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KAPITEL 3

Author: AvryStar
last update publish date: 2026-06-25 17:07:23

Die Empfangsdame nahm noch einen Schluck Kaffee.

„Dritter Stock“, sagte sie, ohne aufzublicken. „Dort gibt es einen Wartebereich. Warten Sie, bis Sie aufgerufen werden.“

„Danke.“

Ariel ging schnell zum Aufzug und tat so, als würde sie die neugierigen Blicke nicht bemerken, die ihr folgten.

Sie war das gewohnt.

Egal wohin sie ging, die Leute schauten immer zweimal hin. Ihre natürliche, kurvige Figur machte es schwer, sie zu übersehen. In ihrem früheren Job hatte ihr Aussehen ihr oft Vorteile verschafft und ihr Chancen eröffnet, für die andere härter kämpfen mussten. Es war nichts, was sie gerne zugab, aber es stimmte.

Die Aufzugtüren öffneten sich im dritten Stock.

Ariel betrat den Wartebereich und erstarrte sofort.

Mindestens fünfzehn weitere Bewerber saßen im Raum verteilt.

Einige studierten Unterlagen, andere murmelten Antworten vor sich hin, wieder andere wirkten deutlich selbstsicherer, als sie sich fühlte.

Ihr Magen verkrampfte sich.

„So viele Bewerber …“

Ihre Chancen auf die Stelle schienen plötzlich viel kleiner geworden zu sein.

Währenddessen war Williams allein in seinem Büro. Es herrschte Stille, nur das leise Summen der Klimaanlage war zu hören. Er stand neben einem Weinschrank und schenkte sich ein Glas Merlot ein.

Langsam schwenkte er den Wein, nahm einen Schluck und hoffte, er würde die Erinnerungen vertreiben, die ihn gerade heimgesucht hatten. Dann fiel sein Blick auf die Halskette, die auf seinem Schreibtisch lag.

[Es klopfte an der Tür.]

Mr. Beasley trat ein.

„Mr. Williams, Ihre Anwesenheit wird in Sterling Hall benötigt“, sagte er beim Eintreten.

Während er sprach, bemerkte er einen tropfenden Wasserhahn am Waschbecken des Büros. Er ging hinüber und drehte ihn richtig zu.

Williams antwortete nicht sofort.

Stattdessen nahm er noch einen Schluck Wein und stellte das Glas auf den Schreibtisch.

„Mr. Williams?“, rief Mr. Beasley noch einmal.

„Führen Sie die Interviews durch“, sagte Williams leise. „Sie wissen genau, wonach wir suchen.“

Mr. Beasley nickte.

„Verstanden, Sir.“

Er drehte sich um und verließ das Büro.

Williams nahm die Halskette in die Hand und strich mit dem Daumen sanft über das polierte Metall.

Er hatte sie seiner Frau in der Nacht vor ihrem letzten Streit geschenkt. Die Erinnerung traf ihn wie ein Faustschlag in die Brust.

Ein Jahr war vergangen, doch die Schuld fühlte sich noch immer frisch an wie am ersten Tag.

Im Zuge des Vorfalls hatten die Nachrichten berichtet, dass die Leiche einer Frau im Fluss unter der Hauptbrücke der Stadt gefunden worden war.

Genau dieselbe Brücke, an der sie in jener Nacht gestritten hatten. Er war wütend aus dem Auto gestiegen und hatte sie allein zurückgelassen, damit sie nach Hause fuhr. Doch sie war nie angekommen.

Jeden Tag seitdem hatte er diese Nacht in seinem Kopf wieder und wieder durchgespielt und nach einem anderen Ende gesucht.

„Es tut mir leid, Samantha“, flüsterte er.

Seine Stimme zitterte.

„Es tut mir wirklich leid.“

Vorsichtig legte er die Kette in eine gläserne Vitrine neben die, in der seine Trophäen und Auszeichnungen standen.

Am Abend schlenderte Ariel nach Hause und checkte ihre E-Mails öfter, als sie zählen konnte.

Sie wusste, dass es unvernünftig war, so schnell eine Antwort zu erwarten. Das Vorstellungsgespräch hatte schließlich erst am Morgen stattgefunden. Doch die Angst ließ sie nicht los.

Ihr Magen knurrte laut.

Ariel seufzte. Ihr wurde bewusst, dass sie den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte.

Sie blieb stehen und öffnete ihre Handtasche. Darin befand sich nur ein Zweihundert-Dollar-Schein.

Vor gerade einmal zwei Monaten hatten noch Tausende Dollar bequem auf ihrem Konto gelegen.

Jetzt lebte sie von dem wenigen, was übrig war. Ein bitteres Lachen entwich ihren Lippen.

„Ich hätte auf Mom hören sollen.“

Ihre Mutter hatte sie immer gewarnt, zu sparen.

Aber Ariel hatte geglaubt, das Geld würde niemals ausgehen. Jetzt verstand sie genau, was ihre Mutter gemeint hatte, wenn sie sagte:

„Geld, das du heute sparst, rettet dich morgen.“

Ein Restaurant auf der anderen Straßenseite fiel ihr ins Auge. Essen war Essen, und in diesem Moment hätte sie fast alles gegessen.

Sie ging auf den Eingang zu.

Die Erschöpfung hatte ihr Urteilsvermögen so sehr getrübt, dass sie gegen eine Tür drückte, auf der deutlich „PULL“ (Ziehen) stand.

Eine Sekunde später drückte jemand von der anderen Seite die Tür auf.

„Oh!“

Ariel stolperte vor Scham fast rückwärts. Sie versuchte, die Demütigung zu ignorieren, betrat das Restaurant und suchte sich einen Tisch neben den großen Fensterfronten.

Ein Kellner reichte ihr die Speisekarte.

Ariel öffnete sie und runzelte die Stirn.

„Keine Preise?“

Sie blätterte weiter.

„Was ist das für ein Restaurant, das keine Preise auf die Karte schreibt?“

Leise vor sich hin murmelnd zeigte sie auf ein paar Gerichte und bestellte, in der Hoffnung, dass es zu dem Geld in ihrer Tasche passen würde.

Einige Minuten später war ihr Tisch voller Essen. Allein der Duft machte sie fast emotional, sodass sie sich nicht mehr um gute Manieren scherte.

Sie aß wie jemand, der tagelang kein anständiges Essen gesehen hatte – was der Wahrheit ziemlich nahekam. Als sie fertig war, fühlte sie sich endlich wieder wie ein Mensch.

Eine Frau in einer cremefarbenen Bluse und schwarzer Hose trat an ihren Tisch.

„Hier ist Ihre Rechnung.“

Die Frau legte einen Zettel vor Ariel hin.

Ariel blinzelte verwirrt.

„Äh …“ Sie hatte noch gar nicht bezahlt, niemand hatte über die Rechnung gesprochen – warum bekam sie jetzt schon eine Quittung?

Die Frau lächelte wissend und deutete auf die andere Seite des Restaurants.

„Der Herr dort drüben hat Ihre Mahlzeit bezahlt.“

Ariel schaute auf die Rechnung.

Ihre Augen weiteten sich.

„Achthundert Dollar!“

Ihr Herz setzte beinahe aus. Mit dem, was sie in der Tasche hatte, hätte sie das niemals bezahlen können. Teuer war eine Untertreibung. Dennoch war sie dem Mann dankbar.

„Er hat mich gebeten, Ih

nen das zu geben.“

Die Frau reichte ihr einen ordentlich gefalteten Zettel.

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