Mag-log inHARPER:
[Vier Jahre später] Ich hatte mir ein Leben aufgebaut. Ein kleines. Eines ohne Alexander und ohne das Drama, das das Banks-Imperium mit sich brachte. Ich war frei von einem goldenen Käfig, der als Ehe getarnt gewesen war, denn egal wie vergoldet ein Käfig auch war, er blieb trotzdem ein Käfig. Jetzt waren da nur noch ich und mein Sohn. Und ein Hotelzimmer im fünfzehnten Stock mit Blick auf die Skyline der Stadt. Nun ja, das Zimmer war schön, schöner als alles, was ich mir selbst hätte leisten können, aber ich bezahlte es nicht. Die kulinarische Konferenz hatte meinen Aufenthalt übernommen. Drei Tage mit Kochvorführungen, Networking-Veranstaltungen und der Gelegenheit, mein kleines Catering-Unternehmen bekannt zu machen. Ethan hatte sich in der ersten Nacht Fieber eingefangen. „Mama, ich will das nicht!“, jammerte Ethan. Ich seufzte und hielt den Becher mit der Medizin in der Hand, während mein vierjähriger Sohn mich vom Bett aus anfunkelte, als hätte ich ihn persönlich verraten. Wobei ich das, in seinen Augen... tatsächlich hatte. „Es ist nur Medizin. Trink sie, dann geht es dir besser.“ „Nein!“ Er verschränkte dramatisch die Arme. Sein dunkles Haar, Alexanders Haar, stand wirr vom Kissen ab. Seine braunen Augen, Alexanders Augen, glänzten fiebrig. Drama-König. Ich lachte. Das hatte er eindeutig von mir. „Ethan. Trink. Die. Medizin.“ „Nein.“ Ich holte tief Luft. Ein. Aus. „Ich kaufe dir ein Spielzeug.“ „Nein!“ „Ich werde...“ „Ich will Daddy!“ Mir stockte der Atem. Daddy. Dieser Name verfolgte mich seit zwei Jahren. Zwei Jahre voller Fragen. Zwei Jahre voller Lügen. Zwei Jahre, in denen ich zusehen musste, wie mein Sohn andere Kinder mit ihren Vätern ansah und sich fragte, warum seiner nie kam. „Ich will Daddy“, wiederholte Ethan, seine Unterlippe zitterte. Meine Brust zog sich zusammen, als würden Nadeln hineinstechen. Denn wie erklärt man einem Kind, dass sein Vater es nie gewollt hat? Dass der Mann, nach dem es fragte, sich niemals für ihn interessiert hatte? Nicht ein einziges Mal. Nie nach ihm gefragt hatte. Nie nach ihm gesehen hatte. Nicht ein einziges... „Ich rufe ihn an“, sagte ich leise. Lüge. Lüge. Lüge. Aber was hätte ich sonst tun sollen? Ihm die Wahrheit sagen? Sein kleines Herz brechen, bevor das Leben überhaupt die Gelegenheit dazu hatte? Noch nicht. „Wirklich?“ Seine Augen leuchteten auf. Und diese Hoffnung? Sie brachte mich um. „Ja. Aber zuerst musst du deine Medizin nehmen.“ Er schüttelte trotzig den Kopf. „Ruf ihn zuerst an.“ Ich seufzte. „Ethan...“ „Nein! Ruf Daddy an!“ Tränen liefen ihm über die Wangen, und inzwischen war ich ziemlich sicher, dass das seine Strategie war, um jeden Streit zu gewinnen. Und jedes Mal gewann er. „Okay“, flüsterte ich. „Ich rufe ihn an.“ Der Hotelflur war lang und ruhig, gesäumt von goldenen Wandleuchten, die ein warmes Licht auf den bordeauxroten Teppich warfen. Ich lehnte mich gegen die Wand. Die Tapete fühlte sich unter meiner Hand strukturiert an. Seide. Wahrscheinlich. In diesem Hotel war vermutlich alles aus Seide. Ich zog mein Handy heraus. Nicht um Alexander anzurufen. Niemals. Dieses Kapitel meines Lebens war verbrannt. Vorbei. Stattdessen wählte ich eine andere Nummer. Es klingelte einmal. Zweimal. Dann... „Hey, Harper?“ Sofort durchströmte mich Erleichterung. „Hast du gerade Zeit?“ Ein leises Lachen entfuhr ihm. „Nicht für dich.“ Ich lächelte schwach. Daniel. Er war mein Assistent in der Bäckerei. Mein Freund. Mein falscher Notfall-Vater. Er hatte sandblondes Haar und ein Lachen, bei dem sich jeder sofort wohlfühlte. Kein einziges Mal hatte er mich nach Alexander gefragt. „Ich brauche einen Gefallen.“ „Natürlich brauchst du einen“, chuckelte er. „Was will er diesmal?“ Ich schluckte. „Er möchte mit seinem Vater sprechen.“ Einen Moment lang herrschte Schweigen in der Leitung. Ich wollte meine Entscheidung schon zurücknehmen, doch dann hörte ich seine Stimme. „Ich mache es.“ Schuldgefühle verdrehten mir die Brust. „Es tut mir leid. Ich weiß, dass du schon so viel für uns tust und...“ „Hey.“ Seine Stimme wurde sanft. „Er ist ein Kind. Es ist nicht seine Schuld.“ Ich nickte, obwohl er mich nicht sehen konnte. „Und du?“, fügte er leise hinzu. „Geht es dir gut?“ Ein kleines Lachen entkam mir. „Ich... komme irgendwie zurecht.“ „Gib ihn mir, wenn du bereit bist.“ „Danke.“ „Jederzeit.“ Ich beendete das Gespräch und atmete langsam aus. Der Flur war still, nur das entfernte Summen des Aufzugs war zu hören. Nur noch eine Lüge. Nur noch ein Tag. Nur noch... „Hast du es gehört?“, riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken. Zwei Frauen kamen von den Aufzügen auf mich zu. „Von dem Milliardär?“ Ich drückte mich gegen die Wand. „Man sagt, er hat für seinen Sohn die gesamte Penthouse-Etage gemietet.“ „Das ist verrückt. Der Junge hat so ein Glück.“ „Wer ist es?“, fragte die andere Frau. Ich hatte keine Gelegenheit mehr, den Namen zu hören, denn die beiden Frauen gingen an mir vorbei, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Ich machte mich wieder auf den Weg zu meinem Zimmer und folgte der Richtung, aus der die Frauen gekommen waren. Der Flur führte in die Lobby. Und dort, in der Nähe der Rezeption, stand der Mensch, vor dem ich mein ganzes Leben lang davongelaufen war. Alexander. Er stand dort, als würde ihm die ganze Welt gehören. Als hätte er mich nicht zerstört. Er sah genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Perfekt. Unantastbar. Er trug einen schwarzen Anzug und sein dunkles Haar war kürzer als früher. Die Hände in den Hosentaschen. Und neben ihm stand ein Kind. Mir stockte der Atem. Für einen Moment dachte ich, ich würde Ethan sehen. Dasselbe dunkle Haar. Dieselben braunen Augen. Dieselbe kleine Nase. Aber dieser Junge war kleiner. Schmächtiger. Seine Wangen waren nicht so voll, und seine Kleidung war viel zu elegant. Ein kleiner Pullunder. Winzige Loafer. Mein Herz begann so laut zu schlagen, dass ich sicher war, jemand müsste es hören. Sei nicht albern, Harper. Du hast ein Kind. Eins. Oder? Der Junge neben Alexander bewegte sich und flüsterte ihm etwas ins Ohr, das ich nicht hören konnte. Meine Fingernägel bohrten sich in meine Handflächen. Dann... „Daddy!“ Oh mein Gott. Ethan. Ich fuhr herum. Ethan stand etwa zehn Meter hinter mir im Flur. Sein Gesicht war vom Fieber gerötet, aber vor Aufregung strahlte es. Bevor ich ihn aufhalten konnte, rannte er zu mir und griff nach meiner Hand. Ich blickte auf. Alexander hatte sich bereits umgedreht. Sein Blick fiel auf den kleinen Jungen, der meine Hand fest umklammert hielt.HARPER:„Steh auf.“Die Stimme ertönte von oben, dringlich und vertraut.„Steh auf!“Sagte die Person erneut und schüttelte meine Schulter. Ich stöhnte auf und rollte mich auf die andere Seite, aber bevor ich mich überhaupt ganz drehen konnte, drehte mich die Person auf die andere Seite.„Luisa!“Meine Augen schossen auf. Ich konnte nicht einmal richtig aufwachen, bevor eine große Hand mein Handgelenk umfasste und ich wie eine Stoffpuppe nach oben gerissen wurde.„Was …“ Ich stolperte, meine bloßen Füße scharrten über den kalten Boden, während er mich durch den Raum zog.Alexander antwortete nicht einmal, als sein Griff sich verstärkte und er mich hinter die dicken Baumwollvorhänge hinter dem Fenster schob. Ich verstand nicht, was los war, und Alexander erklärte es nicht.Ich hatte nicht die Gelegenheit, mich zu beschweren, und tat einfach, was er verlangte.„Bleib dort“, befahl er. „Beweg dich nicht.“Mein Hals war wund, aber ich zwang mich zu fragen: „Was tust du da?“ Mein Herz hämm
Alexander:„Papa, schlaf auch mit uns“, sagte Elias ahnungslos.„Hm?“, fragte ich und tat so, als hätte ich ihn nicht richtig verstanden, denn ich weigerte mich zu glauben, dass er mich gerade gebeten hatte, mit ihm und dem Kindermädchen ein Bett zu teilen – und nicht mit seiner Mutter.Ich starrte meinen Sohn an und er starrte zurück. Das Kindermädchen sah bei diesem Schlagabtausch aus, als wollte sie, dass der Boden aufreißt und sie verschlingt.„Elias …“„Nein“, unterbrach mich das Kindermädchen, bevor ich etwas sagen konnte, ihre Stimme scharf vor Verlegenheit. Sie wandte sich Elias zu. „Warum fragst du deinen Vater so etwas?“Elias blinzelte, unbeeindruckt. „Weil ich ihn hier haben will.“Dem Kindermädchen schoss die Röte ins Gesicht. Sie schüttelte den Kopf. „Das geht nicht …“Elias zeigte auf eine Seite des Bettes. „Frau Luisa ist hier.“ Dann zeigte er auf die andere Seite, als ob seine Demonstration Sinn ergeben würde. „Papa kommt hierhin.“Mein Kiefer verkrampfte sich.Das Ki
HARPER:Ich wickelte Elias in ein Handtuch. Meine Gedanken schweiften immer noch zu Liam zurück, besonders zu seiner Drohung. Ich war mir nicht ganz sicher, ob er seine Drohung wirklich wahr machen würde, aber es war kein Risiko, das ich eingehen konnte.Eine Woche. Das war alles, was er mir gegeben hatte. Eine Woche, um diese eine Akte zu finden, die er aus Alexanders Arbeitszimmer haben wollte. Mir drehte sich der Magen um. Das Arbeitszimmer hätte genauso gut ein Tresor sein können. Alexander lässt niemanden hinein, und selbst wenn ich es irgendwie durch die Tür schaffen würde, hatte Liam mir nie genau gesagt, wonach ich suchen sollte … außer, dass die Akte einen roten Umschlag hat.Die ganze Sache war unmöglich. Doch Liam klang überhaupt nicht besorgt, und dieses Selbstvertrauen beunruhigte mich noch mehr als die Drohung selbst.„Autsch“, schrie Elias und riss mich aus meinen Gedanken. Ich hatte die Handtücher zu fest um ihn gewickelt, ohne nachzudenken.„Tut mir so leid, Schatz“,
HARPER:Ich sollte gehen. Der Gedanke kam mir … das Einzige, was meine Füße an Ort und Stelle hielt, waren die Fragen, die sich in meinem Kopf wiederholten: Wer hatte Ethans Foto gemacht? Wer wagte es, meinen Sohn gegen mich zu verwenden?Dieses Foto war kein Zufall. Es war kein Zufall. Jemand hatte uns beobachtet … Ethan und mich, und bis ich wusste, wer und warum, würde ich nirgendwo hingehen.Nachdem ich stundenlang gewartet hatte und meine Gedanken mich zu ertränken schienen, beschloss ich, den Raum zu inspizieren. Das Wohnzimmer nahm den größten Teil des Raumes ein. Ein Bücherregal zog sich an der Wand entlang, mit einigen schief hängenden Gemälden.Mein Blick fiel auf einen Flur mit zwei Türen. Eine stand einen Spalt breit offen. Ich schob sie weiter auf und enthüllte ein Arbeitszimmer. Großer Eichenschreibtisch. Bücherregale von der Decke bis zum Boden … Ich ging weiter hinein, mein Blick schweifte über den Schreibtisch.„Was zum Teufel?“ keuchte ich.Auf der Ecke des Schreibti
HARPER:»Hallo?«, rief ich, als ich den Raum betrat. Es kam keine Antwort.»Ist hier jemand?«Wieder keine Antwort. Die Hütte war nicht groß. Ein kleiner Sitzbereich nahm den Großteil des Raumes ein, mit einem Holztisch, ein paar Stühlen und einem Kamin an einer Wand. Alles sah verdächtig normal aus.Mein Herz raste in meiner Brust. Was, wenn das tatsächlich eine Falle war? Ich machte einen Schritt vorwärts und noch einen. Du kannst immer noch zurückgehen, sagte ich mir.Der Raum schien leer, dann bemerkte ich eine Bewegung. Ich erstarrte. Ich drehte mich um, als eine Gestalt aus der schattigen Ecke neben dem Kamin trat.Die Luft blieb mir in der Kehle stecken.»James?«, schrie ich. Alexanders Assistent blickte von der Glasflasche in seiner Hand auf. Er schenkte sich Wein ein. Wie tatsächlich verdammten Wein für sich selbst einschenkte?»Was zur Hölle«, stolperten die Worte aus mir heraus. James' Augen trafen meine, seine Augen blitzten vor Bosheit. Der Mundwinkel verzog sich zu einem
HARPER:Verdammt. Warum war James hier? Woher wusste er, wo Daniel wohnte? Hatte er etwas über mich herausgefunden?War das das Ende?»Harper«, riss Daniels Stimme mich aus den rasenden Gedanken in meinem Kopf. »Wir müssen los.«Mein Herz begann schnell zu schlagen … viel zu schnell. Das durfte nicht passieren.»Oh, Götter«, flüsterte ich, die Worte entkamen mir, bevor ich sie aufhalten konnte.»Harper.«»Oh, Gott«, sagte ich noch einmal, diesmal lauter, mit Panik in der Stimme.»Harper.«»Ich habe dich beim ersten Mal gehört!«, fuhr ich ihn an. Daniel zog sich den Nasenrücken zusammen, eine Geste, die ich langsam als sein Tellermerkmal erkannte, das Zeichen dafür, dass ich ihn an den Rand seiner äußerst begrenzten Geduld brachte.Er trat auf mich zu, packte meine Sachen in meine Tasche und drückte sie mir in die Hände. »Es gibt einen Hinterausgang. Komm mit mir.«Ich war bereits in Bewegung, mein Körper reagierte, bevor mein Gehirn nachgekommen war. Daniel schob mich praktisch den Fl







