FAZER LOGINVeras SichtDie Worte verblassten nicht. Sie brannten in dem weißen Licht, das sich unter unseren Stiefeln ausbreitete, geduldig auf eine Weise, die sich schlimmer anfühlte als jede Drohung, die Augustins Klingen geboten hatten, denn eine Klinge wollte etwas Einfaches. Dies wollte eine Antwort.„Wählt erneut", las Maren laut vor, ihre Stimme unsicher. „Was soll ich erneut wählen. Ich habe heute Nacht genau einmal gewählt, und das war, eine Treppe hinaufzusteigen."„Vielleicht meint es genau diese Wahl", sagte Ilona und trat näher an den Rand des Lichts, achtsam, nicht hineinzutreten. „Oder vielleicht meint es etwas Älteres. Etwas, das den ersten Trägerinnen abverlangt wurde, bevor eure beiden Linien überhaupt existierten, um die Last zu erben." Sie sah Sabine an. „Die Geschichte deiner Großmutter. Sagte sie, was geschieht, wenn die Wiedervereinigung als unwürdig gerichtet wird."Sabines Gesicht hatte die Farbe alter Asche angenommen. „Sie sagte, der Wächter zerstöre nicht, was er rich
Veras SichtDer Boden riss diesmal nicht auf. Er atmete, ein einziges, langes, bebendes Ausatmen, das sich durch die Sohlen meiner Stiefel bis in meine Zähne fortpflanzte, und jeder Kämpfer in diesem Kreis, Augustins Reiter eingeschlossen, taumelte im selben Augenblick, Klingen vergessen, Fackeln flackerten niedrig, als hätte etwas Gewaltiges gerade die Luft selbst tief in seine Lungen gezogen.„Das ist nicht das dritte Siegel", sagte Maren, ihre Stimme dünn geworden vor Grauen. „Das ist unter dem dritten Siegel. Was auch immer sie unter dem vergraben haben, was sie vergraben haben."Drakes Hand fand meine Taille, stützte mich ebenso sehr wie sich selbst, seine Schulter schloss sich noch immer unter zerrissenem Stoff, feucht von trocknendem silbernem Licht. „Vera. Was immer das ist, es klingt nicht, als wollte es gefunden werden."„Nein, tut es nicht", sagte ich und spürte, wie die Quelle in mir sehr still wurde, so wie ein kleines Tier still wird beim Geräusch von etwas weit Größerem
Veras SichtDas Geräusch von einem Dutzend Klingen, die gleichzeitig aus ihren Scheiden fuhren, hätte das Lauteste in diesem Kreis sein sollen. War es nicht. Das Lauteste war das tiefe, anschwellende Summen unter meinen Rippen, dem augenblicklich ein identisches Summen unter Marens Rippen antwortete, Gold und Kupfer, die quer durch den kleinen Raum, der uns noch trennte, nacheinander griffen, und für einen schwebenden Herzschlag rührte sich keine von uns beiden, beide zu überrumpelt von dem plötzlichen, drängenden Sog, um etwas anderes zu tun, als zu spüren, wie es geschah.„Nicht", sagte Ilona scharf und trat vor, trotz ihres eigenen Alters und ihrer Erschöpfung, stellte sich halb vor Sabine, als zählten alte Rivalitäten plötzlich weniger als die Gefahr, die von allen Seiten näherrückte. „Was immer ihr beide gerade fühlt – lasst es nicht von selbst zu Ende kommen. Genau das will Augustin. Er will, dass ihr so verängstigt seid, dass ihr nacheinander greift, ohne es zu wählen."„Sie ha
Veras POV„Drittes Siegel", sagte ich und wandte mich wieder Maren zu. „Es gab immer nur zwei Türen. Ophiras Loge und diese hier. Ferris übersetzte Schwesterlinien, im Plural, aber niemand hat je von einer dritten gesprochen."„Weil niemand, der noch lebte, wissen sollte, dass sie existiert." Marens kupferne Augen waren nicht vom nahenden Fackellicht gewichen, und ihre Stimme war gesunken, jetzt drängend, entkleidet des Staunens, das sie Momente zuvor noch erfüllt hatte. „Ihr beide wart nur dazu bestimmt, einander zu finden. Meine Linie und deine. Die dritte war tiefer begraben als wir beide, bewacht von Menschen, die überhaupt nicht wollten, dass sie gefunden wird, weder sanft geweckt noch mit Gewalt geweckt. Gefunden."„Bewacht von wem", fragte Drake, bereits in Bewegung, seinen Körper zwischen das Fackellicht und uns beide schiebend, ohne scheinbar darüber nachzudenken, der alte Instinkt inzwischen so tief in ihn eingeprägt, dass ich bezweifelte, dass er es selbst bemerkte.„Ich ke
Veras POVDie Stille dehnte sich so lange, dass ich spürte, wie Drake neben mir sein Gewicht verlagerte, nicht Richtung Rückzug, nur Richtung Bereitschaft, jene besondere Sparsamkeit der Bewegung, die er trug, wenn eine Bedrohung ihre Gestalt noch nicht offenbart hatte.„Niemand hat mich das gefragt", sagte die Stimme schließlich, und etwas in ihrer heiseren Schärfe hatte sich erweicht, noch immer wachsam, aber nicht mehr nur wachsam. „In drei Generationen. Niemand hat mich gefragt, was ich will. Sie fragten, was ich war. Sie fragten, was ich in mir trug. Meine eigenen Schwestern fragten, was es sie kosten würde, wenn ich falsch erwachte. Niemand fragte, was ich wollte."„Ich frage jetzt", sagte ich und trat näher an den Bogen heran, nah genug, dass der versalzte Boden kalt unter meinen Stiefeln knirschte, nah genug, dass ich spürte, wie das Summen unter dem Stein wieder einsetzte, diesmal sanfter, eher neugierig als warnend. „Mein Name ist Vera Holt. Ich trage die Thornwell-Linie. Vo
Veras POVDer Horizont bebte nicht einfach nur. Er riss auf, eine lange, tiefe Bruchlinie, die sich über die versalzene Ebene ausbreitete wie Eis, das unter einem Gewicht nachgibt, das keiner von uns sehen konnte, und die Pferde schrien und scheuten alle gleichzeitig, sechs Reiter kämpften im selben Augenblick um die Kontrolle, während Ilonas Pferd allein vollkommen still stand, als wüsste es, so wie seine Reiterin es wusste, dass Flucht nicht helfen würde.„Haltet sie", rief Drake und lenkte sein eigenes Pferd bereits zwischen meines und den sich weitenden Riss, und ich spürte, tief unter den Rippen, wie die Quelle emporschoss, um dem zu begegnen, was von unten antwortete, drängend, hungrig, froh.„Sie versucht nicht, uns zu verletzen", rief Ilona über die Pferde hinweg. „Sie versucht, Vera zu erreichen. Je näher wir heranreiten, desto lauter wird deine Gegenwart für sie, und sie hat drei Generationen unter der Erde verbracht, ohne etwas anderes zum Zuhören als die Stille. Sie kennt







