Share

Kapitel 2

Penulis: Léo
last update Terakhir Diperbarui: 2026-01-22 19:23:40

Am nächsten Morgen stand Chantelle mit einem schweren, von Müdigkeit und Ungewissheit gezeichneten Körper auf. Sie setzte sich langsam hin, nahm das Telefon mit zitternden Händen und öffnete die Notizen-App. Ihre Finger tippten mechanisch: Zwölftes Mal. Diese Worte hallten tief in ihr nach, bedeutungsschwer.

Sie legte das Telefon auf den kleinen Tisch neben sich, bereit, zu etwas anderem überzugehen, als plötzlich eine Benachrichtigung ertönte. Neugierig blickte sie auf den Bildschirm und ein zerbrechliches Lächeln erhellte ihr müdes Gesicht. Eine Überweisung von 8.000 Euro war soeben auf ihrem Konto eingegangen.

Ein Seufzer der Erleichterung entwich ihren Lippen. Diese Geste, so diskret sie auch war, brachte ihr ein wenig Trost inmitten des Chaos.

Sie setzte sich wieder, noch immer von der Überraschung getroffen, und öffnete W******p. Sie suchte nach einer Nummer, die sie zuvor nie gewagt hatte zu wählen. Mit zögernden Fingern tippte sie ein einziges, dankbares Wort: Danke.

Sie verharrte einen Moment, bevor sie auf "Senden" drückte. Es war das erste Mal, dass sie die Initiative ergriff und ihm schrieb. Bisher hatten sich ihre Kontakte auf die Orte beschränkt, die er ihr angab, immer im Schatten der Nacht und in Stille. Diesmal war es anders.

Sie stand auf, ging nach draußen, nahm ein Taxi und fuhr ins Krankenhaus.

Sie blieb vor einer Glastür stehen. Das Schild darauf verkündete: "Dr. E. Wood, Leitender Arzt". Sie atmete leise ein und klopfte.

"Herein", ertönte eine gefasste Stimme von drinnen.

Sie trat ein.

Die Praxis war schlicht, aufgeräumt und von einem gedämpften Licht durchflutet, das durch halb geöffnete Jalousien fiel. Hinter seinem Schreibtisch blickte ein junger Mann, kaum dreißig Jahre alt, auf. Er trug eine Brille mit feinem Gestell, und sein weißer Kittel war makellos gebügelt.

"Doktor Wood", sagte sie einfach und setzte sich ihm gegenüber.

Er nickte mit einem professionellen Lächeln.

"Frl. Chantelle?"

"Ja. Ich möchte die Krankenhauskosten für meine Großmutter begleichen." Sie legte den Umschlag auf den Tisch. "Achttausend, wie vereinbart."

Der Arzt betrachtete sie einen Moment lang, vielleicht überrascht, sie so schnell mit der Summe zurückzusehen.

"Das ist sehr gut. Damit können wir die Dinge beschleunigen." Er öffnete eine Schublade, nahm einen Aktendeckel heraus und kritzelte ein paar Notizen hinein.

"Wir beginnen mit einer Reihe gründlicher Untersuchungen: Hirn-Scan, umfassende Blutuntersuchung und eine neurologische Evaluation. Der komatöse Zustand ist stabil, aber wir müssen Ödeme oder langsame Blutungen ausschließen." Er blickte auf. "Anschließend passen wir die Behandlung entsprechend der Ergebnisse an."

Chantelle nickte langsam.

"Wie lange dauern die Ergebnisse?"

"Vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden." Er machte eine Pause. "Ich verheimliche Ihnen nicht, dass die Prognose vor allem von ihrer Reaktion in den kommenden Tagen abhängen wird. Aber jetzt haben wir zumindest die Mittel, etwas zu tun."

Sie presste die Lippen zusammen, hielt die Emotion in ihrer Kehle zurück.

"Danke." Ihre Stimme war leise, aber aufrichtig.

"Sie können zu ihr gehen. Sie wird heute nicht aufwachen, aber... manchmal kann eine vertraute Stimme helfen. Selbst unbewusst nimmt das Gehirn sie wahr."

Sie nickte erneut.

"Ich gehe kurz hinüber. Nur für einen Moment."

Sie nahm ihren Beleg, steckte ihn in ihre Tasche und verließ den Raum ohne ein weiteres Wort.

Hinter der Glasscheibe wirkte die Gestalt ihrer Großmutter winzig in dem großen Krankenhausbett. Schläuche führten von ihren zarten Armen zu einem Monitor, der regelmäßig piepte. Eine Infusion tropfte langsam, als zähle sie die Sekunden an ihrer Stelle.

Chantelle erstarrte.

Sie legte eine Hand auf die Scheibe.

"Oma...", flüsterte sie durch das Glas. Ihre Stimme brach.

Sie weinte nicht. Nicht hier. Nicht jetzt.

Aber sie spürte ein dumpfes Zerreißen in ihrer Brust.

"Ich bin hier. Ich tue alles, was ich kann. Halte durch... bitte."

Sie blieb noch ein paar Sekunden, den Blick auf das reglose Gesicht geheftet, dann richtete sie sich auf und verließ das Krankenhaus.

Chantelle stieg schweigend in das Taxi. Ziel: das Haus ihres Vaters. Heute Abend sollte der Verlobte ihrer Halbschwester zum ersten Mal zum Essen kommen, und Gérard hatte darauf bestanden, dass sie anwesend sei.

Als sie im vornehmen Viertel ankam, überflog sie kurz die großen, säuberlich aufgereihten Villen hinter ihren automatischen Toren. Vor dem Haus ihres Vaters wartete dieser bereits auf sie.

"Chantelle, willkommen", sagte er mit scharfem Ton.

"Danke", antwortete sie und versuchte, an ihm vorbeizugehen.

Er hielt sie auf.

"Ich fühle mich geehrt, dass du hier bist. Ich denke, deine Schwester Mégane und deine Stiefmutter werden sich sehr freuen."

"Ich bin nur gekommen, weil du darauf bestanden hast. Du hast mir nichts anderes übrig gelassen. Nichts hier interessiert mich heute."

Ohne ein weiteres Wort betrat sie das Haus.

Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, umfing sie ein holziger Duft. Das Interieur war makellos dekoriert: polierter Marmor, ein Kristalllüster hing von der Decke, moderne Möbel in Beige- und Goldtönen. Doch alles wurde verschwommen, bedeutungslos, in dem Moment, als ihre Augen auf dem Mann ruhten, der auf dem Sofa saß.

Er war da, wie einem eisigen Traum entsprungen.

Großgewachsen, mit aufrechter, eleganter Haltung, die Beine lässig übereinandergeschlagen. Sein sorgfältig frisiertes, schwarzes Haar kontrastierte mit der Blässe seiner Haut. Ein kantiger Kiefer, symmetrische Gesichtszüge, schmale, aber fest geschlossene Lippen. Seine Augen von einem fast durchscheinenden Hellgrau schienen die Welt mit eisiger Gleichgültigkeit zu sondieren. Er trug einen anthrazitfarbenen Dreiteiler, maßgeschneidert, ohne die kleinste Unvollkommenheit. Ein schöner Mann. Aber von einer distanzierten Schönheit. Unnahbar. Beinahe einschüchternd.

Sie erstarrte für eine Sekunde, überrumpelt.

In diesem Moment kam Rhonda, ihre Stiefmutter, mit großen Schritten auf sie zu, auf ihren Stöckelschuhen balancierend, ein blendendes Lächeln auf dem Gesicht.

"Ah, da bist du ja endlich!", sagte sie und nahm ihren Arm sanft, als wären sie die dicksten Freundinnen.

Dann drehte sie sich zu dem sitzenden Mann:

"Das ist dein zukünftiger Schwager, der CEO der Wilkerson-Gruppe. Herr Collen, das ist Chantelle, die jüngere Tochter meines Mannes."

Chantelle spürte, wie sich ihr Magen zusammenkrampfte.

Die Wilkerson-Gruppe? Dort arbeitete sie. Sie hatte den Vorsitzenden nie gesehen, nie gewusst, wie er aussah. Er war dafür bekannt, im Hintergrund zu bleiben, bei keinen Veranstaltungen aufzutauchen und seine Geschäfte an die Tochtergesellschaftsleiter zu delegieren. Sie hätte ihm begegnen können, ohne zu wissen, wer er war.

Und nun entdeckte sie ihn... hier, im Haus ihres Vaters, als ihren "Schwager".

Sie schluckte ihre Überraschung hinunter, zwang sich, würdevoll und aufrecht zu bleiben. Ihre gesetzte, distanzierte Stimme durchschnitt die Stille:

"Herr Collen."

Lanjutkan membaca buku ini secara gratis
Pindai kode untuk mengunduh Aplikasi

Bab terbaru

  • Hundert Nächte mit der schwarzen Augenbinde   Kapitel 6

    Er sprang auf, schob seinen Stuhl mit übertriebener Geste zurück.„Fräulein Chantelle! Welche Ehre. Welche Schönheit, welche Anmut… Sie sind noch strahlender als auf den Fotos. Kommen Sie näher, näher…“Chantelle zwang sich zu einem Lächeln. Eine gekonnt verkleidete Grimasse.„Guten Tag.“Sie nahm Platz, ohne zu antworten, schlug die Beine mit distanzierter Eleganz übereinander. Alles in ihr schrie nach Flucht, aber sie hielt die Maske aufrecht. Vorerst.Raphina Paterne setzte sich ihr gegenüber, der Blick gierig, als würde er sie Stück für Stück begutachten.„Wissen Sie… ich bin bereit, alles zu tun, um Sie zu heiraten. Absolut alles. Mein Vater möchte eine Frau von Prestige an meiner Seite, und als er Ihr Foto sah… da wusste er es. Sie sind es. Und ich weiß es auch. Sie sind die Art von Frau, die einen Mann wie mich verdient. Erbe eines Immobilienimperiums. Vierzig Gebäude auf meinen Namen, Beteiligungen im Ausland… Und das ist erst der Anfang.“Er sprach, ohne Luft zu holen, ohne s

  • Hundert Nächte mit der schwarzen Augenbinde   Kapitel 5

    Chantelle kehrte in ihre Wohnung zurück. Ihre kleine, bescheidene aber gemütliche Wohnung umschloss sie wie ein beruhigender Kokon. Die in sanften Tönen gestrichenen Wände trugen die Spuren ihrer Persönlichkeit – kleine Bilderrahmen, ein paar Pflanzen, in einem billigen Regal gestapelte Bücher. Nichts Luxuriöses, aber alles hatte Seele. Anders als das kalte, imposante Haus ihres Vaters fühlte sie sich hier zu Hause. Sicher. In Frieden.Sie zog ihre Schuhe aus, seufzte lange und ließ sich auf das Sofa fallen. Kaum hatte sie ihr Telefon auf den Couchtisch gelegt, erschien eine Benachrichtigung auf dem Bildschirm. Eine Nachricht, ohne Unterschrift. Wie immer.„Heute Abend, 23 Uhr.“Sie runzelte die Stirn. Das war ungewöhnlich. Dieser Mann, der sie im Schatten kaufte, war niemals drängend. Er kontaktierte sie in größeren Abständen, als wolle er eine kühle, methodische Distanz wahren. Doch heute Abend rief er sie erneut, kaum zwei Tage nach ihrem letzten Treffen.Irgendetwas stimmte nicht,

  • Hundert Nächte mit der schwarzen Augenbinde   Kapitel 4

    Chantelle trat einen schnellen, fast panischen Schritt zurück. Die Nähe zu Collen Wilkerson, sein durchdringender Blick, seine imposante Präsenz… all das bedrückte sie. Doch vor allem nagte eine tiefsitzende Angst an ihr: Mégane, ihre hysterische Halbschwester, konnte jeden Augenblick auftauchen. Sie brauchte nicht viel, um sich betrogen vorzustellen, schon gar nicht, wenn es um einen Mann ging, den sie für sich beansprucht hatte.„Entschuldigung…“, hauchte sie unsicher, außer Atem.Sie drehte sich auf dem Absatz um, entschlossen, Abstand zu gewinnen, aber ihr Fuß rutschte auf einer feuchten Steinplatte aus. Ihr Herz machte einen Sprung in ihre Brust, und bevor sie den Boden berührte, fing eine feste, brennend heiße Hand sie an der Taille auf.Ein elektrischer Schlag durchfuhr sie. Ihr Gesicht war fast an seine Brust gepresst, und unfähig, sich dagegen zu wehren, atmete sie ein… dieses Parfüm. Dasselbe. Das, das sie nachts verfolgte. Das des mysteriösen Unbekannten, mit dem sie zwölf

  • Hundert Nächte mit der schwarzen Augenbinde   Kapitel 3

    Das Gesicht des Mannes blieb ungerührt, während er nur zustimmend nickte, als Antwort auf Chantelles Begrüßung. Sein Blick glitt kurz über sie hinweg, ohne erkennbare Emotion, als wolle er sie einschätzen… oder vielleicht vergessen.Was Chantelle nicht wusste, war, dass dieser Mann, der heute als offizieller Verlobter von Mégane im Familiensalon saß, ursprünglich für sie bestimmt gewesen war.Sie.Einige Wochen zuvor hatte ihr Vater Gérard sich in dem geräuschgedämpften, weitläufigen Büro von Collen Wilkerson im zentralen Turm der Unternehmensgruppe vorgestellt.Der Geschäftsmann, steif hinter seinem Schreibtisch, hatte eine Augenbraue hochgezogen, als Gérard mit gespielt verlegener Stimme begann:„Es tut mir leid, Herr Wilkerson. Meine jüngere Tochter… diejenige, die Ihre Verlobte sein sollte…“Er hatte eine Pause gemacht, als wolle er die Wirkung seiner Worte abmessen.„Sie hat die Ehe kategorisch abgelehnt. Sie ist nicht kooperativ. Nicht stabil. Es wäre ein Fehler Ihrerseits, läng

  • Hundert Nächte mit der schwarzen Augenbinde   Kapitel 2

    Am nächsten Morgen stand Chantelle mit einem schweren, von Müdigkeit und Ungewissheit gezeichneten Körper auf. Sie setzte sich langsam hin, nahm das Telefon mit zitternden Händen und öffnete die Notizen-App. Ihre Finger tippten mechanisch: Zwölftes Mal. Diese Worte hallten tief in ihr nach, bedeutungsschwer.Sie legte das Telefon auf den kleinen Tisch neben sich, bereit, zu etwas anderem überzugehen, als plötzlich eine Benachrichtigung ertönte. Neugierig blickte sie auf den Bildschirm und ein zerbrechliches Lächeln erhellte ihr müdes Gesicht. Eine Überweisung von 8.000 Euro war soeben auf ihrem Konto eingegangen.Ein Seufzer der Erleichterung entwich ihren Lippen. Diese Geste, so diskret sie auch war, brachte ihr ein wenig Trost inmitten des Chaos.Sie setzte sich wieder, noch immer von der Überraschung getroffen, und öffnete WhatsApp. Sie suchte nach einer Nummer, die sie zuvor nie gewagt hatte zu wählen. Mit zögernden Fingern tippte sie ein einziges, dankbares Wort: Danke.Sie verha

  • Hundert Nächte mit der schwarzen Augenbinde   Kapitel 1

    Die Präsidentensuite war von einem gedämpften, diffusen Licht durchflutet, als wäre jeder Winkel so gestaltet, dass er die Dinge niemals klar erkennen ließ. Alles war mit Samt verhangen. Still. Von einem dezenten, aber erdrückenden Luxus. Die Vorhänge waren zugezogen und schnitten die Außenwelt ab, und in dieser Blase, die über der Stadt schwebte, lag Chantelle, die Handgelenke über dem Bauch gekreuzt, die Augen mit einer Seidenbinde aus schwarzem Stoff bedeckt.Sie wusste nicht einmal mehr, wie lange sie schon wartete. Vielleicht fünf Minuten. Vielleicht dreißig.Es war das zwölfte Mal.Es standen noch achtundachtzig Nächte aus, bevor alles vorbei sein würde. Bevor sie frei wäre.Die Tür öffnete sich lautlos. Sie sah ihn nicht eintreten, spürte aber sofort seine Anwesenheit. Dieses trockene, holzige Parfüm, dezent und doch aufdringlich. Sein Geruch. Den sie unter Tausenden erkennen würde, weil er sich in ihre Kehle, in ihre Nieren, in ihren Puls einbrannte. Er. Er sagte nichts. Sagte

Bab Lainnya
Jelajahi dan baca novel bagus secara gratis
Akses gratis ke berbagai novel bagus di aplikasi GoodNovel. Unduh buku yang kamu suka dan baca di mana saja & kapan saja.
Baca buku gratis di Aplikasi
Pindai kode untuk membaca di Aplikasi
DMCA.com Protection Status