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Kapitel 3

Author: Bunny
last update publish date: 2026-06-22 18:40:46

Claras POV

Das Penthouse sah nicht wie ein Gefängnis aus.

Genau das war das Beunruhigendste daran.

Ich hatte kalten Beton erwartet. Stahltüren. Bewaffnete Männer an jeder Ecke.

Stattdessen bekam ich einen Ausblick, der sich vom Boden bis zur Decke über die gesamte Stadt erstreckte. Sanfte Beleuchtung, die alles in goldenes Licht tauchte. Möbel, die mehr gekostet hatten, als meine Eltern in zehn Jahren zusammen verdient hatten. Und eine Aussicht so weit und hoch, dass die Straßen unter mir wie eine völlig andere Welt wirkten.

Wahrscheinlich war genau das der Sinn der Sache.

Vom Hauptraum führte ein weiterer Flur ab.

„Dort ist das Badezimmer“, sagte Adrian und deutete darauf. „Im Kleiderschrank findest du Kleidung. Nimm, was dir passt.“

„Wem gehören die Sachen?“

Er zögerte.

Nur ganz leicht.

„Niemandem mehr, der sie noch braucht.“

Ich fragte nicht weiter.

Ich war mir nicht sicher, ob ich die Antwort überhaupt wissen wollte.

Ich stand mitten im Wohnzimmer.

Meine Haare tropften auf den Marmorboden.

Meine Füße waren kalt.

Mein Rucksack hing noch immer über meiner Schulter, weil ich ihn nicht absetzen wollte.

Es fühlte sich an, als würde ich zustimmen zu bleiben.

Hinter den Glasfronten glitzerte die Stadt.

Wunderschön.

Gleichgültig.

Gewaltig.

„Du hast gesagt, ich bin keine Gefangene.“

„Bist du auch nicht.“

„Also kann ich gehen.“

„Kannst du.“

Er hatte mir den Rücken zugewandt.

Die Jacke hatte er ausgezogen.

Er ging zu einer Bar am anderen Ende des Raumes.

„Du kannst jetzt sofort durch diese Tür gehen, mit dem Aufzug nach unten fahren und hingehen, wohin du möchtest. Ich werde dich nicht aufhalten.“

„Aber?“

Ohne zu fragen, ob ich etwas wollte, schenkte er zwei Gläser mit einer dunklen Flüssigkeit ein.

„Aber die Leute, die heute Nacht in dein Zimmer eingebrochen sind, kennen dein Gesicht. Sie kennen deinen Campus. Sie kennen deine Gewohnheiten.“

Er stellte eines der Gläser auf die Arbeitsplatte in meiner Nähe.

„Und sie wissen, dass du nicht dort warst, als sie kamen. Das bedeutet, sie wissen, dass du geflohen bist. Und das bedeutet, dass sie nach dir suchen werden.“

Er sah mich an.

„Ja, du kannst gehen. Ich sage dir nur, was draußen auf dich wartet.“

Ich hasste es, dass er recht hatte.

Wirklich hasste.

Ich ging quer durch den Raum und nahm das Glas nur deshalb in die Hand, damit ich etwas hatte, woran ich mich festhalten konnte.

Ich nahm einen Schluck.

Whiskey.

Guter Whiskey.

Die Art, die weich und warm hinuntergeht, statt zu brennen.

Das hasste ich ebenfalls.

„Wer ist sie?“, fragte ich. „Isabella. Diesmal will ich eine Antwort.“

Eine Weile sagte er nichts.

Dann nahm er sein eigenes Glas, drehte sich zu mir um und lehnte sich gegen die Bar.

Er sah mich an wie auf dem Campusweg.

Als wäre ich eine Frage, auf die er keine Antwort hatte.

„Sie war jemand, der mir etwas bedeutete“, sagte er schließlich. „Vor vier Jahren war sie acht Monate lang Teil meines Lebens. Dann war sie weg.“

„Weg im Sinne von gegangen oder weg im Sinne von ...“

„Weg im Sinne von tot.“

Seine Stimme war flach.

Hart.

„Sie ist tot. Und es war meine Schuld.“

Der Raum wurde still.

Sehr still.

„Das tut mir leid“, sagte ich.

Und ich meinte es ernst.

Obwohl ich keinen von beiden kannte.

Die Überraschung zeigte sich kurz in seinem Gesicht.

Offenbar hatte er nicht erwartet, von mir Mitgefühl zu hören.

Dabei hatte ich ihm in der letzten Stunde mindestens zweimal gesagt, dass ich ihn hasste.

„Was hast du all die Jahre gemacht, dass du in diese Geschichte hineingeraten bist?“, fragte er.

„Heute Nacht war das erste Mal, dass mich jemand so genannt hat. Bis du ihren Namen ausgesprochen hast, wusste ich nicht einmal, wer Isabella ist.“

Etwas veränderte sich in seinem Gesicht.

„Niemand hat dich jemals angesprochen? Niemand außerhalb deines normalen Lebens? Nichts Merkwürdiges? Niemand vor dieser Woche?“

„Nein“, sagte ich langsam. „Warum?“

Sein Blick blieb etwas zu lange auf mir ruhen.

Dann drehte er sich wieder zum Fenster und sah hinaus auf die Stadt.

„Kein besonderer Grund. Ich versuche nur, die zeitliche Abfolge zu verstehen.“

Er log.

Nicht offensichtlich.

Nicht dramatisch.

Aber ich kannte Menschen, die sorgfältig auswählten, was sie sagten und was sie verschwiegen.

Die kleine Pause.

Der Blick, der einen Sekundenbruchteil zu früh auswich.

Da war etwas.

Etwas, das er mir nicht erzählte.

„Adrian.“

Er drehte sich um.

„Was verschweigst du mir?“

„Eine Menge Dinge.“

„Aber nichts, was du heute Nacht wissen musst.“

„Das entscheide ich selbst.“

Etwas in seinem Blick erinnerte beinahe an Respekt.

„Du wirst viele Entscheidungen treffen“, sagte er.

„Aber diese nicht. Noch nicht.“

Ich wollte weiterbohren.

Wollte ihn so lange drängen, bis das Geheimnis ans Licht kam.

Doch ich war müde.

Tief in meinen Knochen müde.

Ich stand mitten in einem fremden Penthouse.

Durchnässt.

Mit einem Glas Whiskey in der Hand.

Weit nach Mitternacht.

Morgen würde noch genug Zeit zum Streiten bleiben.

Ich trank den Rest des Whiskeys aus und stellte das Glas ab.

„Wo schlafe ich?“

Ohne ein Wort zu sagen, stieß er sich von der Bar ab und ging den Flur entlang.

Ich folgte ihm.

Am Ende öffnete er eine Tür und trat zur Seite, damit ich eintreten konnte.

Das Zimmer war groß.

Still.

Ein breites Bett mit dunkler Bettwäsche.

Eine Lampe, die bereits gedimmt brannte.

Und wieder eine ganze Wand aus Glas, hinter der sich die Stadt ausbreitete.

„Das Schloss ist innen“, sagte er von der Tür aus. „Wenn es dir hilft, benutze es.“

„Das werde ich.“

Fast lächelte er.

Fast.

„Gute Nacht, Clara.“

Es war das erste Mal, dass er meinen richtigen Namen benutzte, ohne dass ich ihn ihm vorher genannt hatte.

Und aus irgendeinem Grund fühlte es sich anders an, als ich erwartet hatte.

Er zog die Tür hinter sich zu.

Ich war allein.

Langsam atmete ich aus.

Dann ging ich zum Fenster.

Ich legte meine Hand gegen das Glas und blickte hinaus auf die Stadt.

All diese Lichter.

All diese Straßen.

All diese Menschen dort unten, die keine Ahnung hatten, was über ihren Köpfen geschah.

Ich dachte an den Tracker.

An die Männer, die meine Tür eingetreten hatten.

An den Namen in roter Tinte.

An den Mann, der nur einen Flur entfernt war.

Und an Isabella.

Fort.

Tot.

Bevor ich mich selbst davon abhalten konnte, zog ich mein Handy hervor.

Ich öffnete den Browser.

Dann tippte ich ihren Namen ein.

Isabella Moretti.

Die Ergebnisse erschienen sofort.

Meist alte Nachrichtenartikel.

Vier Jahre alt.

Kurz.

Sorgfältig formuliert.

Die Art von Berichten, die über die Tragödien mächtiger Familien geschrieben werden.

Ich überflog die Schlagzeilen.

Dann fand ich ein Foto.

Ich starrte es sehr lange an.

Mein Magen zog sich zusammen.

Die Frau auf diesem Bild sah aus wie ich.

Nicht ähnlich.

Nicht beinahe.

Sie sah aus wie die Frau auf dem Foto, das meine Mutter verbrannt hatte, als sie mir sagte, dass ich keine Familie mehr hätte.

Ich ließ das Handy sinken.

Meine Hand zitterte.

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