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1. Ein Problem namens Tessa

Auteur: Eva Jenning
last update Date de publication: 2026-10-31 00:07:05

Dienstag. 16:06 Uhr. Minneapolis International Airport. Ankunftsterminal.

Carter Vance stand mitten im dicht gedrängten Terminal und hielt ein Stück Pappkarton in der Hand, auf dem Tessas Name stand. Die Handschrift war absolut schrecklich.

Er kippte das Schild. Blinzelte. Kippte es in die andere Richtung.

„Jep“, murmelte er. „Auf den Punkt getroffen.“

Brodys Stimme dröhnte ihm noch von vor zwei Stunden im Kopf herum, dieser spezielle Tonfall, den sein Verteidigungspartner aufsetzte, wenn er etwas von einem wollte, einen aber gleichzeitig nicht bedrohen wollte.

„Meine Schwester landet um vier. Kannst du sie abholen?“

Carter hatte nur mit den Schultern gezuckt. „Klar. Wusste gar nicht, dass du eine Schwester hast.“

Eine Pause, die einen Schlag zu lange gedauert hatte.

„Sie ist jünger.“

„Okay.“

Noch eine Pause. Schwerer.

Dann war Brodys Stimme in etwas abgeglitten, das Carter fast nie von ihm hörte. Todernst, ohne jede Wärme, ohne jeden Spielraum.

„Carter.“

„… Ja?“

„Sie. Ist. Meine. Schwester.“

Carter hatte gelacht. Die Art von Lachen, die einem entfährt, wenn man nicht versteht, worüber sich der andere Sorgen macht. „Entspann dich, Brody. Was glaubst du denn, was ich mache?“

Brodys Antwort war augenblicklich gekommen, flach wie eine Ohrfeige.

„Ich weiß genau, was du machst.“

Was ... fair war. Carter konnte schlecht gegen die öffentliche Akte argumentieren.

Er lehnte sich jetzt gegen das Geländer und scannte die Wogen von Passagieren, die durch die Schiebetüren strömten. Familien, die lautstark zusammenstießen. Geschäftsmänner, die bereits in ihre Telefone brüllten. Ein Kind, das einen Plüschdinosaurier über den Boden zog, während seine Mutter sich bei jedem in Armreichweite entschuldigte.

Carter passte hier eigentlich nirgendwo rein. Das dunkle Haar noch feucht vom Training, der Minnesota-Huskies-Hoodie über seine breiten Schultern gespannt, diese Art von lockerer, entspannter Haltung, die Leute zweimal hinschauen ließ, ohne genau zu wissen, warum. Er versuchte nicht, aufzufallen. 

16:07 Uhr. Die Anzeige aktualisierte sich. Ihr Flug war vor neun Minuten gelandet.

Er hob das Schild ein Stück höher und wartete.

Die Türen öffneten sich erneut, und er sah sie, noch bevor er wusste, dass sie es war.

Das war der Teil, der ihn später noch beschäftigten würde. Die Reihenfolge.

Denn es war keine Eingebung, keine optisch offensichtliche Ähnlichkeit, kein Oh, das muss Brodys Schwester sein. Es war etwas, das sein Körper tat, bevor sein Gehirn nachkam. Seine Augen blieben an einer Bewegung in der Menge hängen. Jemand, der den Gurt einer Tasche richtete, einen Koffer hinter sich hergezogen, kam und das Terminal mit der spezifischen Anspannung einer Person, die an einem unvertrauten Ort ankam. Und blieben dann einfach... hängen.

Sie trat vollständig durch die Türen, strich sich loses Haar aus dem Gesicht, und Carter spürte, wie seine Brust etwas Schnelles, Unwillkürliches tat. Ein Ruck. Ein ausgesetzter Schlag. Die Art von Ding, die er normalerweise ignorieren würde, weil sie nichts bedeutete.

Nur dass er es nicht ignorierte.

Er beobachtete sie immer noch, als ihr Blick durch das Terminal schweifte, am Schild hängen blieb und hoch zu seinem Gesicht wanderte.

Sah, wie das Erkennen einschlug.

Keine Überraschung. Sie erkannte ihn. Das leichte Verengen ihrer Augen, die Art, wie sich ihr Kinn einen Millimeter hob. Sie wusste, wer er war. Nicht nur ein Typ mit einem Pappschild. Sie kannte den Namen, das Gesicht, wahrscheinlich die Plakate und die Werbekampagnen und welche Geschichten Brody ihr auch immer erzählt hatte. Oder nicht erzählt hatte, aber nicht musste, weil Carter Vances Ruf in dieser Stadt seine eigene Postleitzahl besaß.

Sie wusste, was er war.

Und sie passte sich nicht an. Nicht ihre Haltung, nicht ihren Ausdruck, nicht ihr Gehschritt. Sie ging einfach weiter auf ihn zu, stetig, als hätte sie die Rechnung mit ihm bereits gemacht und an einem unwichtigen Ort abgelegt.

Das war neu.

Carter stieß sich vom Geländer ab und ging ihr entgegen, griff nach dem Koffergriff, noch bevor sie protestieren konnte. Selbstbewusst. Locker. Die Version seiner selbst, die auf Autopilot lief.

„Lass mich raten“, sagte er, während sich sein Mund bereits zu diesem Lächeln formte, typisch, mit den Grübchen, den warmen Augen, der entspannten Haltung, die alles einfach wirken ließ. „Du bist Callahans Schwester.“

Er nahm den Griff. Gestikulierte mit einem Nicken Richtung Ausgang.

„Carter Vance. Dein Bruder steckt in einer Pressekonferenz mit dem Coach und dem Captain fest, also bin ich heute wohl dein Chauffeur. Auto steht draußen.“

Glatt. Mühelos. Eine Performance, die so einstudierte war, dass sie kaum noch als eine auffiel.

Tessa sah ihn an. „Tessa Callahan.“

Und Carter wartete auf das, was sonst immer als Nächstes passierte.

Das Lachen. Das Erröten. Die kleine, erfreute Erschütterung, die ihm verriet, dass der Charme gelandet war. Er landete immer. Nicht, weil er so gut war, sondern weil die meisten Leute es wollten.

Es kam nicht.

Sie sah ihn einfach nur an. Ruhig, still, mit der besonderen Gelassenheit von jemandem, der bereits entschieden hatte, was er da vor sich hatte, und nicht beeindruckt genug war, um etwas anderes vorzutäuschen.

Carters Lächeln wackelte nicht,  dafür war er zu selbstbewusst.. Aber etwas dahinter verschob sich. Ein Haarriss im Autopiloten. Ein Flackern von etwas Unvertrautem, das er nicht sofort benennen konnte.

Huh.

Er korrigierte den Griff am Koffer, seine Augen blieben einen Schlag länger auf ihr hängen als nötig, bevor er sich den Türen zuwandte.

„Nun“, sagte er leichtfüßig und warf das krumme Pappschild im Vorbeigehen in einen Mülleimer, „kommst du? Oder brauchst du noch irgendwas?“

Er hielt ihr die Tür auf und blickte mit demselben lockeren Grinsen zu ihr zurück, aber sein Puls tat etwas Merkwürdiges, etwas Unruhiges, Neues, wie ein unbekannter Rhythmus, der sich in einen Song einzufügen versuchte, den er bisher falsch gespielt hatte.

Zwanzig Minuten, sagte er sich. Fahr sie nach Hause. Sei normal. Sei nicht das, was Brody denkt, dass du bist.

Er sah sie noch einmal an.

Scheiße.

Das würde ein Problem werden.

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