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Kapitel 4

Author: Afterlife Riot
Auf dem Heimweg saß Lilia wieder auf dem Beifahrersitz. Julian brachte sie zuerst nach Hause. Ich saß hinten und besprach mit meinem Vermieter in Frankreich die Einzelheiten der Wohnung.

„Setz dich nach vorn“, sagte Julian plötzlich.

Ich sah nicht einmal auf. „Nicht nötig.“

Zwei Sekunden lang schwieg Julian.

„Wie du meinst.“

Ich ließ ihn unbeachtet. Die helle, lichtdurchflutete Wohnung gefiel mir ausgesprochen gut, also überwies ich sofort die Anzahlung.

Zu Hause nahm Julian einen Katalog aus seiner Aktentasche und trat zu mir.

„Willst du mal schauen?“

Verwundert nahm ich den Katalog entgegen. Es war ein Brautmodenkatalog.

„Such dir möglichst bald etwas aus“, sagte Julian. „Die Hochzeit ist schließlich schon in einem Monat. Dann kann das Kleid rechtzeitig angefertigt werden.“

Julian deutete auf ein Kleid, das über und über mit aufgesetzten Lilienblüten besetzt war.

„Das hier finde ich schön.“

In meinem Blick blitzte Verachtung auf.

Lilien. Lilia.

Wirklich überall dachte Julian an sie.

Früher wäre ich darüber wütend geworden.

Jetzt nickte ich bloß ruhig.

„Gut. Passt. Dann nehmen wir das.“

In zwei Tagen bin ich ohnehin weg. Was geht mich eine Hochzeit in einem Monat noch an?

Julian schien mit meinem fügsamen Verhalten ausgesprochen zufrieden. Wie zur Belohnung küsste er mich auf die Stirn.

„Brav. So ist es doch viel besser. So ein langes Gesicht wie heute will ich nicht noch einmal sehen, verstanden?“

Dann ging Julian ins Bad.

Ich holte ein Desinfektionstuch und rieb mir die Stirn ab, bis die Haut rot war.

Um neun machte Julian wie immer das Licht aus und legte sich ins Bett. Sein Handy lag mit dem Display nach unten da, und in seinem rechten Ohr steckte ein Bluetooth-Ohrhörer.

Julian schien weder den leer geräumten Schminktisch noch die fehlenden Sachen im Bad zu bemerken. Auch der Koffer neben meinem Nachttisch fiel ihm nicht auf.

Natürlich.

Außer Lilia scheint ihm niemand etwas zu bedeuten.

Mitten in der Nacht riss mich plötzlich ein schriller Schrei aus dem Schlaf.

Neben mir riss Julian die Augen auf und fuhr hoch. Voller Panik brüllte er mit zitternder Stimme in den Ohrhörer:

„Lilia? Was ist los?“

In der nächtlichen Stille hörte ich Lilia am anderen Ende unaufhörlich weinen.

Julian, der seine Gefühle sonst nie zeigte, hielt es keine Sekunde länger im Bett aus. Er sprang auf und stürmte aus der Wohnung.

Von wegen Neun-Uhr-Regel.

Von wegen Schlafrhythmus.

Für Lilia konnte Julian all das jederzeit über Bord werfen.

Es kam für mich nicht infrage, Julian zu folgen. Schlafen konnte ich aber auch nicht mehr. Also scrollte ich gelangweilt auf meinem Handy.

Im Uni-Forum von Falkenstadt überschlugen sich die Beiträge.

„Irgendein Perverser ist ins Wohnheim für Lehrkräfte eingedrungen! Offenbar ist Frau Winter, die Assistentin aus der Literaturwissenschaft, etwas passiert!“

„Ihr ist nichts passiert! Ich bin vor Ort: Der Typ war schon an ihrem Fenster und wollte gerade die Tür aufbrechen, als Professor Bergmann auftauchte!“

„Professor Bergmann sieht richtig unheimlich aus. Wie ein wild gewordenes Tier. Er prügelt den Typen völlig zusammen!“

„Die Polizei ist jetzt auch da.“

Schweigend las ich weiter. Jeder Beitrag war mit Fotos versehen.

In der kalten Dunkelheit des Schlafzimmers traf mich jedes einzelne Bild wie ein Stich.

Dann wurde ein Video hochgeladen. Ich öffnete es.

Es war genau wie beschrieben. Julian, der sonst ständig auf Regeln pochte, schlug wie von Sinnen auf einen maskierten Mann ein.

Ein Faustschlag nach dem anderen.

Erst als die Polizei kam, hörte Julian auf.

Dann drehte er sich um und zog Lilia fest an sich.

Julian drückte Lilias Kopf an seine Brust, damit sie den blutigen Anblick nicht sehen musste.

„Keine Angst. Ich bin da.“

Das Video ging sofort viral. Alle fanden, dass ein Mann, der seine Frau so sehr liebte, unwiderstehlich war.

Lange sah ich auf den Bildschirm.

Unter dem beliebtesten Kommentar, der den beiden eine lange, glückliche gemeinsame Zukunft wünschte, drückte ich auf „Gefällt mir“.

Dann verließ ich die Seite ganz ruhig.

Julian kam in dieser Nacht nicht nach Hause. Es überraschte mich nicht im Geringsten.

Ich schlief traumlos bis sechs Uhr.

Dann nahm ich meinen fertig gepackten Koffer und meine Papiere. Ein letztes Mal fiel mein Blick auf die Hochzeitskataloge auf dem Tisch.

Ich legte meinen Schlüssel auf die Ablage im Flur und ging, ohne mich umzudrehen.

Am Flughafen pinnte ich den Beitrag über die Auflösung unserer Verlobung ganz oben in meinem Profil an.

Dann stieg ich ins Flugzeug.

Als die Maschine abhob, war es endgültig vorbei.

Julian und ich hatten in diesem Leben nichts mehr miteinander zu tun.

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