ANMELDENDer Kerker roch nach Eisen und feuchtem Stein.
Vor drei Tagen war Lyra Moonveil noch eine Prinzessin gewesen. Jetzt saß sie auf dem kalten Boden, die Handgelenke über ihrem Kopf an Ketten gefesselt. Das Wolfsbann brannte schwach auf ihrer Haut und hielt sie schwach und schmerzhaft wach.
Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie schon dort unten war, und ehrlich gesagt war es ihr egal. Eine Prinzessin, die von ihrer eigenen Familie zu einer Gefangenen gemacht worden war.
Zwei Paar Schritte hallten den Gang entlang. Ihr Körper spannte sich an, noch bevor sie die beiden sah.
Wie hatte sie nur nie bemerken können, dass sie zusammen besser aussahen? Ihr Herz war an diesem Punkt einfach müde. Einen weiteren Herzschmerz konnte sie nicht mehr ertragen.
Selene betrat den Kerker zuerst, als käme sie zu Besuch in ihr Gemach und nicht in ein Verlies. Cassian folgte ihr, sein Gesichtsausdruck war unlesbar.
Einen Moment lang sagte niemand etwas.
Dann lächelte Selene.
„Du bist wach“, sagte sie sanft. „Ich fing schon an zu glauben, ein Messer in die Schulter würde reichen, um dich loszuwerden.“
Lyras Stimme klang heiser, bereits gebrochen.
„…Und jetzt?“
Selene legte den Kopf leicht schief.
„Das, was ich schon vor langer Zeit hätte tun sollen.“
Lyra starrte Cassian fest an, doch er erwiderte ihren Blick nicht.
„Cassian“, sagte sie leise. „Das kann nicht real sein.“
Selene antwortete stattdessen.
„Es ist sehr real, Schwester. Du wurdest vom Thron gestoßen.“
„Das ist der Palast meines Vaters“, flüsterte sie. „Ich trage das Zeichen der Führung.“
Selene lachte leise.
„Das war der Palast deines Vaters. Das ist ein gewaltiger Unterschied.“
Sie trat näher und ging vor Lyra in die Hocke.
„Wenn die Thronerbin fort ist – was für eine Tragödie. Aber das Leben geht weiter, nicht wahr?“ Langsam verzogen sich ihre Lippen zu einem Lächeln. „Dein Verlobter wird eben stattdessen regieren.“
Lyra zerrte an den Ketten. Es war zwecklos, doch Panik stieg in ihr auf.
„Eli würde das niemals zulassen. Wo ist er?“
Selene schwieg einen kurzen Moment, bevor sie schlicht sagte:
„Er ist tot.“
Die Worte erreichten Lyra nicht sofort.
Sie erstarrte.
„Was …?“, flüsterte sie. „Du hast deinen eigenen Bruder getötet?“
Cassian sprach zum ersten Mal. Seine Stimme war ruhig und tief.
„Er starb durch die Hand eines Wächters.“
Lyra sah ihn an, als hätte sie ihn noch nie zuvor gesehen. Unglaube lag über ihren Zügen.
„Durch die Hand deines Wächters“, sagte sie. „Du hast ihn getötet.“
Cassian widersprach nicht. Sein Blick senkte sich leicht.
Lyras Stimme brach. Sie konnte immer noch nicht begreifen, was geschah.
„Du wolltest mich heiraten.“
Selene trat näher.
„Sei nicht albern, kleine Schwester. Hast du es immer noch nicht verstanden?“ Sie lächelte. „Dabei ging es nie um dich. Es ging um das Rudel.“
„Um das Rudel?“, wiederholte Lyra. „Du hast aus meiner Verlobung ein Massaker gemacht. Du hast dein eigenes Volk getötet.“
Selenes Augen verhärteten sich.
„Das Königreich starb unter Vaters Schwäche“, sagte sie. „Cassians Vater starb ebenfalls wegen dieser Schwäche. Ich habe uns gerettet.“
Lyra wandte sich scharf zu Cassian.
„Ist das der Grund?“, fragte sie. „Wegen deines Vaters?“
War das also alles? dachte sie, während sich die Enttäuschung tief in ihr festsetzte.
„Sollte ich dabei irgendetwas empfinden?“, überlegte sie. „Du hast mir auch meinen Vater genommen.“ Ihre Stimme wurde lauter. „Und jetzt meinen Bruder.“
Lyra starrte die beiden an und wartete auf irgendetwas. Auf Reue. Auf einen Anflug von Bedauern.
Doch da war nichts.
Ihre Kehle zog sich zusammen.
„Also war das niemals Liebe“, flüsterte sie.
Endlich begriff sie den Verrat.
Zum ersten Mal flackerte etwas über Cassians Gesicht.
„Was hatte Eli getan?“, fragte sie, während ihr Herz schmerzte und ihr Blick Selene traf.
„Jeder, der mir im Weg steht, muss beseitigt werden.“ Selene zuckte gelassen mit den Schultern. „Mitgefühl erschafft keine Imperien. Macht schon.“
Lyra blickte ungläubig zwischen ihnen hin und her. Ihre Stimme war plötzlich ruhiger.
„Und jetzt?“
Sie wiederholte die Frage.
Selene antwortete ohne zu zögern.
„Du bist ein loses Ende, um das man sich kümmern muss.“
Lyras Atem verlangsamte sich, als ihr plötzlich etwas einfiel.
„Mutter …“, flüsterte sie.
„Sie lebt, liebste Schwester. Ich würde doch nicht meine ganze Familie töten.“ Selene lachte leise. „Ich bin kein Monster.“
Ein Hauch Erleichterung durchströmte Lyra. Wenigstens war ihre Mutter in all dem in Sicherheit.
Selene wandte sich leicht zum Tor.
„Der Übergang hat bereits begonnen“, sagte sie. „Das Südliche Rudel wird ohne einen Herrscher instabil sein. Der Rat wird Zeit brauchen, um zu entscheiden, was übrig bleibt.“
Lyras Augen verengten sich.
„Wovon sprichst du?“
Cassian trat einen Schritt vor und sprach endlich deutlich.
„Du kannst nicht hierbleiben“, sagte er. „Nicht nach allem, was geschehen ist.“
„Wirst du mir auch ein Schwert durch die Brust stoßen?“
Jedes ihrer Worte tropfte vor Gift.
Selene lächelte langsam und boshaft, während Cassian leise ausatmete.
„Du wirst verkauft.“
Lyra wurde vollkommen regungslos.
Langsam schüttelte sie den Kopf.
Selene nickte einmal, Belustigung lag in ihrem Gesicht.
„Wolltest du nicht Frieden? Wir schicken dich los, um Frieden mit dem Nördlichen Rudel zu schließen.“
Einen Moment lang reagierte Lyra überhaupt nicht.
Dann lachte sie leer.
„Ich werde also wie ein Stück Besitz verkauft“, murmelte sie leise vor sich hin.
Cassians Stimme wurde leiser.
„Nur so überlebst du, Ly.“
Sie zuckte zusammen, als sie den Kosenamen hörte. Selene trat erneut näher.
„Du bist zu gefährlich, um dich hier zu lassen“, sagte sie. „Und der liebe Cassian möchte nicht, dass du getötet wirst.“
Langsam senkte Lyra den Kopf, während die Ketten über ihr leise knarrten. Ein selbstverurteilendes Lächeln hob ihre Lippen.
„Ist das Mitleid?“, fragte sie.
„Nein, Lyra. Das ist mein Hochzeitsgeschenk für meinen Verlobten.“ Selene lächelte grausam. „Du wirst bereits im Norden sein, wenn die Hochzeitsglocken läuten.“
Für einen Moment stockte Lyra der Atem, während Cassian den Blick abwandte. Sie spürte, wie ihr Herz gefror, als sie beide ansah.
„Ihr habt euch bereits entschieden“, sagte sie langsam nickend. „Ich verstehe.“
Selene wandte sich zum Gehen.
„Macht sie bereit“, befahl sie den Wachen draußen. „Sie wird vor Sonnenaufgang fortgebracht.“
Plötzlich sprach Lyra erneut.
Sie erhob ihre Stimme nicht.
„Ich habe dich geliebt“, sagte sie leise. „Mit meinem ganzen Herzen.“
Ihr Blick glitt zu ihrer Schwester.
„Ich wäre bereit gewesen, den Thron aufzugeben, wenn du mich einfach nur darum gebeten hättest.“
Wut flammte in Selenes Gesicht auf.
„Warum hätte ich betteln sollen?“, schrie sie. „Es war mein Recht! Ich bin das erste Kind!“
Lyra antwortete nicht.
Es war fast, als hätte sie sie überhaupt nicht gehört.
„War alles von Anfang an nur ein Spiel?“, murmelte sie leise vor sich hin.
Selene lachte kalt.
„Von dem Moment an, als er dir den Antrag machte, war alles geplant.“
Ihr Lächeln wurde breiter.
„Während du töricht verliebt auf ihn gewartet hast, teilte er mein Bett.“
Cassian schwieg.
Lyra lächelte schwach.
„Dann verkauft mich“, sagte sie leise. „Und betet, dass ich eure Gesichter vergesse.“
Selene schnaubte verächtlich und verließ schließlich den Kerker.
Cassians Blick traf ihren, und zum ersten Mal wurde Lyra klar, dass sie den Mann, der vor ihr stand, nie wirklich gekannt hatte.
War das Traurigkeit in seinen Augen?
Innerlich schnaubte sie.
Nein.
Es war Spott.
Sie war eine solche Närrin gewesen.
Einen Moment lang blieben sie einfach so stehen. Er beobachtete sie, während ihr kalter Blick auf seinem Gesicht ruhte.
„Du solltest mich töten“, flüsterte sie.
Er sagte nichts.
Er drehte ihr einfach den Rücken zu und ging fort.
Die Ketten klirrten, als die Wachen auf sie zugingen.
Lyra leistete keinen Widerstand.
Und als sich die eisernen Fesseln schmerzhaft um ihre Handgelenke schlossen, schloss sie die Augen und flüsterte in den leeren Kerker:
„Du hättest mich töten sollen … denn wenn ich zurückkomme, um meinen Thron zurückzuholen, werde ich jeden Einzelnen von euch mit ihm begraben.“
Die Luft in dem stillen Raum war schwer und trug noch immer den Nachhall des Moments, der gerade vergangen war.Darius hatte seine Hand von Lyra’s Mund genommen, doch ihre Haut brannte noch immer dort, wo sein Daumen über ihre verletzte Lippe gestrichen hatte.Sie blieb direkt vor ihm stehen, ihr Atem stockte in ihrer Kehle, aus Angst, dass sie mit der kleinsten Bewegung den seltsamen Waffenstillstand zerstören könnte, der zwischen ihnen eingekehrt war.Seit dem Tag, an dem sie als namenlose Sklavin in den Norden gebracht worden war, hatte sie Darius nur als den Alpha gekannt.Er war distanziert, kalt und einschüchternd. Ein unnahbarer Herrscher, dessen Wort absolutes Gesetz war, jemandem sie gehorchen musste, wenn sie weiterleben wollte.Und doch hatte er sie heute Abend berührt, als bestünde sie aus dünnem Glas, das unter dem geringsten Druck zerbrechen könnte.Doch was sie noch mehr erschreckte, war das dunkle, beschämende Gefühl, das sich tief in ihrer Brust zusammenrollte.Sie ha
Sieben Tage.Sieben Tage im Silbernen Schleier, um seinen Kopf freizubekommen.Fort vom Hof. Fort von den endlosen Streitigkeiten.Darius hatte seinen Wolf unter den Wäldern des Tieflands frei laufen lassen, wo die silbergrünen Bäume dicht wuchsen und die Luft mild und warm war. Keine Politik.Nur meilenweites, offenes Land, auf dem Wölfe rennen konnten, ohne auch nur eine andere Seele zu sehen. Er war mit Elira dorthin gegangen, zurück in ihre Heimat und an den Ort, an dem seine eigene Mutter geboren worden war.Zum ersten Mal seit Monaten hatte er sich erlaubt, einfach zu existieren, ohne Alpha Darius zu sein.Er dachte, es hätte funktioniert.Und alles, was es brauchte, war ein einziger Blick auf sie, damit er erkannte, dass diese sieben Tage nutzlos gewesen waren.Ein Wachmann stand im Flur über Nyra. Sie lag auf dem Boden und blutete.Sein Blick glitt langsam über sie. Blut klebte an ihrer Unterlippe. Auf ihrer Wange zeichnete sich bereits ein dunkler Bluterguss ab. Ihre Hände pr
Seit fast einer Woche waren Alpha Darius und Luna Elira aus dem Palast fort.Niemand schien genau zu wissen, wohin sie gegangen waren. Unter den Dienern wurde über Grenzstreitigkeiten, Inspektionen und Angelegenheiten geflüstert, die offenbar nur die Herrscherfamilie etwas angingen.Lyra hörte die Gerüchte, ohne ihnen viel Aufmerksamkeit zu schenken. Seit dem Morgen, an dem sie aufgebrochen waren, hatte sie keinen von beiden gesehen, und im Palast war wieder der gewohnte Alltag eingekehrt.Sechs Tage lang hatte sie diesen seltsamen Druck in ihrer Brust nicht gespürt.Sie hatte nicht dieses plötzliche Bewusstsein empfunden, das sie jedes Mal überkam, wenn einer von beiden einen Raum betrat.Ohne sie fühlte sich der Palast leichter an. Sie fühlte sich leichter. Die Arbeit ging weiter wie gewohnt. Sie hielt sich in den königlichen Hallen auf, kümmerte sich um ihre eigenen Angelegenheiten, beobachtete jedoch weiterhin alles um sich herum, denn eines Tages würde sie diesen Ort verlassen mü
Darius stand allein in der Mitte seines dunklen privaten Arbeitszimmers, sein Atem kontrolliert, schwer und unnatürlich.Die Stille des Raumes hatte ihm gewöhnlich Frieden gebracht. Heute Nacht fühlte sie sich wie eine Beleidigung an.Vor kurzer Zeit war er aus den unteren Ebenen zurückgekehrt und hatte Nyra dort zurückgelassen. Doch er war nicht in der Lage gewesen, auch nur ein einziges Dokument auf seinem schweren Eichenschreibtisch anzufassen. Stattdessen hatte er einfach vor dem erloschenen Kamin gestanden und darauf gewartet, dass sein Körper ihm wieder gehorchte.Er weigerte sich.Tief in seiner Brust lief sein Wolf rastlos hin und her und krallte sich mit einem verzweifelten, wilden Instinkt in sein Innerstes.Meine, verlangte das Tier und wiederholte diesen Anspruch immer wieder, bis das Wort in Darius’ Kopf widerhallte.Nein, dachte Darius kalt zurück und setzte seine Autorität als Alpha ein, um das Tier zum Schweigen zu bringen. Sie ist nichts. Sie ist eine menschliche Dien
Der Norden hatte die Angewohnheit, Gewalt schnell zu verschlucken.Ein paar Tage vergingen, und das Anwesen kehrte langsam zu dem Rhythmus zurück, den es gekannt hatte, bevor Blut seinen Innenhof befleckt hatte.Prinzessin Yvaine blieb im Palast. Sie hielt sich nun größtenteils in ihren Gemächern auf, ihre Anwesenheit wurde nicht länger hinterfragt. Welchen Sturm auch immer ihre Ankunft mit sich gebracht hatte, er hatte sich zu einer unbehaglichen Stille gelegt.Und wie immer ging der Norden weiter.Die Diener standen vor Sonnenaufgang auf. Feuer wurden entzündet. Mahlzeiten wurden zubereitet. Die Wachen wechselten ihre Schichten.Berichte von den Grenzen trafen ein, und territoriale Streitigkeiten, die nichts mit Blut oder Silber zu tun hatten, verlangten nach Aufmerksamkeit.Darius war das nur recht. Routine hatte etwas Beruhigendes.Seine Vormittage waren wieder von den endlosen Pflichten als Hoher Souverän erfüllt.Am späten Nachmittag war das Feuer in seinem Arbeitszimmer fast her
Das steinerne Treppenhaus hallte unter dem dumpfen, schweren Aufprall von Darius’ Stiefeln wider, während er zum unteren Innenhof hinabstieg.Gewalt selbst war nichts Neues für ihn. Er war in der brutalen, erbarmungslosen Kälte des Nordens aufgewachsen, einem Königreich, geschmiedet aus Blut, Eisen und hartem Überlebenskampf.Er hatte Männer gesehen, die auf dem Schlachtfeld in Stücke gerissen worden waren, hatte Feinde mit bloßen Händen getötet und sich im Blut des Krieges gebadet, seit er alt genug gewesen war, ein Schwert zu halten.Blutvergießen schockierte ihn nicht. Gewalt hatte einen Zweck.Was ihn erzürnte—was den dunklen, gewalttätigen Puls seines Alpha-Wolfes unter seiner Haut aufheulen ließ—war diese schiere, unerbittliche Unordnung.Als er den Torbogen erreichte, der in den Innenhof führte, versetzte ihn der Anblick vor ihm in eine noch schlechtere Stimmung.Am Tag zuvor waren die Soldaten der Delegation seines Onkels mit seinen eigenen Wachen in eine wilde, ungeordnete Sc







