Mag-log in
Ich wusste schon früh, dass mein Blut anders war.
Nicht wegen der Geschichten, die man sich am Feuer zuflüsterte. Nicht wegen der Titel, die man mir verlieh, lange bevor ich sie verstehen konnte. Sondern wegen der Art, wie die Welt auf mich reagierte. Menschen senkten den Blick, ohne zu wissen warum. Wölfe hielten Abstand, selbst jene, die sonst keine Furcht kannten. Und die Alten im Rudel – jene, die mich seit meiner Geburt kannten – begegneten mir mit einer Mischung aus Stolz, Vorsicht und etwas, das ich erst später als Respekt erkannte. Ich war die Tochter des Alphas. Und ich war mehr als das. Man nannte mich Alphaprinzessin. Ein Wort, das schwerer wog als jede Krone. Es klang nach Macht, nach Zukunft, nach Verantwortung. Für mich jedoch fühlte es sich an wie ein Käfig aus Gold. Schön anzusehen. Unnachgiebig in seinen Stäben. Ich wurde nicht erzogen wie andere. Meine Kindheit war Training. Meine Jugend Disziplin. Meine Freiheit ein Konzept, über das andere entschieden. Ich befand mich in der Ausbildung zur Königin. Jede meiner Bewegungen wurde beobachtet. Jede Entscheidung bewertet. Jeder Fehler notiert. Man lehrte mich, wie man führt, wie man befiehlt, wie man tötet, wenn es nötig war. Stärke war Pflicht. Kontrolle Gesetz. Gefühle… ein Risiko. Und doch hörte mein Körper nicht immer auf Regeln. Ich war trainiert wie eine Kriegerin – stark, schnell, präzise. Mein Geist geschärft für Strategie, mein Instinkt ausgelegt auf Dominanz. Aber unter der Oberfläche brodelte etwas Ungezähmtes. Etwas Altes. Etwas, das nicht in Lehrbücher passte und sich nicht wegtrainieren ließ. Ein inneres Drängen, das stärker wurde, je mehr man versuchte, es zu unterdrücken. Man sagte mir, ich müsse lernen, mein Verlangen zu beherrschen. Nicht nur das nach Macht – sondern das nach Bindung. Denn eine Alphafrau durfte nicht wählen wie andere. Sie wurde gebunden. Oder sie zerbrach daran. Nachts träumte ich von Hitze unter meiner Haut. Von einem Geruch, den ich nicht kannte, der mir aber vertrauter war als mein eigener Atem. Ich wachte auf mit beschleunigtem Puls, mit angespannten Muskeln, mit einem Ziehen tief in mir, das nichts mit Angst zu tun hatte und alles mit Hunger. Kein körperlicher Hunger. Ein instinktiver. Roh. Fordernd. Mein Vater nannte es eine Phase. Die Ältesten nannten es Vorzeichen. Ich nannte es eine Qual. Denn ich wusste: Was auch immer mich rief, es war nicht erlaubt. Nicht geplant. Nicht kontrollierbar. Ich war dazu bestimmt, stark zu sein. Unabhängig. Unantastbar. Und doch spürte ich, dass mein Schicksal nicht allein mir gehörte. Tagsüber trug ich die Maske der perfekten Erbin. Aufrechter Gang. Ruhige Stimme. Kühle Autorität. Männer beugten das Knie, Frauen musterten mich mit Neid oder Ehrfurcht. Niemand sah, wie sehr mein Körper auf Nähe reagierte. Auf Präsenz. Auf Macht, die meiner ebenbürtig war. Ich war nicht gemacht für Unterordnung. Aber auch nicht für Einsamkeit. Der Gedanke an einen Gefährten war tabu, solange meine Ausbildung nicht abgeschlossen war. Liebe – echte, rohe Bindung – galt als größte Gefahr von allen. Eine Schwäche, die ein ganzes Rudel zu Fall bringen konnte. Doch mein Blut widersprach. Bei jeder Trainingseinheit, bei jedem Kampf, bei jedem Sieg spürte ich es stärker. Dieses Wissen. Diese Gewissheit. Dass irgendwo da draußen etwas existierte, das mir ebenbürtig war. Etwas, das mich nicht beugen wollte – sondern fordern. Ich fragte mich oft, ob mein Vater Angst hatte. Nicht um mich. Sondern um das, was geschehen würde, wenn ich fand, was ich suchte. Oder wenn es mich fand. Denn eine Alphakönigin mit Gefährtenbindung war keine Spielfigur. Sie war eine Naturgewalt. Und tief in mir wusste ich: Das Schicksal hatte bereits begonnen, mich zu rufen. Ich konnte es riechen. Noch nicht klar. Aber nah genug, um mich wachzuhalten.Die Nacht legte sich schwer auf die Halle der Schwüre, wie ein schwarzer Vorhang, der das Licht verschluckte. Lyra spürte jeden Atemzug von Riven, jede Bewegung der Bestie, die unter seiner Haut lauerte. Das Band pulsierte stärker als je zuvor, ein unsichtbares, vibrierendes Netz aus Macht und Instinkt, das sie alle miteinander verband. Die Prüfungen des Königs hatten nicht nur ihre körperlichen Fähigkeiten auf die Probe gestellt, sondern ihr Vertrauen, ihre Geduld und die Kontrolle über das Band selbst.Sie stand in der Mitte der Halle, der Blick auf den König gerichtet, der auf seinem Thron saß wie ein Schatten aus Stahl. Die Fackeln flackerten, als wollten sie die Dunkelheit noch dichter machen. Jeder Schritt, den Lyra wagte, jeder Atemzug, wurde von der Bestie analysiert, von Riven gespürt und von ihr gelenkt. Es war ein Tanz aus Kontrolle und Instinkt, der nur funktionieren konnte, weil sie bereit war, mehr als nur ihre Angst zu akzeptieren.„Ihr habt das erste Spiel überlebt“, b
Die Halle war still, nur das Knistern der Fackeln und das entfernte Tropfen von Wasser hallte über den kalten Steinboden. Lyra spürte, dass die Ruhe trügerisch war. Jeder Atemzug konnte ihr letzter sein, jeder Herzschlag verriet Angst, die der König gnadenlos ausnutzen würde. Die Bestie in Riven war wach, lauernd, wie ein Schatten hinter seinem Atem. Lyra konnte die Welle der Instinkte spüren, die durch ihn floss – das Band reagierte sofort, pulsierte unter ihrer Haut, als hätte es die Gefahr bereits gerochen, bevor sie selbst sie wahrgenommen hatte.Ein Diener trat aus dem Schatten, schleppte einen schweren Krug. Das Geräusch von Metall auf Stein ließ die Luft vibrieren. Lyra erkannte sofort das Ritual: Blutopfer. Ein uraltes Zeichen der Loyalität, das der König verlangte, um Macht und Gehorsam zu prüfen.„Alphaprinzessin Lyra“, sagte der Diener und neigte sich leicht. „Du musst das Ritual vollziehen.“Lyra blieb stehen. Ihre Hand zitterte nicht. Nicht aus Angst, sondern aus wilder,
Die Halle war noch immer erfüllt vom Nachhallen der Worte des Königs. Doch die Stille war trügerisch. Jeder Schatten, jedes Flackern der Fackeln konnte ein Signal sein, ein Zeichen von Verrat, ein verstecktes Messer. Lyra spürte die Bestie in Riven wie nie zuvor. Sie reagierte auf kleinste Bewegungen, auf den Herzschlag der Wachen, auf die unsichtbaren Schwingen des drohenden Chaos.„Bereit?“ flüsterte Riven. Seine Stimme war rau, knapp, doch hinter dem Ton lag das Wissen um die Gefahr. Seine Finger zuckten leicht, als wollte die Bestie jederzeit losbrechen.Lyra nickte, ihre Hand fest an seiner. Sie spürte die pulsierende Macht des Bandes. Nicht nur Verbindung – Kontrolle und Vertrauen, eine gefährliche Mischung. Jeder Schritt vorwärts fühlte sich wie ein Balanceakt auf einer Messerklinge an.Der König trat zurück, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Eure erste Aufgabe“, verkündete er, „ist nicht zu fallen – physisch oder geistig. Die Fallen sind zahlreich, die Illusionen tücki
Die Halle der Schwüre wirkte größer und bedrohlicher, als Lyra es je in Erinnerung gehabt hatte. Hochgewölbte Decken aus dunklem Holz, durchzogen von Runen, die das flackernde Licht der Fackeln aufsogen, ließen jeden Schritt hallen, als ob die Wände selbst atmeten. Sie spürte sofort, dass dies kein Ort für einfache Rituale oder höfische Höflichkeiten war – dies war ein Reich der Macht, der Kontrolle und der Urteile.Riven folgte dicht hinter ihr. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt wie ein gespannter Bogen. Die Bestie unter seiner Haut lag wachsam, ihre Sinne jede Bewegung in der Halle abtastend. Es war nicht nur die Wachen und der König, die sie beobachteten – die Bestie spürte jede Absicht, jeden Schatten, jedes verborgene Urteil. Lyra konnte die Spannung in ihm fühlen und ließ sich dennoch nicht einschüchtern.Am Ende der Halle stand der König selbst. Seine Präsenz war überwältigend, als er reglos hinter dem Thron stand. Die Krone glänzte matt im Fackelschein, ein Symbol d
Der König erwachte nicht schweißgebadet.Er tat das nie.Er öffnete die Augen in vollkommener Ruhe, als hätte etwas ihn gerufen, nicht erschreckt. Die Halle war still, das Feuer niedergebrannt, die Wachen ahnungslos. Doch tief unter seiner Brust lag ein Ziehen, alt und vertraut.Etwas hatte sich verschoben.Er setzte sich auf, langsam, würdevoll. Legte die Hand auf den geschnitzten Arm des Thrones neben dem Bett – uraltes Holz, getränkt mit den Schwüren vergangener Alphas.„Sie lebt“, sagte er leise.Nicht fragend.Feststellend.Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit der Halle. Der Späher kniete sofort.„Ja, Majestät. Und… sie ist nicht allein.“Der König verzog keine Miene.„Das war sie nie.“Er stand auf, trat barfuß über den kalten Stein. Jeder Schritt kontrolliert. Jeder Gedanke scharf. „Der Herrenlose?“Ein Zögern. Kaum wahrnehmbar.„Er lebt. Aber… anders.“Das ließ den König innehalten.„Erkläre.“Der Späher schluckte. „Die Bestie hat gehorcht.“Stille.Dann ein leises, gefä
Das Blut war längst getrocknet, doch das Gefühl blieb.Lyra saß allein am Rand der Lichtung, die Knie angezogen, die Hände im feuchten Laub. Riven schlief ein paar Schritte entfernt – erschöpft, notdürftig versorgt, sein Atem schwer, aber regelmäßig. Die Bestie ruhte ebenfalls. Zumindest oberflächlich.Doch in Lyra war etwas wach.Es war kein Gedanke. Kein fremder Wille.Es war ein Echo.Als sie die Augen schloss, sah sie nicht Dunkelheit, sondern Tiefe. Ein innerer Raum, weit und roh, als hätte jemand einen Teil von ihr geöffnet, den es gestern noch nicht gegeben hatte. Und dort war sie.Die Bestie.Nicht als Gestalt. Nicht als Monster.Als Präsenz.Du hast gerufen, vibrierte es.Nicht gesprochen. Erkannt.Lyra sog scharf die Luft ein. Ihr Herz schlug schneller – nicht vor Angst, sondern vor Klarheit. „Ich habe nicht befohlen“, dachte sie. „Ich habe gehalten.“Ein kurzes Innehalten.Dann etwas, das sich anfühlte wie… Zustimmung.Bilder flackerten auf. Keine Erinnerungen, sondern Empf







