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Kapitel 2

Author: Rizinksin
Moment ...

Moment ...

Moment!

Nora hatte das Gefühl, dass ihr Gehirn gerade den Dienst verweigerte.

Wer? Sie?

Sie sollte fremdgehen?!

Sie war tatsächlich zu so etwas Niederträchtigem fähig gewesen und hatte dabei sogar noch ihr eigenes Kind mitgenommen?

Das war ja völlig skrupellos!

Nora fühlte sich, als würde ihre ganze Welt zusammenbrechen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie Leon an und vergaß für einen Moment sogar zu atmen.

Langsam fiel ihr Blick auf seine Augen, in denen die Wut beinahe überzukochen schien.

„Leo ...“

Noras Stimme zitterte leicht.

„Wenn ich dir sage, dass ich mein Gedächtnis verloren habe und mich nur noch an mein achtzehnjähriges Ich erinnere ... würdest du mir glauben?“

Leons Wut schien für einen Moment nachzulassen.

Doch schon im nächsten Augenblick verstand er offenbar, worauf sie hinauswollte.

Seine markanten Augenbrauen hoben sich leicht. Dann stieß er ein kaltes, spöttisches Lachen aus.

„Um die Scheidung zu bekommen, greifst du also wirklich zu jeder Methode.“

Nora erhielt dadurch eine weitere schockierende Erkenntnis.

Sie war nicht nur fremdgegangen ...

Sie wollte sich auch noch von Leon scheiden lassen!

Uff ...

Anscheinend war ihr zukünftiges Ich wirklich eine furchtbare Frau geworden.

Nora begann, sich selbst ein wenig zu verachten.

Aber irgendwie war es auch nachvollziehbar.

Schließlich ging es um Leon.

Die beiden waren zusammen aufgewachsen.

Nein ...

Sie waren zusammen groß geworden und hatten sich dabei größtenteils nur gegenseitig bekämpft.

Wie sollte daraus jemals Liebe entstehen?

Als sie nun in sein Gesicht blickte, erinnerte sie sich sofort daran, wie Leon mit fünf Jahren einmal von einem großen Hund die Hose vom Leib gerissen worden war.

„Pfft ...“

Nora konnte sich nicht zurückhalten und musste lachen.

Sorry ...

Mit achtzehn konnte sie einfach noch nicht anders.

„Was gibt es da zu lachen?“

Leons Stirn zog sich noch stärker zusammen.

Er biss die Zähne aufeinander. Ein unangenehmes Gefühl der Demütigung breitete sich in seinem Herzen aus.

„Nora. Bin ich in deinen Augen wirklich so lächerlich?“

Noras breites Grinsen verschwand augenblicklich.

Sie und Leon hatten sich nie besonders gut verstanden. Seine Wutausbrüche und sein Gezeter waren für sie längst nichts Besonderes mehr.

Aber warum auch immer ...

Der erwachsene Leon vor ihr machte ihr plötzlich ein wenig Angst.

Früher hatte sie immer gedacht, dass seine Wut nur ein kindisches Spiel war.

Doch dieser Leon ...

Dieser Mann war wirklich wütend.

„Das meinte ich nicht.“

Nora hob beide Hände und sah ihn hilflos an.

„Ich habe wirklich mein Gedächtnis verloren. Meine letzte Erinnerung ist, dass ich gerade mein erstes Jahr an der Uni begonnen hatte. Während der Prüfungsphase saß ich in der Bibliothek und lernte. Dann bist du aufgetaucht und hast meine Unterlagen gegen ein Buch namens ‚Grundlagen der Schweinepflege‘ ausgetauscht.“

Allein die Erinnerung daran ließ Noras Wut sofort wieder aufflammen.

Sie starrte ihn empört an.

„Bin ich damals durch die Prüfung gefallen? Ich sage dir, Leo, wenn ich wegen dir eine Prüfung nicht bestanden habe, bist du schuld!“

Ihr kleiner Mund stand gar nicht mehr still.

Sie beschwerte sich über all die kindischen Streiche, die Leon ihr im Laufe der Jahre gespielt hatte.

Von der Raupe, die er ihr im Kindergarten heimlich ins Federmäppchen gelegt hatte ...

Bis zu ihrem zwölften Geburtstag, als er beim Ausblasen ihrer Geburtstagskerzen einfach schneller gewesen war als sie.

Jede einzelne Geschichte konnte sie noch genau erzählen.

Doch Leon hörte kaum wirklich zu.

Seine sonst so emotionslosen Augen verengten sich leicht.

Sein Blick folgte jeder Bewegung ihres lebhaften Gesichts.

Nora war schon immer wunderschön gewesen.

Darüber waren sich alle einig.

Als Teenager hatte sie unschuldig und bezaubernd gewirkt.

In ihren Zwanzigern strahlte sie Lebensfreude und eine natürliche Anziehungskraft aus.

Egal in welchem Alter ...

Sie besaß eine Schönheit, die die Blicke der Menschen auf sich zog.

Leons Blick wanderte langsam über ihre vertrauten Gesichtszüge.

Dieses strahlende, unbeschwerte Lächeln hatte er schon lange nicht mehr auf ihrem Gesicht gesehen.

Seit ihrer Hochzeit hatte sie ihn immer nur mit Gleichgültigkeit und Erschöpfung angesehen.

Als wäre jede weitere Sekunde in seiner Nähe für sie eine Qual.

„Hey! Ich rede mit dir! Hörst du mir überhaupt zu?“

Nora wedelte ungeduldig mit den Händen vor seinem Gesicht herum.

„Ich habe wirklich alles vergessen, was in den letzten Jahren passiert ist. Ich weiß nicht einmal, wer dieser andere Mann sein soll.“

Sobald Leon das Wort „andere Mann“ hörte, wurde sein Gesicht augenblicklich düster.

Nora war inzwischen vom Reden erschöpft.

Sie ging zum Bett, setzte sich hin, lehnte sich zurück und stützte sich mit beiden Händen ab. Ihre Beine schwangen leicht hin und her.

„Also mach dir keine Sorgen. Wenn wir uns jetzt scheiden lassen, können wir das friedlich regeln. Es hat überhaupt nichts mit irgendeinem anderen Mann zu tun.“

Leons Gesicht wurde eiskalt.

Ach so.

Sie sagte das alles also nur, um ihn dazu zu bringen, der Scheidung zuzustimmen.

Fast hätte er ihr geglaubt.

Fast wäre er wieder auf sie hereingefallen.

Diese Frau benutzte sogar ihre gemeinsamen Erinnerungen aus der Vergangenheit, um ihn zu täuschen.

Hatte sie wirklich jede Grenze verloren?

„Bist du fertig?“

Plötzlich ging Leon auf sie zu.

Er drückte sie zurück aufs Bett. Mit einer Hand stützte er sich neben ihr ab, während er mit der anderen ihr Handgelenk festhielt.

Nora verzog vor Schmerz das Gesicht.

„Ah ...“

Leon sah sie mit einem komplizierten Ausdruck an, doch seine Stimme blieb kalt wie Eis.

„Sag es noch einmal, Nora. Ich bin kein Mensch, den du jederzeit rufen und wieder wegwerfen kannst. Warum glaubst du, dass du damals einfach entscheiden konntest, mich zu heiraten, und ich musste zustimmen? Und jetzt entscheidest du plötzlich, dass du dich scheiden lassen willst? Bin ich etwa ein Hund?!“

Nora erschrak über seinen plötzlichen Wutausbruch.

Unbewusst wich sie ein Stück zurück.

Diese kleine Bewegung schien Leon noch mehr zu verletzen.

Seine Augen wurden leicht rot.

Nora wollte instinktiv nicken und sagen:

Ja, genau. Du bist ein Hund.

Doch dann verstand sie etwas anderes.

Was meinte er damit?

Dass die Hochzeit damals von ihr ausgegangen war?

War sie verrückt geworden?!

„Klopf, klopf, klopf.“

Ein Klopfen an der Tür durchbrach die angespannte Atmosphäre.

Kurz darauf erklang Liams weinerliche Stimme.

„Papa ... Mama ... könnt ihr euch ... bitte nicht scheiden lassen?“

Nora spürte plötzlich einen stechenden Schmerz in ihrem Herzen.

Es war, als hätte etwas sie mitten ins Herz getroffen.

Sie bekam kaum noch Luft.

Sofort schob sie Leon von sich weg, stand auf und öffnete die Tür.

Wie erwartet stand dort ein kleiner Junge mit verweinten Augen.

Sie wusste nicht, wie viel er gehört hatte.

Doch plötzlich überkam Nora ein starkes Schuldgefühl.

Ihr zukünftiges Ich hatte nicht nur versagt, eine gute Mutter zu sein ...

Sie war sogar zu einer Frau geworden, die ihren Mann und ihr Kind im Stich ließ.

Dieses Kind war wirklich bemitleidenswert.

Sie kniete sich hin und nahm Liam in die Arme.

Dabei sprach sie so sanft mit ihm, wie ihre eigenen Eltern früher immer mit ihr gesprochen hatten.

„Mein Schatz, alles ist gut. Mama und Papa haben gerade nur herumgealbert. Nicht weinen, ja?“

Anfangs hatte Nora nicht verstanden, warum Leon diese Ehe unbedingt aufrechterhalten wollte.

Aber jetzt dachte sie darüber nach.

Sie und Leon waren wahrscheinlich aus geschäftlichen Gründen verheiratet.

Vielleicht wollte er diese Ehe nur wegen ihres Kindes behalten.

Leons Eltern hatten sich getrennt, als er noch klein gewesen war.

Er hatte nie eine vollständige Familie gehabt.

Vielleicht wollte er nicht, dass Liam dasselbe durchmachen musste.

„Wir werden uns nicht scheiden lassen.“

Nora strich vorsichtig über seinen Rücken.

„Zumindest vorerst nicht. In Ordnung?“

Liam weinte weiter. Seine kleinen Schultern bebten.

Er hatte verstanden.

Papa und Mama würden sich jetzt nicht scheiden lassen.

Aber später ...

Später würden sie es bestimmt trotzdem tun.

Er hatte es schon immer gewusst.

Eines Tages würde Mama ihn verlassen.

Mit diesem Gedanken klammerte sich Liam noch fester an Noras Hals.

Die Mama von heute war so anders.

Sie hatte ihn tatsächlich umarmt.

Er konnte sich kaum noch daran erinnern, wann Mama ihn das letzte Mal in den Arm genommen hatte.

Leon stand im Schatten.

Seine große Gestalt warf einen langen Schatten auf den Boden.

Er beobachtete schweigend die Szene vor sich.

In seinen tiefen Augen lagen unzählige komplizierte Gefühle.

Nora hielt das Kind so selbstverständlich im Arm.

Genau so, wie eine liebevolle Mutter es tun würde.

Doch Leon wusste es besser.

Seit einem halben Jahr hatte sie sich geweigert, Liam auch nur einmal zu umarmen.

Jedes Mal, wenn der Junge ihre Nähe suchte, fand sie eine Ausrede, um ihm auszuweichen.

Vor allem ... Seit sie diesen Mann wieder getroffen hatte und die beiden erneut Kontakt aufgenommen hatten.

Leons Augen wurden leicht rot. Langsam schloss er sie und öffnete sie wieder.

Es war alles nur gespielt. Alles, was sie gerade tat, diente nur dazu, ihn dazu zu bringen, der Scheidung zuzustimmen.

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