LOGIN„Was, wenn ich es könnte?“ Leo neigte den Kopf leicht zur Seite. „Was tun könnte?“ „Was, wenn ich es schaffen könnte? Was, wenn ich den Mut dazu hätte?“ Ihr Blick wich keinen Millimeter von seinem ab. Sie wollte eigentlich wegsehen, aber sie wollte unbedingt hart wirken. Sie hatte auf diesem Gebiet ohnehin schon eine schlechte Bilanz vorzuweisen, und sie wusste, dass es ihr keinen Gefallen tun würde, den Blick abzuwenden. Also hielt sie seinem Blick stand. Leo wusste, dass das, was er gleich tun würde, vollkommen verrückt war, aber diese Frau faszinierte ihn. Er war ehrlich genug mit sich selbst, um das zuzugeben. Sie war völlig anders als die Frauen, die er sonst traf. Und vielleicht war genau das der Grund, warum ihn ihr Angebot, für ihn zu arbeiten, so faszinierte. Er war neugierig. Was würde sie für ihn tun? Wie weit würde sie gehen? Es war ein furchtbarer Gedanke, aber er war schließlich kein guter Mensch, oder etwa doch?
View More„Und, was sagst du?“, fragte Susan Jordan – von Familie und Freunden meist Suzy genannt – ihre Mutter, während sie sich mit einem breiten Lächeln im Gesicht im Wohnzimmer umdrehte.
Ihre Tochter war außer sich vor Freude, das konnte Elizabeth Jordan deutlich sehen. Wie sollte sie da irgendetwas Negatives sagen? Außerdem gab es selbst dann, wenn sie gewollt hätte, absolut nichts an der Wohnung auszusetzen, die sich ihre Tochter ausgesucht hatte. Die Wohnung war perfekt. Nicht zu teuer, sodass sie keine Probleme haben würde, die Miete aufzubringen. Sie war zwar nicht riesig, aber geräumig genug für ihre Bedürfnisse und nur eine Stunde vom Elternhaus entfernt. Sie wusste, dass Susan schon immer in den entwickelteren und aufregenderen Teil der Stadt ziehen wollte, und nun war der Moment endlich gekommen. Susan starrte ihre Mutter jetzt an, doch ihr Lächeln hatte sich in ein Stirnrunzeln verwandelt. „Stimmt etwas nicht damit?“, fragte sie, offensichtlich verwirrt über das Schweigen ihrer Mutter. „Ich dachte, sie gefällt dir.“ „Tut sie auch!“, antwortete Elizabeth schnell, trat auf ihre Tochter zu und nahm ihre Hand in die ihre. „Versprochen, das tut sie. Ich war nur für einen Moment in Gedanken versunken. Hast du eigentlich eine Ahnung, wie sehr ich dich vermissen werde? Erst dein Bruder und jetzt du … Ich freue mich für dich, aber ich darf dich doch wohl vermissen, oder?“ Erleichterung blitzte in Susans Augen auf und ihr Lächeln kehrte zurück. „Ich werde dich auch vermissen, Mama. Aber ich werde dieses Jahr siebenundzwanzig, ich glaube, es ist an der Zeit, dass ich ausziehe. Wir wissen beide, dass ich das schon vor Jahren hätte tun sollen.“ Susan musste ihrer Mutter die Gründe dafür nicht erklären, denn beide wussten, dass der einzige Grund für Susans Rückzug ins Elternhaus nach dem College gewesen war, dass sie ihre Mutter nach dem schrecklichen Tödlichen Autounfall ihres Vaters nicht alleine lassen wollte. Da sie wusste, wie tief sich ihre Eltern geliebt hatten, hatte sie sich große Sorgen um ihre Mutter gemacht und war geblieben. Doch jetzt, fünf Jahre später, wagte sie endlich diesen großen Schritt. Es passierte zwar viel später als bei ihren Gleichaltrigen, aber das machte Susan nichts aus, und sie bereute ihre Entscheidung nicht, bei ihrer Mutter geblieben zu sein. „Außerdem“, fügte Susan hinzu und zwinkerte ihrer Mutter zu, „glaube ich nicht, dass du mich so sehr vermissen wirst. Du hast doch jetzt Mr. Williams, der dir Gesellschaft leistet.“ Sie grinste, als ihre Mutter verlegen den Blick wandte. Ihre Mutter hatte Luke Williams vor vier Monaten kennengelernt, und zwei Monate später hatten die beiden angefangen, sich zu treffen. Luke Williams war ein netter älterer Herr Anfang sechzig, der viel lächelte und darauf bestand, dass sie ihn einfach Luke nannte. Es war zwar anfangs merkwürdig gewesen, ihre Mutter mit jemand anderem als ihrem Vater zu sehen, aber sie hatte sich daran gewöhnt, sobald sie Luke besser kennengelernt hatte. Ihre Mutter war glücklich, und das war das Einzige, was zählte. „Es ist völlig in Ordnung, dass du jemanden triffst, Mama“, fuhr sie fort, als sie den Gesichtsausdruck ihrer Mutter sah. „Papa ist jetzt seit fünf Jahren tot, und ich glaube, er würde wollen, dass du dein Leben lebst und glücklich bist. Ich freue mich auch riesig für dich, aber ich glaube, das ist noch ein Grund mehr, warum ich ausziehen muss.“ „Ich glaube nicht, dass dein Bruder das genauso sieht“, sagte ihre Mutter. „Er scheint Luke nicht besonders zu mögen.“ „Er ist eben Sam“, erwiderte Susan. „Du weißt doch, wie er ist, also überrascht mich das nicht. Er ist immer wegen irgendetwas verärgert, aber er wird sich schon wieder einkriegen. So, es wird langsam spät, warum machst du dich nicht auf den Heimweg? Den Rest der Kisten schaffe ich schon alleine.“ Nachdem ihre Mutter gegangen war, saß Susan in ihrem neuen Wohnzimmer und starrte auf die restlichen Kartons, die über den ganzen Boden verteilt waren. Sie fing praktisch ein neues Leben an, und sie freute sich darauf. Es war beängstigend und aufregend zugleich, aber genau so sollte es doch sein, oder? Was konnte da schon schiefgehen? Susan Jordan arbeitete als Immobilienmaklerin – nicht unbedingt, weil es ihr Traumjob war oder weil sie es liebte, sondern weil es ihre Rechnungen bezahlte. Die meisten Menschen glaubten, dass das, womit man seinen Lebensunterhalt verdiente, etwas sein musste, das man liebte, aber Susan gehörte nicht zu diesen Menschen. Sie hasste ihren Job nicht, aber sie machte sich auch nichts vor. Der einzige Grund, warum sie diesen Job hatte, war, dass sie erwachsen war. Erwachsene hatten Rechnungen zu bezahlen, und da sie nun endlich alleine wohnte, bedeutete das, dass sie noch mehr Rechnungen zu begleichen hatte. Wenn sie die Zeit für einen Zweitjob gehabt hätte, hätte sie ihn angenommen. Aber sie arbeitete fast jeden Tag in der Woche, und zwischen der Arbeit im Büro und den Besichtigungsterminen mit Kunden blieb ihr schlichtweg keine Zeit. Die Wochenenden und freien Tage waren für sie selbst reserviert; diese verbrachte sie mit Besorgungen, Lesen und dem Fitnessstudio. Heute Abend war sie auf dem Heimweg von der Arbeit, fuhr aber zuerst zum Haus ihres Bruders. Samuel Jordan, ihr Bruder, war drei Jahre älter als Susan und war nach dem Tod ihres Vaters in die Rolle des Mannes im Haus geschlüpft. Samuel wusste, dass es seine Verantwortung war, für seine Mutter und seine Schwester zu sorgen, und er tat das nach besten Kräften. Doch vor einigen Monaten begann Susan zu ahnen, dass etwas mit ihrem Bruder nicht stimmte. Er kam kaum noch zu Besuch, und meistens konnte man ihn nur telefonisch erreichen. Selbst jetzt, eine Woche nachdem sie in ihre neue Wohnung gezogen war, war Samuel noch nicht vorbeigekommen. Alles, was er ihr geschickt hatte, war eine SMS gewesen – und das sah ihm überhaupt nicht ähnlich. Als sie nun zu der Zweizimmerwohnung fuhr, die er bewohnte, wusste sie, dass es ihm nicht gefallen würde, dass sie unangekündigt vorbeikam, aber das war ihr egal. Sie hatte ihren Bruder seit Wochen nicht gesehen, und ihre Mutter fing ebenfalls an, sich Sorgen zu machen. Sein Auto stand in der Einfahrt, als sie ankam, aber dort stand auch noch ein anderer schwarzer Wagen, den sie nicht kannte – und Susan konnte schon beim bloßen Hinsehen erkennen, dass er teuer war. Sich fragend, wessen Gesellschaft ihr Bruder wohl gerade genoss, stieg sie aus und steuerte auf die Haustür zu. Die Tür öffnete sich genau in dem Moment, als sie die Hand hob, um anzuklopfen, und Susan starrte plötzlich in die Augen eines Mannes, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Er war riesig, trug seine Haare am Hinterkopf zu einem Männerdutt gebunden und sah aus, als würde er sehr viel Zeit im Fitnessstudio verbringen. Sein Outfit ließ ihn noch furchteinflößender wirken: Er trug eine schwarze Hose und eine schwarze Lederjacke und starrte sie an, als hätte sie eine sehr wichtige – oder geheime – Besprechung unterbrochen. Susan erwiderte seinen Blick und schluckte schwer. Schon beim bloßen Anblick dieses Mannes wusste sie, dass er Ärger bedeutete. Er war niemand, in dessen Nähe sie sein wollte, und sie wollte ihn genauso wenig in der Nähe ihres Bruders wissen. Doch er stand genau hier in Samuels Haus, und sie musste einfach wissen, ob mit ihrem Bruder alles in Ordnung war.Langsam stieg er auf die Füße. „Was für eine reizende Idee“, atmete er, während sich seine dunklen Brauen zusammenzogen und er ihr hektisch errötetes Gesicht und ihre Miene voller fester Entschlossenheit studierte. Dann stahl er einen flüchtigen Blick hinab auf die schmale Golduhr an seinem Handgelenk. Er bedachte sie mit einem deutlich angespannten Lächeln. „Leider befürchte ich, dass du gewählt hast-----“„Ich konnte es einfach nicht abwarten, bis du nach Hause kommst“, fiel Susan ihm fieberhaft ins Wort; sein Blick auf die Uhr war ihr keineswegs entgangen und diente nur dazu, ihre Anspannung auf neue Höhen zu treiben.Seine schwarzen Wimpern senkten sich tiefer über seine aufmerksamen, dunklen Augen, während sich deutliche Verwunderung in seine Erstarrung grub. „Worauf nicht warten?“, fragte er mit einem trostlosen Mangel an Verständnis.Susan gab den Gedanken an ein langsames, verführerisches Hüftwiegen auf und warf ihren Mantel ab, um seine Aufmerksamkeit zu fesseln. „Ich konnte
Erschüttert von dem Sturm, den sie entfacht hatte, und der Rauheit seines angespannten Tonfalls, starrte sie ihn an, aufgefressen vor Schmerz.„Warum?“, wiederholte Leo erbittert.Weil ich dich liebe…, wollte sie sagen.„Und du hängst zu jeder Tageszeit nur an Sophie. Sie hustet einmal, und du kannst gar nicht schnell genug bei ihr sein!“, stieß Leo zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Trotz der Tatsache, dass wir ein Kindermädchen mit mehreren willigen Helfern haben, installierst du ein Babyphone und steigst aus meinem Bett, um zu ihr zu gehen! Ich bin dir nicht einmal halb so wichtig. Soll das etwa so sein?“Völlig überrumpelt musterte Susan ihn mit geschockten Augen. Offensichtlich wurde das Babyphone in ihrem Schlafzimmer als eine Art ultimative Beleidigung angesehen. Glaubte er etwa, sie würde Sophie erdrücken? War es das, was er sagen wollte? Dass sie Gefahr lief, eine dieser schrecklichen Gluckenmütter zu werden, von denen man las?„Es tut mir leid, wenn du denkst, dass
Leo brauchte Sex so wie sie die Luft zum Atmen brauchte, und diese Bedürfnisse mussten im ehelichen Bett gestillt werden. Sie war nur ein Körper, und falls irgendetwas nötig gewesen wäre, um das zu beweisen, so tat es sein Schweigen. In dieser mutigen neuen Beziehung, die sie versuchten, waren Lügen nicht mehr zulässig, also gedachte Leo nicht, ihr zu erzählen, wie hinreißend unwiderstehlich sie war. Sie war attraktiv genug, um ihn zu erregen, aber das war auch schon die Spitze ihrer Anziehungskraft, und bei einem Mann, der so körperlich war wie Leo, brauchte es vielleicht nicht einmal so viel… vielleicht fantasierte er einfach über jemand anderen. Ein erstickter Schluchzer entkam ihr.Er stieß sie mit deutlicher Gewalt von sich fort. Ihre Augen schnellten auf, als er die Bettdecke zurückwarf und aus dem Bett sprang.„Leo… du hast das missverstanden!“Er wirbelte herum und bedachte sie mit einem ungläubigen Blick.„Ich habe an etwas anderes gedacht… Es war nicht – ich meine…“, stammel
Susan wachte mitten in der Nacht auf, um zu duschen und nach Sophie zu sehen, woraufhin sie wieder ins Bett ging. Als sie am Morgen erwachte, tanzten kleine Männchen in ihrem pochenden Kopf herum.Glücklicherweise hatte sie nicht genug Alkohol getrunken, um ihr einen schweren Kater zu bescheren, stellte sie elend fest, aber sie war immer noch etwas müde. Sie glitt aus dem Bett und nahm einen alles andere als geraden Weg ins Badezimmer. Eine Dusche würde dafür sorgen, dass sie sich besser fühlte. Sie kam gerade aus dem Badezimmer, eingewickelt in ein Handtuch, bleich wie ein Geist und von rasendem Durst geplagt, als sie Leo bemerkte.„Oh nein“, murmelte sie. „Nicht jetzt.“Leo füllte den Türrahmen aus. Sie weigerte sich, ihn anzusehen, und konzentrierte sich auf seine Füße. „Solltest du nicht irgendwo arbeiten sein oder so?“, flüsterte sie.„Es ist Samstag.“„Ich dachte, du gehst jeden Tag arbeiten.“Er hatte jedenfalls keine Tage zu Hause verbracht. Ihr getrübter Blick wanderte seine






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