LOGINOliver
Der Zug kreischt.
Ein schrilles Schaben von Metall auf Metall, das durch die Sohlen meiner Stiefel bis in meine Brust vibriert.
Ich kauere auf dem Ecksitz im letzten Wagen, die Knie angezogen, und versuche, mich klein zu machen. Zu verschwinden.
Aber die Physik ist eine Schlampe, und Daten sind noch schlimmer.
Ich zittere so heftig, dass meine Zähne jeden Moment zerspringen müssten. Das liegt nicht nur an meinen kalten, nassen Klamotten. Das Adrenalin lässt nach.
Der Schub, der mich aus meiner Wohnung und über eine Feuerleiter getrieben hat, verfliegt und hinterlässt einen giftigen Brei aus Angst und Erschöpfung.
Ich sehe mich im Wagen um. Drei Uhr morgens in der Stadt, die niemals schläft. Heißt bloß, dass jetzt die schrägen Gestalten unterwegs sind. Mir gegenüber ist ein Typ eingeschlafen, den Kopf gegen das schmutzverschmierte Fenster gelehnt. Er schnarcht feucht und rasselnd.
Mein Blick fällt auf den Sitz neben ihm. Er hat ein paar Sachen abgestreift. Eine dicke graue Wollmütze liegt auf der blauen Plastikbank, irgendwann muss sie ihm vom Kopf gerutscht sein. Ein ausgefranster Schal hängt lose um seinen Hals und baumelt fast bis auf den Boden. Schon von hier riecht er nach irgendwas Scharfem, Chemischem.
Ich brauche beides.
Meine blonden Haare sind ein Leuchtsignal. Mein Gesicht liegt offen. In einer Stadt mit so vielen Kameras, dass Orwell kotzen würde, könnte ich mir genauso gut ein Neonschild mit der Aufschrift „Hochwertiges Ziel“ umhängen.
Ich warte, bis der Zug in eine Kurve fährt. Als der Wagen heftig nach links schlingert, bewege ich mich. Ich bin kein Dieb. Ich bin Hacker. Aber ich bin auch schlau genug zu wissen, dass es jetzt vor allem darauf ankommt, nicht erkannt zu werden.
Sie wissen, was ich bei meiner Flucht getragen habe. Ich muss mein Aussehen verändern.
Ich rutsche auf die andere Seite des Gangs und schnappe mir mit einer ruckartigen Bewegung die Mütze. Der Mann rührt sich nicht. Ich greife nach dem Schal. Meine Finger streifen die rauen Bartstoppeln an seinem Kinn. Er grunzt und verlagert sein Gewicht, und mein Herz springt mir fast aus der Brust.
Ich erstarre und warte darauf, dass er die Augen öffnet und mich mit einem Schrei verrät. Aber er sinkt wieder in seinen betäubten Schlaf zurück.
Vorsichtig ziehe ich den Schal unter ihm hervor. Er ist dreckig und fühlt sich schmierig an. Absolut widerlich. Aber immer noch besser als tot.
Ich stolpere zurück ans Ende des Wagens. Mein Herz rast wie ein Motor kurz vor dem roten Bereich.
Ich ziehe die Mütze über und stopfe jede einzelne blonde Strähne darunter. Dann wickle ich mir den Schal um den Hals und ziehe ihn bis über die Nase. Gerade so kann ich einen Würgereiz unterdrücken.
Im dunklen Glas der Tür sehe ich mein Spiegelbild. Ich sehe aus, als würde ich auf der Straße leben.
Perfekt.
Ich muss weiter. In den Wagen gibt es blinde Flecken, die die Kameras nicht erfassen. Aber je länger ich an derselben Stelle bleibe, desto wahrscheinlicher wird ein Treffer bei der Gesichtserkennung.
Es gibt Programme, die ein Gesicht in Sekunden aus einer Menschenmenge fischen, sofern das Licht stimmt. Falls Scotts Leute Zugriff auf die Kameras haben – und davon muss ich ausgehen –, ist jedes Objektiv eine Waffe, die auf meinen Kopf zielt.
Ich drücke die schwere Verbindungstür auf.
Der Lärm ist ohrenbetäubend. Der Wind und das Rattern der Schienen treffen mich mit voller Wucht. Zwischen den Wagen liegt ein furchteinflößender Zwischenraum aus gegeneinander rutschenden Stahlplatten und Kettenabsperrungen.
Ich steige über den Spalt. Unter meinen Füßen verschieben sich die Platten. Es ist schweinegefährlich. Ein Fehltritt, und ich ende als Hackfleisch. Aber hier draußen gibt es keine Kameras.
Ich gehe in den nächsten Wagen und dann in den übernächsten, den Kopf gesenkt, den Blick auf den Boden gezwungen. Ich sehe Schuhe. Turnschuhe, Arbeitsstiefel, Absätze. Was die Menschheit so an den Füßen trägt.
An irgendeiner Haltestelle in Queens steige ich aus. Astoria vielleicht? Ich lese die Schilder nicht. Als eine Gruppe Teenager das Notausgangstor aufdrückt, schlüpfe ich hinter ihnen hindurch, bevor es zufällt. So komme ich an den Drehkreuzen und an der Aufsicht vorbei.
Draußen glänzt die Straße nass vom Regen. Ich halte mich im Schatten und mustere jedes geparkte Auto, jedes dunkle Fenster.
Paranoia wiegt schwer. Zwischen meinen Schulterblättern juckt es, dieses ständige, nagende Gefühl, beobachtet zu werden. Vermutlich werde ich das auch.
Ich komme an einer Reihe von Stadthäusern vorbei. Jedes einzelne hat eine Ring-Türklingel. Die kleinen blauen Lichtkreise starren mich an. Die Leute haben ihre Häuser freiwillig in ein Überwachungsnetz verwandelt, das seine Daten in die Cloud schickt. Wenn ich aufschaue oder meinen Kopf im falschen Moment drehe, legt irgendwo ein Algorithmus einen Datensatz an.
Treffer. Gesuchte Person gefunden. Ecke 34th Street und Broadway.
Ich ziehe die Schultern hoch und humple, obwohl mir nichts fehlt, um meinen Gang zu verändern. Es ist anstrengend.
Ich muss schlafen. Mein Kopf fühlt sich an, als wäre er mit Stahlwolle ausgestopft.
In der Nähe einer Schnellstraße finde ich ein Motel hinter einer Tankstelle, die aussieht wie der Schauplatz eines Verbrechens, das noch passieren muss. Das Neonschild summt, die Hälfte der Buchstaben ist durchgebrannt. Zu lesen ist nur noch M T L.
Ich betrete das, was hier als Empfang durchgeht. Es riecht nach altem Rauch und Bleichmittel. Der Typ hinter dem Tresen sieht sich etwas auf einem winzigen Fernseher an und blickt nicht auf.
„Zimmer“, krächze ich hinter dem Schal. „Barzahlung.“
Wortlos schiebt er mir einen Schlüssel zu. Er fragt nicht nach einem Ausweis. Solange meine Zwanzigdollarscheine echt sind, ist ihm egal, wer ich bin.
Wäre schön, wenn sie das im Ritz genauso handhaben würden. Ein bisschen Luxus könnte ich gerade gebrauchen. Aber nur die Läden, die ihre Zimmer auf Wunsch stundenweise vermieten, verzichten auf einen Ausweis.
Zimmer zwölf ist eine Schachtel. Der Teppich klebt. Die Bettdecke hat Flecken, die ich lieber nicht genauer untersuchen will. Ich schiebe die schwere Kommode vor die Tür. Das Holz schrammt kreischend über den Boden.
Ich ziehe mich nicht aus. Nicht mal den Rucksack lege ich ab. Ich prüfe das Fenster. Es führt in eine Gasse voller Müllcontainer.
Auf der Bettkante lausche ich auf das Rauschen meines Blutes. Ich bin in Sicherheit. Für eine Stunde. Vielleicht zwei.
Ich schließe die Augen.
Das laute Quietschen von Reifen auf nassem Asphalt zerreißt die Stille.
Noch bevor ich richtig wach bin, bin ich vom Bett aufgesprungen. Ich drücke mich neben dem Fenster an die Wand und hebe den Vorhang um einen Spalt an.
Eine schwarze Limousine wartet mit laufendem Motor auf dem Parkplatz. Ein Lincoln Town Car. Die Scheiben sind so dunkel getönt, dass sie wie Tinte aussehen.
Der Wagen rollt langsam weiter, als würde er auf Beute lauern. Direkt vor meinem Zimmer hält er an.
Mein Herz hämmert wie verrückt gegen die Rippen.
Wie zur Hölle haben sie mich gefunden?
Ich habe kein Handy benutzt. Keine Karte. Ich habe in keine Kamera geschaut.
Die Ampeln. Um hierherzukommen, musste ich die große Straße überqueren. Ich habe gewartet, bis es grün wurde. Oben am Ampelkasten hängt eine Kamera. Ich muss hochgesehen haben. Vielleicht ist mir der Schal für eine Sekunde verrutscht.
Die Autotür geht auf, und zwei Männer steigen aus. Sie sehen nicht aus, als wollten sie mir ein paar Fragen stellen.
Ich haste ans andere Ende des Zimmers, entriegele das Fenster und stemme es hoch. Es klemmt. Ich muss die Schulter dagegenwerfen, bis es mit einem Quietschen von rostigem Metall nachgibt.
Ich zwänge mich hinaus, gerade als die Zimmertür mit ohrenbetäubendem Krachen splittert. Die Kommode hält sie höchstens dreißig Sekunden auf.
Ich sehe nicht zurück. Ich springe in die Gasse, lande hart und knicke auf einer Unebenheit im Asphalt um. Heißer Schmerz schießt mein Bein hinauf. Ich beiße einen Schrei zurück.
„Seht hinten nach!“, ruft jemand aus dem Zimmer.
Ich krieche hinter einen Müllcontainer. Der Gestank von faulendem Abfall steigt mir in die Nase.
„Fenster ist offen, aber die Gasse ist leer. Der kleine Scheißer ist abgehauen, sobald wir vorgefahren sind. Hol Jake wieder an die Straßenkameras.“
Fick mein Leben.
Ich sehe, wie ein Bus gerade von der Haltestelle losfährt, und sprinte hinterher. Verzweifelt hämmere ich gegen die Tür. Der Fahrer funkelt mich an, macht aber auf.
Ich stolpere die Stufen hinauf und stopfe einen zerknitterten Fünfdollarschein in den Automaten. Auf Wechselgeld oder einen Umsteigebeleg warte ich nicht. Ich dränge mich an den wenigen müden Fahrgästen vorbei und lasse mich auf einen Sitz ganz hinten fallen.
Ich ziehe den Schal fest über die Nase. Meine Hände zittern so sehr, dass ich sie unter die Achseln klemmen muss.
Sie waren direkt da.
Ich bin ihnen um Sekunden entkommen. Buchstäblich um Sekunden.
Das ist kein Spiel. Ich kann nicht gewinnen. Ich spiele Schach gegen einen Supercomputer und habe nur noch einen Bauern.
Ich bleibe im Bus, bis der Morgen die ersten grauen Streifen an den Himmel malt. Inzwischen sind wir in Brooklyn. Als der Fahrer die Endhaltestelle ansagt, steige ich aus.
Ich entdecke einen Goodwill-Laden, der gleich aufmacht. Zitternd warte ich auf dem Gehweg, bis eine ältere Frau die Tür aufschließt. Ich muss mich umziehen. Alles, was ich anhabe, wurde erfasst und in irgendeinen Algorithmus gefüttert.
Ich kaufe die hässlichsten Sachen, die ich finden kann. Eine schlabbrige Cargohose, drei Nummern zu groß. Einen Gürtel, damit sie mir nicht bis zu den Knöcheln rutscht. Ein fleckiges Flanellhemd, das nach Mottenkugeln riecht. Eine viel zu große, schwere Jacke aus Armeebeständen. Und als Krönung dieser modischen Meisterleistung eine Mets-Kappe.
In der Umkleide sehe ich mich im Spiegel an. Ich sehe aus wie Abfall. Wie jemand, den die Gesellschaft durchgekaut und ausgespuckt hat.
Es ist erst ein verdammter Tag vergangen. Im echten Leben zu überleben, liegt mir offenbar nicht.
Ich ziehe meine Stiefel aus. Weiches italienisches Leder, von Hand genäht. Es waren meine Lieblingsstiefel.
Ich werfe sie in den Mülleimer und ziehe stattdessen ein Paar steife, abgetragene Arbeitsstiefel an, das ich auf einem Regal gefunden habe. Sie quetschen meine Zehen und scheuern mir bei jedem Schritt die Fersen wund. Vielleicht hält mich der Schmerz wach.
Den ganzen Tag bin ich unterwegs. Ich halte nicht an. Mit der U-Bahn fahre ich in die Bronx, mit dem Bus nach Queens, mit der Seilbahn nach Roosevelt Island und wieder zurück. Immer in Bewegung. Möglichst weg von der Straße und von allen Kameras, die mir auffallen.
Am späten Nachmittag bin ich völlig benommen. Seit vierundzwanzig Stunden habe ich nichts gegessen. Der Bus steckt im Verkehr fest. Ich lehne den Kopf ans Fenster und beobachte in einem Park eine Taube, die an einem weggeworfenen Stück Pizzarand pickt.
Ich beneide die Taube. Niemand will sie umbringen. Und sie hat Pizza.
Langsam rollt ein Polizeiwagen vorbei. Der Polizist auf dem Beifahrersitz sucht den Park mit den Augen ab. Sucht er mich?
Senator Scott steckt bis zum Hals in finsteren Geschäften. Das heißt nicht, dass er die Polizei nicht in der Tasche hat.
Ich verkrieche mich tiefer in meiner zu großen Jacke, ziehe den Schirm der Kappe über die Augen und wende mich wieder nach vorn. Der Bus fährt an, und mein Herz hört langsam auf zu rasen.
Bisher hatte ich Glück. Aber irgendwann ist es damit vorbei. Irgendwann biege ich um eine Ecke und laufe direkt in eine Kugel.
Ich kann mich nicht verstecken. Ich kann nicht kämpfen. Und ich kann nicht ewig davonlaufen.
Die Erkenntnis trifft mich wie ein Güterzug. Ich werde sterben. Wahrscheinlich heute Nacht. Spätestens morgen.
Es sei denn, ich ändere die Spielregeln.
Ich muss vom Radar verschwinden. Ich muss einen Weg finden, den Spieß umzudrehen und mich zu wehren.
Ich steige aus dem Bus und gehe wieder auf einen U-Bahn-Eingang zu. Unter der Erde bin ich besser aufgehoben.
Und ich glaube, ich kenne jemanden, der mir helfen kann. Wenn ich ihn finde. Wenn er mitmacht.
Ich gehe die Treppe hinunter. Die Dunkelheit des Tunnels verschluckt mich. Ich habe genug vom Weglaufen. Jetzt schlage ich zurück.
OliverDie schwere Stahltür fällt klickend ins Schloss. Der russische Terminator ist jetzt auf der anderen Seite.Die Stille kehrt sofort in den Raum zurück, dicht und drückend. Aber die Luft scheint noch immer aufgeladen, als knisterte darin die heftige Spannung, die Kirill zurückgelassen hat.Mein Herz hämmert in einem schnellen, unregelmäßigen Rhythmus gegen die geprellten Rippen.Ihn zu reizen ist gefährlich. Vielleicht sogar dumm. Aber dass dieser sonst so unerschütterliche, furchterregende Killer die Flucht ergriffen hat, weil er kein Gespräch mit mir aushält, ohne mich würgen zu wollen? Das fühlt sich wie ein gewaltiger Sieg an.„Du willst unbedingt sterben, was?“Die Stimme klingt weich und ein wenig gedehnt, ganz anders als Kirills raues Bellen. Vielleicht höre ich sogar einen Hauch Südstaatenakzent heraus.Ich drehe mich von der Tür weg und sehe den Mann, der gerade noch in den Raum geschlüpft ist, bevor sein Boss hinausgestürmt ist.Saint lehnt mit locker verschränkten Arme
KirillVier Tage sind vergangen, seit sich dieser britische Hacker in mein Leben gedrängt hat. Die Ruhe im Lagerhaus ist gründlich dahin.Um die verschlüsselten Dossiers über die Bewegungen des Kartells von Miami aus durchzugehen, brauche ich volle Konzentration.Mein vom Netz getrennter Laptop steht auf dem Tisch. Auf dem Bildschirm reihen sich Daten, Geldtransfers und Überwachungsfotos aneinander.Aus diesen Informationen einen brauchbaren Einsatzplan zu machen, ist mühsame Detailarbeit. Dafür brauche ich Ruhe und Ordnung.In den vergangenen sechs Monaten waren mein Team und ich in den schwülen, blutgetränkten Dschungelgebieten Kolumbiens und Perus im Einsatz. Wir haben dort Drogenschmuggelrouten zerschlagen, um dem mexikanischen Kartell, das uns angeheuert hatte, sein Monopol zu sichern.Die Rückkehr nach New York sollte uns Zeit geben, wieder zu Kräften zu kommen.Der Schutzauftrag war eine gemeinsame Entscheidung. Das Team sollte an einem sicheren Ort ausruhen können und dabei we
OliverDie Eintönigkeit dieses Betonkastens zermürbt mich langsam. Inzwischen fühlt sich sogar Atmen nach Arbeit an.Dominique sitzt auf der Kante eines der unteren Etagenbetten. Ein Bein hat sie auf die Matratze gestellt, während sie methodisch eine Reihe schlanker silberner Wurfmesser schärft.Ihr dunkles lockiges Haar hat sie zu einem unordentlichen Knoten gebunden. Ihre schokoladenbraunen Augen bleiben auf die glänzenden Klingen gerichtet, die sie auf einem Mikrofasertuch aufgereiht hat. Sie bewegt sich genauso erschreckend effizient wie ihr Boss, aber diese erdrückende Aura aus düsterer Bedrohung fehlt ihr.„Wenn du ständig hin und her läufst, verschwinden die Wände auch nicht“, murmelt Dom. Ihre Stimme ist weich, mit einem leichten melodischen Klang, der gar nicht zu dem tödlichen Stahl in ihren Händen passt.„Vielleicht laufe ich irgendwann eine Rinne in den Boden und komme so ins Untergeschoss“, brumme ich und drehe mich bei der Küchenzeile wieder um. „Diese Einrichtung ist ei
OliverDie Langeweile liegt mir auf der Brust wie eine Bleischürze beim Zahnarzt. Sie drückt mir die Luft ab, bis ich schreien möchte, nur um mal etwas anderes zu hören als das Brummen des Industriekühlschranks.Vor sechsundzwanzig Stunden hat Kirill Nikolaev mein Handy einkassiert und Protokoll Null verhängt.Sechsundzwanzig Stunden ohne Bildschirm. Ohne Datenstrom. Ohne den kleinen Dopaminstoß einer neuen Benachrichtigung oder das rhythmische Ablaufen von Code in einem Terminal.Ich mache einen kalten Entzug vom gesamten einundzwanzigsten Jahrhundert durch. Die Entzugserscheinungen äußern sich vor allem in dem verzweifelten Bedürfnis, den knapp einen Meter dreiundneunzig großen Russen auf der anderen Seite des Raums zu nerven, der mich gerade ignoriert.Wer eine Million Dollar Grundgebühr zahlt, erwartet normalerweise Bettwäsche aus ägyptischer Baumwolle und vielleicht eine Aussicht, die nicht aus einem Verdunkelungsrollo besteht. Ich habe einen Betonkasten bekommen, der nach Zitron
OliverDas Wasser ist brühend heiß. Die harten Strahlen fühlen sich weniger nach Duschen an als nach einer Teufelsaustreibung.Lange stehe ich darunter und sehe zu, wie eine graue Brühe aus Straßendreck, getrocknetem Blut und U-Bahn-Schmutz in den Abfluss wirbelt.Ich schrubbe, bis meine Haut wund ist. Als könnte ich damit das Gefühl der letzten achtundvierzig Stunden abwaschen.Ich zische, als Seife in meine aufgeplatzte Lippe und die Schrammen auf meinen Knöcheln gerät. Meine Rippen sind eine Leinwand aus fleckigem Violett und Gelb, und jeder Atemzug tut weh. Der Kerl im Format eines Getränkeautomaten konnte ordentlich zulangen.Aber ich lebe. Also kann er mich mal.Ich drehe das Wasser ab, trete fröstelnd auf die kalten Fliesen und trockne mich vorsichtig ab, ohne die schlimmsten Blutergüsse an meiner linken Seite zu berühren. Auf dem geschlossenen Toilettendeckel liegt ein Stapel Kleidung.Ich hatte nach bestimmten Marken gefragt, ein paar weichen Vintage-Hoodies und Levi’s. Aber
KirillDrei Sekunden lang halte ich Doms Blick stand. In diesem Team gebe ich die Befehle, aber sie ist aus gutem Grund meine Stellvertreterin. Sie erkennt Möglichkeiten, die ich übersehe, wenn mir der Kragen platzt. Und gerade brennt bei mir die Lunte.Ich öffne die Hand. Der Junge fällt wie ein Stein und schlägt hart auf dem Beton auf. Seine abgetragenen Stiefel schrammen über die Ölflecken. Als die geprellten Rippen den Aufprall abfangen müssen, entweicht ihm mit einem scharfen Keuchen die Luft.Er hält sich am Rand des Werkzeugschranks fest, hustet und funkelt mich voller Hass an.„Bleib da“, sage ich und halte ihm einen Finger vors Gesicht. „Wenn du auch nur einen Schritt auf diese Tür zumachst, darf Max an deinen Kniescheiben seinen Golfschwung üben.“Olivers Kiefer spannt sich an, doch er bleibt stehen und stützt sich schwer auf die roten Metallschubladen.Ich drehe ihm den Rücken zu. „Dom, Max, Butcher, Saint. Büro. Sofort.“Ich warte nicht ab, ob sie mir folgen. Ich gehe zur







