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Chapter 4

Author: Blexyn
last update publish date: 2026-07-02 22:50:08

KAPITEL VIER

Eine Leitung platzt und mit ihr alles andere

Fünf Tage nach der Party sprach Michael überhaupt nicht mit Mariam.

Es war nicht gerade schwierig, denn Ausweichen war in den letzten Wochen beinahe zu einer zweiten Profession für ihn geworden. Er vergrub sich in seinem Abschlussprojekt, verbrachte zusätzliche Stunden im Ingenieurlabor, die er nicht wirklich nötig gehabt hätte, nahm den längeren Weg zur Vorlesung, um das Gebäude zu umgehen, in dem ihr Seminar stattfand, obwohl er eigentlich keinen wirklichen Grund haben sollte, ihren Stundenplan so gut zu kennen — außer dass er es doch tat, weil ein verräterischer Teil seines Gehirns ihn ohne seine Erlaubnis auswendig gelernt hatte.

Marcel bemerkte nichts, was zugleich eine Erleichterung und eine eigene Art von Qual war. Er redete weiter über Mariam, wie er es immer getan hatte, als sei sie eine Selbstverständlichkeit im Haushalt und nicht eine Person mit eigenem Anziehungsfeld, erwähnte beiläufig, dass sie sich in ihrer Wohnung am anderen Ende der Stadt einrichtete, dass ihre Kurse anstrengend seien, dass sie in letzter Zeit ruhiger gewesen sei und er hoffte, sie sei nicht wegen des Programms gestresst. Jedes Mal, wenn er sie ansprach, fühlte Michael das Geländer der Veranda wieder in seiner Hand, fühlte ihre Stirn gegen seine, spürte das halbe Sekunde vor dem Kuss, der nie passiert war, irgendwo hinter seinem Brustbein schweben wie ein angehaltener Atem, den er nicht loslassen konnte.

Der Anruf kam an einem Donnerstagabend, während Michael und Marcel gerade eine Pizza aßen und sich über ein Videospiel stritten, das keinem von beiden wirklich wichtig war. Marcels Handy vibrierte, und sein Gesicht veränderte sich in dem Moment, in dem er abhob.

„Whoa, langsamer, wie meinst du, eine Leitung ist geplatzt?“ Eine Pause. „Okay, okay, ist das Wasser abgestellt? Hast du den Hausmeister angerufen?“ Eine längere Pause, Marcels Stirn legte sich in die besondere Falte, die sich zeigte, wenn er versuchte, ein Problem zu lösen, das er nicht ganz verstand. „Mar, ich habe morgen früh um sechs Training, ich kann heute Abend nicht quer durch die Stadt fahren und dann nochmal vor Sonnenaufgang, ich schlafe sonst im Bus ein.“

Michael wurde übel.

„Komm einfach zu uns,“ sagte Marcel ins Telefon und warf einen Blick zu Michael, als suche er nach einer Erlaubnis, die er eigentlich nicht brauchte. „Wir haben das Ausziehsofa, ist nicht optimal, aber besser als eine überflutete Wohnung. Ich hol dich ab, gib mir zwanzig Minuten.“

Er legte auf und atmete aus. „Mariams ganzes Bad steht unter Wasser, irgendeine Leitung in der Wand über ihrer Wohnung ist geplatzt. Sie schläft ein paar Tage bei uns, während das Haus das repariert. Ist das cool mit dir?“

„Ja,“ sagte Michael, seine Stimme erstaunlich ruhig, obwohl sein Puls bereits auf Hochtouren lief. „Klar.“

Es war nicht cool. Es war, tatsächlich, die gefährlichste Entwicklung des ganzen Semesters, und Michael verbrachte die zwanzig Minuten, in denen Marcel weg war, damit, sich zusammenzunehmen und etwas Ähnliches wie ein normaler Mensch zu werden, er lief durch das kleine Wohnzimmer, übte beiläufige Begrüßungen in seinem Kopf, die alle verrückt klangen, sobald er sie laut zur leeren Wohnung sagte.

Sie kam mit zwei Koffern und einem Ausdruck kaum verhaltener Frustration, das Haar zu einem unordentlichen Knoten gebunden, ein übergroßer Pullover umhüllte ihre Gestalt, und selbst so, müde und gereizt und mit Gepäck durch die Haustür schleifend, fühlte Michael sofort wieder dieselbe Anziehungskraft, gegen die er wochenlang gekämpft hatte.

„Hier ist eine Katastrophe,“ verkündete sie und stellte die Taschen neben das Sofa. „Nie wieder vertraue ich alter Rohrleitungen, so lange ich lebe.“

„Willkommen bei Chez Michael und Marcel,“ sagte Marcel und deutete großspurig auf das enge Wohnzimmer. „Fünf-Sterne-Unterkunft. Das Ausziehsofa hat seinen eigenen Charakter, nur so zur Warnung.“

„Ich habe schon auf Schlimmerem geschlafen,“ sagte Mariam, und dann fanden ihre Augen Michaels quer durchs Zimmer, und etwas Funkenhaftes, Elektrisches wechselte zwischen ihnen, bevor sie wegschaut.

Die ersten beiden Tage waren, entgegen allem, was Michael sich ausgemalt hatte, fast erträglich. Marcel war ständig da, ein Puffer, dessen Existenz Michael nicht bemerkt hatte, den er aber dringend gebraucht hatte; er füllte die Wohnung mit Lärm, Basketballkommentaren und miserablen Kochversuchen, die Mariam gnadenlos von der Küchentür aus verspottete. Die drei fanden eine Art Rhythmus, der Michael fast glauben ließ, die Veranda wäre nie gewesen, dass das grüne Kleid und die halbe Sekunde vor dem Kuss nur ein Fiebertraum gewesen seien, hervorgerufen von Stress und Nähe und sonst nichts.

In der dritten Nacht hatte Marcel eine Lerngruppe, die länger dauerte, und Michael fand sich zum ersten Mal seit der Party allein mit Mariam in der Wohnung wieder.

Sie stand in der Küche, als er nach seiner Dusche nach unten kam, das Haar noch feucht, den gleichen übergroßen Pullover wie in der ersten Nacht tragend, am Herd, Tee kochend mit jener besonderen Konzentration eines Menschen, der sich sehr bemüht, beschäftigt zu wirken. Die Wohnung war ruhig bis auf das Summen des Wasserkochers und das entfernte Rauschen der Straße draußen.

„Du meidest mich,“ sagte sie, ohne sich umzudrehen.

„Ich meide dich nicht.“

„Michael.“ Jetzt drehte sie sich um, lehnte sich an die Arbeitsplatte, verschränkte die Arme und sah ihn mit einem Ausdruck an, der ihn unangenehm durchsichtig fühlen ließ. „Du hast mich in fünf Tagen kaum angesehen. Ich bin nicht dumm. Ich weiß, was auf dieser Veranda fast passiert wäre, und ich weiß, dass du jeden einzelnen Tag seitdem versucht hast, so zu tun, als wäre es nicht passiert.“

„Was wolltest du, dass ich tun soll?“ sagte er schärfer, als er beabsichtigt hatte; seine Frustration durchbrach endlich die sorgfältige Fassade, die er aufrechterhalten hatte. „So tun, als wäre alles in Ordnung? So tun, als hätte dein Bruder mir vor fünf Jahren nicht versprechen lassen, dass du die eine Person auf der Welt bist, die ich nie anfassen würde? Denkst du, ich habe nicht jeden einzelnen Tag seit der Party daran gedacht? Denkst du nicht, ich verliere nicht den Verstand?“

Die Worte hingen roh und ungeplant zwischen ihnen, und Mariams Miene wechselte von Abwehr zu etwas Sanfterem, fast Traurigem.

„Ich habe dieses Versprechen nicht verlangt,“ sagte sie leise. „Ich habe nicht zugestimmt. Ich war sechzehn, als er dich das sagen ließ, Michael. Niemand hat gefragt, was ich will. Er hat mein ganzes Leben lang entschieden, wen ich begehren darf, und ich bin so müde, ständig etwas zu sein, über das andere Menschen Regeln aufstellen. Ich bin zweiundzwanzig. Ich darf jetzt selbst entscheiden. Und ich habe beschlossen, dass ich nicht länger so tun will.“

„Mariam.“

„Willst du mich?“ fragte sie, geradeheraus, ohne Zögern, die Direktheit nahm ihm fast den Atem. „Sag mir die Wahrheit. Vergiss Marcel für eine Sekunde. Vergiss das Versprechen. Willst du mich, ja oder nein?“

Es gab keine sichere Antwort mehr. Er war vor Wochen mit den sorgfältigen Sätzen ausgegangen, lief seitdem auf geliehener Zeit und schwindendem Willen, seit dem Moment, als sie an jenem Umzugstag in ihrem übergroßen Sweatshirt um die Kückenecke gekommen war, und in dieser stillen Küche um elf Uhr nachts, mit dem Klick des abgeschalteten Wasserkochers hinter ihr, ließ er endlich zu, dass er keine Kontrolle mehr hatte, die es sich noch lohnte zu behalten.

„Ja,“ sagte er. „Gott, ja. Ich habe dich seit dem Tag gewollt, an dem du die Treppe runterkamst und ich vergaß, wie man eine Kiste hält. Ich glaube, ich wollte dich schon länger, habe es mir nur nicht eingestanden.“

Sie machte ein kleines Geräusch, zwischen Erleichterung und Unglauben, und schloss die letzte Distanz zwischen ihnen, ihre Hände glitten an seiner Brust hoch, und diesmal war kein Marcel, der um die Ecke bog, um sie zu unterbrechen, keine halbe Sekunde des Zögerns übrig. Michaels Hände fanden ihre Taille wie auf der Veranda, nur dass jetzt nichts ihn mehr davon abhielt, sie ganz zu sich zu ziehen, nichts mehr zwischen fünf Jahren sorgsamer Verdrängung und der Wahrheit dessen, was er wollte.

Der Kuss, als er kam, war nicht sanft. Es war der Kuss, der aus Wochen absichtlicher Distanz entstand, die schließlich unter ihrer eigenen Last zusammenbrach; ihre Finger krallten sich in sein Shirt, seine Hand glitt in ihr noch feuchtes Haar, sie küssten, als wollten sie jede Sekunde wiedergutmachen, die sie damit verbracht hatten, so zu tun, als wäre das alles nicht unvermeidlich. Sie schmeckte nach dem Tee, den sie gemacht hatte, warm und süß, und sie gab einen leisen Laut gegen seinen Mund von sich, der etwas in ihm völlig löste, einen letzten fragilen Faden der Zurückhaltung, der sauber schnippte.

Sie trennten sich nur, weil beide Luft brauchten, Stirn an Stirn, schwer atmend, ihre Hände noch immer in seinem Hemd verkrampft, als fürchteten sie, er könnte verschwinden, wenn sie losließen.

„Das hätte nicht passieren dürfen,“ sagte er, die Stimme rau.

„Ich weiß.“

„Ich habe gerade das einzige Versprechen gebrochen, das je für deinen Bruder gezählt hat.“

„Ich weiß,“ sagte sie wieder, und dann, leiser, entschlossener: „Mir ist das egal. Sechs Jahre lang habe ich mehr darauf gegeben, was andere wollen, als auf das, was ich will, und jetzt ist Schluss. Ich will das. Ich will dich. Wenn mich das egoistisch macht, dann sei’s drum, ich werde egoistisch sein.“

Michael küsste sie noch einmal, diesmal langsamer, absichtlich, beide Hände umrahmten ihr Gesicht, als wollte er die Form von ihr auswendig lernen, und irgendwo hinten in seinem Kopf sagte eine kleine rationale Stimme, dass dies der Anfang von etwas war, das nicht sauber enden konnte, dass Marcels Auto in weniger als einer Stunde in der Einfahrt stehen würde, dass jede Sekunde, die sie so verbrachten, eine Sekunde näher daran war, die eine Beziehung zu zerstören, die das ganze Gefüge seines Erwachsenenlebens aufgebaut hatte.

Er küsste sie trotzdem. Er hörte nicht auf, bis Scheinwerfer über das Küchenfenster fuhren und sie zum zweiten Mal in zwei Wochen auseinander sprangen, schwer atmend, die Lippen geschwollen, sahen sich über drei Fuß plötzlich enormer Distanz an, während die Haustür mit Marcels Schlüsseln rasselte.

„Hey,“ rief Marcel, kam herein, erschöpft, völlig ahnungslos, dass die Frau, die sich gerade am Tresen die Haare glatt strich, und der beste Freund, der sich an die Küchentheke klammerte, als sei es das Einzige, was ihn aufrecht hielt, gerade ohne sein Wissen die ganze Gestalt seiner Welt neu geschrieben hatten. „Gruppenprojekt aus der Hölle. Was hab ich verpasst?“

Mariams Blick traf noch einmal Michaels, bevor sie antwortete, und der Ausdruck, den sie ihm gab, war unverkennbar, gleichermaßen Warnung und Versprechen.

„Nichts,“ sagte sie. „Gar nichts.“

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