LOGINKillian
Ich ließ das heiße Wasser in die freistehende Marmorbadewanne einlaufen. Genau das brauchte ich jetzt – ein Bad, um die Anspannung des Tages aus meinen Muskeln zu spülen. Langsam füllte sich die Wanne, während sich ein schwerer, süßlicher Duft von Honig und Sandelholz im Raum ausbreitete. Ich entledigte mich meiner restlichen Kleidung, schaltete die Musikanlage ein und wählte eine ruhige, klassische Klaviersonate. Die sanften Töne mischten sich mit dem Rauschen des Wassers. Mit einem leisen Seufzen stieg ich in das heiße Wasser und lehnte den Kopf an den kühlen Rand. Die Hitze umhüllte mich augenblicklich, und ich spürte, wie sich die harte Anspannung in meiner Schulterpartie langsam löste. Fast schon zu gut... Ich schloss die Augen und ging im Geist die Ereignisse der letzten Stunden durch. Diese verdammte Tessa hatte mir heute wirklich den letzten Nerv geraubt. Eigentlich war sie dafür gedacht gewesen, mir Entspannung zu verschaffen – nicht dieses Bad. Aber sie hatte es mir unbarmherzig schwergemacht. Doch während ich so im warmen Wasser lag, musste ich mir eingestehen: Diese freche, fast schon trotzige Art und der Lebenswille, den sie trotz ihrer Verletzungen gezeigt hatte, imponierten mir. Irgendwie reizte es mich, sie noch ein wenig zu behalten. Vielleicht sollte ich ihr kein schnelles Ende bereiten. Vielleicht hatte ich eine weitaus bessere Verwendung für sie. Was könnte ich noch mit ihr anstellen? Ich hatte in diesem Keller schon so viele Szenarien durchgespielt. Sie einfach nur verbluten zu lassen, war unter meiner Würde. Es war langweilig. Hm... Taugt sie vielleicht als Hausmädchen? Als stumme Bedienstete in meinem Reich? „Sir?", ertönte eine leise, vertraute Stimme an der Tür. Es war Alastair. Mein Butler, mein Verwalter und der einzige Mensch auf dieser Welt, den ich so etwas wie einen Freund nennen würde. Er war mittlerweile über fünfzig Jahre alt und begleitete mich nun schon seit zwei Jahrzehnten. Er hatte mich aufgezogen, nachdem mein Leben in Scherben gefallen war. Für ihn war ich trotz allem immer noch der kleine Junge von damals, auch wenn ich längst ein erwachsener Mann war, dem er nichts mehr vorzuschreiben hatte. Alastair verabscheute das, was ich im Keller tat. Doch seine Loyalität bind ihn an mich. Ich zwang ihn zu nichts; er war freiwillig hier. Er hätte jede Sekunde gehen können, doch er blieb. „Was gibt es, Alastair?", fragte ich, ohne die Augen zu öffnen oder meine entspannte Haltung zu verändern. Ich weigerte mich, dieses mühsam gewonnene Gefühl der Ruhe opfern zu lassen. „Sind Sie im Untergeschoss fertig, Sir? Kann ich mit den Aufräumarbeiten beginnen?" Seine Stimme war extrem leise, fast tonlos. Ich hörte die unterschwellige Missbilligung in jedem seiner Worte. Er war wieder einmal wütend auf mich, doch ich ignorierte es geflissentlich. Es ging natürlich um Tessa. „Nein, noch nicht", erwiderte ich und schlug langsam die Augen auf. „Ich bin noch nicht fertig mit ihr." Durch den aufsteigenden Dampf sah ich, wie sich seine Stirn in Falten legte. „Gab es... Komplikationen, Sir?" Ich schloss die Augen wieder und stieß ein leises, amüsiertes Lachen aus. „Bringen Frauen nicht immer Komplikationen mit sich?" Diese Frage war eher an mich selbst gerichtet. „Du kannst hinuntergehen und dich um ihre Wunden kümmern, Alastair. Aber kein Wort zu ihr. Und wag es ja nicht, sie loszubinden. Du erinnerst dich hoffentlich an Kelly. Sie hätte dich zum Dank fast umgebracht." Dieses hysterische Miststück hatte meine Gutmütigkeit damals schamlos ausgenutzt. Alastair hatte Mitleid mit ihr gehabt und wollte ihr helfen – und sie hatte ihm ein Messer in die Seite gerammt. Wäre ich nicht im letzten Moment dazwischengegangen, um ihr die Klinge zu entreißen, läge Alastair heute auf dem Friedhof. Selbst ohne hinzusehen spürte ich, wie sich Alastair kurz und formell verbeugte – eine Angewohnheit, die er trotz meiner wiederholten Bitten, es privat zu lassen, nicht ablegen wollte –, bevor er lautlos das Badezimmer verließ. Tessa... Ihr Name hallte in meinen Gedanken nach, und ein kaltes Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Ihr Name war schön. Das war einer der Gründe gewesen, warum ich sie ausgewählt hatte. Das, und ihre engelsgleichen, blauen Augen. Ihr Körper war nahezu makellos, doch es gab noch ein paar ästhetische Details, die ich korrigieren musste. Ein paar feine Schnitte hier und da, und sie würde in meiner Galerie strahlen wie all die anderen vor ihr. Plötzlich durchzuckte mich ein völlig neuer, brillanter Gedanke. Eine Vision für Tessas finale Präsentation. Aber dafür brauche ich noch ein weiteres Puzzleteil... Eine zweite Frau. Ein Gegenstück. Ich grinste in die Dunkelheit meines geschlossenen Visierfelds. Die Idee war absolut genial. Eine halbe Stunde später stand ich frisch rasiert in meinem Ankleidezimmer und betrachtete mein Spiegelbild. Ich trug ein maßgeschneidertes, tiefschwarzes Hemd, die obersten Knöpfe offen, und eine dunkle Design-Jeans. Elegant, minimalistisch, unnahbar. Egal, was ich trug, die Frauenwelt lag mir ohnehin zu Füßen. In dieser Stadt wusste jeder, wer ich war. Sie kannten meinen Namen, meinen Reichtum und meinen Einfluss. Doch niemand hatte auch nur den leisesten Schimmer, wer ich wirklich war, wenn die Lichter ausgingen. Menschen waren so herrlich berechenbar und dumm. Genau deshalb war mein Handwerk so leicht. Ein paar teure Scheine, ein glänzendes Auto, und die Frauen stiegen freiwillig ein, ohne Fragen zu stellen. Ich ging die weite Treppe hinunter in die Empfangshalle. „Alastair!", rief ich, während ich in meine handgefertigten Lederschuhe schlüpfte. Keine Antwort. Wo steckte er nur wieder? Immer noch unten bei Tessa? „Alastair!", rief ich lauter. Er kam eilig um die Ecke und strich sich über seine makellose Weste. „Sie wünschen, Sir?" „Aktiviere den Lift für den Aston Martin. Ich muss kurz im Club nach dem Rechten sehen, danach komme ich direkt zurück", wies ich ihn an und betrat das Wohnzimmer, um mein Smartphone vom Sideboard zu holen. Zwei verpasste Anrufe von meinen Geschäftsführern. Ich ignorierte sie und steckte das Gerät in die Hosentasche. Es war bereits spät, und ich wollte nicht die ganze Nacht opfern. Als ich die Stufen zur unterirdischen Garage hinabstieg, surrte das hydraulische System bereits leise. Alastair hatte die Plattform hochgefahren. Auf ihr thronte das Biest: mein obsidianschwarzer Aston Martin DBS Superleggera. Der Lack schluckte das kalte LED-Licht der Garage fast vollständig. Alastair stand mit gefalteten Händen daneben und hielt mir die Fahrertür offen. Der V12-Motor vibrierte im Stand wie ein unterdrücktes Gewitter. Er sah mich mit diesem einen, unerträglichen Blick an – einer Mischung aus Sorge und stummer Anklage. „Suchen Sie heute Nacht nach einem neuen... Gast, Sir?", fragte er leise, während er mir den Schlüssel reichte. Genervt stieg ich ein, legte die Hände auf das weiche Alcantara-Lenkrad und sah zu ihm hoch. „Ich habe heute etwas ganz Besonderes vor, Alastair. Und jetzt hör auf, mich so anzusehen." „Wie sehe ich Sie denn an, Sir?", entgegnete er mit einer Spur von provokanter Ruhe, die nur er sich erlauben durfte. „Ich bin in spätestens drei Stunden zurück", schnitt ich das Thema ab, ließ die Fensterscheibe hochfahren und rollte über die Rampe hinaus in die Nacht. Auf diese Diskussion hatte ich heute absolut keine Lust. Lyra Ich verschränkte die Arme vor der Brust und starrte fassungslos auf den klebrigen, von unzähligen Kaugummis übersäten Asphalt direkt vor dem Eingangsbereich. Ekelhaft. Ich wollte nicht hier sein. Ich gehörte nicht hierher. Eigentlich hätte ich jetzt mit einer heißen Tasse Kamillentee und einer Erstausgabe von Jane Austen auf meinem gemütlichen Sofa sitzen sollen, statt in der Schlange vor dem lautesten und überteuertsten Club der Stadt zu frieren. Aber meine Kollegin aus der Bibliothek, Vesper, hatte mich regelrecht dazu gezwungen. Sie hatte behauptet, ich würde in meinen Büchern versauern und bräuchte dringend „echtes Leben". Und so hatte sie mich kurzerhand aus meiner Wohnung geschleift. „Und das soll ernsthaft der exklusivste Club der Stadt sein?", fragte ich sie und zog meine Jacke enger um die Schultern. Die neonrote Leuchtschrift über dem Portal pulsierte träge in der Dunkelheit: NOX. „Ein Haufen betrunkener Menschen und klebrige Böden. Ich wäre so viel lieber zu Hause geblieben..." „Pschh! Jetzt fang nicht schon wieder an zu jammern, Lyra!", unterbrach Vesper mich mit einem vielsagenden Augenrollen und zupfte an ihrem engen, dunklen Kleid. Plötzlich wurde die unruhige Schlange vor dem Eingang merklich leiser. Ein obsidianschwarzer Aston Martin DBS Superleggera glitt wie ein Schatten an den wartenden Gästen vorbei und parkte ohne jede Zögerung direkt auf dem abgesperrten Privatparkplatz vor dem Portal. Ein Mann stieg aus. Er mochte Mitte zwanzig sein, trug ein perfekt sitzendes schwarzes Hemd und bewegte sich mit einer beängstigenden, absolut dominanten Eleganz. Vesper stieß mich heftig mit dem Ellbogen an, ihr Mund stand sperrangelweit offen. „Oh mein Gott, Lyra... Siehst du den? Das ist Killian Cross. Dem gehört das Nox. Ist er nicht absolut unverschämt heiß?" Ich beobachtete den Mann mit kühlem, distanziertem Blick. Er ging mit schnellen Schritten direkt auf die Absperrung zu, würdigte niemanden in der Schlange auch nur des geringsten Blickes und strahlte eine Arroganz aus, die mich sofort abstieß. „Du findest ihn nur ‚heiß', weil sein Auto teurer ist als unsere gesamten Jahresgehälter zusammen, Vesper", entgegnete ich trocken. „Das ist ein egozentrischer Machtmensch, der jeden Tag eine andere Frau im Bett hat. Das sieht man ihm schon aus hundert Metern Entfernung an." „Stimmt doch gar nicht!", entgegnete sie theatralisch seufzend, während ihr Blick immer noch wie hypnotisiert an den Linien des Aston Martin hing. In ihren Augen spiegelte sich die pure Faszination für diesen verschwenderischen Luxus. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis sie merkte, wie offensichtlich sie war. Sie grinste ertappt. „Na gut. Vielleicht ein bisschen. Aber du kannst nicht bestreiten, dass der Mann verdammt gut aussieht!" „Attraktivität verfliegt sofort, wenn der Charakter hässlich ist", erwiderte ich streng. „Und seine überhebliche Aura macht ihn für mich absolut unattraktiv. Aber wenn du mich heute Abend für ihn oder irgendeinen anderen Typen im Stich lässt, bin ich weg. Das ist mein voller Ernst, Vesper." Vesper lachte leise, stupste mich spielerisch in die Seite und brachte mich damit trotz meiner schlechten Laune zum Schmunzeln. „Hör auf damit", murmelte ich lächelnd. „Keine Sorge, meine süße Bücherwürmin. Ich weiche heute nicht von deiner Seite. Versprochen!" Killian Ich parkte den Aston Martin auf meinem Privatstellplatz direkt vor dem Haupteingang des Nox. Als ich ausstieg, spürte ich die gierigen Blicke der wartenden Menge auf meiner Haut. Ich ignorierte sie alle und ging direkt auf das Portal zu. An der schweren Flügeltür stand Mikhail. Der hagerere, über zwei Meter große Hüne rührte sich nicht. Seine markanten, dunklen Tätowierungen am Hals hoben sich scharf von seinem maßgeschneiderten Anzug ab. Als ich mich näherte, hob er nicht einmal den Blick, sondern neigte nur stumm und respektvoll das Haupt, während er mir die Tür aufzog. Ich schritt an ihm vorbei, ohne das Tempo zu drosseln. Ich lief durch einen abgetrennten Bereich zur Bar des Nox und bestellte mir einen Drink. Es war eine hervorragende Idee gewesen, diesen VIP-Korridor einbauen zu lassen. So musste ich mich nicht durch die verschwitzten Körper auf der Tanzfläche drängen. Mit einem suchenden Blick lehnte ich mich lässig an den Tresen. „Wie läuft es heute?", fragte ich den Barkeeper grinsend. Er war ein fähiger Mann, der sein Handwerk verstand. Lachend reichte er mir die Hand über die Bar. „Bestens, Chef. Was darf ich dir heute anbieten?" „Einen Vodka Energy", entschied ich knapp. „Und dann lasse ich dich für den Rest des Abends in Ruhe arbeiten." Ich wies jede Frau ab, die versuchte, sich an mich heranzuwanzen. Keine einzige von ihnen taugte als Gegenstück für Tessa. Warum zur Hölle war heute nichts Brauchbares dabei? Waren meine Ansprüche inzwischen einfach zu hoch geschraubt? Meine Hände ballten sich an der Bar zu Fäusten. Ich musste pragmatischer vorgehen. Eine Blondine. Ich brauche heute einfach eine blonde Frau mit ähnlicher Statur. Das musste genügen. Mein Blick schweifte suchend über die dicht gedrängte, im Takt der Bässe wogende Tanzfläche des Nox. Zu den hypnotisierenden, dumpfen Elektro-Beats suchte ich nach den passenden Konturen. Und tatsächlich entdeckte ich kurz darauf eine junge Frau im dichten Nebel der Scheinwerfer. Sie war nicht perfekt, aber für das, was ich im Sinn hatte, würde sie vorerst ausreichen. Ich erhob mich von meinem Barhocker und fixierte sie mit meinen Augen. Sie bemerkte meinen Blick fast sofort, biss sich lasziv auf die Unterlippe und bewegte sich langsam auf den VIP-Bereich zu, an dessen Geländer ich lehnte. Mit einem arroganten Grinsen beugte ich mich vor, packte sie sanft an den Hüften und hängte sie kurzerhand über die Absperrung zu mir an die Bar. Aus der Nähe betrachtet sah sie tatsächlich besser aus. Mein Interesse war geweckt. Vielleicht war sie doch ein würdiger Fang. „Wie ist dein Name, Schöne?", raunte ich und strich ihr eine blonde Locke aus dem Gesicht. Ich war aufrichtig angetan von ihren wohlgeformten Kurven und diesen langen Haaren... „NYSA!", schrie sie mir plötzlich mit einer derart schrillen, ohrenbetäubenden Stimme direkt ins Ohr, dass ich unwillkürlich zusammenzuckte. Was zum Teufel war das für ein Organ? Sämtliche Faszination verflog in einer einzigen Sekunde. Ihre Dummheit und diese furchtbare Stimme stießen mich sofort ab, aber sie war das Beste, was das Nox mir in dieser Nacht zu bieten hatte. Also zwang ich mich mit äußerster Selbstbeherrschung zu einem charmanten Lächeln, obwohl sich mir die Nackenhaare aufstellten. „Ein wunderschöner Name... Ich bin Killian", log ich mit zusammengebissenen Zähnen und bemühte mich, meine Abscheu zu verbergen. „AUCH EIN SCHÖNER NAME!", kreischte sie erneut, und wieder schmerzte mein Trommelfell. Ich hielt mir unauffällig ein Ohr zu. Diese Stimme war hoch genug, um Champagnergläser zu zersprengen. Am liebsten hätte ich ihr augenblicklich die Kehle zugeschnürt, nur damit dieses Geräusch aufhörte. Doch ich bewahrte die Ruhe. Ich musste sie so schnell wie möglich von der lauten Bar wegbekommen. „Es ist viel zu laut hier unten, um sich anständig zu unterhalten", schlug ich vor und nahm ihre Hand. „Kommst du mit mir hoch in den privaten VIP-Bereich?" „KLAR! WEISST DU, ICH HAB DICH HIER SCHON ÖFTER GESEHEN! UND..." „Ja, ich dich auch", unterbrach ich sie kalt, zog sie hinter mir her und bahnte uns einen Weg vorbei an der Security. Als Erstes werde ich diesem Ding im Keller die Stimmbänder herausschneiden, dachte ich mit eisiger Wut. Lyra Vesper und ich tanzten nun schon eine Weile im Rhythmus der lauten Bässe im Nox, doch ich merkte schnell, wie ihre Aufmerksamkeit abschweifte. Ihr Blick glitt immer wieder sehnsüchtig zu einem gut aussehenden Mann am Rande der Tanzfläche, den sie schüchtern anlächelte. „Lass uns was zu trinken holen!", rief ich gegen den dröhnenden Lärm an. Mein Hals war staubtrocken, und ich hoffte inständig, dass sie mit mir kam und mich nicht allein in dieser schwitzenden Menschenmenge zurückließ. „Ja, super Idee! Bestell mir bitte einen Long Island Iced Tea mit!", rief Vesper abwesend zurück, drehte sich auf dem Absatz um und ging zielstrebig auf den Mann an der Wand zu. „Vesper, warte!", rief ich ihr hinterher, doch meine Stimme ging im Bass unter. Sie verschwand innerhalb von Sekunden in der wogenden Menge und ließ mich eiskalt stehen. Das darf doch wohl nicht wahr sein... Ich atmete tief und frustriert aus. Mein Hals brannte regelrecht vor Durst, also bahnte ich mir mühsam einen Weg durch die tanzenden Körper in Richtung der Bar. Nur mein extremes Verlangen nach einem einfachen Glas Wasser trieb mich an, diesen unerträglichen Spießrutenlauf auf mich zu nehmen. Endlich erreichte ich den Tresen des Nox, gab meine Bestellung auf und wartete ungeduldig auf die Gläser. Der Barkeeper reichte sie mir erfreulich schnell. Ich nahm das kühle Glas Wasser dankend entgegen, drehte mich um und wollte Vesper suchen. Doch als ich meinen Blick durch den Club schweifen ließ, erstarrte ich. Das ist doch ein schlechter Scherz... Vesper stand am völlig anderen Ende der Tanzfläche, tief in ein Gespräch mit dem Fremden verwickelt, und dachte nicht im Traum daran, zu mir zurückzukehren.Lyra Ich setzte mich auf die harte Kante des Bettes und starrte erschöpft die fleckige Wand an. Das Motel war nun wirklich nicht die beste Adresse, aber immerhin hatte ich für die Nacht ein Dach über dem Kopf. Der Mann an der Rezeption hatte mich vorhin extrem merkwürdig gemustert, als ich mit Killians mattschwarzem Luxussportwagen auf den düsteren Parkplatz gerollt war und eingecheckt hatte.Ich hatte ihn nicht töten können ... Nicht, als er so hilflos vor mir lag, fast schon am Verbluten. Wenn wir im Kampf gegeneinander antraten, war das etwas ganz anderes. Aber in so einem Moment brachte ich es einfach nicht übers Herz. Allgemein hätte ich ihn wahrscheinlich niemals töten können – ihn verletzen oder schachmatt setzen vielleicht, aber mehr auch nicht.Obwohl ich hunderte Kilometer weit weg war, wich die lähmende Anspannung nicht aus meinen Knochen. Killian besaß einen unheimlichen sechsten Sinn. Er wusste gefühlt immer ganz genau, wo ich mich aufhielt – ich hatte keine Ahnung, wie
Killian Als ich die Augen langsam aufschlug, lag ich in meinem gewohnten Bett im Anwesen – und Erik stand aufrecht neben mir.Was war noch mal passiert? ... Ach ja. Lyra war kurz davor gewesen, mich endgültig ins Jenseits zu befördern.Ich strich mir müde mit der flachen Hand über das Gesicht. „Wieso bist du hier ... und wieso stehst du stramm wie ein Soldat, Erik?", fragte ich mit rauer Stimme.„Ich war besorgt, Sir. Und solange Sie abwesend waren, wollte ich es mir nicht anmaßen, mich zu setzen", antwortete er gewohnt ehrerbietig.„Ich habe dir doch schon tausendmal gesagt, dass du mich nicht ständig um Erlaubnis bitten musst. Setz dich ruhig", sagte ich angestrengt und fasste mir vorsichtig an die schmerzende Stelle unter dem Schlüsselbein.„Ich habe das von klein auf so gelernt, das kann ich nicht so einfach ablegen", erwiderte er mit einem leichten Lächeln.„Was ist eigentlich genau passiert, nachdem mir schwarz vor Augen wurde?", fragte ich und blickte neugierig unter den Verba
Lyra Er warf einen flüchtigen Blick auf die Wunde. „Nur ein Kratzer, Honey."„Das ist doch kein verflixter Kratzer!", rief ich geschockt und starrte auf sein Hemd. Der Stoff war auf der linken Seite bereits komplett blutgetränkt. „Du musst mich sofort runterlassen!"Er seufzte genervt. „Schau mal, Schatz: Wir sind doch jetzt gleich zu Hause. Halt einfach still und mach es mir nicht noch unnötig schwerer."Ich blickte mich verwirrt um. Wir standen tatsächlich schon vor den massiven Toren seines Grundstücks. „Wie zum ... Wir waren doch gar nicht so weit entfernt?"„Am Anfang hast du über eine Stunde bewusstlos in meinen Armen gelegen, deshalb kam dir der Weg nicht so lang vor", sagte er. „Glaub mir, es war ein verdammt großes Stück."„Ich habe nicht geschlafen, ich war ohnmächtig!", entgegnete ich gereizt.Er zog mit der freien Hand einen Schlüssel aus der Hosentasche und entriegelte das Tor. „Ich musste dich trotzdem tragen. Sogar jetzt noch."Ich verschränkte trotzig die Arme vor der
Lyra„Lyra? Was machst du denn da unten?", rief er von oben aus der Dunkelheit zu mir herab.„Was soll ich hier unten schon groß machen?! Ich bin den halben Berg runtergestolpert!", rief ich wütend und unter Tränen zurück.„... Warte, ich komme", rief er und kletterte vorsichtig den steilen Hang hinunter.Als er endlich bei mir ankam, entfuhr mir ein erleichertes, fast schon ungläubiges Lachen. „Ich habe eben ernsthaft darüber nachgedacht, ob ich mich nicht einfach hier unten weiter vor dir verstecken soll."Er hob irritiert eine Augenbraue. „Das findest du etwa witzig? Du hast eindeutig eine Gehirnerschütterung abbekommen."Ich lachte erneut leise auf. „Kann gut sein – nach all dem Gerolle den Abhang runter! Ich hätte wirklich niemals gedacht, dass ich mich jemals im Leben darüber freuen würde, dein Gesicht zu sehen!"Er warf einen kurzen, prüfenden Blick auf mein verletztes Bein. „Ich nehme das jetzt einfach mal als Kompliment ... Kannst du dich überhaupt bewegen?", fragte er und tr
KillianIch hob amüsiert eine Augenbraue. „Ach komm schon ... Du hast nach all dem, was wir zusammen erlebt haben, erst jetzt Angst vor mir?"Sie hob stolz ihr Kinn und straffte die Schultern. „Ich habe absolut keine Angst vor dir."Für einen klitzekleinen Moment hatte ich es ihr sogar geglaubt, doch ich konnte die Körpersprache eines Menschen wie ein offenes Buch lesen. Ihre Augen verrieten sie ohne Gnade: Sie war schlicht nicht in der Lage, meinem Blick über längere Zeit standzuhalten, was verräterische Unsicherheit bedeutete. Dennoch war ihr Charakter bemerkenswert stark – sie schaffte es immer wieder, mich kurzzeitig in die Irre zu führen. Doch dieses Mal hatte ich sie durchschaut. Und jetzt konnte ich mit ihr spielen!Grinsend machte ich einen bedrohlich langsamen Schritt auf sie zu. „Willst du etwa ... Angst vor mir bekommen?", fragte ich gedehnt, mit einer messerscharfen Nuance in der Stimme. Ich war gespannt, ob sie die Drohung heraushörte.Sie verschränkte die Arme vor der Br
Lyra Er kam mir so bedrohlich nahe, dass ich langsam Schritt für Schritt zurückwich. Ich wusste nicht genau, was da gerade auf mich zukam – aber so, wie sein Blick schimmerte, war es garantiert nichts Gutes.Er legte den Kopf leicht schief. „Also Honey, fange ich mal ganz von vorne an: Mein Vater war ein extrem erfolgreicher Immobilienmakler. Wir lebten in einem schicken Anwesen, mit allem drum und dran. Mami, Papi und ich. Fängt doch schon mal richtig harmonisch an, oder?"Eigentlich schon ...„Das einzige Problem war, dass mein Vater schwerer Alkoholiker war. Und ganz klassisch hat er absolut nicht davor zurückgeschreckt, mich und meine Mutter regelmäßig krankenhausreif zu prügeln. Ich habe meine Mutter wirklich über alles geliebt und alles für sie getan. Doch sie war zutiefst egoistisch. Sie gab mir jedes Mal die Schuld für die Wutausbrüche meines Vaters. Aber ich war jung und naiv – und tat trotzdem brav alles, was sie von mir verlangte. Weißt du eigentlich, was sie damals immer





