahres des funfzehnten Jahres, an einem Juniabend, in dem die Munchner Abende lang waren, weil der Juni die langen Abende hatte, die das Draussen ermoglichten und die das Sitzen vor dem Schreibtisch hinausschoben in den Bereich des Unnowtigen, weil das Draussen das Drinnen vertrat, in dem milden Juniabendlicht das Denken moglich war, das das kunstliche Licht nicht ermoglichte, setzte Clara sich in den Garten der Munchner Wohnung, den kleinen Garten, den sie und Alexander in dem ersten Jahr in Munchen als den Garten entdeckt hatten, den sie hatten, und das siebte Notizbuch lag auf dem Gartentisch, geschlossen. Sie offnete es nicht sofort. Sie sass und sah den Garten an, den Juniabend, das Licht, das durch die Baume fiel, und sie dachte, ohne aufzuschreiben, was sie dachte, weil das Denken ohne Aufschreiben manchmal das Richtige war, das Denken, das sich nicht in die Form des Satzes zwang, das freie Denken, das die Notizbicher manchmal nicht ermoglichten, weil d

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    Lena Fischer hatte im Fruhjahr des funfzehnten Jahres eine Entscheidung getroffen, die sie Clara in einem Telefongesprach im April mitteilt, mit der direkten Art, die Lenas Art war, wenn sie etwas entschieden hatte und wenn das Entscheidene sagen das Nachste war: Sie wurde die Fischer Beratung in eine andere rechtliche Form uberfuhren, von einem Einzelunternehmen in eine Gesellschaft, die mehrere Beraterinnen und Berater aufnehmen konnte, weil die Nachfrage grosser war als das, was eine einzelne Person leisten konnte, und weil die Arbeit nicht verschwinden durfte, wenn sie selbst nicht mehr arbeitete. Ich mochte nicht, dass die Fischer Beratung mit mir endet, sagte Lena. Ich mochte, dass sie nach mir weiterbesteht, mit den Menschen, die ich ausgebildet habe, mit Petra und mit den anderen, die kommen werden. Das ist die Bedingung fur eine Arbeit, die nachhaltig ist: dass sie nach der Person weitergeht, die sie begonnen hat. Das ist das sechste Buch, das sich selbst anwendet, sagte C

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    Clara hatte Rosa Elena zweimal gesprochen, bevor das siebte Buch begann: einmal in Bogota im Mai des dreizehnten Jahres, in der Gemeinschaftsbibliothek, das erste kurze Gesprach. Und einmal per Videokonferenz im September, als das Kapitel uber die Bibliothek im Entstehen war und als Clara Fragen hatte, die das erste Gesprach nicht beantwortet hatte. Das dritte Gesprach fand im Marz des funfzehnten Jahres statt, und es war das langste, drei Stunden, weil Clara jetzt andere Fragen hatte als in den ersten beiden Gesprachen. In den ersten beiden hatte sie die Geschichte gefragt: Was war die Bibliothek? Wie war sie entstanden? Was hatte sie ermoglicht? Das waren die Fragen der Chronik, die Fragen, die das Kapitel aufgebaut hatten. Das dritte Gesprach fragte etwas anderes: Was hatte das alles mit Rosa Elena gemacht? Nicht mit der Bibliothek. Mit ihr. Rosa Elena dachte lange nach, bevor sie antwortete. Das war das Charakteristische ihrer Antworten: die Langsamkeit, die nicht Zogerlichkeit

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    Yukis Kapitel kamen im Februar des funfzehnten Jahres, alle vier auf einmal, weil Yuki in dem Monat des Januars geschrieben hatte, den Monat des tiefen Winters in Osaka, in dem die Tage kurz waren und die Abende lang und in dem das Schreiben die Form hatte, die das Schreiben hatte, wenn die Zeit stimmte: die Form des Flusses, in dem der nachste Satz aus dem vorigen entstand und in dem die Stunden vergingen, ohne dass man merkte, dass sie vergingen, weil das Schreiben der Ort war, in dem die Zeit keine Grenze hatte. Yuki hatte Clara im Dezember erklart, dass sie ihre Kapitel auf Japanisch vorschreiben und dann ins Englische ubertragen wurde, weil das Japanische das Denken formte und das Englische die Kommunikation ermoglichte, und weil sie Clara nicht zumuten wollte, aus dem Japanischen ins Deutsche zu ubertragen, da Clara kein Japanisch kannte. Das war die Bescheidenheit der Frau, die ihre eigene Arbeit nicht als Problem des anderen sehen wollte, und Clara hatte das akzeptiert, weil

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    Das funfzehnte Jahr begann am ersten Januar nicht mit einem besonderen Moment, sondern mit dem Alltag, dem Alltagmorgen, an dem Clara um sieben aufwachte und Alexander noch schlief und das Licht das Licht des neuen Jahres war, das sich nicht vom Licht des alten Jahres unterschied, weil das Licht nicht wusste, dass das Jahr gewechselt hatte, weil das Licht das Licht war, jeden Morgen, unabhangig vom Kalender. Sie stand auf, machte Kaffee, setzte sich an den Schreibtisch, offnete das siebte Notizbuch. Das war das Ritual des Morgens, das sich in funfzehn Jahren nicht verandert hatte, weil gute Rituale sich nicht veranderten, weil die Kraft des Rituals in der Unveranderlichkeit lag, in dem Wissen, dass der Morgen mit dem Notizbuch begann und dass das Notizbuch den Morgen empfing, bevor der Tag begann. Sie schrieb auf die erste Seite des neuen Jahres: Funfzehntes Jahr. Was weiss ich? Das war die Frage des Anfangs. Nicht: Was will ich? Das hatte sie im zwolften Jahr gefragt. Nicht: Was

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