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Chapter 6

Author: Blexyn
last update publish date: 2026-07-11 03:47:58

KAPITEL SECHS: WAS DIE TOTEN HINTERLIESSEN

Nico setzte sich nicht. Er lief zweimal die Länge des Büros auf und ab, die Hände durch die Haare fahrend, bevor er schließlich in seine Jacke griff und einen kleinen Schlüssel herauszog, an den Kanten glatt vom vielen Benutzen, so einer, der zu etwas Altem und längst Vergessenem gehört.

„Den habe ich in Mamas Sachen gefunden,“ sagte er. „Vor ungefähr acht Monaten. Ich habe nichts gesucht, ich habe nur das Lager geräumt, weil Papa wollte, dass der Mietvertrag gekündigt wird. Er war in das Futter ihres guten Mantels eingenäht, dem marineblauen, den sie zu Beerdigungen trug.“

Sera starrte den Schlüssel an, als könnte er die Fragen von selbst beantworten. „Ein Schlüssel wofür?“

„Ein Schließfach in der Innenstadt. Nicht eines von Papas. Keines, von dem jemand in der Familie wusste.“ Nicos Kiefer arbeitete. „Es hat mich drei Monate gekostet, mich zu überwinden, es zu öffnen.“

„Und?“

„Da war ein Tagebuch. Mamas Handschrift, die fast zweiundzwanzig Jahre zurückreichte.“ Er setzte sich endlich, ließ sich auf den Stuhl ihr gegenüber fallen, als hätte das Gewicht der Worte endlich seine Beine eingeholt. „Sera, sie hat über die Nacht geschrieben, in der Bianca Castellano starb. Sie schrieb, dass sie dort gewesen war.“

Der Raum schien sich um sie zu verengen. Sera hörte ihren eigenen Puls, bevor sie ihre eigene Stimme hörte. „Wie dort? Mama hat doch nicht mit Papas Geschäften zu tun gehabt, sie ist nie in die Nähe der Docks oder Lagerhäuser gekommen.“

„Sie war nicht in den Lagerhäusern. Sie war bei einem Abendessen. Einem Abendessen, zu dem Bianca sie eingeladen hatte, eine Woche vor dem Unfall, weil sie wohl Freunde geworden waren. Richtige Freunde, Sera, nicht die höfliche Art von Freundschaft, die die Ehefrauen rivalisierender Familien vortäuschen.“ Nicos Stimme war rau geworden. „Mama schrieb, dass Bianca ihr in jener Nacht etwas erzählt hat. Etwas, das Bianca in den Büchern ihres Mannes gefunden hatte. Etwas über Geldbewegungen zwischen beiden Familien, die weder Papa noch Salvatore genehmigt hatten.“

„Jemand hat unterschlagen.“

„Jemand hat Schlimmeres getan als unterschlagen.“ Nico schüttelte den Kopf langsam. „Mama schrieb, dass Bianca eine Woche später tot war, und sie hat immer geglaubt, dass es kein Zufall war, dass jemand herausgefunden hatte, dass Bianca die Bücher gesehen hatte, und beschlossen, dass sie ein Problem war, das gelöst werden musste, bevor es einen der Dons erreichte.“

Seras Hände waren in ihrem Schoß eiskalt geworden. „Du meinst, jemand in unserer eigenen Organisation hat Bianca Castellano getötet. Nicht Papa. Nicht die Castellanos. Jemand anderes, der seit zwanzig Jahren in beiden Häusern verborgen lebt.“

„Ich glaube, es ist noch schlimmer,“ sagte Nico leise, und etwas an der sorgfältigen, vorsichtigen Art, wie er es sagte, ließ ihr den Magen sinken, noch bevor er den Satz beendet hatte. „Weil drei Seiten später, in einem Eintrag, der weniger als einen Monat vor ihrem Tod datiert ist, Mama schrieb, dass sie endlich herausgefunden hatte, wer es war. Sie schrieb einen Namen, Sera. Und dann, zwei Wochen nach diesem Eintrag, war sie tot — an einem Herzen, das bei ihrer letzten Untersuchung sechs Monate zuvor von jedem Arzt für gesund befunden worden war.“

Die Uhr an der Wand tickte in der Stille so, wie sie in Papas Arbeitszimmer getickt hatte in der Nacht, in der dieser ganze Alptraum begonnen hatte, alltäglich und gleichzeitig ungeheuer.

„Wer,“ flüsterte Sera. „Welchen Namen hat sie geschrieben?“

Nico antwortete nicht sofort. Er griff wieder in seine Jacke und zog dieses Mal eine zusammengefaltete, brüchige Seite heraus, das Papier an den Knicken weich vom ständigen Auf- und Zumachen einer Person, die den Mut gesammelt hatte, es einem anderen Menschen zu zeigen.

„Ich wollte es nicht einfach sagen,“ sagte er. „Ich wollte, dass du es in ihrer Handschrift liest. Damit du weißt, dass ich mir das nicht ausdenke, und damit du es so glaubst, wie ich es acht Monate lang für mich glauben musste.“

Er hielt die Seite hin. Seras Hand zitterte, als sie sie nahm, und für einen Moment betrachtete sie einfach die vertraute, schwungvolle Handschrift einer Mutter, von der sie noch manchmal träumte, eine Mutter, die sie begraben hatte, während sie an die naheliegendste Erklärung glaubte, ein schlechtes Herz, Pech, nichts Düstereres als die Biologie, die schließlich ihre Rechnung einfordert.

Sie las die erste Zeile. Dann die zweite. Bei der dritten war ihr Blick so verschwommen, dass sie blinzeln musste, um weiterzulesen, und als sie den Namen am unteren Rand der Seite erreichte, zweimal geschrieben, als hätte ihre Mutter ihn selbst sehen müssen, um ihn zu glauben, fühlte Sera, wie etwas in ihrer Brust sauber in zwei Hälften brach.

„Das ist nicht möglich,“ sagte sie. „Nico, das ist nicht möglich, er steht seit vor meiner Geburt an Papas Seite, er saß vor drei Nächten am Tisch, er war derjenige, der überhaupt die Frage wegen Bianca gestellt hat, warum sollte er sein eigenes Geheimnis in einem Raum voller bewaffneter Männer aus beiden Familien offenbaren?“

„Weil es der klügste Zug wäre,“ sagte Nico finster. „Denk darüber nach, Sera. Wenn er derjenige ist, der das zwanzig Jahre lang verborgen hat, dann ist das Sicherste, was er tun kann, die lauteste Stimme zu sein, die die Wahrheit fordert. Niemand verdächtigt den Mann, der die Frage laut stellt. Alle verdächtigen den Mann, der schweigt.“

Sera sah wieder auf die Seite, auf Russos Namen in der Handschrift ihrer toten Mutter, und fühlte, wie der Boden unter allem, woran sie über die Geschichte ihrer Familie geglaubt hatte, so heftig kippte, dass sie sich an die Schreibtischkante klammern musste, um nicht umzufallen.

„Wir können es Papa nicht sagen,“ sagte Nico hastig, bevor sie etwas entgegnen konnte. „Noch nicht. Nicht, bis wir verstehen, was das bedeutet, und nicht, bis wir wissen, ob Russo Leute hat, die uns beobachten, denn wenn Mama das gefunden hat und zwei Wochen später gestorben ist, werde ich mit derselben Information nicht leichtsinnig sein.“

„Er war im Restaurant,“ sagte Sera langsam und dachte es durch, während der Schrecken tiefer sickerte. „Er hat auf Caprio gezeigt. Er hat Caprio genannt, um sich selbst zu schützen, nicht wahr. Er hat ihnen jemanden gegeben, dem sie die Schuld in die Schuhe schieben können, damit niemand weiter in seine Richtung gräbt.“

„Das denke ich auch.“

„Dann weiß Caprio vielleicht gar nichts. Er könnte ein Mann sein, der für ein Verbrechen sterben soll, das jemand anders begangen hat, während der wirkliche Mörder jeden Tag neben meinem Vater steht und ihn Freund nennt.“

Nicos Gesicht war papierfarben geworden. „Da ist noch etwas,“ sagte er, und Sera fühlte, wie ihr Magen erneut zusammenzog, weil sie törichterweise geglaubt hatte, es könne nichts Schlimmeres mehr in dieser gefalteten Seite stehen.

„Was.“

„Der letzte Eintrag im Tagebuch handelt nicht von Bianca, oder Russo, oder den Büchern.“ Er schluckte schwer. „Er handelt von der Hochzeit. Deiner Hochzeit, Sera. Mama schrieb es fünf Jahre, bevor Papa jemals Salvatore Castellano den Vorschlag machte. Sie schrieb, dass sie aus irgendeiner nicht näher benannten Quelle gehört hatte, dass die einzige Art, wie eine der beiden Familien dieses Ende erreichen würde, irgendwann durch eine Heirat ihrer Kinder sein würde. Und sie schrieb, dass, falls es jemals dazu kommen sollte, du vorsichtig sein müsstest, weil die Person, die Biancas Tod orchestriert hat, die Hochzeit als die größte Bedrohung sehen würde, damit ihr Geheimnis für immer begraben bleibt.“

Sera starrte ihren Bruder an; das Büro um sie herum war plötzlich sehr klein und sehr kalt. „Du willst mir sagen, Mama hat das fünf Jahre zuvor vorausgesagt.“

„Ich sage dir, Mama wusste, dass jemand genau auf dieses Ergebnis wartet. Eine Hochzeit, die schließlich die Bücher beider Familien unter ein Dach bringen würde, wo jeder mit Zugang irgendwann finden könnte, was Bianca gefunden hat.“ Nicos Hände zitterten jetzt, und er war kein Mann, bei dem das leicht geschah. „Sera, ich glaube, die Hochzeit ist nicht nur ein Waffenstillstand gegenüber Russo. Ich glaube, sie ist ein Countdown. Und ich glaube, er hat schon entschieden, was er dagegen tun wird.“

Bevor Sera antworten konnte, vibrierte ihr Telefon einmal auf dem Schreibtisch, der Bildschirm leuchtete mit einer neuen Nachricht auf, und als sie es umdrehte, wurde ihr Blut augenblicklich, ganz und gar kalt.

Es kam von derselben unbekannten Nummer wie zuvor. Dante.

Sag deinem Bruder, er soll nicht in alten Kisten graben, stand da. Manche Dinge, die zwanzig Jahre tief begraben sind, liegen aus einem Grund dort — und ich bin nicht der Einzige, der weiß, dass er den Schlüssel gefunden hat.

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