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​"Ihre Beschützer, ihre Herren"
​"Ihre Beschützer, ihre Herren"
Author: Inkgodess

Kapitel 1

Author: Inkgodess
last update publish date: 2026-06-05 05:37:17

KAPITEL 1 : Neuanfang

EMMA

Das Champagnerglas lag schwer in meiner Hand. Ich starrte auf die Bläschen, die an die Oberfläche stiegen – winzige, perfekte Kugeln, die nach oben schossen, als könnten sie es kaum erwarten, zu entkommen. Ich wusste genau, wie sie sich fühlten.

„Emma, Liebling, du siehst aus, als wärst du meilenweit weg.“ Davids Mutter berührte meinen Arm, ihr Lächeln scharf und strahlend wie zerbrochenes Glas. „Hochzeitsnervosität?“

Ich zwang meine Lippen zu einem Lächeln. Der Ausdruck fühlte sich aufgesetzt an, als gehöre er jemand anderem. „Ich bin nur aufgeregt, Mrs. Chen.“

„Bitte, nenn mich Margaret. Ab übermorgen gehören wir zur Familie.“ Sie drückte meinen Arm fester. „Du bekommst so einen tollen Mann. Mein David wird sich hervorragend um dich kümmern.“

Diese Worte hätten mich eigentlich glücklich machen sollen. Stattdessen lagen sie mir wie Steine im Magen. Ich nickte und nahm einen Schluck Champagner, den ich gar nicht wollte. Um mich herum ging die Verlobungsfeier weiter. Frauen in teuren Kleidern und Männer in Designeranzügen füllten das Haus meines Vaters – nein, mittlerweile das Haus meiner Stiefmutter. Mein Vater war seit sechs Monaten tot, aber Patricia hatte keine Zeit verloren, sich hier einzurichten.

„Da ist meine wunderschöne zukünftige Braut.“ David tauchte neben mir auf und legte seinen Arm um meine Taille. Sein Parfüm war zu aufdringlich, etwas Teures und Holzig-Männliches, das er schon trug, seit ich ihn kannte. Fünf Jahre. Ein halbes Jahrzehnt meines Lebens.

Früher dachte ich, ich würde ihn lieben. Jetzt kann ich mich nicht einmal mehr daran erinnern, warum.

„Ich habe gerade Emma erzählt, wie viel Glück sie hat“, sagte Margaret. „Ihr werdet so wunderschöne Babys bekommen.“

David lachte. „Lass uns erst mal die Hochzeit hinter uns bringen, Mama.“

Doch seine Hand umklammerte meine Taille auf eine Art, die sich wie Besitz anfühlte. Als wäre ich etwas, das er bereits gekauft hatte und nur darauf wartete, es mit nach Hause zu nehmen. Ich wollte mich losreißen, tat es aber nicht. Brave Mädchen machten keine Szenen. Brave Mädchen lächelten und nickten und ließen sich behandeln wie teures Porzellan.

Meine Mutter hätte das gehasst. Der Gedanke kam plötzlich, schmerzhaft. Mama hätte einen Blick auf David Chen geworfen und ihn sofort durchschaut. Aber Mama war tot. Schon seit fünf Jahren. Und ich hatte diese fünf Jahre damit verbracht, so zu sein, wie alle anderen mich haben wollten.

„Ich brauche mal frische Luft“, sagte ich leise.

Davids Lächeln reichte nicht bis in seine Augen. „Die Party ist für dich, Emma. Du kannst nicht einfach gehen.“

„Ich bin in fünf Minuten zurück. Ich muss nur kurz nach draußen.“

„Ich komme mit.“

„Nein.“ Das Wort kam schärfer heraus, als ich es beabsichtigt hatte. Mehrere Leute drehten sich um und schauten herüber. Ich milderte meine Stimme. „Ich meine, du solltest bei deiner Mutter bleiben. Ich bin gleich wieder da.“

Ich ging weg, bevor er widersprechen konnte, und spürte seinen Blick auf meinem Rücken wie eine Last. Das Haus war zu voll, zu laut, voller Leute, die ich kaum kannte und die eine Hochzeit feierten, die ich nicht wollte. Ich drängte mich durch die Flügeltüren auf die hintere Terrasse und ging weiter, die Steinstufen hinunter in den Garten, den meine Mutter angelegt hatte.

Er war jetzt kleiner. Patricia hatte die Hälfte davon ausgegraben, um einen Koiteich anzulegen. Die Rosen, die meine Mutter so geliebt hatte, waren verschwunden, ersetzt durch eine sterile, moderne Gartenanlage. Doch in der hintersten Ecke, versteckt hinter einem Spalier, hatten ein paar von Mamas Blumen überlebt. Ich fand sie im Halbdunkel: weißer Jasmin, der im Mondlicht leuchtete.

Ich drückte mein Gesicht an die Blüten und atmete ihren Duft ein. Meine Mutter trug früher Jasminparfüm. Für einen kurzen Moment konnte ich so tun, als wäre sie hier, als könnte ich sie fragen, was ich tun solle.

„Du würdest mir sagen, ich solle ihn nicht heiraten, oder?“, flüsterte ich den Blüten zu. „Du würdest mir sagen, dass ich einen Fehler mache.“

Der Jasmin antwortete nicht. Nichts antwortete. Ich war allein mit einer Entscheidung, die ich bereits getroffen hatte, einer für morgen geplanten Hochzeit, von der ich keine Ahnung hatte, wie ich sie noch abwenden könnte. Davids Familie hatte ein Vermögen dafür ausgegeben. Zweihundert Gäste würden einfliegen. Meine Stiefmutter hatte monatelang daran geplant – nicht, weil sie mich liebte, sondern weil sie das Spektakel liebte.

Wenn ich es jetzt absagen würde, würden alle denken, ich sei verrückt. Labil. Am Zusammenbrechen.

Vielleicht war ich das ja.

Mein Handy vibrierte in meiner Handtasche. Eine SMS von Melissa, meiner Stiefschwester: „Wo bist du? David sucht dich.“

Ich starrte auf die Nachricht. Melissa hatte sich in letzter Zeit seltsam verhalten. Distanziert. Sie hatte kaum bei der Hochzeitsplanung geholfen, obwohl sie eigentlich meine Trauzeugin sein sollte. Jedes Mal, wenn ich versuchte, mit ihr zu reden, suchte sie Ausreden und ging.

Eine weitere SMS kam herein, diesmal von David: „Komm wieder rein. Sofort.“

Der Befehl in diesem einzigen Wort ließ meine Hände zittern. Seit wann redete er schon so mit mir? Oder hatte er das schon immer getan, und ich war einfach zu blind gewesen, um es zu bemerken?

Ich sollte zurückgehen. Ich wusste, dass ich es sollte. Stattdessen merkte ich, wie ich tiefer in den Garten hineinging, weg vom Haus und der Party und dem Leben, das sich wie ein wunderschönes Gefängnis anfühlte. Meine Absatzschuhe versanken im weichen Gras. Ich streifte sie ab und ging barfuß weiter.

Ganz hinten auf dem Grundstück befand sich ein Tor, das ich seit Jahren nicht mehr geöffnet hatte. Es führte zu der kleinen Einzimmerwohnung über der Garage, in der Mama früher gemalt hatte. Nach ihrem Tod hatte Papa sie verschlossen. Er sagte, es sei zu schmerzhaft, ihre Sachen zu sehen. Jetzt war sie wahrscheinlich vollgestopft mit Patricias Sachen.

Doch als ich die Klinke probierte, schwang die Tür auf.

Die Wohnung war genau so, wie Mama sie zurückgelassen hatte. An den Wänden hingen Gemälde – Landschaften einer Strandstadt, an die ich mich kaum noch erinnern konnte. Coral Bay, wo wir früher die Sommer verbrachten, bevor Papa zu beschäftigt wurde. Wo Mama aufgewachsen war. Die Leinwände zeigten Klippen und Wellen und ein großes Haus mit einer umlaufenden Veranda.

Seaside Manor. Das Strandhaus.

Ich hatte es ganz vergessen. Oder vielleicht hatte ich mich gezwungen, es zu vergessen, weil die Erinnerungen zu sehr schmerzten. Lange Sommer, in denen wir im Meer schwammen, Sandburgen bauten, Mama lachte, während sie Gezeitentümpel fotografierte. Sie hatte dieses Haus mehr geliebt als jeden anderen Ort auf der Welt.

Was war danach aus ihm geworden, nachdem sie gestorben war? Ich wusste es nicht. Papa hatte es nie erwähnt, und ich war zu sehr in meiner Trauer versunken gewesen, um danach zu fragen.

Auf Mamas Staffelei stand ein unvollendetes Gemälde von Seaside Manor bei Sonnenuntergang. Daneben lag ein Brief mit meinem Namen darauf, in ihrer Handschrift.

Meine Hände zitterten, als ich ihn in die Hand nahm. Der Umschlag war nicht verschlossen. Darin befand sich ein einzelnes Blatt, datiert auf drei Tage vor ihrem Tod.

„Meine liebste Emma“, stand darin. „Wenn du das hier liest, bin ich nicht mehr da. Es tut mir so leid, dass ich nicht bleiben konnte, um die wunderschöne Frau zu sehen, zu der du einmal werden wirst. Es gibt Dinge, die ich dir sagen muss, Wahrheiten über deinen Vater und unsere Ehe, für die du im Moment noch zu jung bist, um sie zu verstehen. Ich habe meinem Anwalt Anweisungen hinterlassen. Wenn die Zeit reif ist, wirst du Seaside Manor erben. Geh dorthin. Lebe dort. Vergiss nie, wer du bist. Denk daran, dass du aus einer Linie starker Frauen stammst, die ihren eigenen Weg gewählt haben. Lass dich von niemandem kleinmachen. Ich liebe dich für immer. Mama.“

Ich las ihn dreimal, bevor mir die Tränen kamen. Heftige, erstickende Schluchzer, die ich fünf Jahre lang zurückgehalten hatte. Mama hatte gewusst, dass etwas nicht stimmte. Sie hatte versucht, mich sogar im Tod zu beschützen. Und ich war so sehr in meiner Trauer versunken und dann so sehr von Papa, Patricia und David beherrscht worden, dass ich nie die Fragen gestellt hatte, die ich hätte stellen sollen.

Die Wohnungstür öffnete sich. Ich wirbelte herum und klammerte mich an den Brief.

David stand in der Tür. Sein Gesichtsausdruck war kalt. „Ich habe dich überall gesucht. Was machst du hier draußen?“

„Ich lese einen Brief von meiner Mutter.“

„Deine Mutter ist tot, Emma. Du musst loslassen und nach vorne schauen.“ Er kam auf mich zu, seine Stimme wurde leiser, bedrohlicher. „Mit mir. Mit unserem Leben. Morgen ist unser Hochzeitstag. Du musst dich darauf konzentrieren.“

Etwas in mir riss. Vielleicht war es der Champagner, den ich gar nicht gewollt hatte. Vielleicht waren es fünf Jahre, in denen mir vorgeschrieben wurde, wer ich sein sollte. Vielleicht waren es die Worte meiner Mutter, die mir sagten, ich solle meinen eigenen Weg wählen.

„Ich muss dir etwas sagen“, sagte ich leise.

David lächelte, weil er dachte, er hätte gewonnen. „Was denn, Schatz?“

„Ich will dich nicht heiraten.“

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