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Kapitel 2

Author: Neunrausch
Als Johanna die Scheidungsvereinbarung in der Schublade sah, erstarrte sie förmlich.

Unzählige Gedanken schossen ihr durch den Kopf, und augenblicklich kroch eine eisige Kälte in ihr Herz.

Vor drei Jahren konnte sie Sebastian nur deshalb heiraten, weil Großmutter Falk sie besonders gern hatte.

Sie wusste immer, dass Sebastian sie nicht liebte. Seine Zustimmung zur Ehe diente lediglich dazu, seine Stellung innerhalb der Familie Falk zu festigen. Mit der Unterstützung der Großmutter ließ sich sein Ehrgeiz deutlich leichter verwirklichen.

Diese Ehe war etwas, das sie sich erschlich.

Und dennoch verlor sie sich bereitwillig darin, in der Hoffnung, Sebastian lernte eines Tages, sie zu lieben.

Sie überschätzte sich selbst.

Schon vor der Hochzeit beachtete Sebastian sie kaum, und nach der Hochzeit blieben sie einander fast wie Fremde.

Die Scheidung fühlte sich immer wie eine Zeitbombe an, die über ihrer Ehe schwebte.

Drei Jahre lang erwähnte Sebastian sie nie.

Doch nun kam dieser Augenblick so plötzlich, dass er sie vollkommen unvorbereitet traf.

Warum gerade jetzt?

Tief in ihrem Inneren kannte sie die Antwort bereits.

Denn Clara Winter war zurück.

Diese vier Worte bohrten sich wie Nägel in ihr Herz.

Sie brachte nicht den Mut auf, die Vereinbarung aufzuheben und ihren Inhalt zu lesen.

Wenn sie das Dokument heute nicht selbst entdeckt hätte – wann hätte Sebastian es ihr gegeben?

Sie wusste nicht, wie lange sie dort stand.

Erst als unten das Geräusch eines Motors erklang und sie hörte, wie die Haushälterin respektvoll „Herr Falk“ sagte, kam sie wieder zu sich.

Als sie die Treppe hinunterging, war Sebastian bereits im Haus.

Draußen fiel Schnee.

Er reichte seinen schwarzen Mantel beiläufig einem Assistenten. Der maßgeschneiderte schwarze Anzug verlieh seiner ohnehin ernsten Erscheinung noch mehr Würde und ließ ihn groß und kühl wirken.

Als der Herrscher über die Familie Falk, war seine Ausstrahlung überwältigend.

Vermutlich hörte er ihre Schritte, denn er hob den Blick.

Die randlose Brille auf seiner Nase ließ ihn noch kultivierter und vornehmer erscheinen.

Hinter den Gläsern waren seine obsidianschwarzen Augen nur halb sichtbar, doch ihr Glanz blieb unübersehbar. In ihrer ruhigen Tiefe lag eine beinahe gefährliche Anziehungskraft.

Unwillkürlich ging Johanna auf ihn zu.

Doch nachdem sie sich bereits dreizehn Tage nicht gesehen hatten und seit dem Verlust ihres ungeborenen Kindes vor einem Jahr immer weniger Berührungspunkte miteinander gehabt hatten, erschien ihr der Mann vor ihr plötzlich fremd.

Sie blieb stehen.

Die Scheidungsvereinbarung schoss ihr wieder durch den Kopf.

Gerade wollte sie ihn darauf ansprechen – da glitt sein kühler Blick über ihr Gesicht.

Seine Brauen zogen sich leicht zusammen.

„Oma ist krank. Komm mit mir ins Familienanwesen.“

Seine tiefe Stimme klang kalt.

Kaum sprach er die Worte aus, drehte er sich um und ging hinaus.

Oma war krank?

Johannas Herz zog sich zusammen.

Sofort verdrängte sie die Gedanken an die Scheidung, eilte in ihr Zimmer, holte einen Mantel und Handschuhe und bedeckte damit die Verletzungen an ihren Händen.

Als sie zur Haustür lief, stand Sebastian bereits mit dem Rücken zu ihr unter dem Vordach.

Er zündete sich eine Zigarette an.

Als er ihre Schritte hörte, wandte er leicht den Kopf.

Der flackernde Schein des Feuerzeugs erhellte kurz seine Augen, bevor sie erneut in bodenlose Dunkelheit versanken.

Er war Sebastian Falk.

Der unerreichbarste Mann der ganzen Stadt Lindenfels.

Schon als Gymnasiast bewunderten ihn die Menschen in Internetforen für seine außergewöhnliche Schönheit und seine Begabung.

Damals löste die Aufmerksamkeit sogar landesweite Schlagzeilen aus, bevor die Familie Falk alles wieder unterdrückte.

Selbst während jener zwei Jahre, in denen er sein Augenlicht verlor, blieb er der Traum zahlloser Frauen.

Ein bitterer Schmerz stieg in Johannas Brust auf.

Sie wollte gerade ins Auto steigen, als sie an ihm vorbeiging.

Unbewusst beschleunigte sie ihre Schritte.

Plötzlich griff Sebastian nach ihrem Arm.

Johanna erstarrte. Ihre Augen trafen auf seinen Blick, der scheinbar jede Lüge durchschauen konnte.

Mit warmen Fingern hob er ihr Kinn an.

Instinktiv wollte sie ausweichen.

Doch als hätte er ihre Reaktion vorausgesehen, verstärkte er seinen Griff und strich mit dem Daumen über ihren Mundwinkel.

„Was ist mit deinem Gesicht passiert?“

Johanna konnte sich nicht befreien und hob den Kopf leicht an.

Die Salbe, die die Haushälterin verwendete, musste äußerst wirksam gewesen sein.

Als sie am Morgen aufgwachte, verblassten die Blutergüsse bereits deutlich.

Nachdem sie am Abend zusätzlich ein Ei über die Haut gerollt hatte, verschwanden sie beinahe.

Sogar die Haushälterin bemerkte überrascht, dass man ihr die Verletzungen kaum noch ansah.

Man konnte doch fast nichts mehr erkennen.

Wie bemerkte er es?

Ihre Brust wurde immer enger.

„Ich bin gestern bei der Arbeit gestürzt.“

Welchen Sinn hatte es jetzt noch, ihm von der Prügelattacke zu erzählen?

Doch sie bemerkte nicht, dass ihre Stimme einen Vorwurf verriet.

Offenbar gefiel ihm dieser Tonfall nicht. Sein Daumen drückte etwas stärker gegen ihre Haut. Leise lachte er. „Wie alt bist du eigentlich noch?“

Nachdem sich die Autotür geschlossen hatte, umhüllte warme Luft ihren Körper und vertrieb langsam die Kälte, die ihr bis in die Knochen kroch.

Der Wagen setzte sich in Bewegung und verließ den Rosenhof in Richtung Falk-Anwesen.

Sebastian begann sofort wieder zu arbeiten.

„Warst du eben im Arbeitszimmer?“

Seine klare, tiefe Stimme erklang neben ihr.

Johannas Herz schlug schneller.

Sie sah zu ihm hinüber.

Er blickte die ganze Zeit auf den Bildschirm seines Laptops.

Die Frage klang, wie er sie nur beiläufig stellte.

Wahrscheinlich sah er beim Aussteigen das Licht im Arbeitszimmer.

Dieses Zimmer wurde gewöhnlich nur von seinem Assistenten betreut.

Die Haushälterin durfte es nie betreten.

Zu dieser Uhrzeit konnte dort nur sie gewesen sein.

Und nachdem sie die Scheidungsvereinbarung entdeckt hatte, vergaß sie völlig, weshalb sie ursprünglich dorthin ging.

„Ja. Ich wollte ein Buch suchen. Aber ich habe nichts gefunden, worauf ich Lust hatte.“

Ihre Gedanken waren ganz bei Großmutter Falk.

Unruhig lehnte sie sich gegen das Fenster.

Der Wagen fuhr weiter zum Falk-Anwesen.

Als Johanna sieben Jahre alt gewesen war, waren ihre Eltern gestorben.

Da die Familien Schmidt und Falk seit vielen Jahren eng verbunden waren, nahm die gutherzige Großmutter sie auf und zog sie groß.

Innerhalb der Familie Falk liebte niemand sie mehr als Großmutter.

Der erste Schnee des Winters brach überraschend über Lindenfels herein.

Die alte Frau Falk erkältet sich und fing sich einen grippalen Infekt ein.

Als Johanna das Zimmer betrat, standen bereits Familienmitglieder, Ärzte, der Butler und mehrere Bedienstete um das Bett und versuchten vergeblich, die alte Frau Falk zum Einnehmen ihrer Medizin zu bewegen.

Doch sie presste die Lippen fest zusammen.

Sobald sie Johanna erblickte, leuchteten ihre Augen auf.

„Johanna! Sie wollen mich vergiften!“

„Oma.“

Johanna eilte zu ihr, nahm ihre Hand und setzte sich ans Bett.

„Solange ich hier bin, wagt niemand, dir etwas anzutun. Ich schlage jeden nieder, der es versucht. Jetzt sei brav und nimm die Medizin. Soll ich sie dir geben?“

Mit geröteten Augen sah die alte Frau Falk sie an.

Dann nickte sie gehorsam.

Die Umstehenden atmeten erleichtert auf.

Wie erwartet konnte nur die junge Herrin die alte Frau Falk besänftigen.

Sebastian stand daneben.

Sein Blick glitt tief und unergründlich über Johannas lächelndes Gesicht.

„Das ist so bitter!“

Die alte Frau Falk verzog das ganze Gesicht.

„Bittere Medizin wirkt am besten.“

Johanna überredete sie anschließend noch zu einem Schluck Wasser.

Als sie den gekränkten Gesichtsausdruck der alten Frau sah, schüttelte sie sanft deren Hand.

„Gut, gut. Du hast doch gesagt, die Medizin sei zu bitter. Bevor ich nach oben gegangen bin, habe ich Süßwasser kochen lassen. Mit wenig Zucker. Soll ich es holen?“

Die alte Dame war augenblicklich wieder zufrieden.

Als Johanna wenig später mit der Schüssel Süßwasser zurückkehrte und gerade eintreten wollte – hörte sie die Stimme der Großmutter aus dem Zimmer.

„Die Nachrichten von gestern waren wirklich spektakulär. Ganz typisch für Herrn Falk. Wenn er handelt, dann immer mit großem Auftritt.“

Johanna blieb vor der Tür stehen.

Sebastians Stimme klang gelassen.

„Oma sollte sich nicht über solche Dinge aufregen. Das schadet nur deiner Gesundheit.“

„Johanna ist deine Ehefrau! Die Tochter der Familie Winter hat zwar Grund, der Familie Falk Vorwürfe zu machen, aber Johanna schuldet ihr nichts. Und sie schuldet auch dir nichts. Wenn du Johanna ihretwegen verletzt, werde ich dir das niemals verzeihen!“

Johanna presste ihre kalten Finger zusammen.

In diesem Moment hallten Schritte einer Dienstmagd über den Flur und rissen ihre Aufmerksamkeit fort.

Deshalb hörte sie nicht, was Sebastian antwortete.

Sie vernahm lediglich die letzten Worte der Großmutter: „Ihr beide solltet bald ein Kind bekommen. Alles, was du dir wünschst, wird eines Tages dir gehören.“

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