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Author: Helsa
last update publish date: 2026-07-01 11:44:27

JAMIN

Irmina Rathenau.

Der Name traf mich wie ein Faustschlag in den Magen.

Irmina Rathenau – die Tochter von Senator Volkbert Rathenau. Dem größten Feind meines Vaters. Dem Mann, den die irische Mafia am liebsten tot sehen würde.

Ich war nur Sekunden davon entfernt gewesen, das eine Mädchen zu küssen, das ich niemals anfassen durfte.

Und jetzt, da ich wusste, wer sie war, klang „darf nicht“ plötzlich lächerlich.

„Alter“, flüsterte Madeus mir mit gesenkter Stimme zu. „Die mit den pinken Haaren ist Senator Rathenaus Tochter.“

Ich warf ihm einen scharfen Blick zu und bedeutete ihm stumm, die Klappe zu halten.

Das war weder der richtige Moment noch der richtige Ort, um meinen Vater einzuweihen. Die letzte Nacht würde ich mit ins Grab nehmen. Wenn Pops davon erfuhr, würde ich entweder zur Belastung oder zur Waffe werden – und keines von beiden gefiel mir.

Mein Vater schnippte mit den Fingern. Madeus, Kari und ich folgten ihm zu dem wartenden schwarzen SUV. Die Crew sprang heraus und öffnete die Türen, doch ich blieb zurück und fuhr mir mit der Hand in den Nacken.

„Pops, ist es okay, wenn ich hierbleibe?“

Madeus und Kari wechselten einen schnellen Blick.

Mein Vater drehte sich um und musterte mich mit verengten Augen. „Alles in Ordnung, Junge?“

Ich nickte und ließ die Hand sinken. „Ja. Die Kirche … macht mich einfach nachdenklich, weißt du.“

Die Erinnerung an meine Mutter als Ausrede zu benutzen fühlte sich beschissen an, aber es war das Einzige, das bei ihm immer zog.

„Geh ruhig. Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Ethelwyn war eine gottesfürchtige Frau. Männer wie wir verdienen keinen Frieden, aber wir können beten, dass sie ihn gefunden hat.“

Sobald der SUV um die Ecke verschwunden war, überquerte ich den Kirchrasen. Mein Herz hämmerte vor einer Entscheidung, von der ich längst wusste, dass sie dumm war.

Ich schlüpfte durch eine Seitentür, stieg hinauf auf die kleine Empore und versteckte mich tief hinter der Orgel.

Mein Blick suchte die Menge ab, bis ich sie fand.

Irmina ging zum Altar, nahm den Kelch vom Priester entgegen und half mit einem sanften Lächeln bei der Austeilung der Kommunion. Ein Lächeln, das in meiner Nähe nichts zu suchen hatte.

Schau hoch, dachte ich. Komm schon, Irmina. Schau hoch.

Sie tat es nicht.

Je länger ich sie beobachtete – freundlich, strahlend, umgeben von einer Güte, die ich ihr niemals geben könnte –, desto schwerer lastete die Wahrheit auf mir.

Unsere Väter waren Feinde. Unsere Welten passten zusammen wie Öl und Wasser. Das hier war zum Scheitern verurteilt, noch bevor es begonnen hatte.

Ich wollte gerade gehen, die Hände tief in den Taschen vergraben, als ich Schritte auf der Treppe hörte. Irmina erschien oben, atemlos, die grünen Augen vor Überraschung weit aufgerissen. Den Weinkelch hielt sie noch in der Hand.

„Was zur …“

„Ich habe dich gesehen“, platzte sie heraus und strich sich die Haare aus dem geröteten Gesicht. „Da habe ich so getan, als müsste ich auf die Toilette, und bin gerannt.“

Unten hallten erneut Schritte durch die Kirche. Ihre Augen weiteten sich. Sie schob mich rückwärts in den Beichtstuhl und zog die Tür hinter uns zu.

Wir setzten uns auf die gegenüberliegenden Seiten der hölzernen Trennwand, getrennt nur durch geschnitzte Kleeblätter, durch die ich lediglich einen flüchtigen Blick auf ihr Gesicht erhaschen konnte.

Die Stille zwischen uns war dick und elektrisch, bis sie schließlich flüsterte: „Was denkst du gerade?“

Ich führte den Kelch an die Lippen, trank den restlichen Wein aus und antwortete ehrlich. „Dass ich ein Verbrecher bin. Und du?“

Ihre Stimme war leise. „Dass ich eine Lügnerin bin … Warum bist du ein Verbrecher?“

„Weil ich so geboren wurde.“ Meine Finger schwebten nah an der Trennwand, fast berührten sie ihre. „Warum bist du eine Lügnerin?“

„Weil ich versprochen habe, mich von dir fernzuhalten.“

Die Worte hingen schwer zwischen uns.

Nach einer langen Pause fragte sie: „Was wolltest du mir sagen?“

Ich dachte nicht nach.

Ich handelte einfach.

Ich stieß meine Tür auf, riss ihre auf und zog sie an mich. Mein Mund prallte auf ihren – der Kuss, den ich schon letzte Nacht hätte nehmen sollen: hart, verzweifelt, hungrig.

Sie schmolz sofort in mich hinein, krallte sich in mein Shirt, während unsere Zungen sich trafen und alles andere verschwand.

Wir küssten uns, als hätten wir keine Zeit mehr, als könnte die Welt um uns herum jeden Moment in Flammen aufgehen. Ich schmeckte Wein und Süße auf ihren Lippen und konnte trotzdem nicht genug bekommen. Mein Mund wanderte zu ihrem Kiefer, dann zu ihrem Hals. Ein leises „Jamin“ kam über ihre Lippen und brachte mich fast um den Verstand.

Als sie sich schließlich atemlos zurückzog, legte sie die Hände an mein Gesicht und sah mir direkt in die Augen.

„Wir können nicht“, flüsterte sie.

„Ich weiß.“

Sie küsste mich noch einmal, diesmal sanfter, dann trat sie zurück. Ohne ein weiteres Wort strich sie sich die Haare hinter die Ohren und schlüpfte aus dem Beichtstuhl. Ihre Schritte verklangen auf der Treppe.

Ich blieb allein zurück, die Lippen noch brennend von ihr, die Brust eng von etwas, für das ich keinen Namen hatte.

Sei jemand anderes.

Ihre Worte hallten in meinem Kopf wider, während ich mir mit der Hand übers Gesicht fuhr.

Ich wünschte, ich könnte es.

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