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Author: Helsa
last update publish date: 2026-07-01 11:44:09

MINA

Beinahe-Küsse waren gefährlich.

Denn jetzt schmeckte ich jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, nichts als Ärger, Gefahr und einen Jungen, den ich nicht begehren durfte.

Es war gerade einmal ein Tag vergangen, seit Jamin und ich uns getroffen hatten, und ich dachte immer noch an seine Lippen an meinem Ohr, als meine Mutter verkündete, dass Jans Familie uns zum Abendessen eingeladen hatte.

Was zur Hölle? Ich wollte Jan nicht sehen.

Vor der Kirche setzte ich mein bestes „alles ist normal“-Lächeln auf. Lächelnd. Unauffällig. Ohne an Tattoos zu denken.

„Hey, Sommersprosse.“

Der Spitzname traf mich wie eiskaltes Wasser im Nacken. Ich musste nicht hinsehen, um zu wissen, wer es war.

„Oh verdammt, Jan.“

Der Kopf meiner Mutter schnellte herum. „Was hast du gerade gesagt?“

Ich zwang mir ein angespanntes Lächeln aufs Gesicht. „Nichts. Es ist nur … ist heute nicht besonders viel los? Jesus muss sich freuen.“

Mein Vater nickte Jan freundlich zu. „Schön, dich zu sehen, mein Junge.“

Jan lächelte wie der perfekte Gentleman und wandte sich dann mir zu. „Können wir kurz reden?“

Heute Morgen hatte er mir bereits eine Nachricht geschickt – eine Entschuldigung und der Versuch, mich zurückzugewinnen.

„Sehe ich aus, als wollte ich auch nur eine Sekunde mit deinem Arsch verbringen?“

„Hör zu, ich war ein Arschloch, weil ich eifersüchtig war.“ Seine Augen hielten meine fest. „Keine Ausrede, nur eine Erklärung. Ich dachte, du magst diesen Idioten, bin wütend geworden und wollte dich verletzen. Mein Ego ist zerbrechlich. Es war einfach nur dumm, und ich schwöre, ich mach das nicht wieder. Aber gib mir noch eine Chance, damit ich es dir beweisen kann.“

Ich biss mir innen auf die Wange. Diese plötzliche Ehrlichkeit hatte ich nicht erwartet.

Er trat näher. „Ich weiß, die Wahrheit lässt mich wahrscheinlich noch schlechter dastehen als der Scheiß von gestern Nacht, aber ich hab verdammte Angst, dass du dich schon gegen mich entschieden hast. Weil ich dich mag, Irmina. Mehr als jedes andere Mädchen, mit dem ich je zu tun hatte.“

„Du warst mit anderen zusammen?“ Jan datete eigentlich nicht.

Er zog meine Hände hinter meinem Rücken hervor und hielt sie an meinen Seiten. „Genau deswegen. Du gibst mir Kontra. Nimmst mich auseinander. Das gefällt mir.“

Ein Lächeln schlich sich auf mein Gesicht, obwohl ich es mit aller Kraft zurückzuhalten versuchte. Jetzt übertrieb er wirklich.

„Nö. Netter Versuch, aber mit ‚du nimmst mich auseinander‘ hast du offiziell einen Fuß in den ‚der Typ‘-Status gesetzt. Wir haben, was, drei Mal gesprochen? Und jetzt bist du plötzlich in mich verliebt? Du willst mich, weil ich dich abgewiesen habe.“

Er lächelte schief. „Vielleicht. Aber das ist nicht der einzige Grund. Ich finde dich witzig. Hübsch. Klug. Unerwartet. Und schwer zu kriegen macht den Sieg umso süßer.“ Er senkte die Stimme. „Ich mag dich wirklich, Irmina. Und auch wenn es dich nicht interessiert: Ich habe das Mädchen gestern Nacht nicht angefasst. Weil ich nur an dich denken konnte.“

Ich zuckte mit den Schultern, doch er beugte sich langsam zu mir herunter, bis sein Mund fast meinen berührte. „Verzeihst du mir? Lässt du mich um dich werben?“

Ich atmete aus und trat einen Schritt zurück. „Ich denk drüber nach.“

Sein Kiefer spannte sich an, ein schelmisches Funkeln trat in seine Augen, während er leise stöhnte. „Fuck. Du bringst mich um, Sommersprosse.“

Als ich grinsend den Kopf zu ihm drehte, erstarrte ich. Mein Vater stand nur wenige Meter entfernt bei einem anderen Mann, die Hände zu Fäusten geballt. Er sah wütend aus – was bei ihm extrem untypisch war. Mein Vater verlor nie die Fassung. Nie.

Die Fotografen waren verschwunden, die Kirchentreppe leerte sich langsam. Doch die beiden Männer blieben stehen. Was auch immer dort ablief, war nichts Gutes.

„Wir sehen uns später, Jan“, murmelte ich und ging zu meiner Mutter hinüber.

Sie stand am Fuß der Treppe, ein paar Meter von meinem Vater entfernt, mit sorgenvoller Miene. Die Luft knisterte vor Spannung.

Je näher ich kam, desto bekannter kam mir der Fremde vor. Seine Hände waren mit Tattoos bedeckt, die wahrscheinlich weit unter dem teuren Anzug weitergingen. Er sah aus wie …

„Hier ist kein Platz für Sie. St. Simeon wird nicht vor Ihren Drogen und Ihrem Abschaum fallen.“

„Senator, Sie haben hier gar nichts zu sagen. Und das wissen Sie auch. Diese Stadt gehört jetzt genauso uns wie Ihnen. Je früher Sie das akzeptieren, desto besser für alle.“

„Sie Stück Scheiße. St. Simeon ist mein Revier. Sie und Dustin Klemmer täten gut daran, sich zu merken, dass das nicht der einzige Hügel ist, den ich beherrsche.“

Klemmer? Der Name ließ etwas in mir klingeln. Ein Gesetz gegen organisierte Kriminalität. Die irische Mafia.

„Mom, was ist los?“, flüsterte ich, während Jan an uns vorbeiging. Sein Blick streifte meinen, bevor er die Stufen hinaufstieg.

Als spürte er mich, schaute mein Vater über die Schulter. „Mildred. Bring Irmina rein.“

Sie nahm meine Hand, tätschelte sie beruhigend und wollte mich wegdrehen. Ich sträubte mich. „Wir sollten bei ihm bleiben.“

Doch sie zerrte mich die Stufen hinauf. „Dieser Mann ist Abschaum. Er und seine Söhne werden unsere Gemeinde mit Drogen und Verbrechen überschwemmen und alles zerstören, was dein Vater aufgebaut hat. Er ist ein Feind dieses Staates und deines Vaters.“

„Wer ist er?“, fragte ich atemlos und stolperte fast, weil sie mich so schnell mitzog.

„Ein furchtbarer Mensch aus der Klemmer-Verbrecherfamilie … Björn Heitmann.“

Heitmann? Also …

Ich riss meine Hand aus ihrem Griff und schaute ein letztes Mal zurück. Neben seinem Vater stand jetzt Jamin. Das honigblonde Haar fing das Sonnenlicht ein, die breiten Schultern zeichneten sich beeindruckend unter dem Anzug ab. Seine Augen – dieselbe auffällige Farbe wie mein Kleid – trafen meine mit derselben fassungslosen Erkenntnis, die auch mich durchfuhr.

Mein Magen sackte ab. Nein. Nicht er.

Der Arm meiner Mutter schlang sich fester um meine Taille, während sie mich weiter die Treppe hinaufzog. „Diese Familie bedeutet nur Ärger, Irmina. Björn Heitmann und seine Söhne werden alles zerstören, was dein Vater aufgebaut hat. Ich verbiete dir, dich ihnen je zu nähern. Versprich mir, dass du dich fernhältst.“

Ich nickte stumm, konnte den Blick aber nicht von Jamin lösen. Er sah mich an – mit Sturmwolken hinter diesen hellen Engelsaugen und dem Teufel in seiner Seele. Derselbe Junge, der vor weniger als zwölf Stunden an meinen Haaren gezogen, seine Lippen an mein Ohr gedrückt und meine ganze Welt aus den Angeln gehoben hatte.

Ein bitterer Gedanke stieg in meiner Kehle auf, während der Abstand zwischen uns immer größer wurde.

Warum musstest ausgerechnet du es sein?

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