LOGINKapitel 3
Seaside Manor.
„Ich bin Liam Hart. Ich war der Geschäftspartner deiner Mutter.“ Er starrte mich an, als hätte er einen Geist gesehen. „Du solltest heute eigentlich heiraten.“
Die Welt kippte zur Seite. „Du kanntest meine Mutter?“
„Ich kannte deine ganze Familie. Ich bin Architekt. Deine Mutter und ich haben an mehreren Projekten zusammengearbeitet, bevor sie …“ Er verstummte. „Bevor sie starb. Aber was machst du hier? Deine Hochzeit …“
„Es gibt keine Hochzeit.“ Die Worte fühlten sich endgültig an. Real. „Ich habe sie abgesagt. Gestern Abend. Ich hab einfach alles hinter mir gelassen und bin losgefahren, und dann bin ich hier gelandet, und ich weiß, es ergibt keinen Sinn, aber ich hab einen Brief gefunden, den meine Mutter geschrieben hat, und darin stand, ich solle hierherkommen, also bin ich …“
Ich redete zu schnell, die Worte purzelten nur so aus mir heraus. Liam hob eine Hand.
„Mach mal langsam. Fangen wir noch mal von vorne an. Du hast deine Hochzeit abgesagt?“
Ich nickte.
„Gestern Abend?“
„Vor ein paar Stunden.“
„Und du bist aus der Stadt hierhergefahren? Das sind sechs Stunden Fahrt.“
„Ich hab nicht wirklich darüber nachgedacht. Ich bin einfach losgefahren.“
Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare, wodurch sie noch mehr abstanden. „Okay. Das Wichtigste zuerst. Du siehst erschöpft aus. Komm rein. Den Rest klären wir dann.“
„Wir?“
„Ich wohne hier. Im Gästehaus hinten im Garten. Aber es gibt noch zwei andere Typen, die Zimmer im Haupthaus gemietet haben. Jake und Adrian. Die schlafen wahrscheinlich noch.“ Er ging auf das Haus zu, drehte sich dann aber um, als ich ihm nicht folgte. „Ist schon gut. Ich verspreche dir, wir sind keine Serienmörder oder so. Du kannst nicht in deinem Auto schlafen.“
Jeder vernünftige Teil meines Verstandes sagte mir, dass das eine furchtbare Idee war. Ich kannte diesen Mann nicht. Ich war verletzlich und allein. Aber irgendetwas in seinen Augen erinnerte mich daran, wie meine Mutter mich früher angesehen hatte. Geborgen. Beschützend.
Und ich war so, so müde.
Ich folgte ihm die Verandatreppe hinauf. Aus der Nähe betrachtet war das Haus noch schöner. Der Anstrich war frisch, die Gärten gepflegt. Jemand liebte diesen Ort.
Liam öffnete die Haustür. „Das Wohnzimmer ist rechts. Setz dich doch. Ich mache Kaffee.“
Das Innere von Seaside Manor raubte mir den Atem. Ich erinnerte mich daran, dass es groß war, aber in meinen Erinnerungen war alles auf Kindergröße zugeschnitten. Jetzt konnte ich es richtig sehen. Hohe Decken mit freiliegenden Balken. Riesige Fenster mit Blick auf den Ozean. Möbel, die eher bequem als teuer aussahen. Fotos an den Wänden: Meereslandschaften, Sonnenuntergänge und Schnappschüsse von lachenden Menschen.
Und auf dem Kaminsims stand ein Bild von meiner Mutter.
Ich ging langsam darauf zu. Auf diesem Foto war sie jünger, als ich sie je gesehen hatte. Vielleicht fünfundzwanzig, am Strand stehend, mit im Wind wehenden Haaren, ihr Lächeln strahlend und unbeschwert. Sie sah glücklich aus, wie ich sie aus meiner Kindheit nicht in Erinnerung hatte.
„Sie hat dieses Haus geliebt.“
Ich drehte mich um. Liam stand in der Tür und hielt zwei Tassen Kaffee in der Hand. Er reichte mir eine und stellte sich neben mich, um das Foto anzusehen.
„Hier sah sie anders aus“, sagte ich leise. „Glücklicher.“
„Das war sie auch. Deine Mutter war einer der besten Menschen, die ich je gekannt habe. Kreativ, brillant, gütig. Wenn sie von Coral Bay sprach, strahlte ihr ganzes Gesicht. Sie sagte, das sei der einzige Ort, an dem sie wirklich durchatmen könne.“
„Das wusste ich nicht. Ich meine, ich wusste, dass sie es hier liebte, aber ich wusste nicht …“ Ich stockte, meine Kehle schnürte sich wieder zusammen. „Es gibt so vieles, was ich nicht über sie wusste.“
Liam schwieg einen Moment lang. Dann sagte er: „Sie hat ständig von dir erzählt. Hat mir Fotos gezeigt. Sie war so stolz auf dich.“
Tränen brannten in meinen Augen. Ich nahm einen Schluck Kaffee, um sie zu verbergen. Er war perfekt, genau die richtige Menge Sahne.
„Woher wusstest du, wie ich meinen Kaffee trinke?“
„Wusste ich nicht. Ich hab ihn einfach so gemacht, wie deine Mutter ihn immer getrunken hat. Ich schätze, ihr seid euch ähnlich.“
Wir standen da in angenehmer Stille, tranken Kaffee und schauten auf das Foto meiner Mutter. Es hätte sich seltsam anfühlen müssen, in einem fremden Haus mit einem Mann zu stehen, den ich nicht kannte. Stattdessen fühlte es sich an wie das Erste, was ich seit Jahren richtig gemacht hatte.
Irgendwo oben öffnete sich eine Tür. Schwere Schritte auf Parkett. Dann tauchte ein Mann oben an der Treppe auf und rieb sich die Augen. Er war jung, vielleicht Mitte zwanzig, mit zerzaustem blondem Haar und einer Bräune, wie man sie bekommt, wenn man jeden Tag in der Sonne verbringt.
Er blieb stehen, als er mich sah. Blinzelte. Dann grinste er.
„Na, das ist mal was anderes. Liam, hast du endlich ein Mädchen mit nach Hause gebracht? Ich bin stolz auf dich, Mann.“
„Jake, halt die Klappe.“ Liams Stimme klang müde, aber liebevoll. „Das ist Emma Walsh. Catherines Tochter.“
Jakes Grinsen verschwand. Er kam schnell die Treppe herunter, und jetzt konnte ich ihn besser sehen. Er war groß und schlank, mit strahlend blauen Augen und einem Gesicht, das wahrscheinlich viele Frauen dazu brachte, dumme Sachen zu machen.
„Heilige Scheiße. Sorry, ich meine: Du bist Emma? Das kleine Mädchen von den Fotos?“
„Nicht mehr ganz so klein“, sagte ich.
„Klar.“ Sein Grinsen kehrte zurück, diesmal etwas zurückhaltender. „Ich bin Jake Morrison. Ich miete hier ein Zimmer. Und die Bemerkung mit dem ‚Mädchen mit nach Hause bringen‘ tut mir wirklich leid. Liam bringt nie jemanden mit nach Hause, also hab ich einfach angenommen …“
„Jake.“ Liams Stimme klang scharf. „Hör auf zu reden.“
„Klar. Ich hör jetzt auf.“ Aber Jake sah mich immer noch neugierig an. „Moment mal, solltest du heute nicht heiraten? Ich erinnere mich, dass Liam das erwähnt hat.“
„Planänderung“, sagte ich.
„Cool, cool. Sehr cool. Heißt das, du bist Single?“
„Jake, ich schwöre bei Gott –“
„Ich frag’s nur! Nur zur Info!“
Trotz allem – der Erschöpfung, der Angst, dem völligen Chaos, zu dem mein Leben geworden war – lachte ich. Das überraschte mich. Ich hatte seit Monaten nicht mehr gelacht.
Jakes ganzes Gesicht hellte sich auf. „Sie lacht! Siehst du, Liam? Ich bin doch hilfreich.“
Eine weitere Tür öffnete sich. Diesmal waren die Schritte bedächtig, kontrolliert. Ein Mann erschien im Flur, der, wie ich annahm, zu den Schlafzimmern im Erdgeschoss führte. Er war älter als Jake und Liam, vielleicht Ende dreißig, mit schwarzem, silbergrauen Haaren und dunklen Augen, die alles sahen. Er trug eine teuer aussehende Pyjamahose und kein Hemd, was seinen schlanken, muskulösen Körperbau zeigte.
Er sah mich einen langen Moment lang an. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, aber etwas flackerte in seinen Augen.
„Emma.“ Mein Name klang in seiner Stimme anders. Irgendwie vertraut.
Kapitel 96: Der Brief in der JackentascheEMMA„Du hast unterschrieben, als du hinter Gittern saßt“, sagte ich. „Sag mir, dass ich das falsch verstehe.“Adrian stand im Türrahmen der Küche.Er trug nur sein Hemd, ohne Jackett. Sein Haar war zerzaust, sein Gesicht blass.Er kam nicht näher.Sein Blick wanderte von dem Umschlag in meiner Hand zu meinem Gesicht und blieb dort.Ich sah, wie ihm klar wurde, dass es keinen sanfteren Weg gab, das hier zu erklären.„Du verstehst es nicht falsch“, sagte er.„Am dritten Tag.“„Ja.“„An dem Tag, als ich dich besucht habe, um mit dir über die beiden Lücken in deinem Alibi zu sprechen.“Meine Stimme klang vollkommen ruhig.Ich hasste diesen Klang.„Du hattest deine Zukunft in dieser Stadt schon am Abend zuvor aufgegeben, Adrian.“„Ich dachte nicht, dass ich in dieser Stadt noch eine Zukunft hätte. Damals glaubte ich, ihnen nichts gesagt zu haben, was wirklich von Bedeutung war.“Er presste die Fingerspitzen aneinander.„Ich habe unter Vorbehalt un
Kapitel 95: Ein anständiges LebenEMMAIch erkannte die Stimme, noch bevor ich das Gesicht zuordnen konnte.Sanft.Müde.Die Stimme eines alten Mannes.Dieselbe Stimme, die sich an meinem ersten Morgen in Seaside Manor im Wohnzimmer bei mir entschuldigt hatte.Ich stand in der offenen Tür und ließ die Stille eine Weile zwischen uns stehen.„Mr. Richardson“, sagte ich.„Sie erinnern sich.“Er lächelte und senkte seinen Hut.„Ich wollte nicht einfach davon ausgehen.“„Sie haben gesagt, Sie seien der Nachlassanwalt. Bedeutet das, dass Sie auch der Testamentsvollstrecker sind?“„Ihr Vater hat mich mit beiden Aufgaben betraut. Die zweite habe ich an jenem Morgen nicht erwähnt. Sie hatten bereits eine Menge zu verkraften.“Er breitete eine Hand aus.„Ein Testamentsvollstrecker sorgt dafür, dass der letzte Wille umgesetzt wird. Er begleicht Schulden, verwaltet das Vermögen, bis es in die richtigen Hände übergeht, und erstattet dem Gericht über jeden Schritt Bericht.“„Sie haben Patricia inne
Kapitel 94: Eine Erbin, drei MännerEMMA„Halt den Wagen an“, sagte ich.Adrian sah zuerst mich an, dann den Stift, und lenkte so abrupt an den Straßenrand, dass die Reifen über den Asphalt schrammten.Noch bevor der Motor verstummte, hatte ich die Tür aufgerissen.Ich schaffte zwei Schritte auf den Gehweg, bevor ich mich nach vorn beugte und die Hände auf die Knie stützte.Ein paar Sekunden lang kam nichts.Nur ein schwerer, trockener Atemzug, der bis tief in meine Rippen schmerzte.„Emma.“Adrian war sofort neben mir.„Beruhige dich.“„Er war in meiner Tasche, Adrian. Jemand hat in meine Tasche gegriffen, und ich habe es nicht einmal bemerkt.“Meine Stimme war viel zu hoch.Ich konnte nichts dagegen tun.Er antwortete nicht darauf.Stattdessen nahm er mir den Stift mit seinem Taschentuch aus der Hand, denn ich hielt ihn noch immer fest, und legte ihn unter der Straßenlaterne auf das Autodach.Dann nahm er mein Handgelenk.Ich ließ es zu.„Setz dich auf den Gehweg.“Ich setzte mich.
Kapitel 93: Die AnkündigungEMMAPatricia schlug ein zweites Mal mit ihrem Löffel gegen das Glas.Das helle Klirren ertönte mehrmals hintereinander.Das Streichquartett verstummte.Zweihundert Gesichter wandten sich im Schein der Laternen zu ihr, und ich spürte, wie sich die Blicke eines jeden Einzelnen schließlich auf mich richteten.„Bleib bei mir“, flüsterte ich der gepressten Blüte in meiner Tasche zu. „Lass mich hier draußen nicht allein.“Es war töricht, so etwas zu einer Blume zu sagen.Aber das kleine weiße Blütenblatt am Taschenfutter war das Einzige in diesem Garten, das sich noch warm anfühlte.Ich umklammerte den Schulterriemen wie ein Rettungsseil.„Liebe Freunde“, begann Patricia, „ich danke euch allen, dass ihr heute gekommen seid. Für eine Witwe, eine Frau, die so viel verloren hat, bedeutet es unglaublich viel, zu sehen, mit wie viel Liebe ihres verstorbenen Mannes und seiner ersten Frau gedacht wird.“Vereinzelter, höflicher Applaus ertönte.„Ich möchte heute Abend d
Kapitel 92: Alder RoadEMMA„Ein Mann aus der Nachlassverwaltung hat mich angerufen“, sagte Liam. „Er wusste von dem undichten Dach über der Dunkelkammer deiner Mutter.“In der Küche schien die Luft stillzustehen.Nora hatte mitten in einer Bewegung innegehalten, eine Hand noch auf dem Ordner.„Hat er einen Namen genannt?“„Einen Vornamen. Ich habe ihn nicht aufgeschrieben.“Beim letzten Wort brach seine Stimme.„Er sagte, die Zahlungen aus dem Treuhandfonds hätten sich wegen eines Verwaltungsfehlers verzögert. Innerhalb einer Woche würde ich mein Geld zurückbekommen. Er bat mich, dafür zu sorgen, dass das Dach dicht bleibt, und die Rechnung vertraulich zu behandeln.“Liam schluckte.„Ich habe zugestimmt.“„Liam.“„Ich baue seit neunzehn Jahren Häuser. Ich weiß, wie ein Mann klingt, der mich bei einem Vertrag anlügt.“Er presste die Daumen gegen seine Augen.Ich durchquerte die Küche und schlang beide Arme um seine Taille.Damit hatte er nicht gerechnet.Er versteifte sich wie ein Bre
Kapitel 91: Liams KassenbuchLIAMVier Menschen wussten von diesem Test.Und ich war einer von ihnen.Ich beobachtete, wie Emma uns über den Küchentisch hinweg ansah.Ein Gesicht nach dem anderen.So, wie sie ein Motiv betrachtete, bevor sie auf den Auslöser drückte.Adrian.Jake.Mich.Sie beschuldigte niemanden.Das musste sie auch nicht.Das Handy lag zwischen den Kaffeetassen, und aus dem Lautsprecher war noch immer Margarets Atem zu hören.„Emma“, sagte Margaret erneut. „Bist du noch da?“„Ich bin hier.“Ihre Stimme war ruhig.„Danke, dass du es mir gesagt hast.“„Ich werde nicht fragen, wer es war.“„Gut.“„Ich möchte nur festhalten, dass ich Patricia nichts davon erzählt habe. Ich will, dass das in deinem Protokoll steht.“„Es wird im Protokoll stehen.“Emma beendete das Gespräch.Niemand sagte etwas.Jake starrte auf die Tischplatte.Um Adrians Mund war alle Farbe gewichen.Er sah aus wie ein Mann, der schon einmal vor Gericht beschuldigt worden war und gelernt hatte, die erst
KAPITEL 5 Dilemma. Die Worte hingen wie Gift in der Luft. Ich starrte Adrian an und versuchte, einen Sinn in dem zu finden, was er gerade gesagt hatte.„Du hast gelogen.“ Meine Stimme klang hohl. „Darüber, wie meine Mutter gestorben ist.“„Ja.“„Warum?“Adrians Kiefer spannte sich an. „Weil sie m
Kapitel 4. Das Testament. „Das ist Dr. Adrian Cross“, sagte Liam. „Er mietet die Master-Suite. Adrian, das ist …“„Ich weiß, wer sie ist.“ Adrians Blick wanderte nicht von meinem Gesicht. „Du warst zwölf Jahre alt, als ich dich das letzte Mal gesehen habe. Bei der Beerdigung deiner Mutter.“Die K
Kapitel 2 Eine neue Art von Leben. Das Lächeln erstarrte auf seinem Gesicht. „Was?“„Ich will dich nicht heiraten. Ich glaube, das wollte ich nie. Ich glaube, ich wusste einfach nicht, wie ich Nein sagen sollte.“Sein Gesichtsausdruck veränderte sich und verhärtete sich zu etwas Hässlichem. „Du h
KAPITEL 1 NeuanfangEMMADas Champagnerglas lag schwer in meiner Hand. Ich starrte auf die Bläschen, die an die Oberfläche stiegen – winzige, perfekte Kugeln, die nach oben schossen, als könnten sie es kaum erwarten, zu entkommen. Ich wusste genau, wie sie sich fühlten.„Emma, Liebes, du scheinst







