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Fühlt sich anders an

Author: Favour
last update publish date: 2026-06-29 23:19:05

Fühlt sich anders an

Kapitel Vier

Ich konnte nicht auf dem Ball bleiben.

Nicht, während er mich so ansah. Nicht, während die Bindung in meiner Brust schrie, jedes Mal, wenn sich unsere Augen quer durch den Raum trafen.

Ich sagte meinen Eltern, ich brauche Luft. Wartete nicht auf Erlaubnis.

Ich schlüpfte aus dem Ballsaal. Ging einen Flur entlang. Dann noch einen.

Das Rudelhaus hatte sich verändert. Neue Flügel. Neue Gänge. Nichts kam mir vertraut vor.

Ich bog um eine Ecke und blieb stehen.

Das war nicht richtig. Der Flur war hier dunkler. Ruhiger. Privater.

Ich war zu weit gegangen.

Ich drehte mich um, um zurückzugehen.

Schritte hallten hinter mir.

Schwer. Bedächtig.

Mein Herz sprang mir in die Kehle.

Ich drehte mich langsam um.

Alpha Daemon stand am Ende des Flurs.

Allein.

Keine Isabella. Keine Gäste. Keine Zeugen.

Nur er.

Seine Augen verankerten sich in meinen. Dunkel. Intensiv.

Raubtierhaft.

„Du solltest nicht hier sein", sagte er.

Seine Stimme war leise. Rau.

Aber er kam auf mich zu.

Ich machte einen Schritt zurück. „Ich habe mich verlaufen. Ich wollte gerade gehen."

„Bleib."

Das Wort traf mich wie eine physische Kraft.

Alpha-Befehl.

Mein Körper gehorchte, bevor mein Verstand widersprechen konnte. Ich erstarrte auf der Stelle.

Meine Wölfin schnurrte. Unterwarf sich.

Nein. Nein nein nein.

Er kam weiter. Jeder Schritt bemessen. Kontrolliert.

Als würde er Beute beschleichen.

Ich zwang mich, mich zu bewegen. Wich zurück.

„Ich sollte zum Ball zurückgehen", sagte ich.

Meine Stimme klang atemlos. Schwach.

„Solltest du?"

Noch ein Schritt näher.

Ich wich weiter zurück, bis mein Rücken die Wand traf.

Nirgendwo mehr hinzugehen.

Er hielt nicht an.

Er kam direkt vor mich. Stützte seine Hände auf die Wand zu beiden Seiten meines Kopfes.

Sperrte mich ein.

Sein Körper war so nah, dass ich die Hitze in Wellen von ihm ausgehen fühlen konnte. Sein Duft umgab mich. Kiefer und Erde und etwas Dunkleres. Etwas, das meine Knie weich werden ließ.

Ich konnte nicht atmen.

Konnte nicht denken.

„Ich kann nicht aufhören, an dich zu denken", sagte er.

Seine Stimme war angespannt. Als würden die Worte gegen seinen Willen aus ihm herausgerissen.

„Seit dem Moment, als du in diesen Ballsaal getreten bist, kann ich an nichts anderes mehr denken."

„Du solltest nicht—", begann ich.

„Ich weiß." Sein Gesicht sank tiefer. Sein Atem strich über meine Lippen. „Du bist ihre Schwester. Die Schwester meiner Frau. Das ist falsch."

Falsch.

Das Wort hallte in meinem Kopf wider.

Er war mein Gefährte. Daran war nichts falsch.

Außer dass alles falsch war. Weil er es nicht wusste. Weil er jemand anderen geheiratet hatte. Weil er jetzt mein Schwager war.

Verboten.

„Dann lass mich gehen", flüsterte ich.

„Ich kann nicht."

Seine Augen suchten die meinen. Wild. Verzweifelt.

„Jedes Mal, wenn ich dich sehe, etwas in mir..." Er brach ab. Schüttelte den Kopf. „Ich fühle, als würde ich den Verstand verlieren."

Mein Herz schlug so heftig gegen meine Rippen, dass es schmerzte.

„Du musst aufhören", sagte ich.

Aber ich stieß ihn nicht weg.

Ich konnte es nicht.

Seine Hand verließ die Wand. Berührte meine Taille.

Der Kontakt sandte Elektrizität durch meinen ganzen Körper.

Ich keuchte.

Seine Finger verstärkten sich. Zogen mich näher.

„Du fühlst es auch, nicht wahr?", murmelte er.

Seine Lippen waren einen Zentimeter von meinen entfernt. Vielleicht weniger.

Ich konnte kaum klar sehen.

„Was fühlen?" Die Worte kamen gebrochen heraus.

„Das." Seine andere Hand kam hoch. Umfasste mein Kinn. Drehte mein Gesicht zu ihm. „Diesen Zug. Als würde ich dich brauchen. Als würde ich sterben, wenn ich nicht—"

Er hielt sich selbst zurück. Sein Kiefer spannte sich hart an.

„Du bist mein Schwager", sagte ich.

Die Worte schmeckten wie Asche in meinem Mund.

„Du bist mit Isabella verheiratet. Du bist ihr Mann. Ihr Gefährte."

„Ich weiß."

Aber er bewegte sich nicht.

Sein Daumen fuhr über meine Unterlippe.

Ich hörte auf zu atmen.

„Das kann nicht passieren", fuhr ich fort. Meine Stimme zitterte. „Was auch immer du zu fühlen glaubst, es ist falsch. Sie ist deine Frau. Deine Luna. Du hast sie gewählt."

„Dann warum fühlt es sich an, als hätte ich falsch gewählt?"

Die Frage zerschmetterte mich.

Ich starrte ihn an.

Seine Augen waren gequält. Zerrissen.

„Warum fühlt es sich an, als wärst du diejenige, mit der ich zusammen sein soll?", flüsterte er.

Sag es ihm. Sag ihm die Wahrheit.

Aber ich konnte nicht.

Er würde mir nicht glauben. Er würde denken, ich lüge. Manipuliere. Versuche, seine Ehe zu zerstören.

Genauso wie sie alle dachten, ich hätte versucht, Isabella zu zerstören.

„Du musst zu deiner Frau zurückgehen", sagte ich.

Meine Stimme brach bei dem Wort „Frau".

Seine Augen verdunkelten sich. „Sag mir nicht, was ich tun soll."

Reiner Alpha. Reiner Befehl.

Meine Wölfin jaulte. Unterwarf sich.

Aber ich war nicht nur meine Wölfin.

Ich hob das Kinn. Erwiderte seinen Blick. „Ich gehöre nicht mehr zu deinem Rudel. Du hast mich verbannt, erinnerst du dich? Du darfst mir keine Befehle geben."

Etwas flackerte über sein Gesicht.

Reue.

Schuld.

Schmerz.

„Warum bist du zurückgekommen?", fragte er.

„Meine Verbannung ist abgelaufen."

„Du hättest fernbleiben können."

„Vielleicht hätte ich das sollen."

Seine Hand an meiner Taille verstärkte sich. Stark genug, um Blutergüsse zu verursachen.

„Sag das nicht."

„Warum interessiert es dich?"

„Ich weiß es nicht!" Die Worte explodierten aus ihm heraus. Frustriert. Wütend. Roh. „Ich weiß nicht, warum es mich interessiert! Ich weiß nicht, warum ich nicht aufhören kann, dich anzusehen! Ich weiß nicht, warum jeder Instinkt in mir schreit, dass ich—"

Er brach ab.

Schloss die Augen.

Lehnte seine Stirn gegen meine.

Wir atmeten beide schwer. Schnell. Als wären wir gerannt.

Die Bindung zwischen uns pulsierte. Lebendig. Brennend.

„Das ist wahnsinnig", murmelte er.

„Ja."

„Du bist tabu."

„Ja."

„Ich bin verheiratet."

„Ich weiß."

Seine Nase strich über meine.

„Ich habe eine Frau."

„Ich weiß."

„Dann warum..." Seine Stimme sank zu einem Flüstern. „Warum kann ich nicht von dir weggehen?"

Ich öffnete die Augen.

Seine waren immer noch geschlossen. Sein Gesicht war von Qual verzerrt.

„Ich weiß es nicht", hauchte ich.

Seine Lippen waren so nah.

Eine Bewegung. Eine winzige Bewegung, und sie wären auf meinen.

Ich konnte ihre Hitze fühlen.

Mein Körper schrie mich an, den Abstand zu schließen.

Ihn zu küssen.

Mir zu nehmen, was mir gehörte.

Aber er gehörte mir nicht.

Nicht mehr.

Vielleicht war er es nie gewesen.

„Wir können nicht", flüsterte ich.

„Ich weiß."

Aber keiner von uns bewegte sich.

Seine Hand glitt von meiner Taille zu meinem unteren Rücken. Drückte mich gegen sich.

Ich konnte jeden Zentimeter von ihm fühlen. Hart. Stark. Perfekt.

Mein Gefährte.

Mein verbotener Gefährte.

„Nur einmal", murmelte er. „Lass mich nur—"

„Daemon? Bist du hier unten?"

Isabellas Stimme erklang von irgendwoher in der Nähe.

Wir erstarrten beide.

Seine Augen schnappten auf.

Die Realität brach herein.

Er löste sich von mir, als hätte ich ihn verbrannt.

Trat zurück.

Der Verlust des Kontakts fühlte sich an, als würde ich ein Körperglied verlieren.

„Daemon?" Isabellas Stimme war jetzt näher. „Die Rudelältesten suchen nach dir."

Sein Gesicht wurde kalt. Leer.

Die Alpha-Maske fiel zurück an ihren Platz.

„Geh", sagte er.

Seine Stimme war Eis.

„Bevor sie dich sieht."

Ich starrte ihn an.

Vor zwei Sekunden war er noch an mich gedrückt. Flüsterte davon, mich zu brauchen.

Jetzt sah er mich an, als wäre ich nichts.

Als wäre ich ein Fehler.

„Geh", wiederholte er.

Schritte. Kamen näher.

Ich rannte.

Den Flur entlang. Um eine Ecke. Durch eine Seitentür.

Ich hielt nicht an, bis ich draußen war. In den Gärten. Allein.

Ich presste meine Hand auf meine Brust.

Die Bindung war immer noch da. Immer noch brennend.

Wollte ihn immer noch.

Ich hörte Stimmen von drinnen. Isabellas Lachen. Seine tiefe Antwort.

Spielten das perfekte Paar.

Während ich hier draußen im Dunkeln stand.

Die versteckte Schwester.

Die vergessene Gefährtin.

Die Verbotene.

Ich schloss die Augen.

Das war jetzt mein Leben.

Zusehen, wie er jemand anderen liebte.

Mir etwas wünschen, das ich nie haben konnte.

Mein Schwager.

Mein Gefährte.

Meine Strafe.

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