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Kapitel 2

Author: Inkgodess
last update publish date: 2026-06-05 05:38:11

Kapitel 2 

Eine neue Art von Leben. 

Das Lächeln erstarrte auf seinem Gesicht. „Was?“

„Ich will dich nicht heiraten. Ich glaube, das wollte ich noch nie. Ich glaube, ich wusste einfach nicht, wie ich Nein sagen sollte.“

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich und verhärtete sich zu etwas Hässlichem. „Du hast kalte Füße. Das ist normal. Wir gehen zurück zur Party, du trinkst ein Glas Wasser, und …“

„Nein.“ Das Wort fühlte sich kraftvoll an. „Ich gehe nicht zurück. Für mich ist es vorbei.“

„Emma.“ Seine Stimme klang jetzt warnend. „Tu das nicht. Bring mich nicht vor allen in Verlegenheit.“

„Hier geht es nicht um dich.“

„Es dreht sich alles um mich!“ Er packte meinen Arm, seine Finger gruben sich so fest hinein, dass es blaue Flecken hinterließ. „Ich habe zwei Jahre damit verbracht, dich darauf vorzubereiten, meine Frau zu werden. Ich habe Zeit, Geld und Mühe investiert, um dich perfekt zu machen. Du kannst nicht einfach so weggehen.“

Ich starrte ihn an. Den Mann, von dem ich geglaubt hatte, dass ich mein Leben mit ihm verbringen würde. Und zum ersten Mal sah ich ihn ganz klar. Er liebte mich nicht. Er hatte mich nie geliebt. Ich war ein Projekt. Ein hübsches Stück, das man zur Schau stellen konnte.

„Lass mich los.“

„Wir gehen zurück zu dieser Party, und du wirst lächeln und …“

„Lass mich sofort los, oder ich schreie.“

Er ließ meinen Arm los, als hätte ich ihn verbrannt. „Du machst einen Fehler. Ohne mich bist du nichts. Du hast kein eigenes Geld, keine Karriere, keine Zukunft. Deine Stiefmutter wird dir den Geldhahn zudrehen. Du wirst nirgendwo hin können.“

„Ich werde schon zurechtkommen.“

„Du wirst zurückkommen“, sagte er kalt. „Bis morgen früh wirst du merken, wie dumm du dich verhältst, und du wirst kriechend zurückkommen. Und wenn du das tust, heirate ich dich vielleicht doch noch. Wenn du dich ordentlich entschuldigst.“

Ich ging an ihm vorbei, ohne zu antworten. Zurück durch den Garten, an der Party vorbei. Ich ging direkt in mein altes Schlafzimmer – Patricia hatte es neu eingerichtet, aber einige meiner Sachen waren noch im Schrank. Ich schnappte mir eine Tasche und fing an, Kleidung hineinzustopfen.

Mein Handy explodierte förmlich vor SMS. David. Patricia. Melissa. Leute von der Party. Ich schaltete es aus.

Zwanzig Minuten später saß ich in meinem Auto, mit einer hastig gepackten Tasche und dem Brief meiner Mutter. Ich hatte keinen Plan, kein Ziel. Ich fuhr einfach los.

Stunden vergingen. Die Lichter der Stadt verblassten hinter mir. Ich fuhr entlang der Küste nach Norden und folgte dabei mehr meinem Instinkt als der Vernunft. Die Worte meiner Mutter hallten immer wieder in meinem Kopf wider: „Geh nach Seaside Manor. Denk daran, wer du bist.“

Ich wusste nicht einmal, ob das Haus noch existierte. Aber ich musste es versuchen.

Die Morgendämmerung brach an, als ich endlich das Schild sah: „Willkommen in Coral Bay“. Das kleine Strandstädtchen sah genauso aus wie auf Mamas Gemälden. Pastellfarbene Häuser, verwinkelte Gassen, Klippen, die steil zum Meer abfielen.

Ich folgte den Wegbeschreibungen, an die ich mich nur noch vage erinnerte, bis ich es fand. Seaside Manor thronte auf einer Klippe mit Blick aufs Wasser, ein weitläufiges weißes Haus mit einer umlaufenden Veranda und verwitterten blauen Fensterläden. Es war größer, als ich es in Erinnerung hatte, und noch schöner.

Und drinnen brannten Lichter.

Mir sank das Herz. Es gehörte jetzt jemand anderem. Natürlich tat es das. Es waren fünf Jahre vergangen.

Aber ich war so müde. Zu müde, um weiterzufahren, zu müde, um nachzudenken. Ich bog in die kreisförmige Auffahrt ein und stellte den Wagen auf Parken. Ich würde mich nur ein paar Minuten ausruhen. Einfach die Augen schließen. Dann würde ich mir überlegen, was als Nächstes zu tun war.

Ich lehnte meinen Kopf gegen das Lenkrad.

Und genau dort fand mich Liam Hart eine Stunde später, als er herauskam, um seinen morgendlichen Lauf zu beginnen, und ein fremdes Auto in der Einfahrt sah, in dem eine rothaarige Frau hinter dem Lenkrad schlief, mit getrockneten Tränen im Gesicht, in einem zerknitterten Brautjungfernkleid, das aussah, als hätte es mehr gekostet als sein Pick-up.

Er klopfte ans Fenster.

Ich schreckte hoch, desorientiert und voller Angst. Ein großer Mann mit dunklem Haar und grauen Augen starrte mich durch die Scheibe an, Besorgnis stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Ich wusste es damals noch nicht, aber mein ganzes Leben sollte sich gerade ändern.

Ich bekam keine Luft. Der Mann starrte mich immer noch durch das Autofenster an, und mein Gehirn wollte einfach nicht richtig funktionieren. Für eine schreckliche Sekunde dachte ich, David wäre mir irgendwie gefolgt. Dass er mich bereits gefunden hätte.

Aber das war nicht David. Dieser Mann war größer, breiter gebaut, hatte zerzaustes dunkles Haar und Augen in der Farbe von Gewitterwolken. Er trug Laufshorts und ein verblasstes T-Shirt und wirkte eher verwirrt als wütend.

Er klopfte erneut ans Fenster, diesmal sanfter. „Alles in Ordnung?“

Ich versuchte zu antworten, aber meine Kehle war wie zugeschnürt. Ich tastete nach dem Türgriff. Meine Hände zitterten so stark, dass ich drei Anläufe brauchte, um die Tür zu öffnen.

„Hey, ganz ruhig.“ Er trat einen Schritt zurück und machte Platz für mich. „Ich werde dir nichts tun. Du hast mich nur überrascht. Normalerweise schlafen hier keine Leute in der Einfahrt.“

Wir. Bei diesem Wort sank mir das Herz in die Hose. „Es tut mir leid. Das war nicht meine Absicht, ich dachte, das Haus wäre leer. Ich geh schon.“

„Warte.“ Er hob die Hände. „Du siehst aus, als hättest du eine harte Nacht hinter dir. Brauchst du Hilfe?“

Da wurde mir klar, dass ich immer noch das Kleid von der Verlobungsfeier trug. Es war zerknittert und mit Grasflecken aus dem Garten übersät. Meine Füße waren nackt und schmutzig. Ich sah wahrscheinlich aus, als wäre ich irgendwoher geflohen. Was ich ja auch war.

„Mir geht’s gut“, log ich. „Ich habe mich nur verlaufen. Ich habe nach Seaside Manor gesucht.“

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich. Die Besorgnis wich etwas Schärferem. „Das hier ist Seaside Manor.“

„Oh.“ Meine Stimme klang leise. „Dann habe ich mich ja gar nicht verlaufen. Ich meine, doch, aber auch wieder nicht. Das klingt bestimmt verrückt.“

„Versuch’s mal.“ Er verschränkte die Arme, aber sein Gesichtsausdruck war freundlich. Geduldig.

„Meine Mutter hat dieses Haus mal besessen. Ich dachte, vielleicht … ich weiß nicht, was ich dachte. Dass ich es noch mal sehen könnte? Das ist blöd. Ich sollte gehen.“

„Warte. Deine Mutter?“ Er trat einen Schritt näher. „Wie hieß deine Mutter?“

„Catherine Walsh. Aber sie ist schon seit fünf Jahren tot, also gehört es ihr natürlich nicht mehr. Jemand anderes muss es gekauft haben, und ich befinde mich hier unbefugt, und es tut mir so leid.“

„Emma?“

Ich erstarrte. „Woher kennst du meinen Namen?“

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