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KAPITEL 44 Sommer der Mitte

Author: Zayden Noir
last update publish date: 2026-07-05 20:00:08

Das Jahr, in dem das dritte Buch geschrieben wurde, hatte eine Qualität, die Clara keinem der vorangegangenen Schreibjahre zugeschrieben hätte: Es war das ruhigste.

Das erste Buch war in einem Zustand geschrieben worden, der rückblickend als Notwendigkeit beschrieben werden konnte. Sie musste es schreiben, weil die Dinge, die es enthielt, einen Weg nach draußen brauchten, weil sie selbst einen Weg nach draußen brauchte, und das Schreiben war der direkte Kanal gewesen. Es
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    Katrin rief am nächsten Morgen an, bevor Clara die Chance hatte, ihr zu schreiben. Das bedeutete, dass Katrin die Verlagsankündigung bereits kannte, weil Katrin alle Verlagsankündigungen kannte, weil das ihr Beruf war und weil Katrin seit dreißig Jahren in dem Verlagsgeschäft arbeitete und weil dreißig Jahre Verlagsgeschäft bedeuteten, dass man die Branche kannte wie ein Stadtbewohner seine Straßen. Ich habe die Ankündigung gesehen, sagte Katrin, ohne Vorwort. Ich habe den Verlag kontaktiert. Ich habe das Manuskript angefordert, unter dem Vorwand einer Kooperationsanfrage. Das ist nicht unüblich. Verlage schicken Manuskripte an andere Verlage, wenn eine mögliche Kooperation im Raum steht. Und, fragte Clara. Sie haben das Manuskript geschickt, sagte Katrin. Ich habe es heute Nacht gelesen. Vier Stunden. Es sind zweihundertachtzig Seiten. Eine kurze Pause. Clara, sagte Katrin, und die Art, wie sie den Namen sagte, die Art des Vorsichtigen, des Jemanden-Vorbereitens, zeigte, was fo

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    Es gibt Momente, in denen man weiß, dass man angekommen ist. Nicht am Ziel, weil das Leben kein Ziel hat, sondern an einem Ort, an dem alles, was man getan hat, eine Form ergeben hat, die sichtbar ist, die man halten kann, die man anschauen kann und sagen kann: Das stimmt. Das bin ich. Das ist das, was aus meiner Arbeit und meinen Entscheidungen und meinen Menschen entstanden ist. Das ist vollständig, auch wenn es nicht fertig ist. Clara Hoffmann hatte diesen Moment an einem Novembermorgen des zehnten Jahres, in der Münchner Wohnung, an dem Schreibtisch, an dem sie inzwischen jeden Morgen saß und schrieb und dachte und das Leben in Worte fasste, die über das Persönliche hinausgingen und die trotzdem aus dem Persönlichsten entstanden waren, aus dem, was sie erlebt und verstanden und nicht verstanden und gelernt und verloren und gefunden hatte, in zehn Jahren. Der Novembermorgen war grau und ruhig. München im November hatte das Licht, das der Spätherbst brachte, das Licht, das nicht

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    Im Oktober des zehnten Jahres, an einem Morgen, der so still war, wie Münchner Oktobermorgen still sein konnten, saß Clara Hoffmann an dem Schreibtisch in der Münchner Wohnung und versuchte, in Worte zu fassen, was sie in zehn Jahren verstanden hatte. Nicht für ein Buch, noch nicht, das sechste Buch war noch zu früh, noch zu wenig Form. Sondern für sich selbst, für das sechste Notizbuch, für den Versuch, das Denken so zu fassen, dass es nicht verblasste, bevor es zu dem wurde, was es werden sollte. Das Oktoberlicht in München war anders als das Oktoberlicht in Berlin. In Berlin war der Oktober der Monat des schärfsten Lichts, das Licht, das die Dinge so zeigte, wie sie waren, ohne Weichzeichner, ohne die Milderung, die der Sommer brachte. In München hatte das Oktoberlicht eine andere Qualität, wärmer, goldener, das Licht, das man in der Malerei als Herbstlicht bezeichnete, wenn man meinte: dieses Licht, das die Dinge schön machte, nicht weil sie schöner waren, sondern weil das Licht

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    Im September des zehnten Jahres, drei Wochen nach dem Einzug in die Münchner Wohnung, lud Olivia alle ein. Das war eine seltene Geste von ihr, weil Olivia nicht der Mensch war, der einlud, der der Einladende war, der die Fäden zog und die Menschen zusammenbrachte. Das war eher Clara, oder Mia in Wien. Aber an diesem September schrieb Olivia kurze Nachrichten an alle: Clara und Alexander, Mia und ihr Mann, Isabella, die eigens aus Berlin anreiste, Lena, die aus Berlin fuhr, Felix und Marcus, die das erste Mal in Olivias Haus waren. Sie schrieb: Ich möchte euch alle sehen. Kommt am Samstag. Mehr stand nicht in den Nachrichten. Kein Anlass. Keine Erklärung. Nur: Ich möchte euch alle sehen. Kommt am Samstag. Alle kamen. Emma Lena kam aus Wien, mit Mia und ihrem Mann, und sie war jetzt zwei Jahre und sieben Monate alt und sie kannte alle Menschen in dem Raum bei Namen, weil Mia ihr die Menschen bei Namen gezeigt hatte, täglich, auf Fotos und in Gesprächen, sodass Emma Lena die Familie

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