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Als sie mich vermissten, war ich längst fort

Als sie mich vermissten, war ich längst fort

By:  MichelleCompleted
Language: Deutsch
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Am Abend der Studienentscheidung scharte sich meine ganze Familie um meine Zwillingsschwester Lily. Mein Bruder Ethan öffnete eine Karte von Boston und verglich die Entfernung zwischen ihrem Wohnheim und seinem Campus. Ryan, mein bester Freund seit Kindertagen, verzichtete auf seinen Studienplatz an der McGill Universität, weil Lily zugegeben hatte, Angst vor dem Studienbeginn zu haben – ohne ein vertrautes Gesicht in der Nähe. Meine Eltern waren überglücklich. Nun würde Lily immer jemanden haben, der sich um sie kümmerte. Es dauerte fast den ganzen Abend, bis ihnen einfiel, dass auch ich eine Entscheidung zu treffen hatte. „Nora war immer selbstständig“, sagte meine Mutter und entschied für mich, ohne auch nur aufzusehen. „Sie kann an die University of Massachusetts Boston gehen. Die liegt in Lilys unmittelbarer Nähe, also kann sie ihr am Wochenende helfen.“ Niemand fragte, welche Universitäten mich angenommen hatten. Niemand wusste, dass in meinem Posteingang noch immer ein Angebot aus Schottland lag. Wenn sie nie vorgehabt hatten, mir ein eigenes Leben zuzugestehen, schuldete ich ihnen auch keine Auskunft mehr darüber. Ich drehte meinen Laptop von ihnen weg und nahm meinen Studienplatz an der University of Edinburgh an. Zum ersten Mal wählte ich einen Ort, der am weitesten von ihnen allen entfernt lag.

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Chapter 1

Kapitel 1

„Die Boston University ist perfekt für Lily.“ Ethan legte sein Tablet mitten auf den Esstisch und tippte auf den Campusplan. „Ich bin an der Northeastern University, mit der U-Bahn also keine zwanzig Minuten entfernt. Wenn dir jemand Schwierigkeiten macht, ruf mich an.“

Lily stützte das Kinn in die Hände und schenkte ihm eines ihrer süßen, dankbaren Lächeln. „Wenn du in der Nähe bist, fühle ich mich immer sicherer. Aber Ryan wollte schon immer nach McGill. Ich kann doch nicht verlangen, dass alle ihr Leben umkrempeln, nur weil ich nervös bin.“

Angeblich konnte sie das nicht verlangen, doch ihr Blick ruhte bereits auf Ryan.

Er schloss die Zusageseite der McGill University, als würde er beiläufig eine Tischreservierung stornieren. „Es ist nur eine Universität. Studieren kann ich überall. Die BU hat mich auch angenommen, also bleibe ich hier.“

Drei Jahre zuvor hatten Ryan und ich am Charles River gesessen und uns versprochen, gemeinsam nach Montreal zu gehen, falls McGill uns beide annahm. Er wusste, dass ich Molekularbiologie studieren und einem Zuhause entkommen wollte, in dem sich jede Entscheidung irgendwie um Lily drehte.

Damals hatte er mir versprochen, mit mir fortzugehen.

Nun musste Lily ihn nicht einmal bitten zu bleiben. Sie brauchte nur ein wenig ängstlich auszusehen, und schon löste sich unser Versprechen in Luft auf.

„Ryan, das musst du wirklich nicht tun.“ Lily biss sich auf die Lippe, ihre Augen glänzten bereits. „Nora hat sich doch auch an der McGill University beworben. Habt ihr beiden das nicht schon seit Ewigkeiten geplant?“

Endlich hatte sie mich erwähnt, doch niemand sah zu mir.

Mom tätschelte Lilys Hand. „Nora findet sich überall zurecht. Sie kommt schon klar, ganz gleich, wo sie landet. Veränderungen sind dir schon immer schwer gefallen, deshalb brauchst du natürlich vertraute Menschen in deiner Nähe.“

Dad nickte. „Die Familie ist füreinander da. Nora kann ebenfalls in Boston bleiben, dann gewinnen alle.“

Ich öffnete den Mund, um ihnen von meiner Zusage aus Edinburgh zu erzählen, doch da schniefte Lily leise.

„Bin ich egoistisch?“, fragte sie und sah mich direkt an. „Du bist mir doch nicht böse, oder, Nora?“

Bevor ich antworten konnte, runzelte Ethan die Stirn. „Was soll das mit Nora zu tun haben? Ryan hat selbst entschieden. Hör auf, dir für alles die Schuld zu geben.“

Ryan warf mir den vertrauten Blick zu, den er immer benutzte, wenn ich es allen leicht machen sollte. „Nora wird es dir nicht übel nehmen. So ist sie nicht.“

Er fragte nicht, ob ich verletzt war. Er fragte nicht, wohin ich gehen wollte. Er antwortete für mich, weil ich achtzehn Jahre lang das Mädchen gespielt hatte, das nie Aufhebens um etwas machte.

Als wir klein waren, musste Lily auf einer Familienfeier nur ein Lied singen, und alle Erwachsenen verstummten, um ihr zuzuhören. Wenn ich ihnen mein Projekt für den Wissenschaftswettbewerb zeigte, brauchte sie nur Bauchweh zu erwähnen, und schon rasten Mama und Papa mit ihr nach Hause – noch ehe ich meinen ersten Satz beendet hatte.

Irgendwann erwartete ich nichts mehr. Erwartungen gaben den Menschen nur eine weitere Gelegenheit, mich im Stich zu lassen.

„Nora?“ Endlich bemerkte mein Vater den geöffneten Laptop vor mir. „Hast du der staatlichen Uni zugesagt?“

Ich blickte auf das Angebot der University of Edinburgh auf meinem Bildschirm. „Fast.“

„Schieb es nicht bis zum letzten Moment auf“, sagte Ethan. „Und lade dir nicht zu viel auf. Lily wird in ihrem ersten Jahr jede Menge um die Ohren haben und wahrscheinlich deine Hilfe brauchen.“

Sofort mischte Lily sich mit jener sanften Stimme ein, die alle liebten. „Setz sie nicht unter Druck, Ethan. Nicht jeder muss sich im Studium eine Million Ziele setzen. Hauptsache, Nora ist glücklich.“

Es klang fürsorglich. Tatsächlich meinte sie, dass ihre Zukunft sorgfältig geplant werden musste, während meine einfach das sein durfte, was übrig blieb.

Ich gab den Versuch auf, mich zu erklären, und ging hinunter in mein Zimmer im Keller.

Als ich vierzehn war, hatten meine Eltern mein sonniges Zimmer in Lilys Aufnahmestudio verwandelt. Sie hatten mich nach unten verfrachtet, weil ich ruhig und unkompliziert war und offenbar überall lernen konnte.

Mein Schreibtisch stand an der Wand zum Heizungsraum. In Winternächten klapperten die Rohre, im Sommer roch es nach feuchtem Beton und Waschmittel.

Auf meinem Bildschirm wartete die University of Edinburgh auf meine Antwort.

Mir fehlte noch Geld, doch ich hatte die Endrunde des Caledonia-Global-Scholars-Programms erreicht. Wenn ich die Wohnheim- und Lebenshaltungskosten des ersten Jahres aus meinen Ersparnissen deckte, konnte ich auch ohne das Vollstipendium fortgehen.

Ich klickte auf „Annehmen“.

Während die Bestätigung geladen wurde, drang Gelächter von oben zu mir. Wahrscheinlich hatte Lily etwas Bezauberndes gesagt, und wieder einmal hatten sich alle um sie versammelt.

Niemand kam nach unten. Niemand fragte, wofür ich mich entschieden hatte.

Den ganzen Abend hatten sie meine Zukunft geplant, doch keiner von ihnen wollte meine Antwort wirklich hören.

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