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Kapitel 278

Author: Chloe Laurent
Aidens Perspektive

Sobald die Kinder schliefen, saßen wir auf der Feuertreppe.

Am Montag redeten wir. Am Dienstag schwiegen wir meistens. Am Mittwoch erzählte Rosie von einem Bild, an dem sie arbeitete. Sie beschrieb weniger das Motiv als die Stimmung, die sie einfangen wollte. Ich hörte zu, wie sie selbst anderen zuhörte. Mit meiner ganzen Aufmerksamkeit. Ohne mich einzumischen. Sie brauchte keinen Rat. Nur jemanden, bei dem sie ihre Gedanken aussprechen konnte.

Ab Donnerstag verbrachte sie die
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    Rosalies PerspektiveEin Dienstag im August. Ich war im achten Monat. Im hinteren Büro der Galerie war es ungefähr vier Grad zu warm. Die Klimaanlage auf dieser Seite des Gebäudes machte seit Wochen Schwierigkeiten. Die Hausverwaltung versprach eine Reparatur. Geschehen war bisher nichts.Ein Ventilator stand auf dem Schreibtisch. Ich arbeitete die Nachrichten ab, die sich während meiner längeren Atelierphasen ansammelten. Das kam regelmäßig vor. Delia nahm es mit Geduld. Sie entwickelte ein System für diese Rückstände und vertraute darauf, dass es funktionierte.Ich folgte ihrer Reihenfolge. Organisatorisches. Auftragsanfragen. Eine Galerie in Toronto mit Interesse an einer Ausstellung. Fragen zweier Journalisten. Eine Rechnung zur Freigabe.Dann eine Nachricht mit einem einzelnen Sternchen. Delias Zeichen für etwas, das meine volle Aufmerksamkeit brauchte.Ein Museum.Ich las die Betreffzeile zweimal.Dann öffnete ich die Mail.Den Namen der Kuratorin kannte ich. Wir begegneten uns n

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    Aidens PerspektiveDiesen Mut brachte sie auf.Jeden Tag versuchte sie es wieder.Ich dachte lange darüber nach.Ich wollte ihr nicht sagen, dass ich die Zeilen sah. Nicht, um etwas vor ihr zu verbergen. Aber dann ging es sofort um meinen Blick in ihr Tagebuch. Darum, ob ich früher wegsehen musste. Um die Verletzlichkeit privater Gedanken, die plötzlich jemand anderes kannte.Das war nicht das, worauf ich mich gerade konzentrierte.Mich beschäftigte die Wahrheit in ihren Worten.Ganz neu war sie nicht. Manchmal sah ich Rosies Vorsicht. Wie sie mich beobachtete. Die Stimmung prüfte. Eine Antwort noch einen Moment abwog, bevor sie sie an sich heranließ. Bei Dingen, auf die sie längst vertraute, gab es dieses kurze Zögern nicht mehr.Ich bemerkte es.Aber ihre Handschrift gab dem, was ich wahrnahm, eine neue Klarheit.Sie hielt keine Befürchtung fest. Sie beschäftigte sich mit etwas, das tatsächlich geschah.„Er ist geblieben. Ich lerne noch immer, daran zu glauben.“Nicht: „Ich weiß nich

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    Aidens PerspektiveAn einem Donnerstagmorgen entdeckte ich es.Rosie arbeitete seit sechs im Atelier. Ich weckte die Kinder, machte Frühstück und überließ Alessandro meinem Schwiegervater, der eine Woche bei uns blieb. Lucy ging zur Schule. Ich räumte die Küche auf.Auf dem Tisch lag Rosies Tagebuch.Offen.Das passierte gelegentlich. Sie schrieb und musste mitten im Gedanken aufhören, weil jemand sie brauchte. Dann blieb es liegen. Aufgeschlagen bei ihrem letzten Eintrag.Ich stapelte die Teller.Dabei fiel mein Blick auf eine Zeile.Ich hielt inne.Ich las nicht den ganzen Eintrag. Nur die Worte, die ich bereits aufnahm, bevor mir bewusst wurde, dass ich las.„Er ist geblieben. Jedes Mal, wenn ich damit gerechnet habe, dass er geht. Weil Menschen eben gehen. Weil ich über die Jahre gelernt habe, genau das zu erwarten. Er ist geblieben. Ich lerne noch immer, daran zu glauben. Er ist geblieben.“Ich stellte die Teller ab.Einen Moment sah ich auf die Seite. Dann schloss ich das Buch vo

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    Rosalies Perspektive„Sie ist angekommen“, sagte Sofia und sah noch einmal zu „Die Rückkehr“. „Das erkennt man an ihrem Gang. Sie weiß, dass das Licht da ist. Sie sucht nicht mehr danach. Sie geht darauf zu.“Ich sagte nichts.Dann verabschiedete sie sich.Als die Tür hinter ihr zufiel, blieb ich allein in der Galerie.Ihre Worte gingen mir nach. „Sie sucht nicht mehr danach. Sie geht darauf zu.“Seit zehn Jahren malte ich dieselbe Frau. Ich wusste, was in diesen Bildern steckte. Die Suche. Das Streben nach etwas. Die Entschlossenheit einer Frau, die an das Licht glaubte, auch wenn sie es noch nicht sehen konnte. So verstand ich diese Gestalt. So malte ich sie.Sofia sah etwas anderes. Gewissheit. Eine Frau, die ihr Ziel kannte und darauf zuging. Sie musste nicht mehr herausfinden, ob es existierte.Ich setzte mich wieder ins Büro.Den Zeitplan für den Auftrag ließ ich liegen. Stattdessen dachte ich über Sofias Worte nach.Ankommen bedeutete nicht, stehen zu bleiben. Das ahnte ich seit

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    Rosalies PerspektiveSie kam an einem ruhigen Dienstagnachmittag im Juli.Im hinteren Büro prüfte ich den Zeitplan für meinen Auftrag. Mit der verlängerten Frist lag ich wieder gut. Delia erledigte am Empfang die Ablage. Dienstags machte sie das immer. Die Tür ging auf. Eine Begrüßung. Die Antwort einer jungen Frau. Ich sah wieder auf meinen Kalender.Zehn Minuten später stand Delia in der Bürotür.„Eine Besucherin hat Fragen zu deinen Bildern. Sie steht schon länger vor ‚Die Rückkehr‘. Hast du Zeit?“Ich war im siebten Monat und saß seit zwei Stunden. Aufzustehen verlangte inzwischen etwas Planung. Trotzdem erhob ich mich und ging hinaus.Die Frau stand vor dem Bild. Sie sah wirklich hin. Diesen Unterschied erkannte ich inzwischen. Manche Menschen schlenderten durch die Räume. Andere blieben und ließen sich auf ein Gemälde ein.Sie wirkte Anfang zwanzig. Die abgetragene Tasche und das Notizbuch unter ihrem Arm ließen mich an eine Studentin denken.Als sie meine Schritte hörte, drehte

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    Rosalies PerspektiveDraußen begann ein gewöhnlicher Morgen.Ich betrachtete die kleine Studie auf meinem Schreibtisch.Dann sah ich zu „Die Rückkehr“ an der Wand.Eine Frau auf dem Weg zum Licht. Seit Jahren malte ich sie. In Türöffnungen. An Fenstern. Auf dunklen Wegen. Den größten Teil meines Erwachsenenlebens hielt ich mich selbst auf diesen Bildern fest, ohne es so zu nennen. Eine Frau, die irgendwo ankommen wollte.Die Studie war anders. Keine Gestalt. Kein Weg auf etwas zu. Nur Licht. Es fiel nicht auf jemanden. Es war selbst das Motiv.Noch verstand ich nicht, was das bedeutete. Das musste ich auch nicht. Meistens kam das Verständnis später. Zuerst entstand das Bild.Ich legte den Pinsel hin.Dann ging ich in die Küche.Aiden sah auf. Er schnitt etwas für Alessandros Frühstück klein. Seit einiger Zeit übernahm er die Morgenroutine allein. Inzwischen entwickelte er dafür ein verlässliches eigenes System.„Wie lief’s?“„Gut.“ Ich setzte mich. Alessandro prüfte mich kurz und widme

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