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Kapitel 4

Author: Rizinksin
Das Klopfen an der Tür hörte nicht auf.

Thomas und Elena machten sich Sorgen, dass sich irgendwann die Nachbarn beschweren würden. Nach langem Zögern gingen sie schließlich doch zur Tür und öffneten sie.

„Papa! Mama!“

Nora, deren Augen vom Weinen bereits gerötet waren, stürmte auf die beiden zu.

Beinahe hätte sie sie dabei umgeworfen.

Thomas blickte auf seine Tochter hinunter, die ihr Gesicht an seine Brust gedrückt hatte.

Ihre Stimme klang noch immer voller Tränen.

War das wirklich Nora?

„Schnief ... ich dachte, ihr wolltet mich nicht mehr haben ...“

Nora weinte hemmungslos.

Ihre Tränen und ihre laufende Nase hinterließen deutliche Spuren auf Thomas’ Kleidung.

Nachdem sie sich ausgeweint hatte, ließ sie ihn los und umarmte Elena neben ihm.

„Mama, warum bist du so dünn geworden?“

Ohne einen Unterschied zu machen, verteilte Nora ihre Tränen und ihre laufende Nase auch auf ihre Mutter.

Erst danach löste sie langsam ihre Arme.

„Warum schaut ihr mich so an?“

Ihre Eltern starrten sie beide fassungslos an.

In ihren Blicken lagen nicht nur Unglauben, sondern auch ein Hauch von Angst und Unsicherheit.

Angst?

Hatte sie etwa etwas Unverzeihliches getan?

Bei diesem Gedanken beschloss Nora, lieber sofort mit der Wahrheit herauszurücken.

„Papa, Mama ... ich habe mein Gedächtnis verloren.“

„Egal, was ich in diesen Jahren getan habe ... bitte glaubt mir. Ich wollte das nicht. Ich habe wirklich alles vergessen.“

„Gedächtnis verloren?“

Thomas und Elena sahen sich an.

Sie konnten es kaum glauben.

Doch gleichzeitig erschien ihnen diese Erklärung erstaunlich glaubwürdig.

Denn die Nora von früher hätte niemals daran gedacht, sie zu umarmen.

Sie wäre nicht einmal freiwillig zu ihnen zurückgekommen.

„Und ... woran erinnerst du dich noch?“

„Ich erinnere mich nur daran, dass ich achtzehn bin. Und dass wir als Familie noch in unserer Villa gelebt haben.“

Noras Stimme wurde leiser.

„Ich erinnere mich daran, dass Papa, egal wie beschäftigt er war, jeden Abend nach Hause gekommen ist, um mit uns zu essen. Und ich erinnere mich daran, dass Mama sich jeden Tag schön gemacht hat und mich zur Schule gebracht hat.“

Während sie sprach, wurden die Augen aller drei feucht.

Elena konnte ihre Gefühle nicht länger zurückhalten.

Sie zog Nora fest in ihre Arme.

„Nora ... du bist wirklich meine Nora.“

„Meine liebe Tochter ... du bist endlich zurück.“

„Du hast deinen Papa und deine Mama all die Jahre nicht mehr gewollt. Weißt du, wie sehr mir das wehgetan hat?“

Elena brach in Tränen aus.

Es war, als würde sie all den Schmerz und die Verletzungen der vergangenen Jahre endlich herauslassen.

Zehn Minuten später saß Nora zwischen ihren Eltern auf dem Sofa.

Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen.

Die Wohnung war nicht groß.

Aber sie war warm und gemütlich eingerichtet.

Nur ...

Es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass sie hier jemals gelebt hatte.

„Papa, Mama ... ist unsere Firma pleitegegangen?“

Thomas und Elena sahen sich erneut an.

Nach einer langen Stille erzählten sie ihr schließlich von der schmerzhaften Vergangenheit.

Sobald Nora alles gehört hatte, sprang sie auf.

„Nora, was machst du?“

„Wo ist die Küche? Ich brauche ein Messer. Ich will mich selbst erstechen.“

Sie hätte nie gedacht, dass ihre Familie ihretwegen alles verlieren würde.

Aus den Erzählungen ihrer Eltern erfuhr sie, dass sie kurz nach ihrem Universitätsabschluss Leon geheiratet und ein Kind bekommen hatte.

Doch nicht lange danach hatte sie sich plötzlich völlig verändert.

Sie hatte unbedingt gewollt, dass ihre Familie eine enorme Summe Geld in Julians Start-up investierte.

Als ihre Eltern sich weigerten, hatte sie begonnen, das Unternehmen ihres Vaters Stück für Stück auszuhöhlen.

Julian war tatsächlich ein außergewöhnliches Geschäftstalent.

Nicht einmal ein halbes Jahr später war er zum stärksten Konkurrenten der Familie Winter geworden.

Er hatte die Winter-Gruppe vollständig besiegt und übernommen.

Selbst Leons Unternehmen war dadurch schwer getroffen worden.

Die Winter-Gruppe musste Insolvenz anmelden.

Alle wertvollen Besitztümer der Familie wurden verkauft.

„Diese Wohnung hat Leon für uns gekauft.“

Elena senkte den Blick und wischte sich erneut die Tränen aus dem Gesicht.

„Damals wollte er sogar unsere alte Villa zurückkaufen. Aber wir haben abgelehnt.“

„Wir schulden Leon bereits zu viel.“

Plötzlich fiel ihr etwas ein.

Sie nahm Noras Hand und fragte hastig:

„Nora, wenn du dein Gedächtnis verloren hast ... liebst du Julian immer noch?“

„Natürlich nicht!“

Ganz abgesehen davon, dass Julian nicht einmal ansatzweise so gut aussah wie Leo ...

In ihrer Erinnerung war er nur ein stiller, verschlossener und unsicherer Junge gewesen.

Was hatte sie damals überhaupt an ihm gefunden?

War ihr erwachsenes Ich nicht nur blind gewesen, sondern völlig verrückt?

„Das ist gut.“

Elena atmete erleichtert auf.

„Nora, du hast Leon wirklich das Herz gebrochen. Ich weiß nicht, ob er dir überhaupt noch verzeihen kann.“

Nora dachte kurz nach.

Bei Leons stolzer und selbstbewusster Persönlichkeit war es klar, dass er es niemals einfach akzeptieren würde, betrogen worden zu sein.

Aber ...

„Mama, ich mag Leon doch auch nicht.“

Schließlich war er der Mensch gewesen, den sie während ihrer Jugend am meisten gehasst hatte.

Wenn sie ihm auf der Straße begegnet war, hatte sie am liebsten einen Umweg gemacht.

Nach kurzem Überlegen sagte sie:

„Wie wäre es, wenn ich noch einmal mit Leon über die Scheidung spreche?“

„Nein!“

Thomas unterbrach sie sofort.

„Wenn du dich scheiden lässt, was passiert dann mit Liam?“

Liam ...

Noras Herz zog sich ohne ersichtlichen Grund zusammen.

Es tat ein wenig weh.

Und gleichzeitig fühlte es sich schwer an.

Auch ohne die Erinnerungen an ihre Zeit als Mutter ...

Allein der Gedanke an diesen kleinen Jungen mit seinem weichen Gesicht löste in ihr automatisch Zuneigung aus.

„Dann denke ich noch einmal darüber nach.“

Nora beruhigte sich wieder.

Wenn sie die Gelegenheit bekam, würde sie in Ruhe mit Leo sprechen.

Vielleicht konnten sie vorerst eine Ehe auf dem Papier führen.

Bis er irgendwann jemanden fand, den er wirklich liebte.

„Nora, du hast bestimmt noch nichts gegessen, oder? Ich mache dir etwas Leckeres.“

„Mama, du kannst kochen?“

Kaum hatte Nora das gesagt, fühlte sie sich erneut schuldig.

Sie zog die Lippen nach unten.

„Es tut mir leid, Mama und Papa. Wenn es nicht wegen mir wäre, würdet ihr nicht hier wohnen. Und du müsstest auch nicht kochen lernen.“

Thomas stand auf und schüttelte hilflos den Kopf.

„Als ob ich deine Mutter kochen lassen würde. Sie kann bis heute gerade einmal gedämpftes Ei zubereiten.“

„Ihr bleibt sitzen.“

Damit ging er in die Küche.

Ganz selbstverständlich band er sich eine Schürze um und begann zu kochen.

Nora: ...

Also kochte tatsächlich ihr Vater zu Hause.

Kein Wunder.

Die Hände ihrer Mutter waren noch immer weich und zart. Man sah sofort, dass sie nie viel harte Arbeit verrichtet hatte.

„Mama, erzähl mir bitte noch mehr darüber, was in diesen Jahren passiert ist.“

Nora zog ihre Schuhe aus, setzte sich mit angezogenen Beinen auf das Sofa und kuschelte sich mit einem Kissen im Arm hinein.

Elena schälte ihr eine Mandarine und reichte sie ihr.

Alles fühlte sich genauso an wie vor acht Jahren.

„In all den Jahren bist du nur selten nach Hause gekommen. Du warst wie ein völlig anderer Mensch.“

„Am Anfang dachten wir, es lag daran, dass du ein Kind bekommen hattest und sich dein Charakter verändert hatte.“

„Aber später merkten wir, dass sich sogar deine Vorlieben verändert hatten.“

Nora blinzelte verwirrt.

Ihr Mund war voller Mandarinenstücke.

„Sogar meine Vorlieben?“

„Ja.“

Elena nickte.

„Zum Beispiel diese Mandarine. In den letzten Jahren hast du sie nie wieder gegessen.“

„Früher mochtest du Rosa überhaupt nicht. Später hast du plötzlich ständig rosa Kleidung gekauft.“

Nora war schockiert.

Hatte sie sich als Erwachsene wirklich so stark verändert?

Genau wie ihre Mutter gesagt hatte.

Als wäre sie ein völlig anderer Mensch geworden.

Moment ...

Ein anderer Mensch?

War sie etwa von jemand anderem übernommen worden?

In Romanen passierte so etwas doch ständig.

Zeitreisen.

Wiedergeburt.

Andere Welten.

Die Hauptfiguren übernahmen den Körper des ursprünglichen Besitzers und erfüllten bestimmte Aufgaben.

Vielleicht war es bei ihr genauso.

Anders ließ sich diese komplette Persönlichkeitsveränderung doch kaum erklären.

Elena wollte gerade weitersprechen, als ihr Handy klingelte.

Sie nahm es hoch.

Der Anruf kam von Leon.

„Hallo, Leon.“

Am anderen Ende erklang Leons tiefe Stimme.

„Mama, ist Nora bei dir?“

„Ja. Warum?“

Leon schwieg kurz.

Dann fragte er: „Hat sie gesagt, dass sie ihr Gedächtnis verloren hat?“

„Ja, das stimmt.“

„Sie benutzt diese Ausrede, um sich von mir scheiden zu lassen.“

Leons Stimme klang ungewöhnlich verletzt.

„Mama ... sie hat sogar schon Flugtickets gekauft, um mit Julian ins Ausland zu gehen.“

Als Elena diese Worte hörte, riss sie die Augen auf und sah zu ihrer Tochter.

Ihre Tochter hatte das alles nur gespielt?!

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