Clara rief sich am Straßenrand ein Taxi und wollte die Wartezeit nutzen, um auf ihrem Smartphone einen Flug zu buchen und dann direkt zum Flughafen zu fahren.
Doch genau in diesem Moment rief der Arzt an.
„Frau Wagner, wann genau fliegen Sie denn für die konservative Therapie ins Ausland?“, tönte seine Stimme aus dem Hörer.
Clara stand unter dem fahlen Licht einer Straßenlaterne, während ihr zierlicher Schatten lang und einsam auf den Asphalt geworfen wurde. Sie blickte auf ihre Silhouette hinab und erwiderte leise: „Jetzt gleich, ich bin bereits auf dem Weg zum Flughafen.“
Der Tonfall des Arztes wurde schlagartig panisch: „Auf keinen Fall! Sie haben einen Gehirntumor, wodurch Ihr Schädelinnendruck völlig anders ist als bei einem gesunden Menschen. Ein Flug birgt unter diesen Umständen unkalkulierbare Risiken. Sie müssen zwingend vorher zu einem Belastungstest kommen!“
Clara erstarrte.
Wie konnte das nur sein? Sie hatte sich innerlich so perfekt darauf eingestellt, noch in dieser Nacht für immer zu verschwinden, und nun durfte sie nicht einmal sofort abreisen.
Der Arzt atmete hörbar erleichtert auf, sichtlich froh darüber, sie noch rechtzeitig erreicht zu haben. „Kommen Sie morgen früh direkt zu mir in die Klinik. Ich werde Ihren Gesundheitszustand prüfen und beurteilen, ob Sie überhaupt flugtauglich sind.“
Das Telefonat wurde beendet und im selben Moment hielt das Taxi vor ihr.
Der Fahrer kurbelte das Fenster herunter und fragte: „Kann es losgehen?“
Clara zögerte einen Wimpernschlag lang, ehe sie antwortete: „Ja, bringen Sie mich bitte zum Hotel Blue Moon.“
Sie hatte ganz bewusst eine Unterkunft gewählt, die nicht im Besitz von Sebastian stand. Nach dem Einchecken ließ sie sich ein heißes Bad einlaufen, schloss die Augen und ging im warmen Wasser schweigend ihre Optionen durch.
Wenn das Flugzeug ausfiel, buchte sie eben eine Passage auf einem Schiff und nahm den Seeweg. Das dauerte zwar wesentlich länger, aber sie konnte sich unterwegs die Landschaft ansehen, und die Reisezeit von drei bis fünf Tagen auf dem Wasser hatte eigentlich auch etwas Beruhigendes.
Gerade als Clara diesen Gedanken zu Ende dachte, spürte sie plötzlich ein seltsames Kitzeln in der Nase.
Sie kämpfte mühsam gegen die aufkommende Müdigkeit an und blickte an sich herab. Im hellen Wasser der Badewanne bildeten sich bereits dunkle, rote Schlieren, die sich wie feine Blüten im warmen Nass verloren.
Clara wischte sich das Blut hastig aus dem Gesicht, hielt sich die Nase zu und verharrte regungslos, bis die Blutung versiegte, ehe sie erschöpft ins Bett stieg.
Ihr Telefon gab keinen einzigen Ton von sich. Wahrscheinlich war Sebastian nach dem Lesen des Briefes einfach nur unendlich erleichtert, dass sie so vernünftig gewesen war und den Platz für Helena geräumt hatte.
Clara legte sich auf die Seite und schlief schließlich tief und fest ein.
Als sie am nächsten Morgen erwachte, machte sie sich zügig fertig, um in die Klinik zu fahren, doch plötzlich schrillte ihr Klingelton durch den Raum.
Clara starrte einen Moment lang fassungslos auf das Display, auf dem der Name Frau König aufleuchtete.
Es war Leos Klassenlehrerin.
Clara nahm den Anruf zögernd entgegen und meldete sich mit brüchiger Stimme: „Hallo, Frau König...“
„Frau Wagner, könnten Sie bitte so schnell wie möglich in die Schule kommen?“, tönte die aufgeregte Stimme von Frau König aus dem Hörer, die die Situation rasch auf den Punkt brachte. „Leo hat sich mit einem anderen Kind aus seiner Klasse geprügelt und dem Jungen die Stirn blutig gekratzt. Sein Vater sitzt bereits hier bei mir im Büro und verlangt eine Erklärung.“
Aus rein mütterlichem Instinkt zog sich Claras Herz augenblicklich schmerzhaft zusammen. „Und wie geht es Leo? Ist er schwer verletzt?“
„Nein, er ist unverletzt“, entgegnete Frau König mit spürbarer Resignation, „allerdings weigert er sich strikt, sich zu entschuldigen, was den Vater des verletzten Kindes natürlich sehr wütend macht.“
Clara dachte einen kurzen Moment nach.
Heute war ein normaler Werktag, an dem Sebastian zweifellos beruflich stark eingebunden sein musste.
Wenn die Schule in den vergangenen Jahren angerufen hatte, lag die Klärung solcher Angelegenheiten ohnehin immer komplett in ihren Händen.
Da sie nun ohnehin ging, wollte sie Leo eben ein allerletztes Mal als seine Mutter aus der Klemme helfen. Bei dem Gedanken, dass ein so kleiner Junge ganz allein in der Schule saß und den strengen Vorwürfen von Lehrern und fremden Erwachsenen ausgesetzt war, rührte sich trotz allem Mitleid in ihrem Herzen.
Clara machte sich entschlossen auf den Weg zur Schule.
Nachdem sie aus dem Wagen gestiegen war, eilte sie direkt zum Büro von Frau König.
In ihrer Vorstellung sah sie bereits das Bild ihres hilflosen, verängstigten Sohnes vor sich, weshalb sie unwillkürlich ihre Schritte beschleunigte.
Doch noch bevor sie den Raum überhaupt betreten konnte, drang plötzlich eine unheimlich sanfte, melodische Stimme an ihr Ohr.
„Leo hat diesen Streit nicht ohne Grund angefangen. Er ist deprimiert, weil er seine Hausaufgaben nicht erledigt hat und dafür gerügt worden ist. Genau in diesem Moment ist Ihr Sohn vorbeigekommen und hat ihn ununterbrochen gehänselt, weil Leo keinen Belohnungssticker bekommen hat. Das hat die Reibung erst ausgelöst, dann wie kann das bitteschön Leos alleinige Schuld sein? Finden Sie nicht auch, Herr Müller?“
Als Clara diese Worte hörte, erlitt ihr Herz einen heftigen Schlag. Sie trat näher heran, um die Szene durch die offene Tür zu betrachten, und spürte, wie ihr der Atem schlagartig stockte.
Es war Helena.
Sie trug ein helles, elegantes Kleid mit freier Schulterpartie, und ihr Haar war mit einem weißen Seidenband halb hochgesteckt. Allein ihre Silhouette strahlte eine unbeschreibliche, anmutige Sanftheit aus. Direkt neben ihr stand Sebastian in seinem maßgeschneiderten schwarzen Anzug, dessen breite Schultern und schmale Taille perfekt zur Geltung kamen. Er flankierte Helena wie ein schützender Wall.
Und Leo, das Kind, in dessen Erziehung Clara ihr gesamtes Herzblut investiert hatte, hielt sich liebevoll an Helenas Hand fest und schmiegte sich eng und vertraut an ihre Seite.
Die drei wirkten in diesem Moment wie eine perfekte, glückliche Familie.
Die gegnerischen Eltern ließen sich von Helenas sanften, beschwichtigenden Worten sichtlich besänftigen und verzichteten auf weiteren Streit.
Helena blickte mit einem warmen Lächeln zu Leo hinab und strich ihm sanft über den Kopf. „Leo, würdest du dich jetzt bitte bei dem kleinen Ben entschuldigen, wie sich das gehört?“
Leo verzog kurz trotzig den Mund, ging dann aber brav hinüber und murmelte seine Entschuldigung.
Die beiden Parteien reichten sich die Hände, und die Angelegenheit war zur allgemeinen Zufriedenheit friedlich beigelegt.
Die umstehenden Lehrer atmeten erleichtert auf und blickten Helena voller Bewunderung und Anerkennung an.
„Frau Wagner, Sie haben wirklich ein tolles Händchen für Kinder“, bemerkte einer von ihnen lobend. „Leo wollte sich eben um alles in der Welt nicht entschuldigen, aber kaum sind Sie da und sagen ein paar Worte, hört er wie ein Engel.“
Sebastians Miene veränderte sich leicht und er zog die Stirn in Falten. „Sie ist nicht…“
Der danebenstehende Herr Müller lachte und unterbrach ihn gut gelaunt: „Sie können sich glücklich schätzen, so eine Frau zu haben, Herr Wagner. Ganz im Gegenteil zu meiner, sie ist zu Hause ein echter Hausdrachen! Sie beide geben wirklich ein wunderschönes Paar ab, ich wünsche Ihnen weiterhin alles Gute.“
In Sebastians Augen blitzte unverkennbarer Unmut auf, als er mit ernster Stimme klarstellte: „Sie ist nicht Leos Mutter.“
Helenas Lächeln fror für einen kurzen Moment ein, ehe sie Leo schützend enger an sich drückte.
Leo jedoch rief augenblicklich mit lauter Stimme dazwischen: „Selbst wenn Helena nicht meine Mama ist, ist sie tausendmal besser als meine echte Mama!“
Im Raum entstand schlagartig eine spürbare, unangenehme Stille.
Sebastians Blick verdüsterte sich drohend, während er Leo mit einer stummen Warnung fixierte.
Clara, die das Geschehen aus der Ferne beobachtete, spürte wieder dieses vertraute, beklemmende Gefühl in der Brust, gefolgt von einem heftigen Schwindel. Sie musste sich mühsam am Türrahmen festhalten, während sie stumm Zeugin dieser Szene wurde.
Sie fühlte sich in diesem Moment wie eine verwelkte Blume, der man jegliche Nährstoffe entzogen hatte und die kurz vor dem Eingehen stand.
Alle Menschen, die sie einst für ihre Familie gehalten hatte, wandten sich nun von ihr ab, um sich stattdessen um Helena zu scharen, die hier wie eine prächtige, makellose Rose erblühte.
Genau in diesem Moment drehte Leo den Kopf und entdeckte die Gestalt, die im Schatten hinter Helena stand.
„Mama!“, schrie er auf, riss sich von Helena los und stürmte aus dem Zimmer.
Als Sebastian Clara erblickte, ging er ohne das geringste Zögern schnellen Schrittes auf sie zu.
Diese unerwartete Reaktion ließ Clara für einen Herzschlag lang fassungslos innehalten. Doch schon in der nächsten Sekunde packte Leo mit voller Wut ihren Mantelärmel, wobei sein kleines Gesicht vor Zorn völlig entstellt war.
„Du bist an allem schuld! Warum hast du mich gestern Abend nicht an meine Hausaufgaben erinnert? Wenn du nicht gewesen wärst, hätte ich meinen Belohnungssticker bekommen! Dann hätte Ben mich nicht ausgelacht und ich hätte mich nicht geprügelt! Das ist alles deine Schuld!“
Leo riss heftig an Claras Kleidung und versetzte ihr einen brutalen Stoß nach hinten.
Die Kraft eines wütenden Kindes war keineswegs zu unterschätzen. Clara, die ohnehin unter starken körperlichen Beschwerden litt und sich vollkommen kraftlos fühlte, verlor das Gleichgewicht, taumelte einen Schritt zurück und drohte ungebremst rückwärts auf den Boden zu stürzen.
Doch im entscheidenden Moment wurde sie von starken Armen sicher aufgefangen.
Clara fand sich in einer warmen, schützenden Umarmung wieder und wandte langsam den Kopf, um zu sehen, wer sie hielt.
Sebastian blickte mit eisiger Kälte auf Leo hinab und herrschte ihn mit düsterer Stimme an: „Entschuldige dich bei deiner Mutter! Wer hat dir bitteschön erlaubt, so respektlos zu ihr zu sein? Nur weil sie dich nicht an deine Hausaufgaben erinnert hat? Du bist alt genug, um sie gefälligst allein zu erledigen!“
Zu Hause pflegte Sebastian seit jeher einen äußerst strengen Erziehungsstil. Leo hatte schreckliche Angst vor den Zornesausbrüchen seines Vaters, weshalb er augenblicklich zitternd in sich zusammensank, rote Augen bekam und trotzig den Mund verzog, ohne jedoch auch nur im Ansatz daran zu denken, ein Wort der Entschuldigung herauszubringen.
Clara fand ihr Gleichgewicht wieder und schob Sebastian mit einer sanften, aber spürbar distanzierten Bewegung von sich.
Sebastian bemerkte ihre veränderte Haltung sofort, wandte den Kopf und musterte sie mit besorgtem Blick.
„Ist alles in Ordnung bei dir?“
Clara nickte stumm.
Sebastian ergriff ihre Hand, um sie zu beruhigen, und befahl mit fester Stimme: „Leo, entschuldige dich. Jetzt gleich!“
Leo zuckte heftig zusammen.
Helena, die im Hintergrund stand, ließ den Blick unruhig flackern. Ihre Augen hefteten sich für einen Sekundenbruchteil auf die ineinander verschränkten Finger von Sebastian und Clara, ehe sie den Blick rasch wieder abwandte und mit einem sanften Lächeln auf die beiden zukam.
„Ach, Sebastian, schrei doch bitte nicht so laut. Leo wurde erst in einen Konflikt mit Ben verwickelt und dann von der Lehrerin gerügt, da ist es doch völlig verständlich, dass seine kleine Rebellion ein Stück weit berechtigt ist. Ich bin mir ganz sicher, dass Clara ihm das nicht nachtragen wird, nicht wahr?“
Clara hob den Blick, woraufhin sich ihre Augen unbarmherzig mit denen von Helena trafen.
Da sie nun so nah beieinanderstanden, stieg Clara plötzlich ein schwacher, eleganter Duft von Zitrusfrüchten in die Nase, der von Helena ausging.
Es war exakt derselbe Duft, den sie gestern Abend an Sebastians Kleidung wahrgenommen hatte.
Ihr Herz erlitt einen heftigen Schlag, woraufhin sie Sebastians Hand wie instinktiv von sich stieß.
Helena lächelte mit schmalen, amüsierten Augen weiter und schien sich überhaupt nicht daran zu stören, dass Clara nicht auf ihre Provokation einging. „Sebastian, Clara und ich treffen heute das allererste Mal aufeinander. Willst du uns denn gar nicht einander vorstellen?“
Sebastian hielt mitten in der Bewegung inne.