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Kapitel 3

Author: Léo
last update publish date: 2026-01-22 19:24:15

Das Gesicht des Mannes blieb ungerührt, während er nur zustimmend nickte, als Antwort auf Chantelles Begrüßung. Sein Blick glitt kurz über sie hinweg, ohne erkennbare Emotion, als wolle er sie einschätzen… oder vielleicht vergessen.

Was Chantelle nicht wusste, war, dass dieser Mann, der heute als offizieller Verlobter von Mégane im Familiensalon saß, ursprünglich für sie bestimmt gewesen war.

Sie.

Einige Wochen zuvor hatte ihr Vater Gérard sich in dem geräuschgedämpften, weitläufigen Büro von Collen Wilkerson im zentralen Turm der Unternehmensgruppe vorgestellt.

Der Geschäftsmann, steif hinter seinem Schreibtisch, hatte eine Augenbraue hochgezogen, als Gérard mit gespielt verlegener Stimme begann:

„Es tut mir leid, Herr Wilkerson. Meine jüngere Tochter… diejenige, die Ihre Verlobte sein sollte…“

Er hatte eine Pause gemacht, als wolle er die Wirkung seiner Worte abmessen.

„Sie hat die Ehe kategorisch abgelehnt. Sie ist nicht kooperativ. Nicht stabil. Es wäre ein Fehler Ihrerseits, länger auf sie zu warten.“

Collen hatte ihn einfach nur angestarrt. Kein Wort. Keine Frage.

Da hatte Gérard höflich gelächelt, eifrig bemüht, eine Lösung anzubieten:

„Ich habe eine andere Tochter. Meine Älteste. Mégane. Schön, gehorsam, sehr gebildet. Sie wird Ihren Erwartungen gerecht werden.“

Und er hatte abgeschlossen, als würde er einen Aktendeckel zuklappen:

„Ehrlich gesagt, ist sie die bessere Wahl.“

Collen hatte nichts gesagt. Er hatte den Mann hinausgehen sehen und dann seinen Blick auf die gerahmte Klausel aus dem Testament seines Großvaters an der Wand gerichtet:

„Du wirst das Erbe nur antreten, wenn du eine Tochter von Gérard Lemoine heiratest. Keine andere.“

Das war ihm recht.

Es ging nicht um Gefühle.

Nicht um Anziehung.

Nur um vertragliche Treue gegenüber einem Toten und die Bewahrung des Erbes.

Also hatte er Mégane akzeptiert.

Nach einigen Minuten kam Mégane ihr Schlafzimmer herunter, auf Absätzen, die für Diskretion zu hoch waren. Ihr figurbetontes Kleid mit freien Schultern verlieh ihr das Aussehen einer Starlette, und das Lächeln, das sie trug, war das einer Frau, die sich ihres Triumphes sicher war.

Ihre Augen huschten durch den Salon, dann erhellten sie sich mit einer falschen Wärme, als sie Chantelle entdeckte, die etwas abseits saß, aufrecht und still in einem Rattansessel am Ende des Wohnzimmers, eine Tasse Tee in der Hand.

Mit einem graziösen, aber berechnenden Schritt näherte sie sich.

„Ah, Chantelle!“, rief sie mit fast liebevollem Enthusiasmus. „Du bist da, ich bin so glücklich! Komm, lass mir die Ehre, dir meinen Verlobten vorzustellen… Collen Wilkerson.“

Sie ergriff sanft Chantelles Arm, als ob diese einfache Berührung eine intakte Vertrautheit zwischen ihnen beweisen würde. Doch unter ihren perfekt manikürten Fingern spürte Chantelle das Beharren, den Besitzanspruch und vielleicht einen kaum verborgenen Anflug von Triumph.

Chantelle blickte ruhig zu ihr auf. Ihr Blick war weder feindselig noch zärtlich. Nur… neutral.

„Ja, deine Mutter hat ihn mir bereits vorgestellt“, antwortete sie einfach, ohne sich zu bewegen, und neigte kaum merklich den Kopf in Collins Richtung.

Ihre Stimme war sanft, aber ohne Wärme, als wöge jedes Wort sein volles Maß an Klarsicht.

Mégane lachte verlegen auf, bevor sie sich Collen zuwandte. Sie schlüpfte natürlich neben ihn auf das Sofa, ihre nackte Schulter streifte den dunklen Ärmel des perfekt sitzenden Anzugs des CEOs. Sie lehnte sich an ihn, als wolle sie klar ihr Territorium markieren, und kreuzte langsam die Beine.

Doch Collen reagierte nicht. Sein Blick war ein wenig zu lange auf Chantelle verweilt, bevor er kalt zur Raummitte zurückkehrte.

Das Abendessen wurde serviert. Die dampfenden Gerichte waren sorgfältig auf dem langen, glänzenden Mahagonitisch arrangiert, geschmückt mit schlanken Kerzenleuchtern und feinem Porzellan. Die Atmosphäre sollte herzlich, fast feierlich sein.

Gérard näherte sich dem kleinen Salon, wo seine Tochter in den Bildschirm ihres Telefons vertieft war.

„Chantelle, komm. Das Abendessen ist serviert.“

Sie blickte wortlos zu ihm auf. Dann erhob sie sich mit der gleichen distanzierten Eleganz, die sie auszeichnete, ohne mit der Wimper zu zucken.

Im Esszimmer schienen die Plätze bereits zugeteilt. Durch ein seltsames Zufall war der Platz Collins gegenüber frei geblieben. Ohne ein Wort nahm Chantelle dort Platz, richtete ihren Rücken auf, den Blick geradeaus, die Hände auf den Knien gefaltet.

Mégane hatte bereits den Platz direkt rechts von Collen eingenommen. Kaum saß sie, drängte sie sich an ihn, schob ihren Arm mit betonter Vertraulichkeit unter den seinen. Ihr helles Lachen unterbrach jeden ihrer Sätze, als wolle sie das Schweigen des Mannes an ihrer Seite überdecken.

„Möchtest du meinen Auflauf probieren? Ich habe geholfen, ihn zuzubereiten. Na ja, ein bisschen…“, scherzte sie und hielt eine Gabel vor seinen Mund, die er höflich, aber unbeteiligt zurückwies.

Collen blieb sich treu, ungerührt, mit glatten Zügen und tadelloser Haltung. Er wies sie nicht zurück, sah sie aber auch nicht an. Er kaute langsam, der Blick auf die Tischdecke gerichtet oder… ab und zu kreuzten sich seine Augen mit denen von Chantelle.

Rhonda, entzückt von der Szene, beugte sich zu Gérard, mit glänzenden Augen.

„Sieh dir diese beiden an. Als wären sie füreinander gemacht, nicht wahr?“

Gérard, ein Glas Wein in der Hand, trug ein gequältes Lächeln, eines dieser Lächeln, die Bände sprechen:

„Absolut. Collen ist ein außergewöhnlicher Mann, von seltener Klasse, ein wahrer Unternehmensführer. Mégane hat großes Glück. Diese Verbindung wird unseren Familienstand heben wie nie zuvor. Weißt du, Chantelle, das ist eine große Chance für uns alle.“

Dann wandte er sich seiner Tochter zu, seine Stimme wurde sanft, fast honigsüß:

„Ich bin stolz, dass du heute Abend hier bist. Das ist wichtig für mich und für deine Schwester auch. Ich weiß, du verstehst, dass manche Dinge über persönliche Gefühle hinausgehen. Die Familie zuerst, immer.“

Chantelle ihrerseits spürte, wie sich ihr Magen verkrampfte. Sie hatte dieses familiäre Schauspiel nie akzeptiert. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte ihr Vater Gérard Rhonda, seine neue „Ehefrau“, und Mégane, ein zwei Jahre älteres Mädchen, mit nach Hause gebracht, das er ihr als ihre neue „Mutter“ und neue „Schwester“ vorgestellt hatte. All das bestärkte nur ihren Verdacht: Gérard hatte sie sicherlich schon lange vor dem Tod ihrer Mutter betrogen.

Sie ertrug diese Komödie nicht länger. Chantelle legte ihr Besteck mit einem leisen, scharfen Klang ab und erklärte mit fester Stimme:

„Ich habe genug gegessen. Ich gehe etwas frische Luft schnappen.“

„Bleib sitzen! Hast du keine Manieren?!“, fuhr Gérard auf, seine Augen blitzten.

Rhonda, falsch großmütig, griff mit einem eisigen, fast spöttischen Lächeln ein:

„Lass sie doch, es ist nicht schlimm. Schließlich ist sie nicht bei uns aufgewachsen. Kein Wunder, dass ihr ein wenig Erziehung fehlt…“

Diese Worte froren Chantelles Herz ein, wie eine unsichtbare Klinge, die ihre Brust durchbohrte. Sie presste die Zähne zusammen, die Hände verkrampft, dann verließ sie, ohne einen Blick zurück, das Esszimmer, kurzatmig, erstickt von dieser toxischen Familienatmosphäre, die so schwer hing wie ein bevorstehendes Gewitter.

Draußen langweilte sich Chantelle und sie wollte zurück, um ihre Großmutter zu sehen. Was sie heute Abend erlebt hatte, war schon genug. Sie ging schnell durch den Garten, ihre eiligen Schritte verrieten ihre Ungeduld.

Ohne zu sehen, wohin sie trat, stieß sie plötzlich gegen eine feste Brust.

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