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Oliver
Der Code singt.
Es gibt diese seltenen Momente, in denen alles perfekt ineinandergreift und die Welt jenseits der Bildschirme einfach verschwindet.
Kein New York City, kein Penthouse in Chelsea, kein Verkehrslärm, der zwanzig Stockwerke zu mir heraufdringt. Nur der Datenstrom, die Verschlüsselung, die unter meinen Fingern nachgibt, und das Adrenalin, das mir wie ein Chemiecocktail durchs Blut schießt.
Ich lehne mich in meinem Herman-Miller-Stuhl zurück. Das Leder knarrt leise. Dann schiebe ich meine Brille zurecht. Das blaue Licht meiner drei Monitore fällt auf mein Gesicht und spiegelt sich in den Gläsern. Ich spüre die Wärme der Prozessoren, die auf Hochtouren laufen. Ein kleines, gebändigtes Feuer, das ich unter Kontrolle habe.
„Na komm schon, du korrupter, scheinheiliger Wichser“, flüstere ich, während meine Finger über die mechanische Tastatur fliegen. Das Klackern der Tasten ist das einzige Geräusch im Raum, ein hektischer Rhythmus, der zu meinem hämmernden Puls passt.
Ich stecke tief im privaten Server von Senator Augustus Scott.
Der Mann gilt als Stütze der Gesellschaft und Verfechter der Familienwerte. Und wenn das verschlüsselte Kassenbuch, das ich gerade knacke, auch nur annähernd stimmt, ist er ein geiler, perverser, korrupter Drecksack, der verdammt gefährlichen Leuten eine Menge Geld dafür zahlt, seine Probleme verschwinden zu lassen.
Außerdem steckt er mit einer ausländischen Regierung unter einer Decke und versorgt sie gegen horrende Summen mit Informationen.
Mein heißester Tipp ist Russland, aber den eindeutigen Beweis habe ich noch nicht gefunden. Nur eine Frage der Zeit.
Das hier ist kein Auftrag. Niemand hat mich dafür angeheuert. Ich bin kein Hacker mit weißer Weste, und für die Geheimdienste, bei denen meine Mutter mich so gern gesehen hätte, arbeite ich erst recht nicht.
Ich tue es, weil es sich lohnt und weil ich es kann. Weil Männer wie Scott glauben, sie könnten sich aus Firewalls eine Festung bauen, ihren Dreck hinter einer 2048-Bit-Verschlüsselung verstecken, und niemand käme je an ihn heran.
Diese Arroganz nehme ich persönlich. Ich habe noch kein System gefunden, das mich draußen halten konnte.
So bezahle ich die Miete für meine Luxuswohnung im Westen Manhattans: Ich finde heraus, was wichtige Leute verbergen wollen, und lasse mir dafür bezahlen, dass die Welt ihre Geheimnisse nicht erfährt.
Manche finden, Erpressung sei ein hässliches Wort. Sehe ich ganz anders. Für mich ist das Unternehmergeist.
Die haben zu viel Geld und glauben, sie dürften sich deshalb jeden Scheiß erlauben. Ich habe einen Lebensstil, den ich mir leisten will, und ein Talent dafür, ihre Geheimnisse auszugraben. Eine Hand wäscht die andere.
Ich bin ein Parasit, der von größeren Parasiten lebt. Damit kann ich gut leben.
Jetzt bin ich mitten im System. Ich breche die letzten Dateien auf, bevor ich alles kopiere. Ich beuge mich vor und halte unwillkürlich den Atem an. Das ist es. Der Faden, an dem ich nur ziehen muss, damit alles aufdröselt.
„Hab dich“, murmele ich und greife nach der Eingabetaste, um den D******d zu starten.
Und dann geht die Welt unter.
Kein Flackern. Kein langsames Verblassen. Alles ist mit einem Schlag weg.
Die Monitore werden schwarz. Das Surren der Lüfter verstummt, und die Stille, die darauf folgt, ist so plötzlich und vollkommen, dass sie mir auf die Ohren drückt.
Ich erstarre. Meine Hand schwebt noch immer über der Tastatur.
„Nein“, sage ich. In der großen, stillen Wohnung klingt das Wort erbärmlich. „Nein, nein, nein.“
Ich warte darauf, dass die Notstromversorgung übernimmt. Für meine Anlage mit unterbrechungsfreier Stromversorgung habe ich ein Vermögen ausgegeben. Das Ding könnte ein kleines Feldlazarett versorgen. Innerhalb von Millisekunden müsste es anspringen. Die Überspannungsschützer müssten summen, die Notleuchten angehen.
Nichts.
Ich greife nach der starken Taschenlampe in meiner Schreibtischschublade und knipse sie an. Ihr Strahl schneidet durch die Staubkörnchen in der Luft. Ich leuchte unter den Tisch. Die USV ist tot. Keine einzige Anzeige leuchtet.
Das ist kein Stromausfall.
Ein Stromausfall schaltet keine separate Batterieüberbrückung aus. Und er passiert nicht genau in dem Moment, in dem ich den Kern der illegalen Geschäfte eines Senators berühre.
Mir sackt der Magen ab. Dieses widerliche Gefühl von Schwerelosigkeit, wenn man von einem Bordstein tritt, der höher ist als erwartet.
Sie haben mich nicht bloß ausgesperrt. Sie haben meine Geräte gegrillt.
„Kill Switch der Stufe vier“, flüstere ich. Die Erkenntnis kriecht mir kalt und schleimig durch den Bauch.
Ich stehe auf. Mein Stuhl schießt über den Holzboden zurück.
Ich weiß genau, was passiert ist. Ich habe in Scotts System einen passiven Überwachungsprozess ausgelöst. Der hat keinen Admin alarmiert. Er hat keine Rückverfolgung gestartet. Er hat einen Impuls über die Verbindung zurückgeschickt, einen digitalen Todesstoß, der die Hardware des Eindringlings zerstören soll.
Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Damit der Kill Switch so gezielt funktioniert, braucht er eine feste Verbindung. Einen Handshake.
Sie haben mich gesehen.
Nicht bloß irgendeine anonyme IP-Adresse, die über einen Proxy in Estland geroutet wurde. Sie haben durch den Tunnel hindurchgesehen. Sie kennen den Endpunkt. Sie wissen, wo das Signal angekommen ist.
Sie wissen, wo ich bin.
Seit fünf Jahren mache ich das, und noch nie hat jemand meine Identität aufgedeckt.
Scheiße!
Ich sehe mich in der Wohnung um. Sie ist wunderschön. Minimalistisch, teuer, sicher. Zwei Jahre lang habe ich sie in eine Festung verwandelt. Ich habe die besten Schlösser, die man für Geld kaufen kann. Kameras im Flur. Einen Portier namens Reggie, der mich für einen Daytrader hält.
Jetzt ist das alles nichts mehr wert.
Wenn Scotts Leute technisch so gut sind, haben sie längst ein Räumkommando losgeschickt.
Ich muss weg. Sofort.
Ich renne ins Schlafzimmer, meine Socken rutschen über den glatten Boden. Ich reiße die Schranktür auf und schiebe die Reihen aus Designerjacken und Vintage-Jeans zur Seite. Mit zitternder Hand löse ich die falsche Rückwand.
Dahinter liegt der Rucksack.
Meine Mutter, eine erschreckend kompetente Spionin, hat ihn mir zum einundzwanzigsten Geburtstag geschenkt. Kein Auto, keine Uhr. Einen schwarzen, unscheinbaren Einsatzrucksack, vollgestopft mit Bargeld, Wegwerfhandys und drei Pässen. Auf den Fotos sehen die Leute aus wie ich, aber die Namen gehören mir nicht.
„Du hast ein Talent dafür, Ärger anzuziehen, Oliver“, hatte sie mit ihrer trockenen, knappen Art gesagt. „Wenn du irgendwann zwangsläufig auf eine Landmine trittst, warte nicht auf die Explosion. Lauf.“
Ich streife meine Schlafanzughose ab – natürlich hacke ich einen Regierungsbeamten im Schlafanzug – und zwänge mich in eine schwarze Jeans. Dann ziehe ich einen dicken Hoodie über und schnüre meine Stiefel. Meine Finger bekommen nicht mal die Knoten richtig hin.
Ich hasse es, dass meine Hände nicht aufhören zu zittern und mein Atem nur stoßweise kommt. Eigentlich bin ich der coole, distanzierte Beobachter. Der Typ, der hinter einem Bildschirm sitzt und zusieht, wie die Welt brennt. Ich sollte nicht selbst mitten im Feuer stehen.
Vom Nachttisch nehme ich mein Messer. Eine schicke, teure Klappklinge, die ich gekauft habe, weil sie auf einer Website cool aussah. Bisher habe ich damit nur A****n-Pakete geöffnet. In meiner Hand wirkt sie lächerlich, wie eine Spielzeugwaffe für einen Jungen, der Soldat spielt. Ich stecke sie trotzdem ein.
Geduckt schleiche ich zurück ins Wohnzimmer. Ich schalte kein Licht an. Mein Herz hämmert gegen meine Rippen, als ich mich zum Fenster taste. Ich schiebe eine Lamelle der Jalousie gerade weit genug zur Seite, um die Straße zu sehen.
Es regnet. Ein dünner, trostloser Nieselregen legt einen Film auf den Asphalt der 23rd Street. Es ist wenig Verkehr. Ein Taxi spritzt durch eine Pfütze. Unter einem gemeinsamen Schirm läuft ein Paar vorbei.
Und da steht er.
Ein schwarzer SUV wartet mit laufendem Motor an der Ecke, direkt gegenüber meinem Gebäude. Die Scheinwerfer sind aus. Aus dem Auspuff steigt eine weiße Wolke.
Während ich hinsehe, öffnet sich die hintere Tür, und zwei Männer steigen aus. Sie bewegen sich so synchron und effizient, dass es nach Militärausbildung schreit. Einer blickt nach oben. Sein Blick findet sofort mein Fenster.
Ich zucke zurück und lasse die Jalousie zuschnappen.
Die haben sich ganz offensichtlich die Baupläne angesehen. Sie wissen, wo jeder Ein- und Ausgang ist.
Den Aufzug kann ich nicht nehmen. In der Lobby wartet garantiert jemand, und das Sicherheitssystem des Gebäudes haben sie bestimmt auch schon gehackt. Der Aufzug ist eine Falle.
Bleibt die Treppe.
Ich öffne meine Wohnungstür. Der Flur ist leer. Ich schlüpfe hinaus und ziehe die Tür leise hinter mir zu. Abschließen spare ich mir.
Ich bin im zwanzigsten Stock. Das sind verdammt viele Treppen, aber ich hänge sehr an meinem Leben.
Ich drücke die Tür zum Treppenhaus auf und führe sie langsam zurück, damit sie nicht ins Schloss fällt. Dann renne ich.
Ich nehme zwei Stufen auf einmal und klammere mich so fest ans Geländer, dass meine Knöchel weiß werden. Stockwerk um Stockwerk schraube ich mich nach unten. Im zehnten brennen meine Oberschenkel. Im fünften ringe ich nach Luft, und mein eigener Atem dröhnt mir in den Ohren.
Unten stürze ich in das Kellergeschoss. Zwischen Abstellverschlägen und Versorgungsrohren verläuft ein regelrechtes Labyrinth. Die Luft ist heiß und riecht nach Müll. Ich taste mich durch das Halbdunkel zum Lieferantenausgang, der in die Gasse hinter dem Gebäude führt.
Ich erreiche die schwere Stahltür und drücke gegen die Panikstange. Mit einem metallischen Kreischen schwingt sie auf. In der stillen Nacht klingt es wie ein Schuss.
Ich stolpere in die Gasse. Der Regen schlägt mir kalt ins Gesicht. Ich gerate ins Straucheln und fange mich an einem Müllcontainer ab. Ich bin draußen.
Aber sicher bin ich nicht.
Ich spähe die Gasse entlang. Noch ist sie leer, ein schmaler Schlauch zwischen Backsteinwänden und Feuerleitern. Ich laufe zur Straße und spritze durch Pfützen, die meine teuren Stiefel sofort durchnässen.
Am Ende der Gasse bremse ich schlitternd ab.
Eine Limousine steht quer vor der Ausfahrt. Das Fenster fährt herunter. Ich sehe ein blasses, regloses Gesicht, Augen wie Glas. Eine Hand hebt etwas Schwarzes, Metallisches.
Ich denke nicht nach. Ich werfe mich zurück und krieche hinter einen Stapel Holzpaletten. Im selben Moment schlägt ein gedämpfter Schuss in die Backsteinwand ein, genau dort, wo eben noch mein Kopf war.
„Scheiße!“, schreie ich und krabbele auf Händen und Knien in die Dunkelheit zurück.
Hinten sind sie. Vorn sind sie. Sie haben mich eingekesselt.
Ich blicke nach oben. Die rostige Feuerleiter am Nachbarhaus beginnt gut drei Meter über dem Boden. Ein verdammtes Todesurteil. Die Alternative ist allerdings der Mann mit dem Schalldämpfer, der gerade seine Autotür öffnet.
Ich renne zum Müllcontainer und springe auf seinen Kunststoffdeckel. Unter meinem Gewicht gibt er nach, nass und rutschig vom Regen. Ich stoße mich ab und taste blind nach der untersten Sprosse.
Kaltes Eisen schneidet mir in die Handflächen. Ich baumle einen Moment, zerre mir schmerzhaft die Schulter und ziehe mich hoch. Ich sehe nicht nach unten. Ich klettere weiter, während das Metall unter mir ächzt und bei jedem Schritt vibriert.
Unten in der Gasse höre ich Schritte. Ruhig. Ohne Eile. Die Männer wissen, dass ich nirgendwohin kann.
Ich klettere über das Geländer auf den ersten Absatz und bleibe nicht stehen. Weiter in den zweiten Stock, dann in den dritten. Dort steht ein Fenster offen. Dahinter liegt eine Küche, warmes Licht fällt heraus, und irgendwo läuft ein Fernseher.
Ich zögere keine Sekunde. Ich schwinge ein Bein über das Fensterbrett, purzele hinein und lande auf Linoleum. Es riecht nach Knoblauch und Zwiebeln.
Eine alte Frau schreit auf und lässt ihre Schöpfkelle fallen.
„Sorry!“, keuche ich und rappele mich hoch. „Notfall! Feuer! Tut mir leid!“
Ich stürme durch ihre Wohnung, bevor sie den klatschnassen Mann in ihrer Küche überhaupt begreifen kann. Ich schließe ihre Wohnungstür auf und platze in einen anderen Flur, in einem anderen Gebäude.
Ich laufe, bis es sich anfühlt, als wäre meine Brust mit Glasscherben gefüllt. Ich laufe, bis die Geräusche von Chelsea im allgemeinen Lärm der Stadt untergehen. An der U-Bahn-Station an der 14th Street springe ich über die Drehkreuze und remple beinahe eine Gruppe betrunkener Studenten an.
Erst im Zug bleibe ich stehen. Irgendein Zug. Ich schaue nicht mal auf die Liniennummer.
Ich falle auf einen Plastiksitz in der Ecke des Wagens. Über mir flackern die Lampen.
Ich ziehe die Knie an und schlinge die Arme um meinen Rucksack. Inzwischen zittere ich am ganzen Körper. Im dunklen Fenster gegenüber sehe ich mein Spiegelbild. Mein Haar klebt mir am Kopf. Mein Gesicht ist blass, die Augen groß und leer. Ich sehe aus wie ein Junkie auf dem Abstieg von einem üblen Trip.
Ich taste meine Taschen ab. Handy? Weg. Liegt noch in der Wohnung. Smartwatch? Die habe ich an der Feuerleiter gegen das Geländer geschlagen und drei Blocks weiter in einen Gully geworfen.
Ich bin ein Geist.
Nur sollten Geister nicht so frieren.
Ich lebe. Noch. Aber während der Zug tiefer unter die Erde rattert, dreht sich ein Gedanke mit erschreckender Klarheit in meinem Kopf.
Ich habe gerade in ein Hornissennest von der Größe der US-Regierung gestochen. Und den Schwarm kann ich jetzt nicht mehr aufhalten.
OliverDie schwere Stahltür fällt klickend ins Schloss. Der russische Terminator ist jetzt auf der anderen Seite.Die Stille kehrt sofort in den Raum zurück, dicht und drückend. Aber die Luft scheint noch immer aufgeladen, als knisterte darin die heftige Spannung, die Kirill zurückgelassen hat.Mein Herz hämmert in einem schnellen, unregelmäßigen Rhythmus gegen die geprellten Rippen.Ihn zu reizen ist gefährlich. Vielleicht sogar dumm. Aber dass dieser sonst so unerschütterliche, furchterregende Killer die Flucht ergriffen hat, weil er kein Gespräch mit mir aushält, ohne mich würgen zu wollen? Das fühlt sich wie ein gewaltiger Sieg an.„Du willst unbedingt sterben, was?“Die Stimme klingt weich und ein wenig gedehnt, ganz anders als Kirills raues Bellen. Vielleicht höre ich sogar einen Hauch Südstaatenakzent heraus.Ich drehe mich von der Tür weg und sehe den Mann, der gerade noch in den Raum geschlüpft ist, bevor sein Boss hinausgestürmt ist.Saint lehnt mit locker verschränkten Arme
KirillVier Tage sind vergangen, seit sich dieser britische Hacker in mein Leben gedrängt hat. Die Ruhe im Lagerhaus ist gründlich dahin.Um die verschlüsselten Dossiers über die Bewegungen des Kartells von Miami aus durchzugehen, brauche ich volle Konzentration.Mein vom Netz getrennter Laptop steht auf dem Tisch. Auf dem Bildschirm reihen sich Daten, Geldtransfers und Überwachungsfotos aneinander.Aus diesen Informationen einen brauchbaren Einsatzplan zu machen, ist mühsame Detailarbeit. Dafür brauche ich Ruhe und Ordnung.In den vergangenen sechs Monaten waren mein Team und ich in den schwülen, blutgetränkten Dschungelgebieten Kolumbiens und Perus im Einsatz. Wir haben dort Drogenschmuggelrouten zerschlagen, um dem mexikanischen Kartell, das uns angeheuert hatte, sein Monopol zu sichern.Die Rückkehr nach New York sollte uns Zeit geben, wieder zu Kräften zu kommen.Der Schutzauftrag war eine gemeinsame Entscheidung. Das Team sollte an einem sicheren Ort ausruhen können und dabei we
OliverDie Eintönigkeit dieses Betonkastens zermürbt mich langsam. Inzwischen fühlt sich sogar Atmen nach Arbeit an.Dominique sitzt auf der Kante eines der unteren Etagenbetten. Ein Bein hat sie auf die Matratze gestellt, während sie methodisch eine Reihe schlanker silberner Wurfmesser schärft.Ihr dunkles lockiges Haar hat sie zu einem unordentlichen Knoten gebunden. Ihre schokoladenbraunen Augen bleiben auf die glänzenden Klingen gerichtet, die sie auf einem Mikrofasertuch aufgereiht hat. Sie bewegt sich genauso erschreckend effizient wie ihr Boss, aber diese erdrückende Aura aus düsterer Bedrohung fehlt ihr.„Wenn du ständig hin und her läufst, verschwinden die Wände auch nicht“, murmelt Dom. Ihre Stimme ist weich, mit einem leichten melodischen Klang, der gar nicht zu dem tödlichen Stahl in ihren Händen passt.„Vielleicht laufe ich irgendwann eine Rinne in den Boden und komme so ins Untergeschoss“, brumme ich und drehe mich bei der Küchenzeile wieder um. „Diese Einrichtung ist ei
OliverDie Langeweile liegt mir auf der Brust wie eine Bleischürze beim Zahnarzt. Sie drückt mir die Luft ab, bis ich schreien möchte, nur um mal etwas anderes zu hören als das Brummen des Industriekühlschranks.Vor sechsundzwanzig Stunden hat Kirill Nikolaev mein Handy einkassiert und Protokoll Null verhängt.Sechsundzwanzig Stunden ohne Bildschirm. Ohne Datenstrom. Ohne den kleinen Dopaminstoß einer neuen Benachrichtigung oder das rhythmische Ablaufen von Code in einem Terminal.Ich mache einen kalten Entzug vom gesamten einundzwanzigsten Jahrhundert durch. Die Entzugserscheinungen äußern sich vor allem in dem verzweifelten Bedürfnis, den knapp einen Meter dreiundneunzig großen Russen auf der anderen Seite des Raums zu nerven, der mich gerade ignoriert.Wer eine Million Dollar Grundgebühr zahlt, erwartet normalerweise Bettwäsche aus ägyptischer Baumwolle und vielleicht eine Aussicht, die nicht aus einem Verdunkelungsrollo besteht. Ich habe einen Betonkasten bekommen, der nach Zitron
OliverDas Wasser ist brühend heiß. Die harten Strahlen fühlen sich weniger nach Duschen an als nach einer Teufelsaustreibung.Lange stehe ich darunter und sehe zu, wie eine graue Brühe aus Straßendreck, getrocknetem Blut und U-Bahn-Schmutz in den Abfluss wirbelt.Ich schrubbe, bis meine Haut wund ist. Als könnte ich damit das Gefühl der letzten achtundvierzig Stunden abwaschen.Ich zische, als Seife in meine aufgeplatzte Lippe und die Schrammen auf meinen Knöcheln gerät. Meine Rippen sind eine Leinwand aus fleckigem Violett und Gelb, und jeder Atemzug tut weh. Der Kerl im Format eines Getränkeautomaten konnte ordentlich zulangen.Aber ich lebe. Also kann er mich mal.Ich drehe das Wasser ab, trete fröstelnd auf die kalten Fliesen und trockne mich vorsichtig ab, ohne die schlimmsten Blutergüsse an meiner linken Seite zu berühren. Auf dem geschlossenen Toilettendeckel liegt ein Stapel Kleidung.Ich hatte nach bestimmten Marken gefragt, ein paar weichen Vintage-Hoodies und Levi’s. Aber
KirillDrei Sekunden lang halte ich Doms Blick stand. In diesem Team gebe ich die Befehle, aber sie ist aus gutem Grund meine Stellvertreterin. Sie erkennt Möglichkeiten, die ich übersehe, wenn mir der Kragen platzt. Und gerade brennt bei mir die Lunte.Ich öffne die Hand. Der Junge fällt wie ein Stein und schlägt hart auf dem Beton auf. Seine abgetragenen Stiefel schrammen über die Ölflecken. Als die geprellten Rippen den Aufprall abfangen müssen, entweicht ihm mit einem scharfen Keuchen die Luft.Er hält sich am Rand des Werkzeugschranks fest, hustet und funkelt mich voller Hass an.„Bleib da“, sage ich und halte ihm einen Finger vors Gesicht. „Wenn du auch nur einen Schritt auf diese Tür zumachst, darf Max an deinen Kniescheiben seinen Golfschwung üben.“Olivers Kiefer spannt sich an, doch er bleibt stehen und stützt sich schwer auf die roten Metallschubladen.Ich drehe ihm den Rücken zu. „Dom, Max, Butcher, Saint. Büro. Sofort.“Ich warte nicht ab, ob sie mir folgen. Ich gehe zur







