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Kapitel 4

Author: Léo
last update publish date: 2026-01-22 19:25:03

Chantelle trat einen schnellen, fast panischen Schritt zurück. Die Nähe zu Collen Wilkerson, sein durchdringender Blick, seine imposante Präsenz… all das bedrückte sie. Doch vor allem nagte eine tiefsitzende Angst an ihr: Mégane, ihre hysterische Halbschwester, konnte jeden Augenblick auftauchen. Sie brauchte nicht viel, um sich betrogen vorzustellen, schon gar nicht, wenn es um einen Mann ging, den sie für sich beansprucht hatte.

„Entschuldigung…“, hauchte sie unsicher, außer Atem.

Sie drehte sich auf dem Absatz um, entschlossen, Abstand zu gewinnen, aber ihr Fuß rutschte auf einer feuchten Steinplatte aus. Ihr Herz machte einen Sprung in ihre Brust, und bevor sie den Boden berührte, fing eine feste, brennend heiße Hand sie an der Taille auf.

Ein elektrischer Schlag durchfuhr sie. Ihr Gesicht war fast an seine Brust gepresst, und unfähig, sich dagegen zu wehren, atmete sie ein… dieses Parfüm. Dasselbe. Das, das sie nachts verfolgte. Das des mysteriösen Unbekannten, mit dem sie zwölf Nächte verbracht hatte.

Die Welt schien zu kippen.

Ihr Blick glitt langsam hinauf zu Collins Augen, die sie ohne die geringste erkennbare Emotion musterten.

„Pass auf“, sagte er mit neutraler Stimme.

Chantelle wich abrupt zurück, als wäre sie verbrannt. Sie schüttelte seine Hand ab, verwirrt, beschämt, verloren.

Er musterte sie einen Moment lang, dann fragte er mit harter Stimme:

„Ekelt es dich so sehr vor mir?“

Sie senkte den Blick, schluckte ihre Emotionen hinunter.

„Ich will nur unnötige Missverständnisse vermeiden…“

Ein kaltes Lächeln zog Collins Lippen in die Breite.

„Nicht einmal ein Danke? Du fehlst es wirklich an Manieren…“

Die Bemerkung traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Sie blickte auf, wütend. Ihre Wangen erröteten, ihr Blick wurde scharf.

„Danke, Herr Wilkerson“, spuckte sie hervor, die Stimme zitternd vor Wut.

Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sie sich auf dem Absatz um und entfernte sich mit großen Schritten.

Auf dem Balkon, abseits der aufgesetzten Lächeln, klammerte sich Mégane wütend an den Arm ihrer Mutter. Ihre Nägel gruben sich fast in die Haut, so brodelte ihre Wut in ihr.

„Mama, hast du diese Schlampe gesehen?! Sie tut alles, um um meinen Verlobten herumzuschwirren! Sie sieht ihn an, als gehöre er ihr! Sie provoziert ihn, gibt sich unschuldig, aber ich kenne sie!“

Rhonda, unerschütterlich in ihrem Elfenbeinkostüm, trank einen Schluck Wein, als wäre nichts gewesen. Ihre Augen jedoch glänzten mit kühler Wachsamkeit. Sie stellte ihr Glas langsam ab und nahm die verkrampfte Hand ihrer Tochter, um sie zu beruhigen.

„Meine Liebe, beruhige dich. Sprich leise.“

Mégane hörte nicht mehr zu, sie war rasend.

„Und wenn sie herausfinden, dass der Verlobungsvertrag ursprünglich für sie war? Was machen wir dann, hm?! Alles wird zusammenbrechen!“

Rhonda zeichnete ein giftiges Lächeln, eines, das einer Schlange würdig war, die sich lautlos hinter ihre Beute schlängelt. Sie streichelte sanft Méganes Hand, fast zärtlich.

„Du vergisst, mit wem du sprichst, meine Tochter. Dieses Mädchen… ist nur ein kleiner Stein in unserem Schuh. Ich werde mich um dieses Problem kümmern. Endgültig. Vertrau mir.“

Mégane sah sie mit einem Anflug von Bewunderung, gemischt mit Angst, an.

Chantelle betrat mit schnellen Schritten den Salon. Ihr Vater war allein dort, stand in der Nähe der Hausbar, ein leeres Glas in der Hand. Ohne abzuwarten, dass er sprach, stellte sie sich vor ihn, das Gesicht verschlossen.

„Papa, ich denke, es ist Zeit für mich zu gehen.“

Er zog eine Augenbraue hoch, überrascht.

In diesem Moment kamen Rhonda und Mégane leicht außer Atem an.

„Na, Chantelle? Hast du dich heute Abend gut amüsiert?“, rief Mégane mit honigsüßer Stimme, ein sarkastisches Lächeln auf den Lippen.

Chantelle ignorierte sie. Sie sah ihren Vater unverwandt an, verschränkte die Arme vor der Brust und erklärte mit neutraler, aber scharfer Stimme:

„Ich denke, ich habe meine Rolle heute Abend gut gespielt. Ich gehe jetzt nach Hause.“

„Warum bleibst du nicht noch ein wenig?“, fragte ihr Vater mit angespannter Stimme.

„Weil ich hier nichts verloren habe, Papa. Einen schönen Abend.“

Sie drehte sich um, aber Mégane konnte sich nicht verkneifen, Gift zu spucken:

„Ja, es ist besser, du gehst. Du riskierst, vieles zu ruinieren, wenn du bleibst.“

„Mégane, sei still!“, schnitt Rhonda schroff dazwischen, das Kinn angespannt.

Sie warf einen schnellen Blick zur Treppe. Collen war noch im Haus. Er hätte jeden Moment hereinkommen können. Keine Frage, dass er eine Streitszene miterleben sollte. Rhonda wusste, wie sehr er Konflikte hasste, und vor allem wollte sie nicht, dass er die wahre Bitterkeit zwischen den Mädchen entdeckte.

Sie wandte sich ihrer Tochter zu und flüsterte leise:

„Mach ein freundliches Gesicht, Mégane. Collen ist vielleicht noch hier. Er darf nichts ahnen.“

Mégane schluckte eine Bemerkung hinunter, aber ihr Blick blieb vergiftet.

Chantelle ihrerseits sagte kein Wort mehr. Sie griff ihre Tasche vom Sofa, verließ das Haus mit Würde, den Rücken gerade, das Herz schwer.

Nachdem sie das Haus ihres Vaters verlassen hatte, spürte Chantelle, wie sich ein Kloß aus Angst in ihrem Magen zusammenkrampfte. Sie holte ihr Telefon heraus und öffnete Uber. Kein Fahrzeug verfügbar. Sie versuchte es mehrmals, vergeblich. Die Stille der Nacht umhüllte sie, die Straßen waren leer, die Straßenlaternen warfen ein fahles Licht. Sie beschleunigte ihre Schritte, die Kehle zugeschnürt.

Plötzlich verlangsamte ein schwarzes Auto seine Fahrt neben ihr, kam sanft zum Stehen. Das Beifahrerfenster senkte sich mit einem leisen Klicken. Collen sah sie an, ruhig und kalt.

„Steig ein“, sagte er einfach.

Sie trat einen Schritt zurück, die Augen weit aufgerissen, überrumpelt.

„Nein danke“, antwortete sie, ihre Stimme zitterte vor Unsicherheit.

„Willst du bis zum Sonnenaufgang laufen?“, fragte er, die Augen durchdringend. „Sieh dich um… Kein einziger Taxistand, nur vorbeifahrende Autos.“

Ein Schauer überlief sie, sowohl wegen der Kälte als auch dieser imposanten Präsenz vor ihr.

„Nein, ich steige nicht in Ihr Auto“, beharrte sie, der Blick herausfordernd, aber die Stimme schwächer, als sie es wollte.

Einen Moment lang herrschte Stille. Collen sah sie an, seine dunklen Augen auf sie gerichtet, als wöge er jedes Wort.

Dann fügte er mit kalter, kategorischer Stimme hinzu:

„Ich bin gezwungen, Sie dazu zu bringen, in mein Auto zu steigen, weil Sie jetzt meine zukünftige Schwägerin sind. Unehrliche Leute könnten Ihnen in dieser Dunkelheit schaden.“

Außer Atem warf sie einen Blick um sich. Die Einsamkeit bedrückte ihre Brust.

Nach einem Zögern, das ihr wie eine Ewigkeit vorkam, näherte sie sich langsam und öffnete die Tür.

„Nur dieses eine Mal“, hauchte sie, während sie sich setzte.

Die Tür schloss sich sanft. Der Motor dröhnte auf, und das Auto fuhr weiter in die stille Nacht hinein.

Chantelle starrte hartnäckig aus dem Autofenster, die Lichter der Stadt zogen vorbei, ohne dass sie sie wirklich wahrnahm. Ihr Geist war unruhig, hin- und hergerissen zwischen Wut und Traurigkeit.

Plötzlich vibrierte ihr Telefon. Sie wandte ihre Augen von der Landschaft ab, um zu sehen, wer anrief. Es war ihr Vater.

Sie nahm schnell ab.

„Morgen mittag gehst du zum Hotel Le Grand zum Essen mit dem Sohn der Familie Paterne“, befahl die harte Stimme ihres Vaters. „Er ist eine gute Partie. Er ist derjenige, den du heiraten musst. Du musst ihn anziehen, hörst du? Das wird exzellent für unsere Geschäfte sein.“

Chantelle spürte, wie sich eine dumpfe Wut in ihr aufstaute. Mit fester Stimme antwortete sie:

„Ich werde nicht gehen, Papa. Ich bin kein Kind, dem man Befehle erteilen kann. Ich bin eine freie Frau, die ihre eigenen Entscheidungen treffen kann. Ich weiß, was gut für mich ist.“

Der Ton ihres Vaters wurde bedrohlich, fror die Luft um sie ein:

„Wenn du ablehnst, dann vergiss deine Großmutter. Du wirst sie nie wieder sehen.“

Bevor sie erwidern konnte, wurde die Verbindung brutal getrennt.

Chantelle drückte das Telefon zwischen ihren Händen, die Knöchel weiß vor Anspannung. Eine bittere Frustration und ein Gefühl der Machtlosigkeit überwältigten sie.

Im Auto war die Stille gespannt, fast bedrückend.

Collen hielt seine Augen auf die Straße gerichtet, konzentriert auf das Steuer, das Gesicht in vollkommener Gleichgültigkeit erstarrt.

Er hatte alles gehört.

Doch plötzlich klang seine Stimme, so kalt wie die Klimaanlage im Innenraum:

„Dein Vater verkauft seine Töchter offenbar gerne, wie ich sehe.“

Chantelle erstarrte. Das Blut schoss ihr ins Gesicht. Ohne den Kopf zu drehen, hauchte sie mit eisiger Stimme:

„Das geht dich nichts an.“

Ein kaum merkliches Lächeln zog Collins Lippen in die Breite. Er zuckte mit den Schultern, eine nachlässige Geste mit der rechten Hand, während er die Straße vor sich fixierte.

„Ja, natürlich…“, antwortete er ruhig, als ob seine Bemerkung keine Bedeutung hätte.

Aber in seinem Blick blitzte Ironie. Er erwartete keine Antwort.

Bald kamen sie vor Chantelles Wohnhaus an. Sie stürzte fast, um ihre Tasche zu schnappen, öffnete die Tür, dann drehte sie sich kurz zu ihm, der Blick hart.

„Danke, Herr Wilkerson.“

Sie stieg aus, ohne eine Antwort abzuwarten, und schlug die Tür fest zu. Collen, immer noch unbeweglich, verfolgte ihre sich entfernende Silhouette mit den Augen. Er rührte sich nicht, sein Gesicht so verschlossen wie eine Stahltür.

Dann, in einem kaum hörbaren Seufzer, startete er den Motor erneut, als ob ihn nichts erreichte oder als ob er sich bemühte, dass ihn nichts erreichte.

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