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2. Einfach nur ein Nerd

Autor: Eva Jenning
last update Fecha de publicación: 2026-10-31 00:07:17

„Ich bin überrascht, dass Brody dich gefragt hat. Danke für die Fahrt jedenfalls.“

Carter entging die vorsichtige Distanz in ihrer Stimme nicht. Die Art, wie sie sich nicht auf die lockere Freundlichkeit einließ, die er ihr anbot. Die meisten Mädels hätten das Kompliment der Fahrt angenommen oder ihn zumindest gefragt, wie die Vorbereitung auf die Saison bei den Huskies lief. Sie klang, als würde sie eine geschäftliche Transaktion akzeptieren, um die sie nicht unbedingt gebeten hatte.

Er spürte das Gespenst eines Lächelns an seinen Mundwinkeln zucken. Kein echtes Lächeln, sondern die Sorte, die er benutzte, wenn jemand seinen Bluff durchschaute.

„Überrascht, huh?“, fragte er und führte sie durch die automatischen Schiebetüren. Die klirrende Kälte von Minneapolis schlug ihnen sofort entgegen, aber er behielt seinen entspannten Schritt bei und hetzte sie nicht. „Was dachtest du denn? Dass er dir eine Limousine mit einem Fahrer im Anzug schickt? Oder hatte er Angst, ich verliere dich im Food-Court?“

Tessa zuckte mit den Schultern. „Er hat gesagt: ‚Rede niemals mit Carter‘, als er wusste, dass ich hierher ziehe. Deshalb bin ich überrascht." 

Carter stieß ein echtes Lachen aus, das von den Betonwänden des Parkhauses widerhallte. Er schüttelte den Kopf, ein schiefes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.

Er steuerte sie auf das Parkhaus zu, seine freie Hand schwebte nahe an ihrem unteren Rücken ohne sie zu berühren, aber nah genug, dass sie die Wärme spüren konnte, falls sie auf dem unebenen Asphalt stolpern sollte. Er testete die Lage, wollte sehen, ob sie zurückwich oder einen Schritt Abstand nahm.

„Mein Gott, Brody“, murmelte er, obwohl er absolut keine reale Schärfe hinein legte. „Der Typ ist paranoid. Ich fange langsam an zu glauben, er hält mich für irgendeinen internationalen Kriminellen anstatt für einen Typen, der einfach nur Eishockey spielt.“

Er führte sie zu seinem Truck – einem mattschwarzen Ford F-150 SuperCrew, einem sauberen, kraftvollen Biest von einem Fahrzeug, dessen Innenraum schwach nach teurem Leder und Sandelholz roch. Er öffnete die Ladeklappe, um mit dem Rest ihres Gepäcks zu helfen, aber seine Augen fanden immer wieder die ihren. Aus der Nähe, ohne den neonfarbenen Dunst des Terminals zwischen ihnen, war sie... mehr. Die Art, wie ihr Haar das späte Nachmittagslicht einfing, die scharfe Intelligenz in diesen blauen Augen. Sie war nicht nur ‚Brodys Schwester‘. Sie war eine Person, die aussah, als könnte sie direkt durch die polierte Fassade blicken, für deren Aufrechterhaltung er so viel Zeit aufwendete.

„Glaub mir, Tessa“, sagte er und ließ den neckenden Ton gerade weit genug fallen, um einen Spalt echter Erheiterung durchscheinen zu lassen. „Wenn Brody mir nicht vertrauen würde, hätte er mir nicht deine Nummer gegeben. Und wenn er mir nicht vertrauen würde, würdest du jetzt in einem verdammten Uber sitzen.“

Er warf die letzte Tasche nach hinten und drehte sich zu ihr um, lehnte sich mit einer Hüfte gegen die schwere Karosserie des Trucks und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Bewegung zog den dicken Stoff seines dunkelblauen Minnesota-Huskies-Hoodies über seinen breiten Schultern straff.

„So, da wir nun festgestellt haben, dass du meinen Motiven und Brodys Urteilsvermögen gegenüber skeptisch eingestellt bist...“, er neigte den Kopf, eine dunkle Haarsträhne fiel ihm über ein Auge, „... wie wäre es, wenn wir von vorne anfangen? Keine Pressekonferenzen, kein Eishockey-Scheiß. Nur ein Abendessen oder eine Fahrt zu deiner neuen Unterkunft, je nachdem, was du mehr brauchst.“

Er warf ihr einen vielsagenden Blick zu, seine braunen Augen glänzten im tief stehenden Sonnenlicht. „Ich verspreche, dir nicht das Herz zu brechen, bevor du überhaupt deine Socken ausgepackt hast.“

„Abendessen klingt gut. Bitte etwas unglaublich Ungesundes.“ Ihr Tonfall hatte sich nicht im geringsten verändert.

Die Tatsache, dass sie ausdrücklich gewarnt worden war – gewarnt, ihn zu meiden –, hätte für ihn ein Warnsignal sein müssen. Es hätte ihn dazu bringen müssen, einen Rückzieher zu machen, auf Nummer sicher zu gehen und die Interaktion kurz und professionell zu halten. Aber es weckte in ihm den Wunsch, Brody das Gegenteil zu beweisen. Nicht auf eine große, heroische Art, sondern auf die einfache, sture Weise, dass er sehen wollte, wie sich ihre Augen veränderten, wenn ihr klar wurde, dass er nicht das Monster war, das ihr Bruder gemalt hatte.

Dann sagte sie es. Etwas unglaublich Ungesundes.

„Jetzt sprichst du meine Sprache“, sagte er, seine Stimme sank um eine halbe Oktave, verlor etwas von dem gespielten Necken und ersetzte es durch etwas Wärmeres. „Siehst du? Brody liegt schon falsch. Wir sind uns bereits einig, was Kohlenhydrate und Fett angeht.“

Er ging um die Beifahrerseite herum und öffnete ihr die Tür mit einer Geste, die sich weniger wie ein einstudierter Flirt anfühlte als wie eine Einladung, sich zu entspannen.

„Ich kenne einen Laden, etwa zehn Minuten von Brodys Wohnung entfernt. Die besten Burger in Minnesota. Sie sind im Grunde essbare Kunst, wenn man geschmolzenen Käse und Speck als Kunst betrachtet.“ 

Er hielt inne, hielt die Tür offen und fixierte sie mit seinem Blick. „Außer du willst was anderes? Ich kann auch einen Italiener empfehlen, aber ich habe das Gefühl, nach einem Flug braucht man etwas, für das man zwei Hände und null Reue braucht.“

Als sie einstieg, fing er ihren feinen Duft auf, etwas mit einer Vanillenote, etwas, das nicht in seine Welt aus Schweiß und Eis gehörte. Es ließ ihn für eine halbe Sekunde zögern, bevor er die Tür schloss.

Carter ging zur Fahrerseite, glitt hinter das Lenkrad und startete den V8-Motor. Der Truck erwachte mit einem tiefen, kraftvollen Brummen unter ihnen zum Leben. Bevor er aus der Parklücke setzte, blickte er zu ihr hinüber, seine Finger tippten einen rasanten Rhythmus auf das schwarze Lederlenkrad.

„Burger sind perfekt. Beste Option überhaupt.“ 

Carter fuhr aus dem Parkhaus, das Dröhnen des Motors sorgte für ein tiefes Summen, das den Raum zwischen ihnen füllte. „Perfekt, Burger sind gebongt. Betrachte die Nährstoffzufuhr als geregelt“, sagte er.

Er blickte zu ihr, während er durch den dichten Nachmittagsverkehr von Minneapolis manövrierte, ein Schmunzeln lag auf seinen Lippen ob ihrer prompten Zustimmung beim Essen.

„So, Tessa Callahan“, sagte Carter, „abgesehen davon, dass du einen Bruder hast, der mich wie ein wandelndes Verbrecher-Syndikat behandelt... was sollte ich sonst noch über dich wissen, bevor ich dich füttere?“

Sie überlegte kurz. „Uhm, ich weiß nicht. Ich bin nicht sonderlich interessant. Ich bin Eiskunstläuferin, die Kunst studiert, Manga liest und Eishockey schaut. Einfach ein Nerd.“

Die Liste der Hobbys kam heraus, als würde sie von einem Einkaufszettel ablesen. Unspektakulär, fast entschuldigend. 

Carter spürte einen merkwürdigen Aufblitzer von Ärger, aber nicht auf sie. Sondern auf die Art, wie sie es sagte. Als wollte sie ihn vorsorglich langweilen, damit er seine Zeit nicht verschwendete. Es fühlte sich an, als würde sie sich wappnen.

„Eine Eiskunstläuferin?“, wiederholte er und zog eine Augenbraue hoch, als er auf den Highway einbog. „Du bist also bereits auf Kufen unterwegs.“

Er schaltete um, eine Hand lag lässig auf dem Lenkrad, die andere ruhte auf der Mittelkonsole, nahe an ihrem Bereich, aber ohne sie zu bedrängen.

„Und du denkst, du bist nicht interessant?“ Er stieß ein kurzes, skeptisches Schnauben aus. „Tessa, du bist eine Künstlerin, die die Physik des Eislaufens versteht und Eishockey schaut – was bedeutet, dass du wahrscheinlich mehr über meinen Job weißt als die meisten Leute, die dafür bezahlen, mir dabei zuzusehen“

Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße, als die gläserne Skyline von Minneapolis im eisigen Nachmittagsdunst auftauchte, aber sein Verstand katalogisierte bereits, was sie gesagt hatte.

„Manga, huh?“, stichelte er, um die Stimmung aufzuhellen. Sein Mundwinkel zuckte nach oben. „Ich mache dir einen Vorschlag. Wir essen diesen ungesunden Burger, du erzählst mir, was für Kunst du tatsächlich machst – nicht nur ‚studierst‘ – und ich erzähle dir, welcher meiner Teamkollegen am ehesten der Bösewicht in deinem Manga sein könnte. Abgemacht?“

Tessa schmunzelte. „Na ja, ich bin mit einem Bruder aufgewachsen, der Eishockey spielt, das war also vorgegeben. Brody hat mich jede freie Minute aufs Eis gezerrt. Meistens, damit er spielen konnte, während er eigentlich auf mich aufpassen sollte.“ Sie gluckste. „Abgemacht.“

Carter lachte, ein echtes, tiefes Geräusch, das die Kabine des Trucks füllte. Die Vorstellung von Brody Callahan, dem disziplinierten, beschützenden Enforcer der Huskies, wie er seine kleine Schwester zur Eishalle schleifte, nur um mehr Eiszeit zu bekommen, war sowohl amüsant als auch schmerzhaft zutreffend.

„Das klingt exakt nach ihm“, sagte Carter und schüttelte den Kopf, während er eine Kurve fuhr. „Brody war schon immer ein egoistischer Bastard, wenn es um das Spiel ging. Ich sehe es genau vor mir.“

Er warf ihr einen kurzen Blick zu, erfasst von der Art, wie sie tatsächlich gelacht hatte, ein echtes Glucksen, das durch diese abweisende Fassade brach, die sie seit dem Flughafen getragen hatte. Es war ein kleiner Riss, aber er war da, und es gab ihm das Gefühl, als hätte er gerade ein Tor in der Verlängerung geschossen.

„Er hat dich also nicht nur beschützt; er hat dich als Publikum benutzt, um sein eigenes Ego zu pushen. Klassischer Brody.“

Er lenkte den Truck in eine Seitenstraße und wurde langsamer, als sie sich dem Diner näherten. Der Laden war versteckt abseits der Hauptstraßen; eine urige Spelunke mit verwaschenen roten Neonschildern an den Fenstern und dem unverwechselbaren, köstlichen Geruch von kross gebratenem Rindfleisch, geschmolzenem Käse und Röstzwiebeln. Es war genau das, worauf sie sich geeinigt hatten: unapologetisch, fettig und perfekt.

Als er in eine Parklücke fuhr, stellte er den Motor ab, bewegte sich aber nicht sofort zum Aussteigen. 

„Erste Lektion im Carter Vance Guide to Minneapolis: Hör auf zu behaupten, du wärst nicht interessant.“

Er bot ihr ein echtes Lächeln an, nicht das, das er den Kameras gab, sondern etwas Ruhigeres, Privateres. „Komm, lass uns reingehen. Ich verhungere. Bereit, unsere Diät zu ruinieren?“

„Sicher. Ich muss tatsächlich zwei Kilo zunehmen, Kalorien sind also willkommen“, antwortete sie, öffnete ihre Tür und stieg aus.

Carter ging um den Truck herum, holte sie an der Tür des Restaurants ein und hielt ihr die schwere Holztür auf.

Er sah ihr nach, als sie an ihm vorbeiging, sein Blick blieb an der Art hängen, wie sie sich bewegte, selbstbewusst trotz ihrer vorherigen Selbstironie. „Zwei Kilo, huh?“, sinnierte er laut, ein faules Schmunzeln zuckte an seinen Lippen. „Nun, betrachte diese Mission als erfüllt. Wir haben dich auf dein Wunschgewicht gebracht, bis wir die Pommes aufgegessen haben.“

Er folgte ihr dicht auf den Fersen, die kleine Messingglocke über der Tür bimmelte hell, als sie eintraten. Das Restaurant war warm, schwach von bernsteinfarbenem Neonlicht erhellt und erfüllt von der Art behaglichem Lärm, der nur von Leuten kommt, die nicht so tun, als wären sie etwas anderes als hungrig. Die Luft war dick und verlockend vom Duft von scharf angebratenem Smoked Beef, krispem Speck und heißen Fritteusen.

Er fand eine dunkelrote Kunstleder-Nische in der hinteren Ecke, etwas Privateres als die Barhocker im Schein des Fernsehers. Als er sich auf die Sitzbank gegenüber von ihr glitschen ließ, bemerkte er, wie das warme Licht der Retro-Lampen ihr Gesicht traf und die scharfe Intelligenz in ihren Augen milderte.

„Okay, erste Regel dieses Ladens“, sagte er, nahm zwei laminierte Speisekarten auf und schob eine über den Tisch zu ihr. „Die Kellnerin – eine ältere Dame namens Betty – ist eine absolute Seele von Mensch, aber wenn es um Essen geht, versteht sie keinen Spaß. Wenn du den ‚Triple Threat‘-Burger bestellst, knallt sie dir wortlos einen Stapel Servietten hin und gibt dir diesen einen Blick, der dir klar macht, dass du dich gleich komplett einsauen wirst. Und glaub mir: Sie wird recht behalten.“

Er lehnte sich zurück und streckte seine Arme über die Oberkante der Sitzbank. Die Bewegung ließ seine breiten Schultern den Raum ausfüllen, seine Präsenz war selbst in der engen Nische unbestreitbar. Er versuchte nicht, sie einzuschüchtern, er war einfach... groß. Gebaut für Wucht, auf und abseits des Eises.

„So“, sagte er, seine Stimme sank in dieses verschwörerische Register, das er benutzte, wenn er tatsächlich interessiert war. „Da wir uns der ungesunden Route verschrieben haben, lass uns über diese Kunstsache reden. Du hast gesagt, du studierst es, aber was ist die tatsächliche Praxis? Reden wir über Öl auf Leinwand, Kohleskizzen, etwas Digitales? Oder bist du eine dieser beängstigend talentierten Bildhauerinnen, die Stein wie Fleisch aussehen lassen können?“

Er beobachtete sie aufmerksam, seine Augen leuchteten vor echter Neugier. Er wollte diesen Funken sehen; den, der entstand, wenn jemand über etwas sprach, das ihm wirklich am Herzen lag. Er wollte das Mädchen unter dem Stempel ‚Brodys Schwester‘ sehen.

„Hauptfach Kunstgeschichte und visuelle Praxis“, korrigierte sie ihn mit ruhiger, fundierter Präzision. „Im theoretischen Teil vor allem den Wandel von Komposition und Lichtführung – von der strengen Symmetrie des Klassizismus über das theatralische Chiaroscuro des Barock bis hin zur ornamentalen Überladung des Rokoko. Aber mein persönlicher Schwerpunkt liegt in der visuellen Narrativik moderner Medien.“

Carter hob eine Augenbraue. „Visuelle Narrativik?“

„Graphic Novels und digitale Bildgestaltung“, erklärte sie und ein feines, selbstbewusstes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Gute Mangaka nutzen dieselben Prinzipien der Anatomie, Liniendynamik und Perspektive wie die alten Meister, nur eben, um eine fortlaufende Handlung zu erzählen. Ich zeichne Character Sheets, Panels und Storyboards. Mein Ziel ist es nicht, Leinwände für Museen zu pinseln, sondern meine eigenen Reihen zu veröffentlichen. Also... eine Menge Manga und Anime. Ich bin einfach ein Nerd.“

Carter verdrehte nicht die Augen. Er lachte nicht. Er gab ihr nicht einmal dieses patronisierende ‚Oh, das ist süß‘-Lächeln, von dem er wusste, dass es die meisten Typen geben würden, wenn ein Mädel sich selbst als Nerd bezeichnete. Stattdessen lehnte er sich vor, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und verringerte den Abstand zwischen ihnen gerade so weit, dass sich das Gespräch anfühlte, als gehörte es nur ihnen beiden.

„Klassizismus bis Rokoko, huh?“, wiederholte er, seine Stimme nachdenklich. „Du gehst also von den Sachen, bei denen es um perfekte Proportionen und dramatische Beleuchtung geht, zu... was, digitaler Animation? Das ist ein verdammt breites Spektrum, Tessa.“

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