LOGINValentina.Der Name schwebt in meiner Erinnerung wie ein Geist. Valentina. Die Frau von Diego. Diejenige, die er liebt. Diejenige, die er einsperrt. Diejenige, die er zerstört, wie er mich zerstört hat.Sie ist gegangen. Ich weiß es. Ich habe es im Gemurmel der Wachen gehört, in den Schreien von Diego, in der plötzlichen Stille, die auf ihren Weggang folgte. Sie ist gegangen, und er ist losgezogen, um sie zu suchen. Zum Bahnhof.Er ist nicht da. Er ist am Bahnhof und fleht eine Frau an, die ihn nicht mehr liebt, zurückzukommen. Er ist auf den Knien, weint, verliert.Und währenddessen verlasse ich meinen Käfig.Die Ironie ist so perfekt, dass sie schmerzhaft ist.Ich steige die letzten Stufen hinauf. Das Tageslicht explodiert mir ins Gesicht, so hell, dass ich die Augen schließen muss. Ich spüre die Wärme der Sonne auf meiner Haut, den Wind auf meinem Gesicht, den Geruch von Gras und Blumen. Ich atme. Zum ersten Mal seit eine
ChiaraDas erste, was ich sehe, ist das Licht.Es ist blendend, zerreißend, unerträglich. Es durchbohrt meine Pupillen wie Nadeln, es verbrennt meine Netzhaut, es explodiert in meinem Schädel wie eine Bombe. Ich schließe die Augen, ich öffne sie, ich schließe sie wieder. Das Licht ist immer noch da, unbarmherzig, grausam, wunderschön.Das Tageslicht. Das echte Licht. Nicht das fahle Neonlicht, das an der Decke meiner Zelle flackerte. Nicht das nackte Glühbirnenlicht, das am Ende seines Drahtes schwankte. Das Sonnenlicht. Das Licht der Außenwelt. Das Licht der Freiheit.Wie lange war ich im Dunkeln? Wochen? Monate? Eine Ewigkeit? Ich weiß es nicht mehr. Die Zeit existiert nicht in einem Keller ohne Fenster. Die Zeit misst man in Herzschlägen, in Atemzügen, in Schreien, die niemand hört. Die Zeit misst man in Ketten, die die Handgelenke durchsägen, in verschimmeltem Brot, das man einem wie einem Hund hinwirft, in Eimern, die nach Scheiße u
Ich öffne die Augen wieder. Der Bahnsteig ist noch da, grau, schmutzig, gleichgültig. Die Gleise glänzen in der Morgensonne, leer, unendlich. In der Ferne zeichnen sich die Gebäude von Mexiko-Stadt gegen den blauen Himmel ab, stille Zeugen meines Falls.Schritte hinter mir. Schwer, eilig. Ich drehe mich nicht um. Es ist mir egal. Alles ist mir egal.— Patron.Die Stimme von Carlos, einem meiner Wächter. Er ist außer Atem, als ob er gerannt wäre.— Patron, wir müssen gehen. Jetzt sofort.Ich antworte nicht. Ich bewege mich nicht. Ich starre weiter auf die leeren Gleise, auf den Horizont, wo sie verschwunden ist.— Patron, hören Sie mich? Wir müssen gehen. Das Anwesen wird angegriffen.Die Worte durchdringen den Nebel, der mein Gehirn umgibt. Angegriffen. Das Anwesen. Chiara.— Was?Meine Stimme ist rau, unkenntlich. Sie kommt aus meinem Inneren wie ein Knurren.— Das Anwesen wird angegriffe
DiegoDer Zug verschwindet in der Ferne. Das Geräusch der Räder auf den Schienen verklingt, ersetzt durch die Stille des Bahnhofs, durch die fernen Ansagen, durch die Schritte der Reisenden, die ihr Leben weiterleben, als ob nichts geschehen wäre.Als ob mein Leben nicht gerade zum Stillstand gekommen wäre.Ich bleibe reglos auf dem Bahnsteig stehen. Meine Füße sind wie auf den Beton geschweißt, meine Arme hängen schlaff an meinem Körper, meine Augen sind auf den Punkt gerichtet, wo der Zug verschwunden ist. Ich kann mich nicht bewegen. Ich kann nicht denken. Ich kann nichts anderes tun, als hier zu bleiben, leer, hohl, innerlich tot.Sie ist gegangen.Sie ist wirklich gegangen.Ich habe sie eingeholt, ich habe sie festgehalten, ich habe sie angefleht. Ich habe ihr den Mond versprochen, einen anderen Mann, ein anderes Leben. Ich bin vor ihr auf die Knie gefallen, vor all diesen Unbekannten, vor der ganzen Welt. Ich habe
Ich kann ihn nicht heilen. Ich habe es versucht. Ich habe es so sehr versucht. Aber man heilt nicht jemanden, der nicht geheilt werden will. Man rettet nicht jemanden, der nicht gerettet werden will.Und Diego will nicht gerettet werden. Er will geliebt werden. Er will angebetet werden. Er will, dass man ihm alles gibt, ohne dass er irgendetwas an dem ändern muss, was er ist.— Du wirst dich nie ändern, Diego.Ich wiederhole die Worte leise, für mich allein, um sie mir in den Schädel zu hämmern, um nicht zu vergessen, warum ich gegangen bin.— Und ich werde dich nicht überleben.Der Zug nimmt wieder Fahrt auf. Die Landschaft zieht vorbei, immer grüner, immer schöner. Die Sonne steht jetzt hoch, sie flutet den Waggon mit einem warmen, goldenen Licht. Die anderen Reisenden dösen, lesen, schauen auf ihre Telefone.Ich bin allein in ihrer Mitte. Allein mit meinen Gedanken, meinen Reuegefühlen, meinen zerbrochenen Hoffnungen.
ValentinaDer Zug fährt. Die Schienen gleiten unter den Waggons dahin, schnell, regelmäßig, hypnotisch. Das Geräusch ist ein dumpfes Grollen, das in meiner Brust vibriert, in meinen Knochen widerhallt, mich am Denken hindert. Oder vielleicht bin ich es, die sich am Denken hindert, die die Bilder, die Erinnerungen, die Worte, die er gesagt hat, zurückdrängt.Diego auf den Knien auf dem Bahnsteig.Diego, der mich anfleht.Diego, der weint.Ich schließe die Augen. Ich will das nicht sehen. Ich will mich nicht daran erinnern. Aber die Bilder sind da, eingraviert hinter meinen Lidern, unauslöschlich, unerträglich.— Du wirst dich nie ändern, Diego.Die Worte, die ich gesagt habe, hallen in meinem Kopf wider, immer wieder, wie ein Urteil, wie eine Verdammung, wie eine Wahrheit, vor der ich nicht fliehen kann.— Du wirst dich nie ändern.Ich habe sie für mich genauso gesagt wie für ihn. Um mich zu üb
LorenzoDie ehrgeizige Frau, von der ich glaubte, sie zu kennen, hätte sich gewehrt. Sie hätte ihre Waffen eingesetzt – diesen Blick, dieses Lächeln, das mich um den Verstand brachte –, um ihr Los zu mildern. Sie hätte versucht, mich erneut zu verführen, die Kontrolle zurückzugewinnen.Aber Giulia
GiuliaIch löse mich von der Wand und eile mit schnellen Schritten davon, flüchte mich in die Toiletten. Ich schließe mich in einer Kabine ein, das Herz rast. Ich presse meine Handflächen gegen meine Augen, um die drohenden Tränen zurückzuhalten. Sie dürfen hier nicht fließen. Nicht in seinem Gebäu
GiuliaDie Lüge war so gewaltig, so monströs, dass sie beinahe wahr wurde. Ihr Glück war das Einzige, woran ich mich noch klammern konnte. Die einzige Rechtfertigung, die im Trümmerfeld meines Lebens noch Bestand hatte.— Du bist die beste Schwester der Welt, flüsterte sie mit feuchten Augen. Ich m
GiuliaDie Stille im Büro nach zwanzig Uhr ist ein lebendiges Wesen. Sie senkt sich schwer auf meine Schultern, dringt in meine Lungen ein, ersetzt das Blut in meinen Adern durch eine eiskalte, stehende Flüssigkeit. Im grellen Licht meiner Lampe ist mein Gesicht im schwarzen Spiegel des Bildschirms







