Share

Kapitel 2

Author: Tana Sil
Der Trinkabend war vorbei. Luna verabschiedete die Kunden einer nach dem anderen, lehnte sich dann an einen Strommast am Straßenrand. Sie spürte, wie ihr eiskalter Schweiß am ganzen Körper ausbrach. Ein krampfartiger Schmerz zog sich durch ihren Unterleib, so heftig, dass sie nicht einmal sagen konnte, welches Organ genau betroffen war.

Ihr Lippenstift war fast ganz ab, die nun freiliegenden Lippen waren blass und farblos.

Julians Fahrer bemerkte ihren ungewöhnlichen Zustand. Da er um die besondere Beziehung zwischen Luna und Julian wusste, sagte er besorgt: „Frau Mayer, möchten Sie sich vielleicht erst einmal ins Auto setzen?“

Luna nickte und zog sich auf die Rückbank. Zwei Minuten später wurde die Tür erneut geöffnet. Julian und das Mädchen standen draußen, offenbar mit der Absicht, gemeinsam einzusteigen, und hatten nicht mit ihr gerechnet.

Julian runzelte flüchtig die Stirn – ein vorwurfsvoller Blick dafür, dass sie den Platz einnahm.

Eilig öffnete das Mädchen die Beifahrertür und sagte leise: „Herr Becker, ich setze mich nach vorne.“

Julian warf die Tür zu.

„Fahr Tanja zuerst nach Hause.“

Luna schloss die Augen. Ihr Körper war völlig erschöpft. Am vierten Tag nach der Fehlgeburt noch Alkohol zu trinken – das zehrte an den letzten Kräften.

Der Wagen bog in eine ältere Wohnsiedlung ein. Luna war schon fast eingeschlafen, als Julian sie plötzlich anstupste.

„Die Gasse da vorne ist zu dunkel und unsicher. Bring Tanja hoch.“

Tanjas Augen waren groß und rund; selbst im trüben Licht des Wagens schienen sie zu glitzern.

„Bitte nicht, Herr Becker. Luna ist so müde. Den Weg kenne ich, es sind nur ein paar Meter. Ich schaffe das alleine, wirklich.“

Sie stieg aus, lehnte sich kurz in den offenen Türrahmen und warf Julian auf dem Rücksitz ein Lächeln zu, das ihre Augen zu schmalen Monden verzog.

„Herr Becker, bringen Sie Luna bitte nach Hause. Gute Nacht.“

Für einen kurzen Moment schien das Eis in Julians Gesicht zu schmelzen. Er nickte knapp.

„Alles klar. Gute Nacht.“

Luna hatte die ganze Zeit über kein Wort gesagt.

Der Fahrer brachte sie auch nicht nach Hause. Er kannte Julians Blick und lenkte den Wagen direkt zur Ostküste – Julians Wohnsitz.

Gemeinsam betraten sie die Wohnung. Noch bevor Luna das Licht einschalten konnte, drückte der Mann sie gegen die Tür, küsste sie auf die Lippen, während seine andere Hand ohne jedes Vorspiel unter ihren Rock glitt.

Luna zuckte einen Moment, dann packte sie sofort seine Hand und drehte den Kopf weg.

„Warte... Heute geht es mir nicht so gut.“

Auf Julians attraktivem Gesicht zeichnete sich sofort unverhohlene Enttäuschung ab.

„Nimm dir selbst ein Taxi zurück.“

Den Satz ließ er einfach fallen und verschwand in Richtung Esszimmer.

Luna schaltete das Licht an und sah, wie er eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank nahm. Er trank einen großen Schluck, den Kopf in den Nacken gelegt. Sein Adamsapfel bewegte sich auf und ab – eine reife, sinnliche Geste.

Der alleinige Erbe der Beckers von Flussstadt war makellos, von Kopf bis Fuß. Nur die deutliche Wölbung an seiner Anzughose passte gerade nicht ins Bild.

Er brachte sie nur hierher, wenn er ein körperliches Bedürfnis zu stillen hatte. Das war die unausgesprochene Vereinbarung zwischen ihnen, seit er ihr vor drei Jahren geholfen hatte, sich „freizukaufen“.

Luna ging nicht. Stattdessen trat sie auf ihn zu.

„Wenn du es so dringend brauchst, warum hast du dann Tanja Weiß nicht mitgenommen? Du stehst doch auf sie, oder?“

Julian leugnete es nicht. Ein schwer deutbares Lächeln erschien auf seinen Lippen.

„Hast du es bemerkt?“

Wie hätte sie es nicht bemerken können…

Luna senkte die Stimme. „Seit wann? Und wer ist sie?“

Schon bei ihrer Erwähnung veränderte sich Julians Stimme.

„Ich habe sie vor ein paar Tagen an der Flussstadt-Universität getroffen. Sie studiert Kunst, ist noch völlig unbedarft. Lass sie erst mal als Assistentin anfangen.“

Luna lächelte. Vor zwei Tagen – während sie im Krankenhaus eine Fehlgeburt verarbeitete – hatte er ein Mädchen kennengelernt und an seine Seite geholt.

Sie ließ einen Finger auf seinen Hemdkragen gleiten. In ihren von Natur aus verführerischen Augen lag jetzt offene Zweideutigkeit.

„Eine Studentin, wie passend. Noch unberührt und so formbar.“

„So wie sie ist, ist sie gut genug.“ Julian griff ihr Kinn, strich mit dem Daumen über ihre Lippen.

Seine Stimme wurde rau.

„Nicht jeder kann so geformt werden, dass er wie du ist ... Du hast gesagt, du bist heute nicht in der Stimmung? Wir könnten immer einen anderen Teil von dir gebrauchen...“
Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Herr Becker, sie ist es wert!   Kapitel 331

    Julian, in schwarzem Anzug, trat ein. An seiner Seite Damaris und Frida, hinter ihm seine Leibwächter. Eine geschlossene Phalanx in dunklen Anzügen – die Wirkung war überwältigend.Alle erhoben sich instinktiv von ihren Stühlen. Niemand am Tisch, der Julian nicht kannte.Bernd brauchte ein paar Sekunden, dann setzte er reflexhaft ein Lächeln auf: „Herr Becker … Herr Becker! Was führt Sie denn hierher?“Julians Blick streifte Luna. Ihr Atem stockte einen Moment, sein Erscheinen kam für sie vollkommen unerwartet.In Weststadt war es im Winter eisig. Julian trug schwarze Lederhandschuhe. Während er einen davon abstreifte, sagte er ungerührt: „Ich habe gehört, hier soll es eine Tanzdarbietung geben. Da wollte ich mir das gerne ansehen. Hoffentlich stört es Sie nicht, dass ich so unangemeldet aufkreuze, Herr Hoffmann.“„Aber natürlich nicht! Sie möchten ebenfalls Tanz sehen?“Bernd ging es im Kopf in Sekundenschnelle durch: Dass Julian Luna aus der Branche verbannt hatte, war in der B

  • Herr Becker, sie ist es wert!   Kapitel 330

    Bernd horchte auf: „Frau Mayer kann auch tanzen?“Bettina lachte kokett: „Ja, sogar einen klassischen Tanz. Auf einem Schulfest hat sie einmal getanzt und war anschließend die Traumfrau der halben Schule. Die Liebesbriefe stapelten sich in ihrer Schublade. An Verehrern hat es ihr nie gefehlt. Sie weiß eben, was Männern gefällt – sonst käme sie kaum so leichten Fußes durchs Leben.“Sie ließ den Blick über den Tisch streifen, auf dem nur Weinflaschen standen: „Passt doch wunderbar – die Bedienung hat noch nicht serviert. Frau Mayer, der Tisch wäre eine Bühne, steigen Sie doch einfach hinauf.“Den Gesichtern der Assistentinnen und der Vertriebsmitarbeiterin war anzusehen, dass sie entgleisten.Das war nicht mehr nur Provokation. Das war eine Demütigung!Auf den Tisch steigen? Die Andeutung war eindeutig: Luna war ein weiterer Gang auf der Speisekarte.Eine Unverschämtheit!Sie hatten solche Situationen schon erlebt, wenn Geschäftspartner unter dem Vorwand der Verhandlung Vorteile z

  • Herr Becker, sie ist es wert!   Kapitel 329

    Luna war einen Moment lang wirklich sprachlos. Bettina hatte sich bei Herrn Hoffmann eingehakt, ihre Haltung ließ auf ein vertrautes Verhältnis schließen.In Lunas Kopf rief sie schnell ab, was in den Unterlagen von Konrad gestanden hatte: Bernd Hoffmann war verheiratet, hatte sogar zwei Kinder, betrog seine Frau aber notorisch.War Bettina also nach ihrem Ausscheiden bei der Vogel-Gruppe direkt zu Bernd übergelaufen?Lunas erste Reaktion war: schade.Bettina hätte fachlich eigentlich Potenzial gehabt.Doch jeder traf seine eigenen Entscheidungen. Luna würde sich nicht weiter darüber äußern. Sie ignorierte Bettinas herausfordernden Blick und ging mit einem Lächeln auf Hoffmann zu.„Herr Hoffmann, ich bin Luna Mayer, Sekretärin bei der Vogel-Gruppe.“Bernds Augen leuchteten auf, als er sie sah. Er ließ seinen Blick unverhohlen über sie wandern und lachte breit: „Persönlich noch beeindruckender als der Ruf, der Ihnen vorauseilt.“Er schüttelte ihr die Hand, hielt sie länger als a

  • Herr Becker, sie ist es wert!   Kapitel 328

    Luna senkte den Kopf und aß weiter. Der Haferbrei war mit Beeren und Honig gesüßt, eigentlich lecker. Aber ihrem Hals tat das Süße im Moment nicht gut.Sie bereute es. Sie hätte besser eine klare Nudelsuppe nehmen sollen. Aber Essen wegzuwerfen war nicht ihre Art, und so aß sie weiter.Julian fixierte ihren Scheitel, seine Stimme wurde dumpf: „Ein dahingesagtes Wort aus minderjährigen Tagen – soll das für bare Münze genommen werden?“Luna hob den Kopf.Eben hatte Julian es nicht einmal übelgenommen, dass sie die Schale geworfen und unverfroren von ihm verlangt hatte, sich von all seinen Liebschaften zu trennen. Jetzt sah er sie kühl an.„Du und Alexander, ihr wart ernsthaft. Aber bilde dir nicht ein, andere gingen mit derselben kindlichen Entschlossenheit durch die Welt wie ihr. Wir waren damals noch nicht so reif, das war einfach Kinderkram. Was heißt da erste Liebe.“Luna und Alexander, das war schließlich auch zur Schulzeit gewesen.Lunas Hand am Löffel verkrampfte sich: „Es

  • Herr Becker, sie ist es wert!   Kapitel 327

    Luna schluckte mühsam, dann sagte sie mit rauer, kaum hörbarer Stimme: „Wenn Sie diesen Tisch wollen, überlasse ich ihn Ihnen.“Julian runzelte die Stirn: „Was ist mit deinem Hals?“Luna versuchte nur, sich loszumachen. Julian befahl: „Setz dich und iss. Danach fahre ich dich ins Krankenhaus.“„Bemühen Sie sich nicht.“ Sie wollte gehen, doch Julian duldete keinen Widerspruch.Beim Hin und Her kippte die Schale um, der heiße Brei spritzte auf Lunas Handrücken. Es verbrühte sie leicht, und im nächsten Moment kochte Wut in ihr hoch.Mit einem harten Klirren knallte sie das Tablett auf den Tisch. Im Restaurant drehten sich die Köpfe.Julians Miene verfinsterte sich: „Wer hat dich so verzogen, dass du hier mit Geschirr um dich wirfst?“Selbst wenn Ulrich vor ihm auf den Tisch schlug, drehte Julian sich kalt um und ging. Bei anderen erst recht.Luna war wirklich tollkühn geworden!…Kaum war es geschehen, bereute Luna es schon.Aber sobald sie ihn sah, fiel ihr wieder ein, dass si

  • Herr Becker, sie ist es wert!   Kapitel 326

    Luna wurde durch den Ruck nach vorn gerissen. Als sie genauer hinsah, war es Bettina.Bettina hatte gerötete Augen und schluchzte: „Frau Mayer, ich habe meinen Fehler eingesehen, verzeihen Sie mir doch. Lassen Sie mich zur Vogel-Gruppe zurückkehren.“Nach dem ersten Schreck fing Luna sich rasch wieder.Mit Nachdruck löste sie Bettinas Finger von ihrem Arm und sagte sachlich: „Sie überschätzen mich, Frau Bergen. Ihre Entlassung war eine Entscheidung von Herrn Vogel. Ich habe damit nichts zu tun.“Sie redete nicht weiter mit ihr und ging.Bettina brach völlig zusammen, weinte laut und schrie ihr Beschimpfungen hinterher.„Luna Mayer! Du elende Schlampe! Du lebst doch nur von Männern! Was bildest du dir ein? Glaub bloß nicht, wir wüssten es nicht: Dass du überhaupt in die Vogel-Gruppe gekommen bist, verdankst du Herrn Vogels Bruder! Und jetzt machst du dich mit Herrn Wagner groß! Warte nur ab, eines Tages holt dich das alles ein!“Es war nicht weit von der Vogel-Gruppe entfernt, da

  • Herr Becker, sie ist es wert!   Kapitel 22

    Im ersten Moment, als sie gepackt wurde, erschrak Luna heftig, wirbelte herum und blickte direkt in Finns funkelnde Augen.„Hab's dir doch gesagt, die Musik in deinem Telefon klang genau wie hier! Du bist hier und hast mich angelogen!“„…“Luna biss sich auf die Zungenspitze.Saskia hatte hier e

  • Herr Becker, sie ist es wert!   Kapitel 67

    Julians Stirn verdüsterte sich schnell: „Wann?“Luna sagte kühl: „Sie sagt, letzte Nacht.“Letzte Nacht wurde Luna „verletzt“.Aber ob es Herr Hartmann war – niemand wusste das besser als Julian.Er sah Katrin an: „Was hast du gesehen?“„Ich... ich...“ Katrins Gesicht wurde blass. Erst jetzt er

  • Herr Becker, sie ist es wert!   Kapitel 24

    Luna sagte: „Ich habe wirklich keinen großen Einfluss. Aber ich denke, die Logik dahinter ist einfach und die Herren werden sie verstehen.“„Wenn zwei Unternehmen eine Zusammenarbeit erwägen, liegt das an gegenseitigem Nutzen. Wenn die Stimmung zu sehr ruiniert wird und die Verhandlungen scheitern,

  • Herr Becker, sie ist es wert!   Kapitel 97

    Luna verstand seine gute Absicht. Sie betrachtete ihn als Freund, verheimlichte nichts und gestand offen: „Erik, sei beruhigt. Wir haben keinen illegalen Deal gemacht.“„Ich habe Matthias versprochen: Wenn er mich retten kann, kann ich bei den Vogels arbeiten, einen Fünfjahresvertrag mit ihm unters

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status