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Kapitel 3

Author: Rizinksin
Nachdem Nora Liam beruhigt hatte, bemerkte sie erst, dass Leon bereits gegangen war.

Die Haushälterin Marta Weber kam herein und brachte die frisch zubereitete Schwalbennestersuppe.

Während Nora mit dem Löffel darin rührte, fragte sie beiläufig:

„Ist Leon eigentlich immer so beschäftigt?“

Marta war gerade dabei, sich umzudrehen und den Raum zu verlassen. Doch als sie diese Frage hörte, blieb sie abrupt stehen.

Misstrauisch musterte sie Nora.

Hatte Frau Hartmann etwa plötzlich ihr Verhalten geändert?

Oder war das wirklich das erste Mal, dass sie sich freiwillig nach Herrn Hartmann erkundigte?

„Ja. Herr Hartmann hat in letzter Zeit wohl ziemlich viel in der Firma zu erledigen. Schließlich ...“

Marta verstummte plötzlich.

Sie warf vorsichtig einen Blick auf Nora und wagte nicht weiterzusprechen.

„Schließlich was?“

Marta biss die Zähne zusammen. Sie schloss die Augen und sagte:

„Schließlich haben Sie vor einer Woche sämtliche Arbeitsdaten von Herrn Hartmanns Computer gelöscht. Die Arbeit von über einem Monat war dadurch komplett verloren.“

Puh ...

Endlich hatte sie es gesagt.

Jetzt war sie wohl erledigt.

Frau Hartmann würde sie bestimmt sofort entlassen.

Marta hielt die Augen geschlossen und wartete auf Noras Wutausbruch.

Doch nichts geschah.

Als sie vorsichtig die Augen öffnete, sah sie nur, dass Nora völlig erstarrt auf ihrem Platz saß.

Nora war sprachlos.

Sie hätte nie gedacht, dass ihr zukünftiges Ich zu so etwas Dummem fähig gewesen war.

Auch wenn Leo sie früher oft geärgert hatte.

Auch wenn er manchmal wirklich zu weit gegangen war.

So etwas hätte sie niemals tun dürfen.

Nora war in einer Unternehmerfamilie aufgewachsen. Sie wusste genau, welche Folgen es haben konnte, wenn wichtige Geschäftsdaten verloren gingen.

Sie hatte tatsächlich eine Grenze überschritten.

Kein Wunder, dass Leo ihr gegenüber so kalt war.

Nach einem solchen Fehler war es fast schon großzügig von ihm gewesen, dass er sie nicht völlig fallen gelassen hatte.

Seufzend nahm Nora einen Löffel von der Schwalbennestersuppe und probierte sie.

Sofort zog sie die Augenbrauen zusammen.

„Die ist ja unglaublich süß.“

„Süß? Aber ich habe sie doch genau nach Ihrem Geschmack zubereitet.“

Marta war noch immer verwundert darüber, dass Frau Hartmann dieses Mal nicht wütend geworden war.

Was war heute nur los?

Nora hatte oft mit niedrigem Blutzucker zu kämpfen. Deshalb gab Marta normalerweise besonders viel Honig in die Suppe.

Früher hatte Nora sich darüber nie beschwert.

Nora stellte die Schüssel ab.

„So kann ich sie nicht essen. Ich muss auf meine Figur achten. Sonst kann ich doch nicht tanzen.“

Tanzen?

Bei diesem Wort stand Nora plötzlich auf und begann, die Schränke und Vitrinen im Schlafzimmer zu durchsuchen.

Mit sechsundzwanzig Jahren müsste sie doch längst ihren Goldpreis beim Internationalen Ballettwettbewerb von Valenheim gewonnen haben.

Vielleicht war sie inzwischen sogar Primaballerina des Nationalballetts.

Marta stand mit leicht geöffnetem Mund da und beobachtete, wie Frau Hartmann hektisch alles durchsuchte.

Verwirrt fragte sie: „Frau Hartmann ... Sie können tanzen?“

Nora hielt inne.

Langsam drehte sie sich zu ihr um.

In diesem Moment entstand in ihrem Herzen eine Wahrheit, die sie nicht akzeptieren wollte.

Sie hatte ihren geliebten Tanz aufgegeben.

Seit sie sechs Jahre alt war, liebte Nora Ballett.

Tag für Tag hatte sie hart trainiert.

Selbst wenn ihre Füße wund waren und voller Blasen.

Selbst wenn jeder Schritt schmerzte.

Sie hatte niemals daran gedacht, aufzugeben.

Das war ihr Traum gewesen.

Ein Traum, den sie seit ihrer Kindheit verfolgt hatte.

Wie konnte sie ihn einfach loslassen?

Nach langer Suche fand sie schließlich mit Martas Hilfe ihr Handy.

Nora wollte unbedingt wissen, was in diesen acht Jahren passiert war.

Sie öffnete WhatsApp.

Ganz oben war ein angehefteter Kontakt.

Gespeichert unter dem Namen: Jules.

Nora tippte darauf.

Und im nächsten Moment fühlte sie sich, als würde ihr der Himmel auf den Kopf fallen.

Sie war nicht nur fremdgegangen ...

Sie war auch noch eine hoffnungslose Verehrerin gewesen!

Der gesamte Chatverlauf bestand aus langen Liebesnachrichten von ihr.

Je weiter sie nach oben scrollte, desto unangenehmer wurde ihr.

Die letzten beiden Nachrichten zwischen ihr und Jules stammten ebenfalls von ihr.

Sie hatte ihm ihren Standort geschickt und ihn regelrecht angefleht, sich mit ihr zu treffen.

Nora erstarrte.

Das war also der Ort gewesen, an dem sie bewusstlos geworden war.

Das bedeutete ...

Sie hatte tatsächlich ihren Sohn mitgenommen, um ihren Liebhaber zu treffen?

Mit zitternden Fingern öffnete Nora Julians Instagram-Profil.

Sie wollte wissen, welcher Mann so außergewöhnlich gewesen war, dass ihr zukünftiges Ich bereit gewesen war, für ihn ihre Ehe zu verraten.

Tatsächlich gab es dort ein Foto.

Als Nora es sah, wäre ihr beinahe das Handy aus der Hand gefallen.

„Julian Müller?!“

War das nicht der arme Student, den sie die ganze Zeit finanziell unterstützt hatte?

Sie war fremdgegangen ...

Mit Julian?! Wie sollte das überhaupt möglich sein?!

Nora hatte das Gefühl, dass ihr Kopf mit viel zu vielen Informationen überladen war.

Sie konnte das alles kaum verarbeiten.

Sie musste zuerst jemanden finden, der die Wahrheit kannte.

Ohne weiter nachzudenken, machte Nora sich fertig und wollte das Haus verlassen.

„Frau Hartmann!“

Marta kam gerade zurück, nachdem sie Liam zum Mittagsschlaf gebracht hatte.

Als sie sah, dass Nora plötzlich hinausgehen wollte, rief sie erschrocken:

„Wo wollen Sie hin?“

Herr Hartmann hatte sie ausdrücklich angewiesen, gut auf Frau Hartmann aufzupassen.

Er durfte nicht zulassen, dass sie wieder einfach verschwand.

„Ich gehe nach Hause.“

„Nach Hause? Frau Hartmann, Sie haben noch ein anderes Zuhause?“

Nora sah sie verwirrt an.

„Nein. Ich meine zu meinen Eltern.“

Was war das nur für eine verrückte Situation?

Sie war aufgewacht und plötzlich war das Zuhause ihrer Eltern nur noch ihr Elternhaus.

Marta glaubte kurz, sich verhört zu haben.

Frau Hartmann war schon seit langer Zeit nicht mehr zu ihrer Familie zurückgekehrt.

Warum wollte sie ausgerechnet heute dorthin?

Obwohl sie voller Fragen war, rief Marta den Fahrer.

Mehrmals schärfte sie ihm ein:

Er durfte Frau Hartmann unterwegs auf keinen Fall allein lassen.

Seufzend dachte Marta:

Das Glück von Herrn Leon Hartmann und Herrn Liam Hartmann konnte jetzt nur noch sie beschützen.

Nora saß im Auto und betrachtete die vorbeiziehende Landschaft.

Irgendetwas fühlte sich falsch an.

„Ist das wirklich der Weg zu meinem Zuhause? Bist du sicher, dass du dich nicht verfahren hast?“

Der Fahrer setzte sich sofort kerzengerade hin.

„Nein, Frau Hartmann. Das ist der schnellste Weg zur Wohnanlage Rosenhof.“

Wohnanlage Rosenhof?

Ach so.

Ihre Eltern waren wohl umgezogen.

Vielleicht war das Geschäft ihrer Familie in den letzten Jahren gewachsen.

Vielleicht waren sie aus der alten Reihenhaussiedlung in eine bessere Wohnanlage gezogen.

Eine halbe Stunde später hielt das Auto.

Doch Nora blieb ungläubig sitzen.

Ihre Eltern ...

Sie wohnten hier?

In so einer gewöhnlichen Wohnanlage?

„Wo genau wohnen meine Eltern?“

Ihre Stimme klang unbewusst etwas angespannt.

Der Fahrer warf ihr über den Rückspiegel einen kurzen Blick zu.

Nun ja.

Frau Hartmann war schon so lange nicht mehr bei ihrer Familie gewesen.

Da war es wohl kein Wunder, dass sie die genaue Adresse vergessen hatte.

„Haus 3, Wohnung 803.“

„Danke.“

Nora nickte und stieg aus.

Dann lief sie voller Vorfreude zum Eingang.

Während sie ging, erinnerte sie sich an all die Momente mit ihren Eltern.

Ihre Nase wurde leicht rot.

Sie hatte acht Jahre ihres Lebens verpasst.

Sie wusste nicht, wie traurig ihre Eltern sein würden, wenn sie davon erfuhren.

Die Wohnanlage wirkte ziemlich alt.

Die Sicherheitsvorkehrungen waren nicht besonders streng.

Schon bald stand Nora vor der Wohnungstür.

Sie atmete zweimal tief durch.

Dann drückte sie auf die Klingel.

„Wer ist da? Ich komme!“

Es war die Stimme ihres Vaters.

Noras Herz machte einen Sprung.

Sie hatte sich bereits vorgestellt, wie sie ihm gleich die herzlichste Umarmung geben würde.

Wenig später öffnete sich die Tür.

Nora sah ihren Vater.

Er sah deutlich älter aus als in ihrer Erinnerung.

Ihre Lippen zitterten.

Fast hätte sie geweint.

„Papa ...“

Doch bevor sie ihn umarmen konnte—

BAM!

Die Tür wurde mit voller Kraft wieder geschlossen.

Ihre ausgestreckte Hand entging nur knapp, eingeklemmt zu werden.

Nora blinzelte verwirrt.

Was war denn jetzt passiert?

War sie inzwischen etwa ein Geist, vor dem alle Angst hatten?

Sofort drückte sie erneut wie verrückt auf die Klingel.

„Papa! Mach die Tür auf! Ich bin es!“

In der Wohnung blieb Noras Vater Thomas Winter hinter der geschlossenen Tür stehen.

Er ging nicht weg.

Stattdessen stand er mit völlig fassungslosem Gesicht da.

Noras Mutter Elena Winter, die gerade auf dem Balkon die Blumen gegossen hatte, kam zu ihm.

„Was ist passiert? Du siehst aus, als hättest du mitten am Tag einen Geist gesehen.“

Thomas nickte ernst.

„Ja. Genau das.“

„Hör dir an, wer draußen ist.“

Als Elena die Stimme vor der Tür hörte, fiel ihr die Gießkanne vor Schreck aus der Hand.

„Wie kann sie hierherkommen?!“

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