FAZER LOGINMary rannte, bis es schien, als würde sich die Straße unter ihren Füßen neigen. Die letzte Hitze des Tages strahlte noch immer vom rissigen Asphalt ab und stieg in dumpfen Wellen durch die dünnen Sohlen ihrer Schuhe auf, während die Luft darüber bereits allmählich abkühlte. Die Dunkelheit brach nicht einfach herein, sondern wurde immer dichter und breitete sich von den niedrigen Hügeln aus wie Tinte, die ins Wasser getropft war. Jeder Atemzug kratzte in ihrer Kehle. Staub bedeckte ihre Zunge. Sie hatte weder ein Telefon noch Geld oder eine Karte von dieser Gegend. Alles, was ihr geblieben war, war die Gewissheit, dass sie gefunden werden würde, wenn sie stehen blieb.Sie erreichte eine Kurve und fing sich keuchend an einer Betonbarriere ab. Ihre Brust hob und senkte sich heftig, während sie versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Der Beton war von der Sonne noch immer warm. Ihre Beine zitterten vor einer tief sitzenden Erschöpfung, die sich beinahe wie eine Krankheit anfühlte. In der Fer
Mary saß auf der Kante der Matratze und zählte die Risse an der gegenüberliegenden Wand, so wie andere Menschen ihre Gebete zählten. Dreiundzwanzig verliefen senkrecht, elf waagerecht, und einer verzweigte sich nahe der Decke wie eine gebrochene Ader. Der Raum roch nach feuchtem Putz und dem schwachen metallischen Geruch von altem Blut, das sich offenbar nie jemand die Mühe gemacht hatte wegzuschrubben. Ein einziges Brett vor dem Fenster ließ einen schmalen Streifen Nachmittagssonne über den Boden fallen. Darin schwebten Staubpartikel, vollkommen regungslos.Sie hatte längst aufgehört zu fragen, wie lange sie schon hier war. Die Zeit war zu den Abständen zwischen den Besuchen der Frau mit dem Essen und den schwereren Schritten des Wachmanns vor der Tür zusammengeschrumpft. Stiles kam inzwischen seltener. Wenn er auftauchte, blieb er im Türrahmen stehen und betrachtete sie wie einen Mann, der eine verschlossene Kiste ansah, die er nicht länger zu öffnen brauchte. Hier sei sie sicherer,
Sheriff Cole und Detective Harry waren weiterhin mit Handschellen an einer dicken Metallstange gefesselt. Ihre Handgelenke schmerzten, während bewaffnete Männer sich ohne Eile durch das Lagerhaus bewegten und ihnen hin und wieder einen kurzen Blick zuwarfen. Keiner der Männer schien sich um ihre Anwesenheit zu kümmern.Ein Wachmann kam mit einem Tablett auf sie zu und stellte es auf den Boden.„Esst.“Cole hob den Kopf und sah ihn verärgert an. „Nimm das weg. Ihr fesselt mich an eine Stange und erwartet dann von mir, dass ich mich hier hinsetze und in aller Ruhe esse?“Der Wachmann schloss zuerst Coles Handschellen auf und befreite anschließend Harry. Kaum waren Harrys Hände frei, holte er aus und schlug dem Mann mit voller Wucht ins Gesicht. Der Wachmann taumelte zurück und stürzte hart zu Boden.„Das war gerade ein großer Fehler“, sagte Harry und machte einen Schritt nach vorn.Coles Stimme unterbrach ihn scharf. „Sieh dich um.“Harry erstarrte. Rote Laserpunkte bewegten sich über i
„Ich glaube, Ihre Mutter lebt noch.“Harrys Worte hallten in dem kleinen Büro nach. Sheriff Cole starrte ihn an und hielt das Foto noch immer mit zitternder Hand fest. Er blickte erneut darauf hinunter und hob anschließend den Blick zu Harry.„Das ist unmöglich. Meine Mutter ist gestorben, als ich zwei Jahre alt war. Mein Vater hat mir erzählt, dass sie tot sei. Ich war sogar auf ihrer Beerdigung – oder zumindest hat man mich glauben lassen, dass es so war.“Harry trat einen Schritt näher. „Ich verstehe, Sir, aber wir müssen die Wahrheit herausfinden. Ihr Vater ist der Einzige, der erklären kann, was hier vor sich geht. Und nachdem ich all diese Fotos gesehen habe, glaube ich, dass wir mehr Fragen als Antworten haben.“Cole legte das Foto vorsichtig zurück in die Akte und schloss sie. Noch einmal betrachtete er die Tafel, besonders die Bilder von Alex Scott, Mary und dem unbekannten Mann namens Matthew. Dann nahm er seine Waffe und wandte sich dem Ausgang zu.„Verschwinden wir von hie
Das Auto fuhr durch die belebten Straßen der Innenstadt von Los Angeles, bevor es allmählich in einen ruhigeren, vernachlässigten Teil der Stadt einbog. Sheriff Cole richtete seinen Blick auf die Straße und folgte einer Route, die ihm offenbar vertraut war. Nach einigen Minuten hielt er vor einem alten Gebäude mit verblassten Wänden, zerbrochenen Fenstern und einer verrosteten Eingangstür.Harry betrachtete das Gebäude durch die Windschutzscheibe, bevor er sich zum Sheriff umdrehte. Er runzelte die Stirn und warf erneut einen Blick auf das Haus. Sein Gesichtsausdruck verriet deutlich, wie wenig ihm gefiel, was er da sah.„Im Ernst? Was wollen wir denn hier?“, fragte er und verzog angewidert das Gesicht.Cole stellte den Motor ab und zog den Schlüssel aus dem Zündschloss. „Hier habe ich gelebt, Harry. Hier habe ich mit meinem Vater mein Leben begonnen, nachdem meine Mutter ermordet worden war.“Harrys Gesichtsausdruck veränderte sich sofort. Er betrachtete das Gebäude erneut und wandte
Die Krankenhaustüren öffneten sich mit einem leisen Seufzen. Sheriff Cole trat hinaus ins Nachmittagslicht, wie ein Mann, der gerade aus einem Käfig kam, aber noch nicht sicher war, ob er ihm tatsächlich entkommen war. Die Luft roch nach Abgasen und regennassem Asphalt. Neben ihm trug Detective Harry ihre wenigen Habseligkeiten in einer Hand, während seine andere aus alter Gewohnheit nahe an seiner Seite ruhte.Keiner von beiden sprach. Das Schweigen zwischen ihnen war schwerer als jedes Gespräch.Sie erreichten das Auto. Sobald Cole sich auf den Fahrersitz setzte, verkrampften sich seine Hände um das Lenkrad. Jeder Muskel schmerzte noch immer. Ein dumpfer Hinweis darauf, dass sein Körper ihm noch nicht verziehen hatte, was sein Verstand unbedingt ignorieren wollte. Er startete den Motor und fuhr los, ohne einen Blick auf das Gebäude zurückzuwerfen, das sie tagelang festgehalten hatte.Zwei Tage, hatte der Arzt gesagt.Cole hatte längst entschieden, dass er sich diesen Luxus nicht lei






