Am anderen Ende der Leitung klang Lars' Stimme völlig fassungslos, als er fragte: „Du willst dich scheiden lassen? Warum so plötzlich? Hast du dich etwa mit Sebastian gestritten?“
Clara umklammerte ihr Telefon und antwortete mit matter Stimme: „Nein, ich bin einfach nur müde geworden und will nicht mehr mit ihm zusammenleben.“
In den vergangenen sieben Jahren hatte sie es sich zur Gewohnheit gemacht, immer nur das Gute zu teilen und das Schlechte für sich zu behalten. Meistens tat sie es wohl, um allen zu beweisen, wie glücklich sie angeblich war. Egal wie kalt sich Sebastian ihr gegenüber verhielt oder wie anstrengend es war, einen derart wilden und ungezogenen Jungen wie Leo zu erziehen, sie hatte sich kein einziges Mal bei ihrem Bruder beschwert. Es war daher völlig verständlich, dass Lars nun aus allen Wolken fiel.
Vielleicht war es das unzertrennliche Band zwischen Geschwistern, denn Lars schwieg nach ihren Worten eine ganze Weile, ohne auch nur eine einzige Frage zu stellen.
„In Ordnung“, sagte er schließlich mit tiefer Stimme, „wann kannst du zurückkommen? Ich werde dich und Leo dann persönlich abholen.“
Clara zögerte einen kurzen Moment, bevor sie erwiderte: „Leo bleibt bei Sebastian, ich nehme ihn nicht mit.“
Lars hielt hörbar den Atem an und fragte entsetzt: „Das bringst du übers Herz? Hab keine Angst, Clara. Wenn dein Entschluss wirklich feststehe, helfe ich dir und wir kämpfen gemeinsam um das Sorgerecht.“
„Das ist nicht nötig, Lars. Sobald ich die Dinge hier geregelt habe, melde ich mich wieder bei dir.“ Aus Angst, ihr Bruder könnte sie weiter ausfragen, drückte Clara mit zitternden Fingerspitzen hastig auf den Bildschirm, um das Gespräch zu beenden.
Sie sank auf das Sofa zurück, ohne noch einen Funken Energie in ihrem Körper zu spüren.
Seit Leos Geburt hatte Clara niemals auch nur im Traum daran gedacht, sich von Sebastian zu trennen. Und sie hätte unter keinen Umständen erwartet, dass der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, ausgerechnet ihr eigener Sohn sein würde.
Sie hatte zwar davon gesprochen, die Dinge hier zu regeln, doch in Wahrheit gab es absolut nichts zu regeln. Die Heiratsurkunde war eine Fälschung und ihre Namen waren nie im Personenstandsregister als Eheleute eingetragen worden. Sie brauchte lediglich ihre Koffer zu packen und zu gehen, um endgültig einen klaren Schlussstrich zwischen sich und diesem Gespann aus Vater und Sohn zu ziehen.
Clara sammelte ihre Gedanken und ging nach oben, um mit dem Packen zu beginnen.
Plötzlich wurde die Zimmertür aufgestoßen.
Leo kam mit einem Spielzeug in der Hand herein, blickte überrascht auf die Kleiderstapel und fragte mit großen Augen: „Mama, warum packst du deine Sachen? Wo gehst du denn hin?“
Clara drehte sich langsam um und sah ihn an.
Obwohl dieser Junge einst Fleisch von ihrem eigenen Fleische gewesen war, empfand sie in diesem Moment nur noch eine tiefe, unüberbrückbare Fremdheit.
„Ich gehe auf eine lange Reise“, antwortete sie mit unnahbarer Kälte.
Leos Gesicht erstrahlte augenblicklich in purer Vorfreude, als er rief: „Wirklich? Wann fliegst du weg?“
Kinder waren am schlechtesten darin, ihre Gefühle zu verbergen, und seine Stimme vibrierte förmlich vor Ungeduld.
Claras Herz sank noch ein Stück tiefer. „In den nächsten Tagen schon, und ich werde für eine sehr lange Zeit weg sein.“
Leos Lächeln wurde noch strahlender. „Super! Dann wünsche ich dir eine gute Reise, Mama!“
Er drehte sich um und hüpfte voller Elan aus dem Zimmer, um Helena anzurufen und ihr diese großartige Neuigkeit zu erzählen.
Als Clara seinem Rücken nachsah, zog sie die Stirn kraus und konnte sich den gewohnten Hinweis dennoch nicht verkneifen: „Es ist schon nach sieben Uhr durch, deine Hausaufgaben...“
Leo stöhnte genervt auf: „Oh Mann, wie du nervst! Sonst hast du dich doch auch erst um acht Uhr abends zu mir gesetzt, um mir bei den Hausaufgaben zu helfen. Warum drängst du mich jetzt schon so früh?“
Clara presste abrupt die Lippen zusammen und lächelte voller Selbstironie. „Es tut mir leid, das war das letzte Mal.“
Leo fand, dass seine Mutter heute irgendwie seltsam reagierte. Normalerweise hätte sie jetzt wieder angefangen zu nörgeln, dass die Lehrerin die Aufgaben morgen kontrollieren würde und es besser sei, alles frühzeitig zu erledigen, um rechtzeitig ins Bett zu gehen. Doch er dachte nicht weiter darüber nach, zeigte sich beim Verlassen des Raumes noch einmal trotzig und schlug die Tür so heftig zu, dass das ganze Haus bebte.
Clara trat an den Schreibtisch, nahm die Lehrbücher heraus, die sie sonst immer für Leos Nachhilfe nutzte, und legte sie ordentlich an den Rand. Jede wichtige Stelle hatte sie sorgfältig markiert, selbst wenn es sich nur um den einfachen Stoff der ersten Klasse handelte.
Um solche Dinge hatte sich Sebastian sonst nie gekümmert. Sie hatte die gesamte Last der Kindererziehung allein getragen, nur um am Ende von ihrem eigenen Sohn dafür verurteilt zu werden.
Sechs Jahre lang hatte sie ihr ganzes Herzblut in seine Erziehung gesteckt. Dank ihr glänzte Leo mit hervorragenden Noten, spielte mühelos Klavier sowie Gitarre und war kerngesund, da er praktisch nie krank wurde.
All diese jahrelangen Opfer wogen in den Augen des Jungen weniger als ein paar Spielzeuge von Helena und ein paar Tage, in denen sie ihm jeden Unsinn durchgehen ließ.
Eine Träne rann ihr die Wange hinunter und klatschte auf das Holz.
Clara wischte sie sich sofort energisch weg, sortierte Leos gesamte Unterlagen und versah sie ordentlich mit Beschriftungen.
Als es acht Uhr abends schlug, ging sie nicht hinüber in das Nebenzimmer, um Leo an seine Hausaufgaben zu erinnern.
Leo feuerte sich insgeheim an, weil er glaubte, seine Mutter hätte schlichtweg die Zeit vergessen, und verbrachte den Abend seelenruhig mit seinen Videospielen.
Als er schließlich müde gespielt war, schlief er ganz unbemerkt in seinem Bett ein.
Der Hausverwalter ging davon aus, dass Clara sich wie üblich um den Jungen kümmerte, weshalb auch er nicht nach dem Rechten sah.
Gegen neun Uhr kehrte Sebastian schließlich aus der Firma zurück.
Als Clara das Geräusch der sich öffnenden Haustür hörte, zitterte ihre Hand unwillkürlich, sodass sie die soeben verfasste Nachricht voreilig an ihren Arzt abschickte.
„Herr Doktor, es tut mir leid, aber Sie brauchen die Operation für mich nicht mehr zu buchen. Ich habe mich für eine konservative Therapie entschieden und werde mich in einer Spezialklinik im Ausland behandeln lassen.“
Sebastian trat herein und strich mit dem Blick über den Esstisch, der heute Abend jedoch völlig leer war. Es gab keine warme Kraftbrühe mehr, die Clara sonst jeden Tag liebevoll für ihn zubereitet hatte. Da er häufig Überstunden machte und unregelmäßig aß, litt er unter einem empfindlichen Magen, weshalb Clara ihm eigentlich jeden späten Abend diese Suppe reichte.
In Sebastians tiefen Augen blitzte Verwirrung auf, doch als er den Blick ganz auf Clara richtete, wurde sein Ausdruck sofort weicher. „Wo ist meine Suppe heute Abend?“
Clara drehte langsam den Kopf und sah ihn still an. „Ich fühle mich nicht wohl, ich habe nichts gekocht.“
Sebastian, der sich gerade die Krawatte lockerte, hielt mitten in der Bewegung inne. „Liegt das an dem Stress der letzten Tage? Du hattest so oft Nasenbluten und deine Haut ist viel blasser als sonst. Vielleicht sollte ich doch noch zwei Hausmädchen einstellen. Du machst einfach alles viel zu sehr im Alleingang, mein Schatz, das reibt dich irgendwann auf.“
Er stellte eine kleine Schachtel vor Clara ab, während er seine warme, trockene Hand sanft an ihre Stirn legte.
Clara ließ seine Berührung regungslos geschehen. Plötzlich schoss ihr die Erinnerung in den Kopf, dass Sebastian vor jener fatalen, ungeplanten Nacht ein absolut distanziertes und fast gleichgültiges Verhalten ihr gegenüber an den Tag gelegt hatte. Doch als er damals völlig unter der Kontrolle dieses Mittels gestanden hatte, war er in jener Nacht wie ein erwachtes Raubtier über sie hergefallen und hatte sie so wild zugerichtet, dass ihr ganzer Körper mit blauen Flecken übersät war.
Als er am nächsten Morgen aufgewacht war, hatte der sonst so unnahbare, makellose Sebastian plötzlich hochrote Ohren bekommen. Verlegen, aber sichtlich bemüht, die Fassung zu wahren, hatte er ihr den Weg versperrt, sie nicht gehen lassen und darauf beharrt, die Verantwortung für sie zu übernehmen.
Seit diesem Tag war er wie ausgewechselt gewesen. Gegenüber anderen Menschen blieb er kühl und distanziert, doch sie hatte er fortan mit Aufmerksamkeit und Fürsorge überhäuft.
„Kein Fieber. Warum siehst du dann nur so schrecklich blass aus?“
Sebastians Stimme holte sie plötzlich in die Realität zurück, als sie von oben herab auf sie einschlug.
„Möchtest du ein Stück von diesem Himbeer-Törtchen probieren?“
Clara schreckte auf und starrte erst jetzt wie betäubt auf die rosafarbene Gebäckschachtel. Es war genau jenes feine Himbeer-Törtchen, das sie über alles liebte.
In dieser rauen Industriestadt im Norden gab es weit und breit keine einzige traditionelle französische Patisserie. Nur die renommierte Königliche Konditorei im Stadtzentrum bot diese exquisite Spezialität exklusiv jeden Mittwoch in einer streng limitierten Auflage an.
Clara hatte dieses feine Gebäck vor fünf Jahren eher zufällig probiert und seither nie wieder vergessen.
Seit diesem Tag war Sebastian jeden Mittwoch persönlich dorthin gefahren, um es für sie zu besorgen, fünf Jahre lang ohne eine einzige Unterbrechung.
Damals war Clara tief berührt gewesen und hatte geglaubt, dass Sebastian zwar ein kühles Wesen besaß, sie in seinem Herzen jedoch eine feste Heimat hatte.
Doch nun entpuppte sich all das als eine miese Illusion. Was bedeutete schon ein Törtchen, das er fünf Jahre lang bei Wind und Wetter besorgt hatte, wenn zwischen ihnen nicht einmal eine echte Ehe existierte.
Claras Blick verdüsterte sich zusehends.
Als Sebastian bemerkte, dass sie sich nicht rührte, fragte er leise: „Magst du nicht probieren?“
Clara holte tief Luft und antwortete: „Ich habe keinen Appetit.“
Sebastian wollte gerade genauer nachfragen, als sein Blick unglücklicherweise auf die Handtasche fiel, die in der Ecke des Sofas lag. Der Reißverschluss stand offen, sodass der ärztliche Befundbericht zur Hälfte herausragte.
Seine Augen verengten sich leicht. „Warst du bei einer Untersuchung?“
Gerade als Sebastian nach dem Papier greifen wollte, hielt Clara ihn fest, indem sie sich in seinen Ärmel krallte. Sie zwang sich zu einem matten Lächeln und log: „Es ist nichts, ich habe in letzter Zeit einfach nur zu viel Stress gehabt.“
Sebastian atmete erleichtert aus und strich ihr sanft über das Haar. „Ich sage dem Hausmädchen, dass sie dir einen beruhigenden Kamillentee aufbrühen soll.“
Clara bohrte die Fingernägel in ihre Handflächen und hielt ihn mit brüchiger Stimme auf: „Sebastian, was wirst du eigentlich tun, wenn ich eines Tages unheilbar krank werde?“
Sebastians Schritte stockten abrupt und in seinem Inneren zog sich aus unerklärlichen Gründen das Herz schmerzhaft zusammen. Er zog die Stirn in Falten und tadelte sie leise: „Stell doch nicht so makabere Fragen und mal dir nicht so düstere Dinge aus. Wenn du dich unwohl fühlst, bringe ich dich zu einem Spezialisten, aber du wirst nicht unheilbar krank werden.“
Clara sah ihn mit einem unergründlichen Ausdruck an. „Wir sind nun seit sieben Jahren zusammen. Gibt es irgendetwas, das du vor mir verheimlichst? Wenn du es mir jetzt sagst, kann ich absolut alles akzeptieren.“
Sebastian erstarrte unwillkürlich, während sein Gesichtsausdruck augenblicklich finster wurde. „Ich verheimliche dir überhaupt nichts. Was ist denn heute mit dir los?“
Claras Augen flackerten unruhig, ehe sie den Blick endgültig von ihm abwandte. „Es ist nichts, wahrscheinlich habe ich mir in letzter Zeit einfach zu viele Gedanken gemacht. Aber du weißt ganz genau, dass ich Lügen verabscheue. Solltest du mich jemals hintergangen haben, werde ich für immer von der Bildfläche verschwinden, und wir drei werden in diesem Leben nie wieder als Familie zusammenfinden.“
Sebastian war wie vor den Kopf geschlagen.
Aus irgendeinem unerklärlichen Grund überkam ihn plötzlich eine düstere Vorahnung, als stünde ein unheilvolles Ereignis kurz bevor.
Er zwang sich zu einem sanften Lächeln und sein Blick wurde noch weicher, als er erwiderte: „Clara, wir drei werden uns niemals trennen. Red doch nicht solchen Unsinn. Ich gehe jetzt mal rüber und schaue nach Leo.“
Sebastian betrat Leos Zimmer und schloss die Tür fest hinter sich.
Claras Herz stürzte endgültig in einen tiefen, eisigen Abgrund.
Nun gab es für sie keinen Grund mehr, auch nur eine Sekunde länger zu zögern oder dieser Familie hinterherzutrauern.
Clara holte die bereits bereitgelegten Schlüssel für das Haus und den Wagen sowie einen verschlossenen Abschiedsbrief hervor.
Da sie niemals rechtskräftig verheiratet gewesen waren, brauchte sie weder eine Scheidungsurkunde noch mussten sie irgendeine offizielle Trennungsvereinbarung unterzeichnen, geschweige denn eine Vermögensaufteilung vornehmen. Dieses luxuriöse Anwesen und der Rolls-Royce in der Garage waren Geschenke, die Sebastian ihr im Laufe der Jahre gekauft hatte. Nun gab sie alles an ihn zurück, womit jegliche Verbindung zwischen ihnen für immer gekappt war.
Clara legte die Schlüssel zusammen mit dem Briefumschlag gut sichtbar auf den Schreibtisch in Sebastians Arbeitszimmer.
Gleich darauf ergriff sie den bereits gepackten Koffer, ging festen Schrittes durch die schwere Eingangstür und verschwand wortlos in der Dunkelheit der Nacht.