Mag-log inDieses Amt war mir von niemandem geschenkt worden.Jeder Einzelne im Tempel der Mondgöttin hatte mit seiner Stimme darüber entschieden.Ich führte nun ein neues Leben.Jeden Tag leitete ich Mondrituale, unterrichtete junge Priesterinnen und prüfte die Hilfsgesuche, die aus den verschiedenen Rudeln eintrafen.Wenn die Alphas der großen Rudel mir begegneten, mussten sie ihre Alpha-Aura dämpfen und sich vor mir verbeugen.In diesen drei Jahren hörte ich immer wieder Gerüchte über Kane.Offenbar ging es ihm nicht gut.Gerüchten zufolge verfiel er dem Alkohol und traf bei mehreren wichtigen Entscheidungen hintereinander Fehlentscheidungen.Nach außen befolgte der Ältestenrat des Schwarzkiefer-Rudels weiterhin Kanes Befehle. Insgeheim zweifelten die Ältesten jedoch längst daran, ob er noch geeignet war, das Rudel zu führen.Doch ich schenkte diesen Gerüchten keine weitere Beachtung – inzwischen hatte ich Wichtigeres zu tun.Erst am Tag vor der geplanten Neuwahl des Alpha im Schwarzkiefer-Rud
Kristalle, Juwelen und die Besitzurkunden von Kanes privaten Ländereien bedeckten die langen Stufen vor dem Tempel.Kane ließ sogar den Schlüssel zur privaten Schatzkammer des Alpha bringen und ausrichten, dass ich über alles im Schwarzkiefer-Rudel verfügen könne, wenn ich nur zurückkäme.Ich ließ alles unverändert zurückschicken.Nur die Besitzurkunde der Mondquelle behielt ich.Ich öffnete die Mondquelle für alle. Jede Wölfin, die ein ärztliches Notfallsiegel vorlegte, durfte die Mondquelle sofort und kostenlos nutzen.Die Seele meines Welpen, die einst vor dem Tor der Mondquelle abgewiesen worden war, wurde schließlich zum Schutz aller anderen Welpen.Nach der Rückgabe der Geschenke kam Kane persönlich.Die Wachen erzählten mir, dass Kane seit mehreren Tagen vor dem Tempel wartete – von der Abenddämmerung bis zum Monduntergang.„Möchten Sie ihn empfangen?“, fragte mich ein Tempeldiener.Ich blätterte eine Seite meines Gebetbuchs um.„Nein.“Wie viele Tage Kane schließlich noch ausha
Alle gaben ihre Waffen ab, dämpften ihre Alpha-Aura und betraten mit gesenktem Kopf ehrerbietig den Gerichtssaal des Tempels.Kane saß auf der Anklagebank. Seine Miene war so finster wie der Himmel vor einem Gewitter.Ich dagegen stand im Priesterinnengewand an der Seite der Hohepriesterin.Von Anfang bis Ende sah ich Kane kein einziges Mal an.Die Hohepriesterin hob den Mondstab. „Die Verhandlung ist eröffnet.“Ihr Blick glitt durch den Saal, ihre Stimme war kalt. „Evelyn erhebt offiziell Anklage gegen Beta Serena vom Schwarzkiefer-Rudel. Ihr wird vorgeworfen, ihre Befugnisse überschritten, die ehemalige Luna des Schwarzkiefer-Rudels vorsätzlich gedemütigt und dadurch den Tod ihres ungeborenen Welpen verursacht zu haben.“Die Wachen traten vor und legten sämtliche Beweise vor.Auch jener Antrag zur Nutzung der Mondquelle, der mit meinem Blut getränkt war, wurde allen Anwesenden vorgelegt.Ich sah auf das alte Dokument. In meiner Brust war nichts mehr von dem zerreißenden Schmerz, den
Die Hohepriesterin saß neben mir und reichte mir eine Schale mit Arznei.„Du bist noch sehr geschwächt. Erhol dich erst einmal. Alles andere hat Zeit.“Sie machte mir keinen Vorwurf daraus, dass ich vor sieben Jahren mein Priesterinnengewand abgelegt hatte. Sie fragte auch nicht, warum ich erst zurückkehrte, nachdem ich alles verloren hatte.Nachdem ich die Arznei ausgetrunken hatte, stellte sie mir nur eine Frage.„Evelyn, erinnerst du dich noch an den Eid der Priesterinnen?“Ich stockte einen Moment und senkte den Kopf. „Natürlich.“Der Eid war mir längst in Fleisch und Blut übergegangen. Ich konnte ihn unmöglich vergessen.Die Hohepriesterin nickte und ließ einen Tempeldiener eine Holzkiste bringen.Darin lag das Priesterinnengewand, das ich mit zurückgebracht hatte.Das Gewand war bereits gereinigt und schimmerte im Mondlicht.„Du hast es nicht weggeworfen“, sagte die Hohepriesterin. „Aber ob du es wieder tragen darfst, hängt davon ab, ob du noch würdig bist.“Die Rückkehr in mein
Kane schlief die ganze Nacht nicht.Er saß im Schlafzimmer und griff immer wieder nach dem verstummten Gefährtenlink.Keine Antwort.Kane konnte sich nur immer wieder einreden, dass Evelyn den Tempel der Mondgöttin lediglich nutzte, um ihn unter Druck zu setzen.Solange er nicht nachgab, musste sie früher oder später zurückkommen.Am nächsten Morgen ging Kane wie gewohnt zum Ratssaal.Doch kaum betrat er die Steinstufen, bemerkte er, dass etwas nicht stimmte.Vor der Anschlagtafel drängten sich zahlreiche Rudelmitglieder.Als sie Kane sahen, verstummte das Gemurmel schlagartig. In ihren Blicken lag nichts mehr von der gewohnten Ehrfurcht. Stattdessen wichen sie ihm unsicher aus.Mit gerunzelter Stirn trat Kane näher.An der Anschlagtafel hing die Belobigung, die Evelyn vor ihrer Abreise geschrieben hatte – auf seinen eigenen Wunsch.Die Schrift sah aus, als wäre sie mit Blut geschrieben. Jeder einzelne Buchstabe war dunkelrot.„Zu loben ist Beta Serena dafür, dass sie die vorgeschriebe
Kane kehrte erst tief in der Nacht zum Anwesen zurück.Bis dahin hatte er die ganze Zeit bei Serena verbracht.Serena hatte sich mit einem Silberdolch einen kleinen Schnitt am Finger zugezogen. Angeblich ließ sich die Blutung nicht stillen.Als Kane dort ankam, blutete die Wunde längst nicht mehr.Serena wirkte jedoch völlig verstört. Immer wieder hielt sie sich die Hand und fragte Kane mit geröteten Augen, ob eine Narbe zurückbleiben würde.Kane wurde ihre ständigen Fragen leid, beruhigte Serena aber trotzdem geduldig.Schließlich fing Serenas Bruder einst einen tödlichen Silberpfeil ab, der Kane gegolten hatte.Diese alte Dankesschuld konnte Kane nicht vergessen.Bei Evelyn ging Kane davon aus, dass sie sich längst beruhigt hatte.Dass sie gehen wollte, hatte sie seiner Meinung nach nur im Zorn dahingesagt.In den vergangenen sieben Jahren gab Evelyn nach jedem Streit am Ende doch wieder nach.Selbst mit geröteten Augen bereitete sie Kane noch heiße Suppe zu und ordnete die Unterlage