LOGINAls ich ankam, lag Julian noch mit fest geschlossenen Augen im Krankenhausbett.Sein Gesicht war sehr blass.Während unserer fünf gemeinsamen Jahre hatte ich Julian noch nie in einem solchen Zustand gesehen. Doch ich warf nur einen gleichgültigen Blick auf ihn.Hoffentlich stirbt Julian nicht. Das würde mir gerade noch fehlen.Gerade wollte ich gehen, da öffnete Julian hinter mir benommen die Augen. Seine Stimme war völlig heiser.„Clara ...“Ich blieb stehen und drehte mich um.Unsere Blicke trafen sich. Meiner war ruhig, Julians voller Schmerz.„Hasst du mich so sehr?“Julian spürte ein Brennen hinter den Augen.Er dachte an früher.Wenn Julian Magenschmerzen oder Fieber bekam, war Clara immer bei ihm und kümmerte sich um ihn.All die Jahre kochte Clara selbst für Julian. Nach und nach wurden seine Magenschmerzen seltener.Oft wachte Julian auf und sah Clara am Bettrand schlafen, über das Bett gebeugt. Selbst im Schlaf hielt sie noch seine Hand fest.Jedes Mal wurde Julian dabei weic
Der Frühling verging, der Herbst kam. Wieder zog ein ganzer Jahreskreis an mir vorbei.Für mich war die Zeit nichts als Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Ebbe und Flut.Im Nu verging ein Jahr.Meine Arbeit und mein Leben in Frankreich liefen längst in geregelten Bahnen. Was zu Hause geschah, wusste ich nicht. Alle, die mit der Familie Bergmann zu tun hatten, hatte ich aus meinen Kontakten gelöscht.Ich rechnete nicht damit, Julian noch einmal zu sehen. Jedenfalls wollte ich ihn nicht wiedersehen.Doch das Schicksal wollte es anders.Als ich an jenem Tag von der Arbeit nach Hause kam, sah ich schon von Weitem eine einsame, verloren wirkende Gestalt im gelblichen Licht einer Straßenlaterne.Ich blieb stehen.Julian entdeckte mich. In seinen Augen tobten Gefühle, die ich nicht deuten konnte.Gerade wollte ich weggehen, da stürzte Julian auf mich zu. Im nächsten Moment schloss er mich zitternd in seine warmen Arme.„Es tut mir leid ...“Diese Worte überraschten mich.Ich dachte zunächst,
Julian starrte fassungslos auf die Nachricht.Die Verlobung aufgelöst?Clara?Wie soll das möglich sein? Gestern Abend haben wir doch noch über verschiedene Brautkleidmodelle gesprochen.Doch Julians Fingerspitzen zitterten bereits. Voller Angst und Unruhe öffnete er Claras Profil.Es war fast leer. Ganz oben stand nur ein angehefteter Beitrag über die aufgelöste Verlobung.„An alle Verwandten und Freunde, die eine Einladung zu unserer Hochzeit erhalten haben: Es tut mir leid.Unsere Verlobung ist aufgelöst. Die Hochzeit fällt aus.Alles Gute für die Zukunft.“Das war alles ...Julians Blick flackerte. Fünf Minuten lang starrte er auf diese drei kurzen Zeilen. Am liebsten hätte er mit seinem Blick ein Loch in den Bildschirm gebrannt.Als die Studierenden ihn so sahen, wechselten sie ratlose Blicke.„Was ist denn mit Professor Bergmann los? Der sieht ja völlig entgeistert aus. Völlig fertig.“„Keine Ahnung. Wenn ich die Leistungspunkte nicht bräuchte, würde ich mir seine Veranstaltung j
Zur selben Zeit spürte Julian plötzlich einen stechenden Schmerz im Herzen. Er war bei Lilia im Wohnheim für Lehrkräfte der Universität Falkenstadt.Lilia sah sofort auf.„Julian, was ist? Geht es dir nicht gut? Du bist so blass.“Julian atmete tief durch. Erst nach einer Weile ließ das Stechen etwas nach. Er löste eine Tablette in Wasser auf und gab Lilia die Lösung zu trinken.„Es ist nichts.“Julian dachte kurz darüber nach, fand aber keine Erklärung und ließ es gut sein.„Wahrscheinlich habe ich mich einfach zu sehr um dich gesorgt, als ich gehört habe, dass dir etwas passiert ist. Jetzt, wo ich langsam wieder zur Ruhe komme, rast mein Herz noch ein bisschen.“Lilias Ohrenspitzen wurden unwillkürlich rot. Bei dem Gedanken an das Geschehen dieser Nacht saß ihr der Schreck noch immer tief in den Knochen.„Danke. Ohne dich hätte ich heute Nacht vielleicht ...“Lilia hielt inne.„Sag deiner Mutter bitte nichts davon. Sonst macht sie sich solche Sorgen, dass sie kein Auge mehr zumacht.“
Auf dem Heimweg saß Lilia wieder auf dem Beifahrersitz. Julian brachte sie zuerst nach Hause. Ich saß hinten und besprach mit meinem Vermieter in Frankreich die Einzelheiten der Wohnung.„Setz dich nach vorn“, sagte Julian plötzlich.Ich sah nicht einmal auf. „Nicht nötig.“Zwei Sekunden lang schwieg Julian.„Wie du meinst.“Ich ließ ihn unbeachtet. Die helle, lichtdurchflutete Wohnung gefiel mir ausgesprochen gut, also überwies ich sofort die Anzahlung.Zu Hause nahm Julian einen Katalog aus seiner Aktentasche und trat zu mir.„Willst du mal schauen?“Verwundert nahm ich den Katalog entgegen. Es war ein Brautmodenkatalog.„Such dir möglichst bald etwas aus“, sagte Julian. „Die Hochzeit ist schließlich schon in einem Monat. Dann kann das Kleid rechtzeitig angefertigt werden.“Julian deutete auf ein Kleid, das über und über mit aufgesetzten Lilienblüten besetzt war.„Das hier finde ich schön.“In meinem Blick blitzte Verachtung auf.Lilien. Lilia.Wirklich überall dachte Julian an sie.
Als wir auf dem Anwesen der Familie Bergmann ankamen, wartete Julians Mutter, Frau Bergmann, bereits erwartungsvoll vor der Tür.Lilia stieg aus und eilte auf Frau Bergmann zu. Sie hakte sich vertraut bei ihr ein und sagte in schmeichelndem Ton:„Frau Bergmann! Es ist doch so windig. Warum sind Sie extra rausgekommen? Gehen wir lieber hinein.“Frau Bergmann lächelte gütig. „Na, weil ich auf dich gewartet habe. Ich habe dafür gesorgt, dass du bei Julian arbeiten kannst. Ich hoffe, er macht es dir nicht allzu schwer. Der Junge ist wirklich schwierig.“Lilia warf Julian einen Blick zu. Er stand neben ihr und lächelte sanft. Lilias Ohrenspitzen wurden rot.„Professor Bergmann ist sehr nett. Ich kann mich wirklich nicht beklagen.“Lilia und Frau Bergmann machten sich bereits auf den Weg ins Haus. Erst als sie schon fünf Meter gegangen waren, fiel Frau Bergmann etwas ein. Sie drehte sich um. Ihr Blick auf mich war deutlich kühler.„Clara, du bist ja auch da. Komm rein, sonst frierst du noch.






